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22.03.2016 - 

Über notorisch unterschätzte Digitale Projekte

"Was, so teuer? Mein Junge macht das an einem Nachmittag!"

Seit 1997 hat sich Alain Veuve an einer Reihe von Open-Source-Projekten, IT- und Internet-Unternehmen sowie Startups beteiligt. In Rahmen dieser Tätigkeiten hat Alain unterschiedliche internationale Unternehmen bei der digitalen Transformation sowie bei ihren E-Business-Unterfangen begleitet und beraten. Heute ist Alain ein vielzitierter Thought Leader für die digitale Transformation in Europa, der regelmäßig als Referent an Konferenzen teilnimmt. Sein Blog, alainveuve.ch, ist eine beliebte Quelle für Erkenntnisse für Entscheidungsträger innerhalb der Digital-Branche.
Bei Digitalen Projekten müssen sich Dienstleister immer wieder Sprüche anhören wie; "Das kann doch nicht so schwierig sein, das lässt sich doch ruckzuck programmieren." Alain Veuve, Unternehmer und Advisor im Internet Umfeld, hat sich oft darüber geärgert. In seinem Kommentar schildert er seine Gegenstrategie.

In den letzten 15 Jahren bin ich ihm regelmäßig "begegnet". Dem Jungen, der die eCommerce-Lösung oder das CMS-Portal in der Hälfte, ach was schreibe ich, in einem Viertel der Zeit einer Agentur machen kann. Meist ist er Patenjunge oder Sohn eines guten Kollegen eines relevanten Entscheidungsträgers. Und wir Dienstleister müssen uns dann Sprüche anhören wie; "das kann doch nicht so schwierig sein" oder eben "mein Patenjunge macht das an seinem freien Nachmittag".

Alain Veuve, Unternehmer und Advisor im Internet Umfeld: "Entscheider unterschätzen Digitale Projekte regelmäßig. Das spiegelt sich dann auch in Budgetvorgaben wider. Das ist nicht böse Absicht, sondern schlicht Unkenntnis."
Alain Veuve, Unternehmer und Advisor im Internet Umfeld: "Entscheider unterschätzen Digitale Projekte regelmäßig. Das spiegelt sich dann auch in Budgetvorgaben wider. Das ist nicht böse Absicht, sondern schlicht Unkenntnis."
Foto: Alain Veuve

Kein Plan von Nix oder bewusste Verunsicherung?

Ich habe mich genug oft in solchen Situationen geärgert aber ich tue es nicht mehr. Vielmehr verstehe ich sie als Signal zum sofortigen Rückzug aus den Verhandlungen mit dem Kunden. Denn der Kunde zeigt mit solchen Aussagen, dass er entweder von der Materie nichts versteht oder er bewusst versucht uns als Dienstleister zu verunsichern.

Während Ersteres vor 10 Jahren noch selbstverständlich und hinnehmbar war, sind diese Zeiten heute vorbei. In einer Wirtschaft, in der man unmöglich an Digitalem vorbei kommt, gehört es zum rudimentären Grundwissen von Entscheidungsträgern zu verstehen, wie qualitativ guter Code zustande kommt.

Zweites, also das Verunsichern des Dienstleisters, war schon immer daneben, aber in den Anfängen der Industrie, als viele von uns noch jeden Kunden von der Wichtigkeit des Internets überzeugen mussten und es halt schon mal wirtschaftliche Durststrecken geben konnte, schluckte man diese Kröte. Heute hat das niemand mehr nötig.

Warum werden Internet-Projekte immer wieder unterschätzt?

Ich denke, die wenigsten Entscheidungsträger wollen uns Dienstleister bewusst verunsichern oder hintertreiben. Vielmehr stelle ich immer wieder fest, dass viele kleine Geschichten dazu beitragen, dass diese Leute tatsächlich denken es wäre sehr einfach. Geschichten wie jene des Studenten der eine App entwickelte die innerhalb von zwei Wochen 500.000 Downloads hatte oder Geschichten von "Corporate Website Relaunches" innerhalb von drei Wochen.

Dass es sich dabei bei dieser "Corporation" um einen Kleinbetrieb mit 20 Leuten handelt und eben nicht um ein Unternehmen mit 2.000 Mitarbeitern und einem Kader von fast 200 Mitarbeitern, geht in der Euphorie unter.

Klassiker 1: Reduktion aufs Visuelle

Das geschah früher ganz oft. Der Ansprechpartner beim Kunden verstand nicht, warum Änderung xy 10 Tage Aufwand erfordert, da "das Feld ja nur nach unten verschoben und die Reihenfolge geändert werden muss". Dass dabei aber eben ein Großteil des Moduls umgeschrieben wird, drang auch beim x-ten Erklärungsversuch nicht gänzlich durch.

Klassiker 2: "So wie bei Google"

Auch immer wieder toll fand und finde ich Diskussionen um die Suche. Jetzt ist es ja nicht so, dass ich auf dem Gebiet der Suche zurückgeblieben wäre. Wir haben ziemlich viel mit komplexen und hoch performanten Suchfunktionalitäten zu tun.

Aber es kann einem auch noch in 2015 passieren, dass der Kunde in der Requirements-Definition einfach mal "so wie bei Google" angibt. Teilweise, und das sind dann die ganz Abwegigen, findet sich auch "mindestens so wie bei Google". Und ja, auch in großen beratergestützen RFPs (Requests for Proposals) kann man das lesen.

Diese Kunden-Hoax abzufrühstücken ist jedoch recht einfach: Ich rechne jeweils genüsslich vor, wie viele Leute bei Google an der Suche arbeiten und setze das in eine lose Relation zum Projektbudget - im Stil von: "Wenn wir die Suche so umsetzen sollen, benötigen wir 480 Millionen Mal das Budget, das Sie uns angeben - die eigentliche eCommerce-Plattform nicht inklusive".

Meist sorgt das für Lacher, und man kann dann ernsthaft über sinnvolle Funktionalität der Suche diskutieren.

Ein Phänomen in patriarchalisch geführten Kleinbetrieben? Mitnichten!

Als ich am Anfang meiner Karriere in der Internetindustrie mit vorwiegend kleineren Kunden zu tun hatte, bildete ich mir ein, dass dies ein Phänomen von patriarchalisch geführten Kleinbetrieben sei. Über die Jahre habe ich gelernt, dass dem nicht so ist.

Gerade auch sehr seniorige Entscheider unterschätzen Digitale Projekte regelmäßig. Das widerspiegelt sich dann auch in Budgetvorgaben. Es ist bei Retailern an der Tagesordnung, dass neue Offline-Filialen 3+ Millionen kosten dürfen, eine eCommerce Plattform aber kaum ein Budget von 500k Euro bekommt.

Das ist nicht böse Absicht, sondern schlicht Unkenntnis.

Große, komplexe Projekte kosten Geld. Je grösser und komplexer dabei der Kunde selbst, desto teurer wird es. In der Regel eben nicht in Zuschlagsprozenten, sondern in Multiplikationsfaktoren. Weil neben dem eigentlichen Coden und funktionellem Design noch viele andere Dinge hinzukommen.

Dinge wie Load-Tests, externe Security und Code-Reviews, Hunderte Audits, Kommunikation, interne Zwänge, viele Stakeholder etc. Die meisten Entscheider vergessen das, weil sie es meist nicht kennen. Erfahrung ist also, wie so oft, der Schlüssel.

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Auch in der Branche selbst herrscht keine Einigkeit

Auch in der Branche selbst gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen über das, was teuer und preiswert sei. Als Namics vor zwei Jahren den Zuschlag für ein CMS Projekt beim Schweizerischen Staat über 13 Millionen Schweizer Franken erhalten hatte, gingen die Wogen hoch. Ich erinnere mich an zahllose Gespräche mit vorwiegend kleineren Agenturvertretern, die diese Summe schlicht abartig fanden.

Überzogene Anforderungen an Lösung und Dienstleister

Viele konnten sich nicht vorstellen, dass man so viel Geld für ein Webprojekt ausgeben kann. Und die wenigsten fanden, man sollte es. Ich fand grundsätzlich beides eigentlich in Ordnung. Denn wenn man sich die Ausschreibung ansieht, merkt man, dass man als Anbieter derart viele kostspielige Anforderungen zu erfüllen hat, dass man halt am Schluss eben in diesen Projektbudgets landet. Die eigentliche Kritik gilt dem Schweizerischen Staat, der, auch aus meiner Sicht, einen völlig überzogenen Anforderungsrahmen definierte. Aber das ist nicht die Schuld des Dienstleisters.

Wenn Sie ihn mal im Real Life antreffen, diesen Jungen…

Ja dann, meine lieben Agenturfreunde, hauen Sie ihm doch eine runter :-) Das sage selbst ich als überzeugter Pazifist und Gewaltverächter. Denn man scheint ihn schlicht nicht zum Schweigen zu bringen.

Oder viel, viel besser: Zwingen Sie ihn dazu, das Versprochene umzusetzen. An einem schulfreien Nachmittag.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf www.alainveuve.ch publiziert.
Alain Veuve ist Managing Director beim Open Source Dienstleister AOE Switzerland GmbH. Der Unternehmer und Advisor im Internet Umfeld bloggt und twittert außerdem regelmäßig unter: www.alainveuve.ch und https://twitter.com/alainveuve

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