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05.05.1989

Was heute High-Tech ist, kann morgen Standard sein

Prokurist in der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutschen Bank AG

Schenkt man einer Studie des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München Glauben, so hat die Bundesrepublik zwar relativ weniger High-Tech-Produkte in ihrem Exportsortiment als ihre wichtigsten Weltmarktrivalen Japan und die USA. Dafür sei, so stellten die Forscher fest, aber auch der Anteil sogenannter Low-Tech-Güter am deutschen Export vergleichsweise gering. Die Stärke der Bundesrepublik scheint in der Mitte zu liegen: bei den technisch anspruchsvollen, aber weitgehend ausgereiften Erzeugnissen. Doch worauf beruht diese Schwäche am oberen Rand des Exportsortiments? Fehlt es an Invention oder an Innovation? Ist die technologische Basis zu dünn, oder hapert es bei der Umsetzung von technischem Wissen in marktgängige Produkte?

Die deutschen Exporte schwimmen auf einer Woge des Erfolgs. Die Bundesrepublik ist seit 1986 Weltmeister im Export - noch vor den USA und Japan. 1988 wurde mit knapp 130 Milliarden Mark der größte Handelsbilanzüberschuß in der Geschichte der Bundesrepublik registriert, und im laufenden Jahr dürfte der Saldo eher noch höher ausfallen. Bei 14 von insgesamt 35 Warengruppen der OECD-Statistik ist die Bundesrepublik der internationale Top-Exporteur, Japan und die USA belegen nur fünf beziehungsweise sechs erste Plätze.

Die Kehrseite unserer Exporterfolge ist unsere hohe Auslandsabhängigkeit. Exporte und Importe machen - zusammengenommen

- rund 60 Prozent unseres Bruttoinlandprodukts aus, in Japan und den USA sind es nur jeweils 20 Prozent" Jede dritte Mark unseres Sozialprodukts wird im Export verdient, jeder dritte Arbeitnehmer arbeitet für den Export. Es ist deshalb nur natürlich, wenn die Bundesrepublik auf protektionistische Störungen des Welthandels und auf drohende Einbußen an internationaler Wettbewerbsfähigkeit besonders sensibel reagiert.

Das war zum Beispiel Anfang der 70er Jahre so, als, mit dem Übergang von festen auf flexible Wechselkurse die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exporte in Gefahr geriet. Ähnliches wiederholte sich zu Beginn der 80er Jahre. Doch stand diesmal - ganz unter dem Eindruck der microelektronischen Revolution - die technologische Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund. Heute - an der Schwelle der 90er Jahre - äußern sich die Selbstzweifel an unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit in der Standortdiskussion. Ist die Bundesrepublik - so lautet die Frage - in einem Umfeld von hoher Kapitalmobilität, durchlässigeren Grenzen und intensiviertem Stansortwettbewerb noch attraktiv genug für Investitionen und anlagesuchendes Kapital? Und weiter: Können wir auch auf dem Feld der Spitzentechnologie mithalten? Denn was heute High-Tech ist, das kann morgen schon Standard sein; der Forschungsstandort von heute bestimmt den Produktionsstandort von morgen.

Betrachtet man den Gesamtaufwand für Forschung und Entwicklung und setzt ihn in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, so braucht die Bundesrepublik den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Zusammen mit den USA und Japan bildet sie das Spitzentrio der forschungsintensivsten Standorte der westlichen Welt. Diese Forschungsanstrengungen spiegeln sich - trotz eines hohen Anteils "beamteter" Forscher - auch in der Patentstatistik wider: Die deutsche Wirtschaft belegt hier Platz zwei im internationalen Vergleich - nach den USA, weit vor Frankreich und Großbritannien und etwa gleichauf mit Japan.

Diese Zahlen lassen den Schluß zu, daß die Bundesrepublik über eine hinreichende technologische Basis verfügt, um auch im High-Tech- Bereich ein gewichtiges Wort mitzureden. Mitreden heißt dabei, daß wir sowohl die Fähigkeit zu eigenen technologischen Spitzenleistungen haben als auch die Fähigkeit, die Spitzenleistungen anderer in angemessener Zeit zu adaptieren.

Für beides - für Innovation wie Imitation - gibt es eine hinreichende Anzahl von Beispielen. Deutsche Spitzenleistungen gibt es etwa bei den Supercomputern der neuen Generation, den sogenannten Rechnern mit Parallelarchitetur . Beachtliche Leistungen sieht man auch auf dem Feld der neuen Werkstoffe; dies gilt für die Suche nach supraleitenden Keramiken ebenso wie für sogenannte " Quanten-Metalle. Der Supraleiter könnte den Transport und die Speicherung von Energie revolutionieren, die .Ausnutzung von Quanten effekten weist den Weg von der Mikro- zur Nanoelektronik.

Einen weltweiten Vorsprung hat die Bundesrepublik auf dem Gebiet der Magnetschwebetechnik inne. Die Kombination von Linearantrieb und berührungsfreier Spurführung macht Verkehrssysteme mit hoher Geschwindigkeit und hohem Fahrkomfort möglich. In der Submikron- Technologie, das heißt bei der Herstellung von Mega-Chips hat die Bundesrepublik zu den USA und - mit Einschränkungen - auch zu Japan aufgeschlossen. Ein weiteres Beispiel für die erfolgreiche Verkürzung ausländischer Technologievorsprünge ist die Weltraumtechnik (Trägersysteme, Satellitensysteme, bemannte Raumstationen).

Eine gute technologische Basis und eine gute Performance bei den Inventionen lassen nur den einen Schluß zu: Es gibt Brüche bei der Umsetzung von technischem Wissen in marktgängige Produkte. Anders läßt sich der - eingangs erwähnte - unterproportionale Anteil von High-Tech- Gütern im deutschen Exportsortiment nicht erklären. Die möglichen Ursachen für eine Unterbrechung der Kette Invention, Innovation und Markterfolg sind vielfältig. In der chemischen Industrie ist es beispielsweise die Unsicherheit über die rechtlichen Grundlagen der Gentechnik, die die Großchemie dazu bewogen hat, zunächst einzelne Produktlinien und später ganze Forschungsabteilungen ins Ausland auszulagern. Bei der Magnetschwebebahn ist es das politische Gerangel um die Trassenführung der Referenzstrecke, das die Markt- und Exportchancen dieser Zukunftstechnologie beeinträchtigt. Doch nicht nur politische Hürden sind zu überwinden, bisweilen fehlt es auch in den Unternehmen selbst an Risikobereitschaft und Marktübersicht. Dazu ein Beispiel aus der Unterhaltungselektronik: Der Mit-Erfinder des CD-Players und der CD - ein führendes Unternehmen der europäischen Elektrotechnik - betrieb die Markteinführung der CD-Player so zögerlich, daß schon kurz nach dem überraschenden Markterfolg um Zollschutz bei der EG gegen Importe aus Fernost nachgesucht werden mußte.

Beim DAT (Digital Audio Tape) und beim HDTV (high Definition TV) leisteten die Forschungsabteilungen der europäischen Unterhaltungselektronik zwar ebenfalls Vorarbeiten; das "grüne Licht" für die Weiterentwicklung zur Marktreife kam jedoch offensichtlich so spät, daß die Chance für eine offensive Marktstrategie vertan war.

Das Fazit: Die Bundesrepublik ist ein guter Forschungsstandort. Forschungsaufwand und Forschungsertrag können sich sehen lassen. Bei der Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktgängige Produkte würde man sich allerdings Verbesserungen wünschen. auf seiten der unternehmen wäre an mehr Risikofreude und eine offensivere Markteinführung zu denken, auf seiten der Politik würde bisweilen schon die zügige Herstellung von rechtssicherheit genügen.