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09.05.1980 - 

"Tele-Dispo" steuert Produktionsequipment und Fachpersonal:

WDR-TV-Producer disponieren rechnergestützt

KÖLN - Seit über einem Jahr - und nach einer Entwicklungsdauer von etwa zwei Jahren - betreibt der Westdeutsche Rundfunk (WDR) in Köln sein rechnergestütztes Dispositionssystem "Tele-Dispo". Tele-Dispo kommt zum Einsatz in der Hauptabteilung " Produktionsplanung und Zentrale Aufgaben", die zur Fernsehproduktions-Direktion gehört. Systementwickler Fritz Menzel, hauptberuflich Betriebsgruppenleiter Prozeßsteuerung beim WDR und "nebenberuflich" mit Erweiterungen von Tele-Dispo befaßt, berichtet von nur geringfügigen Reibungsverlusten, die die Einführung von Tele-Dispo bei den EDV-unerfahrenen Disponenten verursachte.

Tele-Dispo läuft auf Texas Instruments-Hardware, bestehend aus einem Minicomputer 990/10, der System-Konsole Silent ASR-733 (Drucker, Tastatur, Kassetten-Laufwerk), 22 Datensichtgeräten VDT-911 (darunter zehn mit Tastatur), zwei Magnetplattenspeicher DS10 mit vier Platten sowie einem Magnetbandspeicher 979A. Hinzu kommen ein Zeilendrucker Tally T5000 und ein Interface-Schrank, den die WDR-Elektroniker selbst zusammenbauten.

Kein Systemausfall - kurze Antwortzeiten

Ganz in der Hand der Kölner liegt auch die komplette Systemwartung. Einige wenige Ausfälle von Teilen des Systems könnten im zurückliegenden Jahr sofort behoben werden, da Standby-Kapazitäten zur Verfügung standen. Einen völligen Systemausfall hat es nicht gegeben; und dies kann nach Menzels Angaben aus dem genannten Grund auch in Zukunft nicht geschehen.

Tele-Dispo, das an Hard- und Softwareaufwand (ohne Personaleinsatz) bislang eine halbe Million Mark gekostet hat, ist total Assembler-programmiert und gewährleistet dadurch ein günstiges Antwortzeitverhalten. Menzel begründet die Wahl von Assembler damit, daß beim WDR aus der Programmierung fernsehtechnischer Anlagen ein großer Erfahrungsschatz zur Verfügung steht: Ein Beispiel dafür sei die rechnergesteuerte Farbkorrektur bei Fernsehübertragungen, wo es auf Mikrosekunden ankomme und deshalb nur Assembler die Anforderungen erfülle.

Die Disponenten, denen Tele-Dispo die Arbeit erleichtert, arbeiten in den Koordinationsbereichen "Elektronik" und "Film", die beide der Abteilung "Zentraldisposition und Produktionsplanung" unterstehen. Der Weg, die Disponenten an die EDV heranzuführen, bestand nicht darin - Menzel unterstreicht es mit Nachdruck -, zunächst eine rechnergestützte "kluge" Disposition zu ersinnen, die dann langweilige, wenig verwendbare Text- und Zahlenfriedhöfe produziert. Im ersten Schritt kam es vielmehr darauf an, die gewachsene, oft nur wenigen Beteiligten bekannte Informationsverteilung - hin und zurück - transparent zu machen und danach phasenweise vorzugehen in der Form, daß

- die neuartige Arbeitsweise in den Betriebsabteilungen und Arbeitsbereichen ausreichend bekannt gemacht wurde, ferner

- die Umstellung zunächst konventionell/manuell vorzunehmen und erst dann auf die DV umzusteigen, schließlich

- einleitend inselartige Anwendungen zu realisieren und den Verbund "mit dem Nachbarbüro" in einer zweiten Stufe zu vollziehen,

Der Koordinationsbereich Elektronik disponiert und koordiniert alle zur Erstellung und Ausstrahlung elektronischer Fernsehproduktionen erforderlichen Mitarbeiter und Gerätschaften. Produktionsanmeldungen mit Terminwünschen innerhalb der nächsten drei Monate nimmt Bereichsleiter Max Paffen entgegen. Er legt bei ihrer Bearbeitung den aktuellen Stand des Kapazitätsplans sowie die langfristige Produktionsplanung zugrunde und veranlaßt bei Bedarf die Hinzuziehung von Fremdfirmen.

Die Personaldisposition plant den Einsatz der E-Kameraleute, Bildmischer, Produktions-, Ton- und Bildingenieure, der Studioleute und Techniker (insgesamt rund 300 Beschäftigte). Dispositionsgrundlage ist das Regelwerk der Tarifverträge und anderer geltender Richtlinien.

Die Stelle "Elektronik (stationär)" kümmert sich um die mittel- und kurzfristig angemeldeten Vorproduktionen, die aktuellen Studios und Sendestraßen sowie um sämtliches elektronisches Gerät innerhalb des WDR-Betriebsgeländes. Konkret sind dies

- drei Vorproduktionsstudios,

- ein aktuelles Studio,

- zwei Sendestraßen,

- 18 MAZ-Maschinen,

- ein U-Matic-Schnittplatz,

- zwölf Filmabtasteranlagen, ferner Gerät wie Epi-Dia-Geber, Videograph, Zeitlupenmaschine und Autocue.

Die Stelle "Elektronik (mobil)" plant und steuert die Ü-Wagen und MAZ-Wagen-Einsätze. Nur durch eine komplizierte Verschachtelung der verschiedenen Ü-Wagen-Einsätze an den geplanten übertragungsorten läßt sich eine optimale Auslastung erreichen. Dazu sind Kenntnisse einerseits über Fahr- und Bauzeiten der einzelnen Wagen und andererseits über den technischen Umfang der jeweiligen Produktion erforderlich. Elektronik (mobil) übernimmt auch die Leitungsanmeldungen im gesamten Fernsehbereich für Außenübertragungen, Überspielungen anderer Anstalten zum WDR sowie den Einsatz der mobilen Centi-Strecken.

350 Filmemacher - 63 Kamerateams

In den vier Dispositionsstellen des Koordinationsbereichs Film werden die Einsätze der verschiedenen Film-Produktionsmittel und des Fachpersonals rund 350 Beschäftigte - geplant. Planungszeitraum ist auch hier das nächste Vierteljahr. Die Dispositionsstelle "Kamerateams" lenkt 63 solcher Aufnahme-Trupps.

Die Mitarbeiter erfahren über Tageseinsatzpläne, wann und wo sie zu arbeiten haben. Jedem Team ist eine Standard-Kameraausrüstung fest zugeordnet. Zusatzgeräte, wie etwa weitere Kameras, Stative, Handlicht oder Objektive, werden bei Bedarf durch den Disponenten abgerufen. Für die Teams stehen zudem 26 Ton-Ausrüstungen bereit, die dann zugeteilt werden, wenn tontechnische Aufgaben vom Kamera-Assistenten zu übernehmen sind. Ferner stehen zwei elektronische Reportage-Einheiten (tragbare elektronische Kameras mit tragbaren Aufzeichnungsgeräten) zur Verfügung.

Die Disposition Ton ist mit der Zuteilung von 53 Toningenieuren, Tontechnikern und Filmvorführern zu Aufgaben der Filmtontechnik und von 26 Mitarbeitern für den Filmbegleitton befaßt. Beispiele: Zwei Tonwagen sind für Fernsehspiel-Tonaufnahmen vorgesehen; für den gleichen Zweck kann der Disponent auf drei "erste Programmingenieure" mit je einem Ton-Assistenten zurückgreifen. Er hat für vier Mischteams (Toningenieur, Tontechniker, Filmvorführer) per

Rahmendienstplan die Synchronstudios zuzuteilen.

Die Dispositionsstelle Beleuchtung steuert 47 Beleuchter und ihre Arbeitsmittel (siehe dazu Tagesstatistik Beleuchtung); eine weitere Dispositionsstelle verwaltet die Schneideräume. 64 Cutterteams haben fest zugeordnete Schneideräume; außerdem gibt es sechs Leerschneideräume (beispielsweise Vorführräume), in die kurzfristig anfallende und nur kurze Zeit erfordernde Arbeiten vergeben werden.

Die Unterstützung, die Tele-Dispo den Disponenten gewährt, besteht in Editier- und Redigierhilfen und in der weitgehend programmgesteuerten Generierung von Dateien. Den Disponenten selbst kann und will das System nicht ersetzen; Ziel ist allein ein besseres Disponieren und eine schnellere Verteilung der erarbeiteten Ergebnisse.

Tele-Dispo informiert die zuständigen Stellen auf verschiedene Art und Weise:

1. Am Abend des Vortages werden an zirka 250 Stellen Ausdrucke mit den voraussichtlichen Arbeitseinsätzen des folgenden Tages verteilt.

2. Man kann sich über normale Fernseh-Bildschirme in einen kontinuierlichen, "seitenweisen" Durchlauf sämtlicher Dispo-Daten für heute und morgen einschalten. Dabei wird die "Standzeit" jeder Seite dynamisch verwaltet; wenig Textinhalt bedeutet also wenig Standzeit. Im Kopfteil jeder Seite finden sich Datum, Uhrzeit, Seitennummer, Gesamtseitenanzahl, noch verbleibende Standzeit der Seite und Gesamtumlaufzeit. Für den Bedarfsfall wird auch eine "Schlagzeile" vorgehalten.

3. Derzeit zehn Direktanwahlstationen (ebenfalls normale Fernsehempfänger) erlauben das sekundenschnelle Anwählen einer ganz bestimmten Seite. 999 Dateien zu 999 Seiten und damit theoretisch eine Million Seiten stehen im Direktzugriff.

Die Magnetplatten speichern in Dateien die Tele-Dispo-Information für acht Tage, speichern fünf dazugehörige Stammdateien, ferner Anwenderprogramm- und Betriebssystemdateien. Für jeden der Tage "gestern", "heute", "morgen", "morgen plus eins" bis "morgen plus fünf" besteht die Tele-Dispo-Information aus den fünf Teilen

- Inhalts- und Disponentenverzeichnis

- Tagesdienstanweisung Elektronik

- Tageseinsatzplan Film

- Wer disponiert was?

- Tages-Fernsehprogramm I, II und III.

Die fünf dazugehörigen Stammdateien enthalten alle sich täglich wiederholenden Daten (etwa die regelmäßigen Sendungen des Regionalprogramms).

Den Datei-Inhalt können die Disponenten über Eingabe-Terminals beliebig verändern, ergänzen, kürzen. Der Zugriff auf die Dateien geschieht über Funktionstaste - in weniger als einer Sekunde. Übersicht: Taste Fl dient dazu, eine Datei vorwärts zu blättern; mit Taste F2 blättert man rückwärts. F3, 4, 5 und 6 sind reserviert für spezielle Anwendungen des Disponenten. F7 dient dazu, eine Datei anzuwählen, F8 wählt das ausgehende Bild einer anderen Station an. Taste CMD dient zur Kommando-Eingabe bei Zugriff auf Dateien. Der Aufruf eines Programms - beispielsweise eines Druckprogramms - erfolgt über Funktionstasten und Bildschirm-Menü.

Holger Lussmann, Abteilungsleiter Zentraldisposition und Produktionsplanung, urteilt über Tele-Dispo und die Arbeit von Systementwickler Fritz Menzel uneingeschränkt positiv. Seine Einschätzung, erläutert Lussmann, beruhe auf der Praxis von 80 000 Fernseh-Sendeminuten, die der WDR im vergangenen Jahr neu produziert habe.

Zufriedenheit auch bei Roland Freyberger, dem Hauptabteilungsleiter Produktionsplanung und Zentrale Aufgaben. Vor Jahren, berichtet Freyberger, habe eine ARD-Kommission befunden, eine integrierte Dispositions-Großlösung für alle ARD-Anstalten sei wegen individueller Besonderheiten bei den einzelnen Mitgliedern nicht machbar und außerdem zu teuer. Daraufhin habe er als "Textverarbeitungs-Fan" eine Unzahl von einschlägigen Standard-Angeboten auf Verwendbarkeit beim WDR geprüft; kein namhafter Anbieter habe gefehlt.

Die mageren Ergebnisse seiner Untersuchungen hätten dann schließlich zum Beschluß geführt, eine Eigenentwicklung in Angriff zu nehmen. Der WDR, der auf der Einnahmenseite so stark ist, daß er beispielsweise erhebliche Mittel in den Finanzausgleich für weniger betuchte Anstalten einzahlt "steht mit seinem rechnergestützten Dispositionssystem ziemlich alleine da; nur die Österreicher, glaubt man in Köln, haben im deutschsprachigen Raum ähnliches zu bieten.