Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

12.06.1998 - 

Nach der Reintegration in die Siemens AG

Was wird aus der Software von Siemens-Nixdorf?

Pagé schmerzt es offensichtlich, daß seine Strategie des Verkaufs und der Ausgliederung der früheren SNI-Anwendungspalette in der Branche als Versagen gedeutet wird. So hat er es nach Ansicht von SNI-Kenner Helmut Gümbel nicht geschafft, die Wirtschaftlichkeit seiner Produkte zu beweisen.

Das sieht der ehemalige Software-Chef anders. Die kurz nach seinem Arbeitsantritt im Ok- tober 1994 mit den einzelnen Produkt-Abteilungen beschlossene Neuordnung des Geschäftsgebietes Anwendungssoftware habe dazu geführt, daß Produkte wie "Arcis", "Clou", "Sicad", "Hit" und andere nach wie vor weiterentwickelt werden und anders als unter direkter SNI-Regie Gewinne oder zumindest ein ausge- glichenes Ergebnis erwirtschaften (siehe auch den Artikel "Freiheit für SNIs Anwendungssoftware" auf Seite 16). Er räumt allerdings ein, daß sich das anfangs angestrebte Ziel, durch Zusammenfassung aller im Unternehmen verstreuten Produkte ein eigenes Softwaregeschäft aufzubauen, rasch als Illusion erwiesen habe. Durch die Konsolidierung der Produkte in einem Software-Bereich wurde erstmals offenbar, wie defizitär dieses Geschäft tatsächlich war.

Bislang hatte man nicht auf Wirtschaftlichkeit beim Anwendungsverkauf geachtet, weil Software lediglich als Mittel zur Steigerung des Hardware-Umsatzes gesehen wurde. Es galt also, sich aus der Konzerndisziplin zu lösen und profitabel zu werden. Heraus kam eine Softwarestrategie, die auch nach dem Ausscheiden von Pagé Bestand haben soll.

Was wie ein Ausverkauf von Software-Produkten aussieht, wird intern als die Suche nach einer sinnvollen Marktpositionierung für die jeweilige Anwendung gesehen. Die Bandbreite der gefundenen Lösungen reicht dabei vom Verkauf ganzer Produktlinien (Siline, Comet) über die Verselbständigung als SNI-Töchter (Sicad, Arcis) bis zur Zuordnung in den Lösungsbereich (Dienstleistungen, EDI-Tools) oder in ein anderes Kerngebiet des Konzerns, wie etwa der Computer-Telefonie-Integration in den Bereich IuK-Netze. Dieser Prozeß ist noch nicht ganz abgeschlossen. So hilft die SNI der CAD/CAM Strässle Informationssystem AG, an die das einstige SNI-Produkt "Sigraph" verkauft worden war, bei der Suche nach einem passenden Käufer.

Wenn die verschiedenen Geschäftsfelder jetzt positive Ergebnisse erzielen, so liegt das vor allem daran, daß diese schlanken Firmen flexibler auf die Kundenwünsche eingehen und zudem mit einem eigenen Vertrieb wesentlich effektiver arbeiten können als im Konzern. Eine Rolle spielt auch ein Mentalitätswechsel. Haben sich die Siemensianer früher eher als Entwickler gefühlt und ihre Prioritäten auf die Technik gelegt, so empfinden sie sich heute mehr als Unternehmer, die sich an Umsatz und Kundenbedürfnissen zu orientieren haben.

Auch bei Trennung der Produktbereiche vom Siemens-Konzern hat Pagé dafür gesorgt, daß die Verbindung nicht abreißt. So tritt SNI weiterhin als Vertriebskanal auf.

Insbesondere im Geschäft mit Großunternehmen, Behörden, Telecom-Firmen und Energieversorgern ist das eine wichtige Hilfestellung. Außerdem wachen SNI und Siemens über jene Firmen, die im Konzern verbleiben, wenn sie auch an der "langen Leine" geführt werden sollen.

Technisch spielt die Comunity-Architektur eine zentrale Rolle für die Verbindung zwischen SNI- und Ex-SNI-Firmen. Dabei handelt es sich um ein Vorgehensmodell und zugleich um eine Art Basissoftware, in die sich Anwendungskomponenten einklinken lassen. Laut Siemens-Nixdorf-Chef Schulmeyer dient es inzwischen als generelle Richtlinie für interne Entwicklungsprojekte.

Das SNI-Portfolio wird nach diesem Konzept modernisiert. Auf diese Weise erhalten alle Anwendungen eine einheitliche Architektur, zumindest aber gemeinsame Schnittstellen, so daß bislang getrennte Produkte zusammenarbeiten können. Braucht ein Ex-SNI-Softwarehaus für ein Projekt einen Partner oder will es seine Funktionen erweitern, bietet es sich an, mit einer Firma zu kooperieren, die ebenfalls Comunity verwendet. Auf diese Weise ensteht eine lose kooperierende Gruppe von Softwerkern um SNI herum. Schon jetzt treten die Anbieter von Sicad (geografische Informationssysteme) und Arcis (Dokumenten-Management) gemeinsam in Projekten auf.

Noch fehlt allerdings ein wichtiger Baustein in der Anwendungs-Strategie von SNI. Seit Monaten verhandelt Pagé mit einem großen amerikanischen Software-Konzern, der Comunity übernehmen und im Weltmarkt etablieren soll. Insider tippen dabei auf Microsoft, da das Framework auf Microsofts Komponententechnik basiert und sich nur mit Hilfe eines wirklich großen und einflußreichen Anbieters etablieren läßt.

Comet

Die Verschmelzung des Siemense-eigenen IT-Bereichs mit der neuen Konzerntochter Nixdorf zur Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) sollte dem Konzern 1990 auf einen Schlag den mittelständischen DV-Markt zuführen. Doch die Siemensianer hatten große Probleme, Vertrieb und Support für die neue Kundengruppe zu sichern. Viele der ursprünglich 80000 User kehrten dem Unternehmen damals den Rücken und wechselten auf preisgünstige PC-Lösungen oder zu IBMs AS/400, die eine ähnlich einfache Bedienbarkeit versprach.

Die Portierung von Comet auf Unix erwies sich als problematisch. Die erste Unix-Version der Software "Comet Top" wurde nicht angenommen, das eigentliche Nachfolgeprodukt "ALX" nicht fertig. Mittelständische Dienstleister verdienten sich in der Folge eine goldene Nase bei der Portierung von Comet-Modulen auf unterschiedlichste Unix-Derivate.

Die Erneuerung des Produktgeschäfts sollte schließlich 1995 der von der Software AG kommende Topmanager Peter Pagé herbeiführen. Unter seiner Regie wurden zumindest die Basistechnik von ALX sowie erste Anwendungsmodule fertiggestellt. Als Plattform diente nun jedoch Windows NT. Dennoch vekaufte SNI den zu diesem Zweck in die Q.4 ISB GmbH ausgegliederten Comet-Bereich einschließlich ALX an die Baan BV. Die Schuld gibt Pagé vor allem den Partnern und Werksvertretungen, die seinen Angaben zufolge als Vertriebskanal nicht mehr aktiv werden wollten. An ihnen läßt er kein gutes Haar. "Die haben sich doch so ans Jammern gewöhnt, daß sie gar nicht merken wollten, daß wir alle ihre Wünsche erfüllt haben", beschwert sich Pagé. Nicht verdenken kann er ihnen jedoch, daß sie sich in den verstrichenen Jahren anderweitig orientiert haben.

Ein weiterer Grund für den Verkauf war, daß bei SNI nicht wie erhofft das PC-Geschäft ankurbeln konnte. Der Konzern hat daher nur noch dafür gesorgt, daß die Comet- und ALX-Kunden unter Baan-Regie sicher ins nächste Jahrtausend kommen.