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16.10.2006

Web 2.0 fordert IT-Dienstleister heraus

Im Internet entstehen auf Basis anarchischer Innovationsmodelle neue Anwendungen und Dienste. Auf diese Entwicklung sind viele Service-Provider nicht vorbereitet.
Wikipedia-Logo
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autovervollständigen
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Trends kommen und gehen in den USA schneller als in der Alten Welt. Kaum verwunderlich ist es daher, dass dort bereits erste Diskussionen über die Auswirkungen der Techniken und Anwendungen auf den IT-Servicemarkt geführt werden, die unter dem Modewort Web 2.0 für Furore im Internet sorgen (siehe Kasten: "Neue Begriffe 2.0"). "Bereiten Sie sich auf einen Paradigmenwechsel vor", richtete der US-amerikanische Brancheninformationsdienst "Kennedy Information Services" bereits im vergangenen August warnende Worte an seine Leser aus der IT-Beraterbranche (siehe www. computerwoche.de/579891).

Neue Begriffe 2.0

SaaS (Software as a Service): SaaS-Provider stellen ihren Nutzern gehostete Applikationen auf Basis einer monatlichen Miete zur Verfügung. Beispiele sind Salesforce.com und Rightnow. Sie lassen zum Teil Verbesserungsvorschläge ihrer Kunden in ihre Updates einfließen.

Weblog beziehungsweise Blog: Online-Tagebücher mit Internet-Fundstücken, Neuigkeiten, Kommentaren und Verweisen auf andere Web-Seiten. Spezielle Corporate-Blogs finden Anwendung in der Kommunikation, im Marketing oder im Service, etwa für den User-Support.

Wikis finden als HTML-basierendes und schnell zu implementierendes Content-Management-System ihren Einsatz. Bekanntester Vertreter ist die Online-Enzyklopädie "Wikipedia".

Ajax: Sie erlaubt dem Browser, auf Benutzeraktionen zu reagieren, ohne die gesamte Seite vom Server nachladen zu müssen. Die Funktion "Autovervollständigen" in Suchfeldern ist beispielsweise eine Ajax-Anwendung.

RSS (Really Simple Syndication) ist eine Möglichkeit zur automatischen Verbreitung von Web-Inhalten. Es dient zudem als Medium zur Aggregierung von Daten aus unterschiedlichen Quellen.

Enterprise Mashup erlaubt die Verknüpfung von Web-Inhalten. Im Unternehmensumfeld könnte dieses Vorgehen eine neue Art darstellen, Unternehmensanwendungen zu erstellen, indem es Inhalte etwa aus internen Suchmaschinen, Web-Diensten, BI-Tools und Messaging-Systemen kombiniert.

Services 2.0

• Google Earth: Der Suchmaschinenbetreiber Google räumt Drittfirmen ein, mittels offener Schnittstellen und Mashup-Techniken Google Earth um neue Anwendungen zu erweitern. Beispielsweise lassen sich Immobilienanzeigen und Google Earth verknüpfen.

• Ebay: Nicht neu, sondern etabliert und erfolgreich ist die Handelsplattform Ebay. Der virtuelle Flohmarkt bietet nicht nur Privatkäufern und -verkäufern einen gemeinsamen Anlaufpunkt, sondern auch kleinen Firmen Betriebsdienste für einen Online-Shop. Ebay ist damit Business Process Outsourcing für Kleinunternehmer.

• Amazon: Weil es für den Online-Buchhandel keine adäquaten Lösungen für Vertrieb und Logistik gab, hat Amazon eigene Anwendungen und Prozesse entworfen. Heute nutzen kleine Firmen Amazons Rechnerkapazitäten sowie die Abrechnungs- und Logistikapplikationen.

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Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/

578668: Web 2.0 stellt Unternehmen auf die Probe;

578684: Vom Web 2.0 zu Enterprise 2.0.

In Deutschland reagiert die Branche etwas unaufgeregter, die IT-Consulting- und Systemintegrationshäuser beschäftigen sich eigenen Angaben zufolge mit Web-2.0-Möglichkeiten, erachten sie aber nicht als Bedrohung: "Wer heute als Berater im Markt aktiv ist und von sich behauptet, er habe mit Ajax, Mashup, Wikis oder anderen Web-2.0-Techniken nichts zu tun, der kann nicht für ein global aufgestelltes Unternehmen tätig sein", betonte Jutta Schneider, Leiterin der Sparte Consulting und Integration bei HP Services. Bange vor dieser Entwicklung ist ihr nicht, im Gegenteil: "Hinter diesem Trend stehen viele Herausforderungen, auch für uns als Beratungshaus." Überall dort, wo Informationen standardisiert, offen und zur Bearbeitung dargestellt werden, müssten Security-Fragen beantwortet, Urheberrechtsfragen geklärt sowie Sprache und Zeichensätze angepasst werden.

Selbst dem aufstrebenden Geschäft mit Mietsoftware, das sich unter der Bezeichnung Software as a Service (SaaS) ebenfalls in die Web-2.0-Angebote einreiht, schaut die Branche gelassen entgegen. Die von den US-amerikanischen Kollegen aufgebauten Schreckensszenarien, in denen Mietangebote jeglichen Integrationsaufwand obsolet machen, teilen die hiesigen Marktbeobachter nicht: "SaaS funktioniert für einfache Prozesse wie etwa E-Mail. Je komplexer die Abläufe sind, desto komplizierter wird die Lösung", erläutert Andreas Stiehler von Berlecon. Gute Einsatzmöglichkeiten für Saas-Angebote sieht er im CRM- und Procurement-Umfeld. "Im Vertrieb arbeiten viele verteilte Mitarbeiter, die vor Ort zentrale Daten benötigen. Hier bietet sich das Internet als Betriebs- und Kommunikationsplattform an."

Implementierung tut not

Doch auch in den beschriebenen Einsatzszenarien fallen Integrationsaufgaben an, denn "CRM-Daten müssen in andere Geschäftsprozesse wie etwa die Finanzbuchhaltung einfließen", so Stiehler. Zudem gebe es in vielen Branchen, etwa in der Telekommunikation, aus Angst davor, Geschäfts- und Kundendaten zu verlieren, große Vorbehalte gegenüber dem Fremdbetrieb von CRM-Systemen.

Web 2.0 gilt vielen auch als Synonym für neue Verbreitungs- und Veredelungsmöglichkeiten von Inhalten. Die bekanntesten Online-Dienste wie etwa die Videoplattform Youtube, die Bilddatenbank Flickr sowie die Online-Enzyklopädie Wikipedia leben allesamt von der aktiven Anreicherung des Angebots durch die Web-Surfer. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil die Betreiber es den Besuchern ihrer Web-Seiten möglichst einfach machen, den Dienst zu nutzen und zu bereichern.

Das weckt Interesse auch bei professionellen IT-Anwendern: Erste Unternehmen nutzen diese Dienste und die ihnen zugrunde liegenden Techniken nicht nur für die Kundenansprache im Internet, sondern auch für den internen Gebrauch, um die oft schwerfällige klassische IT zu umgehen. Bekanntes Beispiel ist die Investment-Bank Dresdner Kleinwort Wasserstein, die ein internes Wiki für das Content-Management um Kommunikations-Features erweiterte. Ziel war es, das E-Mail-Aufkommen zu bremsen und Informationen schneller auszutauschen. Doch nicht nur in der Nutzung, auch in der Implementierung zeigten sich die Vorteile: Beim Rollout vermissten die Nutzer ihren geliebten "Presence"-Knopf, der ihnen anzeigt, ob Kollegen eingeloggt und am Arbeitsplatz sind. Nach den ersten Bitten der Anwender, den Mangel zu beheben, dauerte es nur Minuten, bis das Wiki um die Anzeige ergänzt wurde.

Keine klassischen Projekte

"In der Web-2.0-Welt werden Dinge einfach umgesetzt, während mit den traditionellen Anbietern oft mühevolle Diskussionen geführt werden müssen", beschreibt Gartner-Analyst Peter Dück den Wandel. "Dahinter steht auch ein neues, quasi anarchisches Innovationsmodell, das Ideen über das Internet ausbreitet, deren Nutzen und Gebrauchswert in der Praxis ermittelt und sie möglicherweise verbessert oder ausmustert." Durch die Mithilfe der Mitarbeiter - wie etwa im Falle von Dresdner Kleinwort Wasserstein - sowie von Kunden und Partnern lassen sich die Produkte und Services kontinuierlich weiterentwickeln. Internet-Papst Tim O’Reilly nennt das "the perpetual beta". Ein Produkt oder Service wird also nicht über längere Zeiträume entwickelt und dann schließlich fertig auf den Markt gebracht, sondern soll im Lauf des Einsatzes reifen. Vorteil (aber auch Gefahr) von Web-2.0-Anwendungen und -Diensten ist eben nicht die ausführliche Vorbereitung und Projektplanung klassischer IT-Vorhaben.

Anbieter warten ab

Auf diese Herausforderung reagieren die IT-Dienstleister bislang nicht. "Die Systemintegrationshäuser beschäftigen sich mit Web-2.0-Techniken, sind aber nicht wirklich auf das vorbereitet, was auf sie zukommen wird", beobachtet Nicole Dufft, Geschäftsführerin von Berlecon Research. "Sie haben noch keine Strategie, sich die Entwicklung zunutze zu machen." Das gilt gleichermaßen für Partner großer Softwarehäuser, die heute ihr Geschäft mit der Einführung von Standardapplikationen betreiben, wie auch für Systemintegratoren und IT-Berater. "Sie sollten sich vom reinen Offline-Modell lösen und überlegen, wie sich neue Geschäftsmöglichkeiten etwa mit Web-basierenden Diensten erstellen lassen."

Zögerlicher Einsatz

Möglicherweise hat die abwartende Haltung ihre Ursache darin, dass es dauern wird, bis sich Web 2.0 in Unternehmen durchsetzt. Dufft rechnet damit, dass sich die in den USA bereits etablierten SaaS-Dienste erst in fünf Jahren einen ordentlichen Marktanteil in Deutschland erstreiten werden. HP-Managerin Schneider zeigt sich etwas optimistischer: "Web 2.0 und einige der dahinter liegenden Techniken werden sich in zwei Jahren etablieren."