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29.08.1975

Was wird aus der IBM?

Es darf unterstellt werden, daß der durchschnittliche Anwender den Antitrust-Prozeß der US-Regierung gegen die IBM eher als Ärgernis betrachtet, - etwa so als ob "fern in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen". Darüber zu lesen mag zwar amüsant sein. Trotzdem wird von IBM-Kunden wohl vornehmlich befürchtet, daß Leistung und Service und langfristig auch die Produkte darunter leiden könnten, falls IBM sich irgendwie verändern oder anpassen müßte.

Die US-Regierung fordert die Zerschlagung des Markt-Giganten in verschiedene einzelne untereinander konkurrierende Gesellschaften. Details bleiben der Gerichtsentscheidung vorbehalten. Auch ein außergerichtlicher Vergleich ist möglich, indem IBM unter Vermeidung weiterreichender Gerichtsbeschlüsse in einem Consent Decree einer Zergliederung zustimmt.

Fünf Alternativen

Welche Lösungen sind also denkbar?

- IBM wird in fünf oder sechs jeweils identische Firmen zerstückelt - sozusagen in mehrere Mini-IBMs.

- IBM wird aufgeteilt in Produktgruppen-Firmen - eine MDT-Firma, eine Klein-Computer-Firma, eine Mittelklasse-Computer-Firma, eine Groß-Computer-Firma, eine Peripheriegeräte-Firma, eine Nachrichtenübertragungsgesellschaft, natürlich auch eine Firma für Textverarbeitung.

- IBM wird funktional zergliedert in verschiedene Firmen für Entwicklung, für Produktion, für Vertrieb, für Leasing, für Wartung, für Software.

Zwischenzeitlich mehrt sich der Protest derer, die keine Aufteilung wollen, sondern mehr Kontrolle über die ganze Firma oder gar Branche wünschen. Zwei Modelle sind denkbar:

- IBM wird gezwungen, den Wettbewerb und den Anwendern Standards und Spezifikationen für neue Produkte lange vor Ankündigung oder gar vor Auslieferung bekannt zu geben (Kodak-Lösung).

- IBM wird als natürlich gewachsenes Monopol betrachtet und eine US-Bundesaufsichtsbehörde wird geschaffen, die die Branche so reguliert, wie die Federal Communications Commission via erforderliche Zustimmung zu Änderungen bei Preisen und Standards die privaten amerikanischen Telephongesellschaften kontrolliert.

Konsequenzen für den Anwender

Man stelle sich vor, ein "135-Verkäufer" hätte bei Gesprächen über die neue Systemkonfiguration die Konkurrenz eines "125-Verkäufers" einer anderen Firma zu fürchten.

Man stelle sich vor, ein anderer "125-Verkäufer" einer anderen Firma würde günstigere Preise und Konditionen anbieten.

Man stelle sich vor, mehrere Vertriebsgesellschaften könnten bei der gleichen Produktionsgesellschaft "IBM-Produkte" kaufen und gegeneinander vertreiben.

Man stelle sich vor, die Konkurrenz und die Mixed Hardware-Firmen könnten sich heute schon auf die IBM-Produkte einstellen, die in 30 Monaten auf den Markt kommen.

Man stelle sich vor, IBM erhielte nur dann Regierungs-Zustimmung zu ihren Preisen, wenn sie den Nachweis erbringen kann, daß Gewinne vor Steuern (heute angeblich immer noch über 30 Prozent des Umsatzes) in etwa dem Durchschnitt in allen Industriezweigen entsprechen.

Die Konsequenzen solcher Lösungen werden sich auf die Technologie, auf die Nutzungsformen, auf den Personalbedarf auswirken. Die Anwender werden durchaus betroffen sein.

Die US-Fachzeitschrift "Datamation" stellt in ihrer August- Ausgabe fest, daß keine der amerikanischen User-Organisations sich ernsthaft mit den Konsequenzen möglicher Lösungen im Falle IBM beschäftigt. Wenn die Regierungs-Antitruster und IBM sich in einem außergerichtlichen Vergleich einigen, verbleiben nur 60 Tage für mögliche Einsprüche gegen ein solches Consent Decree. Die Anwender und ihre Organisationen sind nicht darauf vorbereitet, dann ihre Interessen zu vertreten. An die Übersee-Interessen und Übersee sind in diesem Prozeß wir hierzulande - wird man zu allerletzt denken.