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10.06.2008

Web 3.0 ist bald überall

Semantisch arbeitende Servicedienste und die Vernetzung von Gebrauchsgegenständen machen das Web zur allgegenwärtigen Antwortmaschine, prognostiziert Wolfgang Wahlster, Experte für Computerlinguistik.

CW: Herr Professor Wahlster, warum wird das semantische Web kommen?

Wahlster: Die Anforderungen an die Internet-Suche werden komplexer: Gerade mit den zunehmend mobilen Anwendungen muss schneller und präziser die passende Information gefunden und der richtige Dienst aufgerufen werden. Wir brauchen immer häufiger sofort präzise Antworten und Resultate, ohne dass wir einer Suchmaschine unsere Anfrage in mehreren Varianten eingeben oder uns durch Hunderte von Dokumentenverweisen durcharbeiten müssen.

CW: Wie kann das in der Praxis aussehen?

Wahlster: Ein Beispiel: Ich bin mit dem Auto im Ausland unterwegs, und mein Kind auf dem Rücksitz klagt über starke Bauchschmerzen. Ich suche also den nächstgelegenen Kinderarzt, kann in dieser Situation aber schlecht die Gelben Seiten oder andere Auskunftsdienste bemühen oder während der Fahrt gar im Internet surfen. Ich benötige trotzdem den Namen, die Adresse und die Telefonnummer des Arztes. Ein intelligentes Suchsystem im Auto kann mir all das mit Hilfe von Satellitennavigation und Internet schnell zusammensuchen, dabei prüfen, ob die Praxis geöffnet ist, und mich dann umgehend telefonisch mit dem Arzt verbinden - ohne dass ich selbst jeden Schritt einzeln aktivieren muss. Das geht nur mit semantischen Web-Diensten, bei denen der Rechner gleich zu Beginn versteht, was ich eigentlich von ihm möchte.

Wir haben ein semantisches Internet der Dienste bereits in unserem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt Smartweb als Prototyp realisiert und führen dies jetzt im Theseus-Projekt zur Produktreife.

CW: Wo liegt der Unterschied zum heutigen Web?

Wahlster: Das heutige Web ist syntaktisch organisiert, so dass eine Suchmaschine mit genau definierten Begriffen gefüttert werden muss - der Mensch passt sich daran an, wie die Software arbeitet. Buchstabenfolgen werden blind mit einem Index verglichen. Um darüber hinauszukommen, müssen wir weiterführende Informationen zu jedem Dokument in das Web einstellen, mit deren Hilfe die Software auch inhaltlich versteht, was wir von ihr möchten und was die Semantik eines Dokuments ist.

CW: Basiert das semantische Web also auf künstlicher Intelligenz (KI)?

Wahlster: Im semantischen Web steckt natürlich ein Schuss KI. Geht es um die semantische Annotation von Milliarden Internet-Seiten, die kein Mensch alleine bewältigen kann, so kommen KI-Technologien ins Spiel. Informationsextraktionssyssteme können beispielsweise Eigennamen, Datumsangaben und einfache Relationen zwischen Begriffen automatisch in Web-Dokumenten erken-nen und autonom mit einer semantischen Markierungssprache annotieren. Die automatische Konvertierung einer klassischen Website in eine semantische Seite ist heute aber nur in begrenztem Rahmen möglich. Es kommen also durchaus KI-Technologien wie das maschinelle Lernen ins Spiel, absolut zuverlässig sind die aber noch lange nicht und deshalb bisher auch nicht für jede komplexe Aufgabe einsetzbar.

Zweck des semantischen Web ist es aber auch, dass ein Rechner aufgrund von maschinenverstehbaren Web-Seiten selbst Schlussfolgerungen aus eingegebenen Daten ziehen und die Konsistenz von Eingaben überprüfen kann. Wenn eine gesuchte Antwort in einer anderen bereits enthalten ist oder eine Information einer anderen widerspricht, können semantische Web-Dienste dies aufdecken. Die heutige Vernetzung von Dokumenten geht damit über in eine neuartige Wissensinfrastruktur, die präzise Antwortmaschinen statt unscharfer Suchmaschinen ermöglicht.

CW: Ist es dazu mitentscheidend, dass sich intelligente Technologien wie RFID weiter ausbreiten?

Wahlster: Ja, das wird aber noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis wir dies auf breiter Basis erleben werden. Im Internet der Dinge kommunizieren Geräte und Systeme bis hin zu Alltagsgegenständen drahtlos untereinander. Viele große Unternehmen wie SAP oder Siemens arbeiten bereits mit uns an derartigen Konzepten, an der Verknüpfung vorhandener Web-Services mit physischen Gegenständen und realen Prozessen.

CW: Web-2.0-Services wie Blogs oder Wikis setzen sich langsam auch in den Unternehmen durch. Welche Rolle spielen diese Dienste in Zukunft?

Wahlster: Ohne Benutzerpartizipation wird das Web 3.0 nicht funktionieren. Die semantischen Meta-Informationen, mit denen alle Web-Dokumente zusätzlich markiert werden müssen, können nicht alleine von Unternehmen oder Behörden auf deren Kosten zusammengestellt werden. Das semantische Web muss deshalb zur Massenbewegung werden. Allerdings nicht auf dem chaotischen Niveau, wie es beim Web 2.0 der Fall ist, wo jeder Anwender beliebige Tags vergeben kann, was fast schon zu einem babylonischen Sprachwirrwarr führt. Das Web 3.0 ist die systematische Fortsetzung des Gedankens der Benutzerpartizipation im Web 2.0, allerdings auf der Basis fundierter und standardisierter Begriffssysteme, so genannter Ontologien.

CW: Wie soll so ein geordnetes "Massen-Tagging" funktionieren? Welche Technologien und gesellschaftlichen Voraussetzungen brauchen wir dafür?

Wahlster: Dorthin ist es noch ein längerer Weg. Mit dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Theseus-Projekt verfolgt Deutschland hier aber bereits konkrete Ansätze. Wir forschen dort an Möglichkeiten, wie sich solche semantischen Technologien in praktische Produkte im Sinne eines Internets der Dienste umsetzen lassen. Wir veranstalten derzeit auch den Wettbewerb "Theseus Talente 2008", wo wir kluge Köpfe, Studenten und Nachwuchsforscher mit innovativen Ansätzen in diesem Bereich auszeichnen. Ein konkretes Beispiel ist ein im Hintergrund eines Web-Editors arbeitendes Assistenzsystem. Es hilft mit Vorschlägen bei der Verortung eines Multimedia-Dokumentes unter bestimmten Suchbegriffen. Dazu gehen während der Bearbeitung Fenster mit gezielten Vorschlägen zu Tags auf, die der Anwender nur noch übernehmen oder ablehnen muss.

CW: Was müssen Unternehmen tun, wenn sie den Sprung zum Web 3.0 nicht genauso auf breiter Front verpassen möchten wie seinerzeit den zum Web 2.0?

Wahlster: Sich informieren und frühzeitig bei entsprechenden Verbundprojekten mitwirken, die in weiten Teilen sogar von staatlicher Seite gefördert werden. Gerade der Mittelstand sollte sich hier angesprochen fühlen, die großen Konzerne engagieren sich größtenteils bereits. Nur die starke Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft kann uns hier einen Technologievorsprung verschaffen.

CW: Einige Experten wie der "Wikinomics"-Autor Don Tapscott sagen, dass innovative Unternehmen über kurz oder lang ihre Betriebsgeheimnisse aufgeben müssen. Wie sehen Sie das?

Wahlster: Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen. Das Prinzip der "offenen Innovation" ist nur auf Teilbereiche der Wirtschaft anwendbar, wo Firmengeheimnisse, Wissensvorsprung und breites Erfahrungswissen nicht den wesentlichen Unternehmenswert darstellen. Beispielsweise kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Automobilhersteller Details seiner geplanten Modellreihen öffentlich macht, nur um "offene Innovation" zu fördern. Dort sind über Jahre erworbene Spezialfertigkeiten und firmeninternes Know-how gefragt, so dass Outsider kurzfristig auch kaum zu wirklicher Innovation beitragen könnten. Im Software-Massenmarkt wird die offene Arbeitsweise aber weiter zunehmen. Die besten Web-Dienste oder Mashups für Handys und andere Alltagsgeräte entstehen schon heute oftmals in öffentlichen Projekten.

Zur Person

Wolfgang Wahlster lehrt Informatik an der Universität des Saarlandes. Er ist wissenschaftlicher Direktor und Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Wahlster gilt als einer der führenden deutschen Forscher im Bereich der Zukunftstechnologie.

Mehr Informationen unter www.dfki.de/~wahlster.