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05.01.2001 - 

Krise bei Gedys, Teamwork und Intraware

Webifizierung macht Lotus-Partnern zu schaffen

MÜNCHEN (ws) - Die Schwierigkeiten, in die drei größere deutsche Lotus-Partner kürzlich gerieten, lassen sich nur unzureichend mit der Situation am Neuen Markt erklären. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Aufwand, den Softwarehäuser betreiben müssen, um ihre Notes-Anwendungen für das E-Business flottzumachen.

In letzter Zeit sorgten gleich drei renommierte Lotus-Business-Partner für negative Schlagzeilen: Anfang November stellte die Paderborner Teamwork GmbH einen Insolvenzantrag, und bei der Intraware AG trat zwei Wochen später das Vorstandsmitglied Joachim Weber zurück, nachdem der Umsatz für das dritte Quartal deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben war. Die letzte Negativmeldung stammt von einem der größten Player im deutschen Markt, der Braunschweiger Gedys AG. Nach einem Fehlbetrag von rund neun Millionen Mark in den ersten drei Quartalen dieses Jahres verkündete die Geschäftsführung Anfang Dezember, mehrere Standorte schließen und 70 Mitarbeiter entlassen zu wollen.

Alle drei Unternehmen verfolgten ehrgeizige Expansionspläne auch über den deutschsprachigen Markt hinaus und wollten über ihren Börsengang das nötige Kapital beschaffen. Angesichts der gegenwärtigen Schwäche des Neuen Marktes liegt es natürlich nahe, die Probleme der Lotus-Partner nur damit zu erklären. Neben diesen allgemeinen schwierigen Rahmenbedingungen macht den Lotus-Partnern aber auch die Konsolidierung des Notes-Marktes zu schaffen, die gleich mehrere Ursachen hat. Dazu zählen der große Konkurrenzdruck, für den hierzulande viele Softwarehäuser die Consulting-Abteilung des Herstellers verantwortlich machen, die erhöhten Einstiegsbarrieren durch die Positionierung von Notes als Enterprise- und E-Business-Software sowie die Defizite der Lotus-Plattform, die der Erfüllung dieser Ansprüche entgegenstehen.

Nach der Übernahme von Lotus verfolgte IBM das Ziel, die bis dahin eher auf Workgroup-Ebene angesiedelte proprietäre Groupware für den Enterprise-Einsatz auszubauen und zudem der entstehenden Konkurrenz mit Web-Lösungen zu begegnen. Mit der Implementierung der gängigen Internet-Standards und der Anbindung des Domino-Servers an die hauseigene Middleware sowie dessen Portierung auf die AS/400 sowie die S/390-Großrechner betrachtet Big Blue dieses Vorhaben mit der Version 5 als weitgehend abgeschlossen.

Für Lösungsanbieter hat der schnelle Um- und Ausbau der Lotus-Plattform jedoch weit reichende Konsequenzen: Sie sollen vom stark gestiegenen Notes-Funktionsumfang Gebrauch machen und auf diese Weise neue Anwendungsgebiete erschließen. So drängt Hans-Peter Bauer, Geschäftsführer der Lotus GmbH, darauf, dass die seit einiger Zeit propagierte Knowledge-Management-(KM-)Strategie auch bei den Partnern ihren Widerhall findet. Sie sollte sich auch darin niederschlagen, dass Lösungen auf Basis von Domino Produkte aus dem KM-Portfolio nutzen, beispielsweise den Metaindexer "Extended Search" oder die Instant-Messaging-Software "Sametime". Gerade Letztere erfordert erheblichen Aufwand, weil Funktionen zur Echtzeitkommunikation von Arbeitsgruppen eng mit den einzelnen Funktionen der Applikation verwoben werden müssen - das bloße Nebendranstellen eines Sametime-Servers reicht da nicht aus.

Lotus-Verantwortliche scheuen sich natürlich, den Partnern öffentlich mangelnde Innovationsfähigkeit vorzuwerfen. Dennoch machen sie aus dieser Einschätzung bei gegebenem Anlass kein Hehl und kritisieren, dass sich zu viele Anbieter weiterhin auf die traditionellen Notes-Anwendungen konzentrieren. Auch Jens Dennig, Director Central Europe beim weltweit größten Lotus-Partner IT Factory, vertritt die Auffassung, dass der deutsche Markt für 50 oder 60 konkurrierende Notes-Anwendungen zum Office-, Korrespondenz-, Personal- oder Qualitäts-Management zu klein ist.

Kunden verlangen Web-fähige SoftwareEine Konsolidierung erwartet er dort schon deshalb, weil Kunden von ihren Anbietern immer häufiger verlangen, dass die Software auch Web-fähig ist. Gerade für Applikationen, die schon länger auf dem Markt sind und noch auf der Basis von Notes 3 entwickelt wurden, läuft diese Forderung auf eine Neuprogrammierung hinaus. Besonders die kleineren Unternehmen mit relativ geringen Ressourcen stehen damit vor einem Dilemma: Investieren sie in die Modernisierung ihrer Anwendungen, um ihre derzeitige Geschäftsgrundlage zu erhalten, fehlen ihnen diese Kapazitäten bei der Entwicklung neuer, zukunftsträchtiger Anwendungen. Sie müssen fürchten, trotzdem Opfer der fortschreitenden Marktbereinigung zu werden. Stellen sie aber die Pflege ihrer bisherigen Produkte zugunsten von neuen Anwendungen zurück, dann lassen sich mit Ersteren kaum noch Geschäfte machen. Jens Dennig geht nämlich aufgrund der von Kunden geäußerten Wünsche davon aus, dass bis 2003 etwa 50 bis 70 Prozent der Anwender auf den Web-Browser als Client für Notes-Anwendungen umsteigen werden. Da liegt es auf der Hand, dass auch heute schon die Web-Fähigkeit bei Kaufentscheidungen eine zentrale Rolle spielt.

Dass die Öffnung bestehender Notes-Anwendungen für das Web mit großem Aufwand verbunden ist, liegt sicher auch an den Eigenheiten der Lotus-Plattform. Die seinerzeit mit vielen Verheißungen angekündigten Fähigkeiten von Domino, Notes-Dokumente und Ansichten automatisch für das Web aufbereiten zu können, genügen nur den einfachsten Ansprüchen, beispielsweise der Präsentation von Informationen. Vollwertige, interaktive Anwendungen erfordern auch bei der Neuentwicklung eine separate Programmierung für den Notes-Client und den Web-Browser. Ältere Anwendungen benutzen zudem überwiegend die Notes-Formelsprache, ein Relikt aus der PC-Frühzeit. Deren Beschränkungen setzen dem Ausbau vorhandener Codes klare Grenzen, auch deshalb, weil sie ja von keinem gängigen Browser verarbeitet werden kann. Aber auch die Pflege und der Ausbau neuerer Applikationen wirft häufig Probleme auf: Das inkonsistente Programmiermodell von Notes erfordert viel Lernaufwand und erschwert die Verwaltung von Code. So ist es nicht möglich, mit einer Sprache durchgängig zu entwickeln: In bestimmten Situationen erzwingt das System die Nutzung der antiquierten Formelsprache, Lotusscript eignet sich zwar für den Notes-Client und den Server, wird aber vom Browser nicht verstanden, und Javascript lässt sich für den Browser und die HTML-Engine innerhalb des Notes-Clients nutzen, wird aber nicht auf dem Server unterstützt und sieht den Zugriff auf die Frontend-Klassen von Notes nicht vor. Ähnliche Einschränkungen gelten auch für Java, das nur die Verwendung der Backend-Klassen erlaubt. Notes-Anwendungen, die beide Frontends bedienen können, bestehen daher zwangsläufig aus schwer wartbaren, verstreuten Codefragmenten in mehreren Programmiersprachen.

Lotus könnte durch entsprechende Verbesserung des Programmiermodells und der Öffnung der Plattform für Standard-Tools sicher die Anwendungsentwicklung vereinfachen. Interessant dürfte dabei sein, ob die IBM-Tochter auf der bevorstehenden Hausmesse "Lotusphere" entsprechende Ankündigungen für das nächste Release tätigen wird.

Partner kämpfen mit hohem PflegeaufwandAllerdings krankt die Anwendungsentwicklung unter Notes derzeit nicht nur an den beschriebenen Inkonsistenzen, sondern auch daran, dass Applikationen direkt auf die Plattform aufsetzen. Deshalb werden bestimmte grundlegende Funktionen von den Partnern immer wieder neu "erfunden", beispielsweise bringen viele Anwendungen ihr eigenes Adressmodul mit. Größere Business-Partner verfügen über eine Reihe von solchen Kernmodulen, die häufig aus bestimmten Kundenprojekten hervorgingen, auf denen sie dann ihre Anwendungen aufsetzen. Gerade bei größeren Anwendern finden sich dann mehrere solche Kernels wieder, die untereinander nicht kompatibel sind.

Für die Softwarehäuser selbst bedeutet die Pflege einer solchen Architektur erheblichen Aufwand, wenn sie für neue Anforderungen wie das Web und an jedes Notes-Update angepasst werden muss. Sie müssen daher ihre beschränkten Ressourcen infrastrukturnahen Aufgaben widmen, die dann im Lösungsgeschäft oder bei der Entwicklung innovativer Applikationen fehlen, beispielsweise auch solchen für das Application-Service-Providing (ASP). Lotus versuchte mit der "Lotus Solutions Architecture" (LSA), die mittlerweile um das Zauberwort "Internet" ergänzt wurde ("Lisa"), eine solche Schicht zwischen Plattform und Anwendungen einzuziehen. Die Art und Weise, wie dies geschehen sollte, traf allerdings auf den Widerstand vieler Partner: Zum einen wurde kritisiert, dass es sich dabei zumindest anfangs nur um einen Vorstoß der deutschen Lotus GmbH handelte, zum anderen irritierte viele die Verbindung zu den Lotus Professional Services (LPS), die allgemein als Konkurrent betrachtet werden.

Lotus braucht weltweiten StandardTrotz der bekannten Auseinandersetzungen steht Lotus in Sachen Architektur unter Zugzwang und muss sich dabei aus einer Zwickmühle befreien: Setzt die IBM-Tochter hier keinen weltweiten Standard, leidet auf Dauer die Attraktivität der Plattform, weil Anwender über inkompatible Anwendungen verärgert sind und Partner ihre Energie nicht ausreichend in innovative Projekte lenken können. Umgekehrt wird die Einführung einer solchen Zwischenschicht einige Softwarehäuser in Bedrängnis bringen, weil sie ihnen eine wichtige Einnahmequelle entzieht. Diese werden zu allem Überfluss ihre Interessen zu einem Zeitpunkt lautstark öffentlich vertreten, da Microsoft mit "Exchange 2000" die Lotus-Partner heftig umwirbt.

Die derzeitige Unklarheit um Lisa eröffnet zudem IT Factory die Chance, ihr konkurrierendes Software Development Kit (SDK) als De-facto-Standard für die Notes-Entwicklung zu etablieren. Dessen Funktionsumfang übertrifft jenen von Lisa, ist schon seit längerem lieferbar und relativ weit verbreitet - im Gegensatz zur Lotus-eigenen Architektur. Business-Partner, die heute keinen eigenen Anwendungskern mehr entwickeln und pflegen wollen, tun sich schwer bei der Entscheidung zwischen den beiden Alternativen. Ralf Geishauser, Gründer und Geschäftsführer von Gedys, rechnet vor, dass für die Umstellung des bestehenden Portfolios auf eine solche Architektur allemal eineinhalb Jahre veranschlagt werden müssen. Damit sich dieser Aufwand amortisiert, sollten auf dieser Basis anschließend zumindest drei Jahre lang Einnahmen erzielt werden. Angesichts der unübersichtlichen Lage ist es derzeit aber schwierig, Weichenstellungen für die nächsten vier bis fünf Jahre zu treffen.