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24.05.1991

Was ist dran an den Klagen der Branche über Microsoft?

Vizepräsidentin von Alex, Brown & Sons*

In letzter Zeit sorgte die Eskalation zweier Rechtsstreitigkeiten für erhebliches Aufsehen: Zum einen hat die Federal Trade Commission (FTC, US-Behörde zur Kontrolle der Wettbewerbspolitik) ihre Untersuchung der Microsoft-Praktiken über die bisher recht eng gesteckten Grenzen hinaus ausgeweitet, zum anderen hat Apple in seine Klage auch Windows 3.0 einbezogen, anstatt sie auf frühere, weniger erfolgreiche Versionen von Windows zu begrenzen. Dieses ganze bürokratische Hickhack drängt mich förmlich dazu, die Frage zu stellen: Was hat das alles damit zu tun, den Kunden zu helfen und leistungsfähige Produkte herzustellen? Die Kunden werden wohl belustigt und verwirrt zugleich sein oder sollten es jedenfalls sein. Eines ist klar: Für den Anwender springt dabei nichts heraus.

Denn so unpopulär meine Meinung auch sein mag - ich für meinen Teil kann nicht begreifen, was Microsoft falsch gemacht haben soll, außer leistungsfähige Produkte herzustellen und damit den Kunden zu helfen.

Auf diese Weise haben Microsoft und Bill Gates viel, viel Geld verdient. Zugegeben, sie haben sich manchmal grob und gefühllos verhalten - eher wie eine kleine Firma am Rande des Ruins und nicht wie eine große in einer unangreifbaren Position. Auch kann man Microsoft vorwerfen, manchmal wie ein Tyrann agiert zu haben, der bei Bedarf die Wahrheit schon mal zu seinen Gunsten verbiegt; es ist sicher auch richtig, daß Microsoft als strategischer Partner nicht gerade geeignet ist, doch was bitteschön hat Microsoft Illegales getan? Worum geht es wirklich?

Die Apple-Klage sieht für mich wie eine Vertragsstreitigkeit aus, die just in dem Moment eskalierte, als Windows erfolgreicher wurde als die Macintosh-Oberfläche. Dazu brauchte es Jahre und nicht Monate. Die meisten Leser werden mir sicherlich zustimmen, daß Apple in dieser Zeit hart daran arbeitete, seinen technologischen Vorsprung zu verlieren, während Microsoft, hart daran arbeitete, Windows zu verbessern. Wenn das System 7.0 rechtzeitig oder meinetwegen auch mit geringer Verzögerung herausgekommen wäre anstatt mit großer Verspätung, wäre es vielleicht gar nicht zu einer Klage gekommen.

Die Apple-Klage kann durchaus als Gefahr für die Belange der Kunden und der Branche gesehen werden. Denn ob es Microsofts Kritikern nun paßt oder nicht, die Kunden haben anscheinend mit ihren Brieftaschen abgestimmt: Windows verkaufte sich fast viermillionenmal in weniger als einem Jahr. Es sieht ganz so aus, als ob Kunden und Software-Entwickler auf den Windows-Zug aufgesprungen sind, weil sie die Vorteile der Standardisierung mehr schätzen als Fragmentierung.

Es mag ungünstig, entmutigend und ärgerlich sein, daß Microsoft das Rennen macht, aber illegal ist es kaum. Eigentlich erscheint vielmehr die ganze FTC-Untersuchung völlig unlogisch. Würde sie konsequent zu Ende gedacht, ließe dies die Wettbewerbspolitik fast jedes größeren Anbieters in der Computerbranche verdächtig erscheinen.

Die Konkurrenten beklagen, daß sich Microsoft unfair verhält, weil die Microsofties ein Betriebssystem besitzen und Anwendungen anbieten, die unter diesem laufen. Bei dem ganzen Lamento geht es darum, daß Microsoft das Geschäft mit der Anwendersoftware von dem mit der Systemsoftware trennen soll. Diese Diskussion ähnelt der um die vertikale Konzentration aus der Zeit der Ölbarone, als ein und dasselbe Unternehmen sowohl das Erdöl förderte als auch weiterverarbeitete.

Wenn aber die technologische vertikale Konzentration in irgendeiner Weise illegal ist, kommen Apple, IBM, Digital Equipment und Sun Microsystems allesamt in große Schwierigkeiten. Denn diese vier Unternehmen besitzen nicht nur ihr jeweils eigenes Betriebssystem, sondern auch die Hardware dazu, den Großteil an Kommunikations- und Dienstprogrammen und einige Anwendungen, die auf ihrer Hardware laufen.

Die IBM hat beispielsweise ihre Position im Großrechner-Sektor von der Kontrolle über das Betriebssystem bis hin zur Beherrschung der entscheidenden Anwendungsbereiche ausgeweitet; als Beispiel dafür sei DB2 bei relationalen Datenbanken genannt. Wenn das keine vertikale Konzentration ist Kontrolle über die Hardware, das Betriebssystem und das Datenbanksystem - was dann? Vielleicht sollten Cullinet Software und eine ganze Reihe anderer Anbieter von Datenbanksystemen für Großrechner, die von IBM aus dem Markt gedrängt worden sind, nachträglich eine FTC-Untersuchung verlangen.

Auch auf dem Minicomputer-Markt gibt es Beispiele für vertikale Konzentration. DEC beispielsweise versucht, mit dem Betriebssystem VMS Oracles führende 4 Rolle auf dem Markt für Datenbanken anzugreifen und schenkt quasi jedem Käufer von VAX-Hardware die Rdb-Datenbank als Dreingabe. Vielleicht sehen IBM und DEC eine Datenbank als natürliche Erweiterung des Betriebssystems an, aber nüchtern betrachtet unterscheiden sich die Praktiken dieser Firmen kaum von denen Microsofts.

Wenn also Microsofts Unternehmenspolitik illegal ist, wo soll man dann den Trennstrich ziehen? Darf Novell Anwendungen wie die elektronische Post oder MHS (Message Handling System) anbieten, oder, wie es derzeit Praxis ist, Netzwerk-Dienstprogramme und Datenbankserver auf den Markt bringen, die beide eng mit Novells Netzwerk-Betriebssystem zusammenarbeiten?

Softwarefirmen konnten seit jeher erfolgreich neben Microsoft bestehen, wenn sie sich auf die Entwicklung leistungsfähiger Produkte konzentrierten. Novell und Borland International haben mehr erreicht, als auf dem Markt für Netzwerke beziehungsweise Programmiersprachen ihren Anteil zu halten. Wordperfect dominiert bei den Textverarbeitungen trotz Microsofts Allmacht.

Wenn Prozesse und Untersuchungen offizieller Stellen Vorrang vor der Produktinnovation haben, ist dies ein sicheres Indiz dafür, daß ein Industriezweig den Kinderschuhen entwachsen ist. Gute Produkte und treue Kunden sind deshalb schon immer die Antwort gewesen, und ich bin der Meinung, daß sich das nicht ändern wird.

*Der vorliegende Text ist die Übersetzung einer Kolumne, die in "PC Letter" erschienen ist.