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28.10.1994

"Was Qualitaet bedeutet, hat der Anwender zu bestimmen" Kontroverse Diskussion um Zertifizierungen

Das Zertifizierungsfieber grassiert. Softwarehersteller glauben, die Qualitaet ihrer Produkte nur noch mit Hilfe von Eignungstests fuer DV-Mitarbeiter und Dozenten absichern zu koennen. Denn, so ihre Ueberlegung: Wenn Anwender auf den betriebseigenen Benutzersupport schimpfen, faellt die Kritik auf die Produkte der Anbieter zurueck. Anwender dagegen befuerchten, wie eine COMPUTERWOCHE- Podiumsdiskussion zum gleichen Thema zeigte, dass die Hersteller wieder dabei sind, Standards zu etablieren, die an den Benutzerwuenschen vorbeigehen. Sie befuerworten die Qualitaetsdiskussion, schliesslich sind sie an gutausgebildeten Mitarbeitern interessiert, aber nicht zu den Bedingungen der Hersteller.

Menso Groenewegen formulierte anlaesslich einer CW-Podiumsdiskussion seine Erwartungen an DV-Institute und deren Trainer sehr praezise, was die Ausbildung der Beschaeftigten betrifft. Fuer den Schulungsverantwortlichen bei Kloeckner-Moeller in Bonn zaehlt vor allem die Frage, was sein Mitarbeiter nach dem Besuch eines Seminars kann und wie schnell er das Gelernte am Arbeitsplatz umsetzt. "Das, was auf dem Papier steht", sei viel weniger ausschlaggebend. Fuer

Groenewegen spielen die Erfahrung des Anbieters und wie konkret er die Anforderungen an die Zielgruppe formuliert, eine wichtige Rolle.

Rainer Seidel will sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen. "Was Qualitaet ist, bestimmt der Anwender", erklaerte selbstbewusst der Org./DV-Leiter der Schieder-Gruppe, die als Europas groesstes Moebelhaus gilt. Zu oft haetten die Hersteller in der Vergangenheit den Anwendern gesagt, wohin die Entwicklung zu gehen habe. Die Zertifizierung sei nur drittrangig und kein K.o.-Kriterium.

Im Zuge der ganzen Diskussion um Kundenorientierung und Total Quality Management muesse sich zunaechst der Anwender im klaren sein, was er wolle, und ein eigenes Handbuch der Qualitaetssicherung erstellen, doziert der DV-Leiter. Er fordert: "Wir muessen weg von der Formularglaeubigkeit." Aufgabe der Betriebe sei es, Qualitaetskriterien zu erstellen und auch Qualitaet vorzuleben. Dann koenne man mit den Anbietern ins Gespraech kommen.

Thomas Schlereth, Geschaeftsfuehrer der Columbus Consulting, Wuerzburg, setzte noch einen drauf, als er meinte, dass fuer den Kunden vor allem Projekterfahrung und Referenzen entscheiden, raeumte aber ein, dass Anwender beginnen, nach Zertifikaten zu fragen, um sich besser abzusichern.

Angesichts solch deutlicher Worte wagte sich Microsoft-Manager Wolfgang Schwenk, dem diese Kritik galt, nicht in die Offensive. Er wies darauf hin, dass ein Zertifikat, wie sie sein Unternehmen ausstelle, "nur ein Baustein in der Ausbildung von Spezialisten und Trainern sein kann". Der Mitarbeiter habe auf jeden Fall einen Vorteil, wenn er seinen Job wechsle, denn er koenne sein Know-how anhand von Zeugnissen nachweisen, was in Deutschland bekanntlich noch immer sehr wichtig sei.

Hintergrund dieser Diskussion ist, dass Softwarehaeuser in letzter Zeit verstaerkt dazu uebergehen, Zeugnisse an Dozenten und DV-Profis zu verteilen, wenn diese eine Pruefung ablegen, in der Wissen zu den Produkten des jeweiligen Herstellers abgefragt wird. Die Testgebuehr betraegt in Deutschland in der Regel etwa 200 Mark. Den Stoff kann sich der Teilnehmer selbst beibringen, oder er besucht Kurse, die teilweise nicht billig sind. In den USA werden die Kosten - je nach Produkttest - zwischen 50 und 5000 Dollar angesetzt. In Deutschland gelten die Novell-Kurse als die teuersten, fuer die man im Durchschnitt 10000 bis 15000 Mark zahlen muss. Die Schulungsdauer zur Erlangung eines Zertifikats kann von zwei Tagen bis zu drei Wochen umfassen.

Dass damit das Qualifikationsniveau der DV-Beschaeftigten angehoben wird, steht fuer Nancy Lewis, Director des Microsoft Certified Professional Program ausser Frage. Sie ist ueberzeugt, dass ihr Programm einen Beitrag leisten koenne, um den Trend zum Outsourcing zu bremsen.

Ihre Logik klingt einleuchtend: Zertifizierte Mitarbeiter sind gutausgebildete Mitarbeiter, die in der Lage sind, so professionell zu arbeiten, dass sich Kosten erheblich senken lassen. Lewis' Rechenexempel dazu: Benutzerservice-Mitarbeiter haetten in einem ihr bekannten Fall nach Ablegen der Pruefung statt wie zuvor 400 Anfragen nun 1200 erledigt.

Ueberhaupt ist Zertifizierung auch unter amerikanischen DV- Schulungsanbietern eines der meistdiskutierten Themen, wie ein in Atlanta stattfindender Kongress zeigte und eine Dataquest-Umfrage belegt. In dieser Studie ist von einer regelrechten "Zertifizierungsexplosion" die Rede.

Alan Hupp, Vice-President von Drake Training & Technologies, dem Unternehmen, das fuer die Durchfuehrung der Tests verantwortlich ist, sprach in Atlanta von 150000 getesteten DV-Experten. Er glaubt, dass sich die Pruefungen vor allem fuer weltweit agierende Unternehmen eignen. Mit diesen Kursen liesse sich ein einheitlicher Qualifikationsstandard der Beschaeftigten erreichen. Auch bei Microsoft hat sich die Zahl der getesteten Personen laut Lewis seit April dieses Jahres vervierfacht und betrage jetzt 11000.

Die meisten Prueflinge kommen aus dem Netzwerkumfeld. Novell soll weltweit bereits ueber 20000 Certified Netware Administrators (CNAs) und 44000 Certified Netware Engineers

(CNEs) ernannt haben. In Deutschland betraegt die Zahl der CNEs ueber 2000, der CNA ist dagegen noch relativ neu.

Seit einigen Monaten ist Drake nun dabei, auch die deutschen Anwender von der dringenden Notwendigkeit dieser produktspezifischen Pruefungen zu ueberzeugen. Hauptargumente sind unter anderem, dass sich damit objektive Beurteilungskriterien aufstellen, Karrieren besser gestalten und der Erfolg von Schulungen genauer kontrollieren lassen.

Lothar Hofmann, Praesident des in Deutschland aktiven Herstellervereins Open Training Association (OTA), sieht den Nutzen von Zertifizierungen darin, dass man sich damit "beim Controller besser rechtfertigen kann", wenn dieser das Weiterbildungsbudget kuerzen wolle.

Zweiter Vorteil sei, dass der Mitarbeiter in Zeiten von flachen Hierarchien sein Know-how besser nachweisen und damit seine Karrierechancen verbessern koenne.

Kloeckner-Moeller-Manager Groenewegen schaetzt die Pruefungen, weil positive Ergebnisse die Mitarbeiter motivieren koennen. Als sich in seinem Unternehmen die ersten Beschaeftigten zu Technikern fuer die speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) auszubilden begannen, wirkte das im positiven Sinne ansteckend auf die anderen.

Kritiker monieren allerdings, dass bei den Tests der Softwareproduzenten nur reines Technikwissen abgefragt werde, "das doch selbstverstaendlich sein sollte", wie eine Teilnehmerin aus dem Publikum bei der CW-Diskussion anmerkte. Auch Elliot Masie, President des gleichnamigen Instituts und Vordenker der amerikanischen DV-Schulungsszene, streitet die Kritik an der zu starken Produktlastigkeit der aktuellen Tests nicht ab.

Er wertet es aber schon als grossen Erfolg, dass sich solche Pruefungen in den Vereinigten Staaten ueberhaupt haben durchsetzen koennen. Mitarbeiterqualifikation werde noch immer in vielen Unternehmen stiefmuetterlich behandelt. Fernziel muessten allgemein anerkannte Abschluesse sein wie etwa der des Client-Server- Spezialisten.

Zertifizierung von Kenntnissen in den unterschiedlichsten DV- Berufen ist auch fuer die OTA die Loesung, die Qualitaetsanforderungen gerecht wird. Die Vereinigung der Hardwarehersteller in Deutschland, der Unternehmen wie AT&T, DEC, IBM, HP und SNI angehoeren, versucht, sich von den Softwareproduzenten abzusetzen, indem sie Qualitaetsmassstaebe fuer ganze Ausbildungsgaenge, also nicht nur fuer ein Produkt, als den richtigen Weg propagiert. In einer Broschuere haben die OTA- Mitglieder den DV-Berufen konkrete Anforderungsprofile zugeordnet.

Die Softwarehersteller wollen natuerlich nicht untaetig bleiben und bemuehen sich ihrerseits um eine Anerkennung ihrer Abschluesse bei den Industrie- und Handelskammern. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn die Arbeitsaemter foerdern bereits Schulungsprogramme zum CNE.

Wichtig sei indes, so OTA-Praesident Hofmann, im Unternehmen eine Lernkultur einzufuehren, bei der Weiterbildung zu einer Selbstverstaendlichkeit werde.

Moebel-Mann Seidel, und hier stimmten die Teilnehmer der CW- Podiumsdiskussion ueberein, hat keine grundsaetzlichen Einwaende gegen Zertifikate, allerdings duerfe es nicht zu einer Inflation von solchen Papieren kommen, sondern es muesse Transparenz gewaehrleistet sein. Das duerfte nicht ganz einfach sein, denn in den USA gibt es bereits ueber 60 Tests.

Der DV-Manager der Schieder-Gruppe beobachtet diese ganze Diskussion mit wenig Begeisterung. Seine Vision ist eine etwas andere. Er traeumt davon, Weiterbildungsprojekte gemeinsam mit einem Schulungsanbieter umzusetzen, wobei sich letzterer auch finanziell beteiligen sollte. "Wir gehen ein gemeinsames Risiko ein und teilen natuerlich auch zum Schluss den Gewinn." Bisher hat er aber noch keinen Anbieter fuer seine Idee gewinnen koennen.