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20.04.2001 - 

IT im Anlagen- und Maschinenbau/"Es wimmelt nur so von Konfliktfeldern"

Web und Maschinenbau noch keine Allianz

Per Mausklick ein paar Gebrauchtmaschinen ordern oder eine weit entfernte Anlage mit virtuellem Schraubenzieher auf Vordermann bringen ist kein Wunschtraum mehr. Technisch ist vieles möglich, doch wie günstig die Kosten-Nutzen-Relation jeweils ausfällt, steht auf einem anderen Blatt. Von Winfried Gertz*

Aus dem Ruhrpott in die weite Welt: Günter Herrmann genügen ein paar Mausklicks, um sich in das pulsierende Herz einer Kokereianlage hinein zu beamen. Diesmal konzentriert sich der Verfahrensingenieur der Bochumer Thyssen Krupp Encoke GmbH auf eine neue Koksofenbatterie, die in einem europäischen Hüttenwerk zum Einsatz kommt. Mehr als tausend Tonnen Koks pro Tag werden dort produziert.

Herrmanns "Werkzeugkasten" heißt "Cokemaster" und ist ein Kokereiautomatisierungssystem. Während der Inbetriebnahme der Koksofenbatterie erfasst er wichtige Betriebsparameter, etwa Temperatur oder Wärmeverbrauch. Auch Füllwagen und Druckmaschine sind elektronisch abgebildet. Um die Informationen in den IT-Kreislauf zu pumpen, kann der Anlagenbetreiber per Standardkopplung das System mit SAP- und PPS-Anwendungen oder Datenbanken verknüpfen. "Über eine ISDN-Leitung greife ich direkt auf das System zu", beschreibt Herrmann seine Arbeit. "Ich kann mir sogar den Bildschirm der Kollegen vor Ort auf meinen PC laden." Es gibt einiges zu tun: Neben der verfahrenstechnischen Betreuung stehen tägliche Diagnose- und Servicearbeiten an. Dazu nutzen die Experten eine Software, die früher auf einer VAX-Maschine und nun auf dem PC installiert ist. Müssen Daten in größerem Umfang übers Netz ausgetauscht werden, vertraut Herrmann auf PC Anywhere.

Die Online-Ferndiagnose ist damit kein Wunschtraum mehr. Um vor Ort nach dem Rechten zu sehen, mussten Fachleute wie Herrmann in der Vergangenheit einen großen Zeitaufwand für Reisen investieren. Das hat sich bereits tiefgreifend geändert. Dass Netzwerke oder Verbindungsleitungen nicht immer hundertprozentig zur Verfügung stehen, schreckt die Experten nicht ab. Sie glauben, Teleservice werde künftig ein Renner.

Mit Dienstleistungen an die SpitzeFür viele deutschen Maschinen- und Anlagenbauer wäre es an der Zeit, sich auch mit serviceorientierten Dienstleistungen an die Spitze des Wettbewerbs zu setzen. Denn gerade diese exportabhängige Branche, die etwa 70 Prozent ihrer Produkte im Ausland absetzt, leidet heftig unter dem Image mangelhafter Dienstleistungsmentalität - eine schwere Hypothek für die klassische Wirtschaftsbranche, die mit 893000 Mitarbeitern einen Umsatz von 255 Milliarden Mark jährlich erzielt.

Wer weiß denn schon, dass sich der Anteil jener Unternehmen, die ihren Kunden festgelegte Verfügbarkeiten garantieren, von 22 auf 44 Prozent verdoppelt hat? Auch das ist Dienstleistungsstandard im Maschinenbau: Bereits vier von fünf Firmen verpflichten sich zur Einhaltung kurzer Reaktionszeiten, wie beim Verband des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA) in Frankfurt zu erfahren ist.

Kein Wunder, dass das Thema E-Business, wenn auch mit Verzögerung, auf dem Vormarsch ist. Schließlich kommen sich Firmen und ihre Kunden im Internet sehr nahe, zumindest theoretisch. Ein willkommener Anlass insbesondere für die Führungskräfte, ihren gemeinhin als angestaubt geltenden Unternehmen einen frischen und innovativen Anstrich zu verleihen. Verkrustete Strukturen, etwa bei Thyssen Krupp oder Babcock-Borsig, sollen auch per Internet überwunden werden. Old Economy mitten in der Umbildung? Wenn es nach Verbandspräsident Eberhard Reuther geht, sicherlich. Für ihn hat die junge Internet-Wirtschaft aber nur dort eine Chance, wo sie "auf das Innigste" mit dem Maschinenbau verflochten ist. "Software, Sensorik, Chip- oder Bilderkennungstechnologien werden in unsere Produkte integriert. Auch das ist Teil der Qualität deutscher Maschinen."

Während Branchengrößen wie Babcock-Borsig (www.babcock-borsig.com), MG Technologies (www.mg-ag.de) und VA Technologie (www.va-technology.com) mit Unterstützung von SAP und der Deutschen Bank auf Marktplätzen (www.ec4ec.com) ihr 50 Millionen Mark schweres Stelldichein geben, machen Dutzende von Maschinen- und Anlagenbauern im Netz ihre ersten Gehversuche. Weit hinaus wagt man sich indes nicht: Viel mehr als eine "durchwachsene" Homepage kommt nicht dabei heraus. Für Jürgen Behlke, beim VDMA (www.vdma.de) für das "Anwenderforum E-Business" verantwortlich, nichts Ungewöhnliches: "Die gesamte Branche ist mitten im Umbruch, eine neue Generation nimmt das Ruder in die Hand." Für die jungen und hochqualifizierten Leute, die in den oft patriarchalisch beherrschten Unternehmen die Verantwortung übernehmen, sei das Internet "selbstverständlich" eine tragende Säule des Geschäfts.

Es dominiert die Politik des BauchladensNach Einschätzung von Behlke, der die Branche aus dem Effeff kennt, seien Internet sowie E-Business noch zarte Pflänzchen, die viel Geduld erfordern. Wohin man auch schaue, dominiere immer noch die traditionelle Politik des "Bauchladens". Doch gebe es durchaus aufgeschlossene und Web-orientierte Unternehmen. Beispielsweise den Mönchengladbacher Textilmaschinenspezialisten W. Schlafhorst AG & Co. (www.schlafhorst.de), der seine Kunden bei der Ersatzteilbestellung im Internet unter die Arme greift, oder den Bielefelder Anbieter von Dreh- und Fräsmaschinen Gildemeister AG (www.gildemeister-ag.de) mit seinem ausgetüftelten Direktverkauf. Dort heißt es: "E-Business: Heute schon gemaust? Die Einsparung in der Verkaufsabwicklung geben wir direkt an unsere Kunden weiter." Unter dem Strich kann mancher Einkäufer locker ein paar Tausender sparen. Ebenfalls nah am Kunden bewegt sich der Reinigungsspezialist Alfred Kärcher GmbH & Co., Winnenden (www.kaercher.de), der Informationsplattform und Angebotspalette wie ein Kaufhaus arrangiert und dem Kunden sogar noch dabei hilft, ein Hotel in unmittelbarer Nähe zum nächstgelegenen Händler zu buchen.

Die Abläufe erheblich verkürztDass der multimediale Bauchladen nichts bringt, sofern er nicht hinreichend auf interne Prozesse abgestimmt ist, demonstriert beispielsweise die KTR Kupplungstechnik GmbH, Rheine. Wie Geschäftsführer Rainer Reichert unlängst auf einem VDMA-Kongress erläuterte, seien KTR und ihre Kunden "DV-verzahnt": "Unsere E-Commerce-Strategie spiegelt die Vielfalt der Branche wider. 1996 begannen wir mit dem Aufbau einer Homepage, von der Kunden sich Produktkataloge oder Montageanleitungen herunterladen konnten." Heute könne im Online-Shop nicht nur geordert werden, selbst auf die Entwicklung von Produkten und ihre Auslieferung nähme der Kunde Einfluss. Online, so Reichert, ordern Serienmaschinenhersteller Produkte aus Rahmenverträgen und stimmen gemeinsam mit KTR aktuelle Lagerbestände und Abnahmepläne ab; Hersteller von Spezialmaschinen, heißt es weiter, können sich online in die Lagerhaltung von zirka 8500 Teilen einklinken und erhalten eine Belieferungsgarantie innerhalb von 24 Stunden in Deutschland und seinen Anrainerstaaten. Auf der Basis von angebotenen Konfigurations-Tools für Kupplungsauslegungen können Anlagenbauer online wichtige technische Spezifikationen vornehmen, skizzierte Reichert das E-Business-Profil.

Basis der Vernetzung ist SAP R/3, dort seien sowohl der Internet-Shop als auch die Zeichnungsausleitung vollständig integriert und durch eine Firewall hinreichend vor unerlaubtem Zugriff geschützt. Wie der KTR-Chef betonte, betrage das Einsparpotenzial für beide Seiten, Kunden wie KTR, zwischen zehn Minuten pro Serienteilbestellung und 70 Minuten bei technisch auslegungsbedürftigen Sondervarianten. Inzwischen greife eine wachsende Anzahl von Kunden auf die papierlose Kommunikation zurück und profitiere von prozesssicherer Bestellabwicklung und schnellem Austausch technischer Dokumente.

Doch damit nicht genug: Vor allem die Konstruktionsabteilung der Kunden sei erleichtert. Erheblich verkürzt würden die bis dato erforderlichen Abläufe von der Kataloglektüre über Anfragen, Angebotsauswertung und Bedarfsklärung bis zur schriftlichen Bestellung inklusive mehrerer telefonischer Rückfragen zur technischen Klärung. Künftig soll der Internet-Standard XML eine zentrale Rolle übernehmen. Reichert: "Die bisherige Verzahnung mit Kunden setzte entweder voraus, dass dort auch SAP R/3 verwendet wird oder der Kunde seine Bestellungen in unserem Internet-Shop eingibt." Um eine größere Offenheit zu gewinnen, beteiligt sich KTR deshalb an dem Projekt "Multimedia im Maschinenbau" des Landes Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam wollen die Beteiligten einen Standard für die Kommunikation zwischen Kunden und Lieferanten entwickeln.

Doch so sehr einzelne Unternehmen bereits im Web reüssieren, Maschinenbau und Internet haben sich noch nicht gefunden. Viele fürchten die unzulängliche Sicherheit im Netz, andere haben bereits Lehrgeld zahlen müssen. Warum noch immer zu viele E-Business-Projekte scheitern, ist für Rainer Hundsdörfer, Geschäftsführer der Trumpf GmbH & Co. KG (www.trumpf.de), Ditzingen, auf zahlreiche Faktoren zurückzuführen. "Oft sind die Geschäftsziele nicht eindeutig definiert, oder man hat die Konfliktfelder nicht hinreichend untersucht." Auch bei der Herausstellung des Kundennutzens ließen viele Unternehmen zu wünschen übrig. Wer sein branchenspezifisches Wissen vermarkten will, sollte also nicht nur vor- und nachgelagerte Geschäftsprozesse integrieren, sondern mit dem Web-Angebot "einen klaren Mehr-Nutzen für User" bieten, und zwar im Vergleich zu herkömmlichen Kanälen. Also: höhere Verfügbarkeit, einfachste Bestellung und Lieferung sowie reduzierte Preise. Leichter gesagt als getan, räumte Hundsdörfer auf dem VDMA-Kongress ein. Denn im E-Commerce wimmle es nur so von Konfliktfeldern. Wie leicht falle denn die Integration des neuen "Verkaufsbüros" in die Marketing-Strategie, wieso gebe eigentlich niemand zu, dass die Integration mit ERP-Systemen eine zugleich kostentreibende und personalverschleißende Aufgabe darstellt? Nicht zuletzt sei der Mensch eine große Unbekannte, dessen Verhalten selbst in minutiös eingefädelten E-Business-Projekten immer wieder für Überraschungen sorgt.

Doch auch andere Gefahren drohen. Wie die Karlsruher Unternehmensberater von Lot Consulting (www.lot-consulting.de) ermittelten, können bei der Kooperation über Online-Plattformen erhebliche Softwarefehler auftreten, die Unternehmen in wenigen Minuten um zig Millionen Mark ärmer machen. In manchen Firmen sei der Produktionsverlust bereits auf 20 Prozent gestiegen. Still stehende Maschinen würden schon heute für Miese in Höhe von 137 Milliarden Mark pro Jahr sorgen. Vorsorglich haben die Verantwortlichen bei der Heidelberger Druckmaschinen AG (www.heidelberger-druckmaschinen.com) die Notbremse gezogen. Obwohl die Anlagendaten per Internet abgefragt und Fehler diagnostiziert werden können, hat Walter Staehlin, Leiter des Customer Supports, auf die Fernsteuerung verzichtet: "Aus Sicherheitsgründen und zum Schutz der Mitarbeiter."

Ein Höchstmaß an KomplexitätEines ist klar: Industrielle Fertigungsprozesse sind an Komplexität nicht mehr zu überbieten und verlangen geradezu nach professioneller Technologie, Automatisierung und Software. Wie die WestLB Panmure in ihrer im Januar veröffentlichten Branchenstudie "Capital Goods" anregt, seien Unternehmen gut beraten, Produktionsprozesse effizienter zu gestalten, "anstatt lediglich die Produktqualität sicherzustellen, die mittlerweile als gegeben vorausgesetzt wird". Differenzierungsmerkmal Nummer eins sei das Wissen um die Gesamtheit aller Abläufe und nicht lediglich das Produkt- oder Produktions-Know-how.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.

Abb.1: SAP R/3 als Basis

Die Zeitersparnis ist für beide Seiten, Kunden und KTR, beträchtlich. Quelle: Kupplungstechnik GmbH

Abb.2: "DV-verzahnt" mit dem Kunden

Das E-Business-Profil von KTR: Ordern im Online-Shop; Entwicklung von Produkten und Auslieferung via Internet; Abstimmung der Lagerbestände und Abnahmepläne etc. Quelle: Kupplungstechnik GmbH