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15.05.2006

Warum Open Source Investoren anzieht

Risikokapital fließt wieder kräftig in Firmen, deren Geschäft auf quelloffener Software aufbaut.

Von CW-Redakteur Ludger Schmitz

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574746: Red Hat kauft Jboss;

571917: Investitionen in Collax;

572000: Die zweite Generation von Open-Source-Startups;

572217: Investitionen in MySQL.

Das Geld sucht eine profitable Zukunft - und entdeckt als eine Möglichkeit das Open-Source-Business. In den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres haben Risikokapitalgeber allein in den USA 140 Millionen Dollar in Open-Source-Firmen investiert, siebenmal mehr als 2003 insgesamt. Das Geld floss in 18 Firmen, zwei Jahre zuvor waren es nur sieben. Dies ist eine sehr konservative und niedrige Schätzung von Pricewaterhouse Coopers. Laut einer Recherche der "New York Times" hatten schon 2004 Investoren 149 Millionen Dollar in 20 Open-Source-Firmen gepumpt.

Wachstum auf verbrannter Erde

Das ist alles in allem nicht viel im Vergleich zu dem, was einmal war: Nach Angaben des US-amerikanischen Unternehmens VentureOne sind 1999 und 2000 rund 714 Millionen Dollar Risikokapital in 71 Open-Source-Unternehmen geflossen. Doch dann platzte die Dotcom-Blase, in deren Sog auch Unternehmen aus dem Linux-Spektrum attraktiv geworden waren. Die meisten Investments gingen verloren; Open Source war für Investoren jahrelang verbrannte Erde.

Jetzt dreht sich das Szenario wieder. Etliche Millionen Dollar sind in Firmen wie Spikesource, Sourcelabs, Jboss, MySQL, Collax und Scali geflossen. "Es gibt mittlerweile den Nachweis, dass funktionierende Business-Modelle existieren", erklärt Christian Claussen, General Partner beim Münchner Investor TVM Capital. Er verweist dabei in erster Linie auf Red Hat.

"Weil die Anwender bereit sind, für Open Source Geld auszugeben", sind Firmen aus diesem Spektrum für Paul Jozefak, Investment Director bei SAP Ventures Europe, interessant. Etliche dieser Unternehmen können gute Geschäftszahlen vorweisen und haben damit "bewiesen, dass ihr Business-Modell funktioniert".

Die Grundlage der Entwicklung ist der Erfolg von Linux, merkt Richard Seibt an: "Linux hat kontinuierlich bewiesen, dass es die Erwartungen der Kunden erfüllen kann. Das ist das Entscheidende." Als Business Angel und Investor geht er an dieses IT-Segment pragmatisch heran: "Linux ist der am schnellsten wachsende Markt."

Linux ist reifer geworden

Alexander Brühl, Senior Partner bei Atlas Venture, spricht heute von einer "zweiten Welle im Open-Source-Bereich". Demnach haben sich um die Jahrtausendwende in einer ersten Welle zunächst Großanwender mit reichlich vorhandenem IT-Know-how mit dem damals noch komplexen Open-Source-Szenario befasst. Sie haben den Nachweis erbracht, dass Open-Source-Software preisgünstig, sicher und zuverlässig ist.

"Mittlerweile ist Linux reifer geworden", stellt Brühl fest. In der jetzigen zweiten Welle ist es einfacher zu handhaben und in vorkonfigurierten Paketen zusammen mit Open-Source-Anwendungen verfügbar. Darin sieht der Investor eine Chance für Open-Source-Companies: "Man kann einen größeren Markt adressieren, der nicht so firm ist im IT-Management, nämlich den Mittelstand und kleinere Unternehmen."

Ganz oder größtenteils offen?

In der Tat ist auffällig, dass die Investoren auf Firmen setzen, die nicht nur nach dem klassischen Open-Source-Business-Modell Support und Services anbieten, sondern auch ein Produkt haben oder gleich einen ganzen Software-Stack offerieren. Theoretisch gilt dabei eine Regel: "Wenn man erfolgreich sein will, muss man eine echte Open-Source-Firma sein", formuliert es Brühl. "Die Softwarebranche wird sich zu einem True-Open-Source-Modell hinbewegen, auch das Venture Capital. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir in einigen Jahren keine proprietären Elemente mehr haben werden, sondern nur echte Open-Source-Modelle."

Noch sind längst nicht alle Risikokapitalgeber so weit. Sie bevorzugen Investitionsziele wie MySQL und Collax, die proprietäre "Value-add"- und Open-Source-Elemente miteinander verknüpfen. "Das gibt die Möglichkeit, zwei Umsatzströme zu bekommen", erklärt Brühl: "Einmal den Serviceumsatz durch das Open-Source-Produkt, für den man einen Support garantiert. Zweitens vertreibt man das Value-add-Produkt." Hier fließen Lizenzeinnahmen: "Da fühlt sich der Venture Capitalist komfortabel." Es geht wie gehabt um "Intellectual Property".

Das proprietäre Risiko

Das Interesse an Hybridfirmen bestätigt TVM-Partner Claussen: "Wir sehen die interessantesten Plays in der Kombination aus Open Source und eigenen Applikationsanteilen. In die proprietären Anteile können die Differenzierungen einfließen." Doch dieses Modell ist riskant. Es dauert Jahre eine Open-Source-Community aufzubauen - aber deren Entwickler werden sich in wenigen Stunden abwenden, wenn sie den Eindruck bekommen, nur ein nützliches Vehikel zu sein.

Die Community ist lebenswichtig für Open-Source-Firmen. Bei denen, in die Risikokapital geflossen ist, entspricht die Entwicklergemeinschaft nicht dem romantischen Bild einer Online-Versammlung von studentischen Geeks. Vielmehr besteht deren Community aus Partnerunternehmen und professionellen Anwendern. Sie funktioniert, solange diese beiden Gruppen ein Interesse an der Weiterentwicklung des Produkts einer Open-Source-Company haben.

Das macht zugleich den Wert dieser Community für den Produktanbieter aus. Sie erspart ihm einen Teil der Entwicklungsaufwendungen. Hier sind vor allem Partner aktiv. Und sie erspart ihm viel personalaufwändiges Testing und Debugging. Hier helfen ihm die Kunden.

Der Wert der Community

Aus diesen Gründen haben Open-Source-Unternehmen einen Kostenvorteil - und noch mehr: "Interessant ist die Community, die sich um solche Firmen gebildet hat. Sie propagiert die Software der Firma", erklärt SAP-Investor Jozefak. Die Marketing- und Werbungskosten sind gering. Und quelloffene Software wird via Internet auf globalen Märkten verbreitet - ohne kostspieligen Aufbau von lokalen Niederlassungen.

Das macht die Community zu einem ausschlaggebenden Kriterium für die Investoren. "Das Wichtigste im Open-Source-Bereich ist es, ein gutes Geschäftsmodell und eine Community zu haben", konstatiert Jozefak. "Wer als Open-Source-Startup erfolgreich sein will, muss viel Zeit in seine Community investieren." Das Vermögen einer solchen Firma, ihre virtuelle "intellectual property", besteht nicht nur aus ihren eigenen Entwicklern, sondern auch aus ihrer Community. Und das zu erhalten, kostet Geld.

Also achten die Investoren darauf, wie sich die Community um Produkte einer Firma verhält. "Sie lässt sich an ihrer Dynamik und Aktivität messen", erklärt Atlas-Partner Brühl: "Wie viel Code wird reingegeben, wie viele Leute sind aktiv, wie lange bleiben sie dabei? Das macht den Wert einer Firma aus." Das übliche Erhebungsmittel bieten die Websites Freshmeat und Sourceforge. "Heute verschiebt sich die Wertbemessung zur Community. Das ist etwas, was viele in unserer Branche noch lernen müssen."

Deutschland hinkt hinterher

Noch setzen recht wenige Risikokapitalgeber auf Open Source. Aus der IT-Branche stammende Großinvestoren wie SAP Ventures und Intel Capital haben massiv investiert. Hinzugestoßen sind Investoren wie Atlas Ventures und Wellington Partner. Deutsche Investment-Companies sind noch nicht recht dabei.

Dass in den USA im Vergleich zu Deutschland oder Europa mehr in Open-Source-Startups investiert wird, hat einen recht einfachen Grund. Jenseits des Atlantiks stehen mehr Privat- und Unternehmensvermögen zur Verfügung, erklärt Investor Seibt. "Davon fließt immer ein Teil in Venture-Fonds." Doch auch hierzulande habe sich das nach Investitionen suchende Kapital stark erhöht, "und ein gewisser Teil geht in Venture-Fonds". Auf einer "zeitlich versetzten Kurve" werde sich eine Neigung bemerkbar machen, in deutsche Open-Source-Firmen zu investieren.

Der Linux Business Campus

Seibt ist rege unterwegs, die Investitionslust zu fördern. In Kürze entsteht in Nürnberg ein von ihm initiierter "Linux Business Campus". Im gleichen Gebäude, in dem die Novell-Tocher Suse residiert, werden junge Unternehmen Platz finden, die auf Basis von Linux und Open Source ins Geschäft zu kommen versuchen. Seibt und einige weitere bekannte Namen aus der Suse-Geschichte werden ihnen nicht nur als technische Berater, sondern vor allem als Business Angels zur Seite stehen. Seibt: "Dann werden verstärkt Investitionen in diesen Bereich fließen."