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15.09.1995

Weg von der Registrierkasse POS: Benutzerfreundlichkeit muss im Vordergrund stehen

DV-Loesungen fuer den Point of Sale (POS) werden nicht zuletzt im Multimedia-Kontext viel diskutiert. Jochen Ewe* fragte einige Anbieter, was sie sich unter einem sehr guten POS-System vorstellen. Es deutet sich an, dass die Chipkarte die Magnetkarte abloesen wird.

Worauf es bei der Funktionalitaet besonders ankommt, laesst sich unterschiedlich beantworten. Winfried Nolte, Retail-Marketing- Manager bei der Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG (SNI), verweist auf die Zeiten, wo der Wechsel von proprietaeren in offene Architekturen vollzogen wird, und wo haeufig "PCs als POS-Systeme bezeichnet werden". Genau dies tut etwa der taiwanische POS- Hersteller Jarltech, dessen deutsche Niederlassung in Kronberg im Taunus angesiedelt ist.

Er beliefert Softwarehaeuser sowohl mit PC-basierenden als auch mit terminalbasierenden POS-Loesungen. Die Hoeft & Wessel GmbH, Hannover, argumentiert mit der Notwendigkeit der individuellen Entscheidungsvorbereitung, die auch Kosten-Nutzen-Analysen umfasse.

Die Koelner Bull AG sieht aehnlich wie SNI einen "immer staerkeren Wandel hin zum PC-basierten Kassensystem". Dennoch stellt Bull- Manager Peter Niedieck einen anderen Aspekt staerker in den Vordergrund: die sich aendernden Zahlungsgewohnheiten deutscher Einzelhandelskunden. Niediecks Szenario: Mit dem erfolgreichen Vordringen der internationalen Kreditkartenorganisationen nach Deutschland entwickelte sich in den 80er Jahren eine verbreitete Alternative zum Bargeld. Hinzu kommt seit 1990 das Electronic- Cash-System mit der Moeglichkeit, die hierzulande ueber 37 Millionen Mal ausgegebene Euroscheckkarte ohne Scheck, aber mit Geheimzahl an mit elektronischen Zahlungsverkehrsterminals und Magnetstreifenlesern ausgeruesteten Kassen im Handel zu nutzen. Mittlerweile draengen weitere Abrechnungsverfahren wie POZ (POS ohne Zahlungsgarantie) und ELV (Elektronisches Lastschriftverfahren) in den Markt. Bei den letztgenannten Verfahren wird auf die Eingabe der Geheimzahl am Terminal verzichtet; es genuegt die Unterschrift des Kunden. Ab Ende 1996 wird damit begonnen werden, die Euroscheckkarten generell mit Magnetstreifen und Chip auszuruesten. Fuer den Zahlungsverkehr sind dann zwei neue Anwendungen vorgesehen: die elektronische Geldboerse und "Electronic Cash per Chip". Die Zahlung per Karte wird zur normalen Kassenfunktion werden.

Viele Karten sind also in Sicht. Und das POS-System, das sich fuer alle Karten eignet? "Es ist da. Unsere Systeme akzeptieren alle Karten", verkuendet Silke Mutterer, Marketing-Managerin des Herstellers Verifone, Bad Homburg. Volker Bienert, Produkt-Manager im Bereich Retail Sales bei AT&T GIS, ist da zurueckhaltender: "Es wird kommen, sobald alle Standards etabliert sind." Auch Hoeft & Wessel meint, es sei "technisch realisierbar". SNI-Manager Nolte prognostiziert: "In Deutschland werden spaetestens ab 1996 mit der Einfuehrung der kombinierten EC-Debitkarte (Magnetstreifen und Chip) auch die verschiedenen Debitkarten (wie die Telefonkarte) neben den bewaehrten EC- und Kreditkarten zum Einsatz kommen."

Trend geht zum ELV per EC-Karte

Karsten Hinners, Vertriebsleiter der Quad Computer Consulting GmbH in Lippstadt, betont: "Ein POS-System fuer alle Karten ist moeglich, jedoch geht die Tendenz zum ELV per Euroscheckkarte. Dies ist in der enormen Kostenstruktur der Kreditkartenanbieter begruendet, welche vom Anwender bis zu 7,9 Prozent des Rechnungsbetrages als Disagio verlangen. Beim ELV fallen lediglich die Buchungskosten an, von denen der Endkunde seinen Anteil selbst uebernimmt. Wolfgang Laufer, bei der Hamburger Omron Systems GmbH fuer Marketing-Kommunikation zustaendig, meint nuechtern: "Terminals fuer die Einbindung bargeldloser Zahlungen in die POS-Datentechnik stellen lediglich eine periphere Systemerweiterung dar. Zeitgemaesse POS-Systeme sind ueber bereits vorhandene Schnittstellen auf jede aktuelle und zukuenftige Kartenapplikation vorbereitet." Laufer glaubt, dass der Trend eindeutig in Richtung multifunktionaler Chipkarten geht, die auch als sogenannte Loyalty Cards bei internationalen Grossbetrieben auf dem Vormarsch sind.

Jarltech-Marketing-Manager Robert Kretzschmar sagt "aufgrund des drohenden Kartenchaos" eine Tendenz zu weniger Karten voraus, "am einfachsten waere eine persoenliche ID-Karte, mit der man als Kunde erfasst wird, Lastschriften einleiten kann, vom Kreditkartenkonto abbuchen kann, Automaten bedienen kann etc". Auch Kretzschmar sieht die Abloesung der Magnetkarte durch die Chipkarte kommen. Bull-Manager Niedieck meint dazu:

"Mit der Entscheidung der Banken fuer die Ausgabe der EC-Karten mit Chiptechnologie wird unseres Erachtens der Innovationsschub in diesem Bereich weiter beschleunigt, da dort vielfaeltige Einsatzmoeglichkeiten fuer den Einzelhandel unter Beruecksichtigung hoher Sicherheitsanforderungen gegeben sind. Diese Moeglichkeiten werden zur Zeit noch vom Rabattgesetz beschraenkt, werden sich aber im Rahmen der EU-Gesetzgebung weiter oeffnen und entwickeln."

Wie bereits erwaehnt, ist die "Kartenfaehigkeit" eines POS-Systems nicht das einzige Kriterium, das auf dessen Praxistauglichkeit Einfluss hat. Abgesehen von speziellen, nur im Einzelfall relevanten Anforderungen halten die Fachleute durchgaengig einige Grundmerkmale fuer wichtig.

- Herstellerunabhaengigkeit von Systemkomponenten: SNI gibt im einzelnen an: Betriebssysteme, IBM-AT-Systemarchitektur, Schnittstellen, LAN-WAN-Kommunikation und Programmier- sprachen. Omron nennt die offenen Betriebssysteme DOS und Unix und fordert Integrationsfaehigkeit in vorhandene DV-Strukturen. Bull hat "allerlei" Komponenten im Sinn - bis hin zu Tastaturen. Zudem fordert Niedieck Hardware-Unabhaengigkeit der Anwendungen, erreichbar unter anderem "durch Ausrichtung auf logische Devices, so dass beispielsweise ein Austausch zwischen verschiedenen Druckern oder der Tausch eines zweizeiligen Displays gegen einen Bildschirm moeglich wird".

- Flexibilitaet und Modularitaet: Quad verlangt Modularitaet, damit der Kunde den Leistungsumfang seines Systems individuell und kostenguenstig selbst bestimmen kann, und fordert konkret, dass jedes System ueber Moeglichkeiten zur automatisierten Eingabe (Barcode etc.) verfuegen muss. Fuer Omron ist eine "multimodulare Hardwarekonzeption mit individuellen Konfigurationsmoeglichkeiten" eine ebenso zentrale Notwendigkeit wie modular gegliederte Software-Applikationen. SNI denkt hier beispielsweise an eine Konfigurierbarkeit ohne PC-Konsole oder Platten-Diskettenlaufwerk und lehnt feste Zuordnungen der Peripherie-Schnittstellen fuer Scanner, Displays etc. ab.

Monitoring via Runtime-Diagnose

Sicherheit: Waehrend Jarltech das Schwergewicht mehr auf robusten Systembetrieb legt (inklusive Vorbeugung gegen jede Art von Bedienungsfehlern), denken Bull und SNI auch an die Sicherheit der Daten und ihren Schutz vor Manipulationen. Verlangt werden Revisionssicherheit, bestimmte Log-Funktionen, Unloeschbarkeit bestimmter Speicher, doppelte Datenhaltung und Netzausfallschutz oder Stand-alone-Arbeitsfaehigkeit der Kassen bei Netzstoerungen. SNI empfiehlt zudem, auch die Kassenperipherie ueber das POS-System mit Strom versorgen zu lassen, die Daten zusaetzlich in einem CMOS- Langzeitspeicher abzusichern und via Runtime-Diagnose ein Monitoring des laufenden Systembetriebs vorzunehmen.

- Geschwindigkeit: Nicht nur das Erfassen, sondern auch das Weiterleiten und Auswerten der Verkaufsdaten muss schnell erfolgen, meint man bei Jarltech, Verifone und Bull, wobei die Koelner eine zuegige Zahlungsabwicklung einbeziehen.

- Einfache Bedienbarkeit: Jarltech verlangt zu diesem Punkt konkret, dass das System wie eine Registrierkasse zu funktionieren habe und auch durch ungeschultes Personal bedienbar sein muesse. Weil es die Zusammenarbeit mit den Lieferanten erleichtert, soll ein POS-System auch filialfaehig sein und eine automatisierte Bestellabwicklung und Lagerhaltung ermoeglichen, meint Quad- Vertriebschef Hinners.

Aehnlich wie AT&T-Manager Bienert, der sich ein mit Funktionen ueberfrachtetes POS-System vorstellen kann, warnt etwa Kretzschmar, das System hardwareseitig zu ueberdimensionieren. Seine Gleichung: "Pentium-Rechner mit 500-MB-Festplatte auf einer Windows- basierenden Verkaufsoberflaeche = Schwachsinn".

Die einen Experten - so Bull, Hoeft & Wessel und Verifone - weichen auf Allgemeinplaetze von der Sorte aus, eine pauschale Definition von Grenzwerten sei nicht moeglich. Andere nennen Orientierungspunkte beim Namen, die man zu beachten hat, will man wirtschaftlich operieren: Omron weist auf die Massgroessen Sortimentsumfang, Kundenfrequenz, Spannensituation und Personalqualifikation hin. Quad raeumt ein, dass zwar Spezialfunktionen wie Lager-Vorausberechnung und mobile Datenerfassung sich nicht ueberall rechnen, wohl aber der Einsatz von Barcode-Scannern. SNI kategorisiert beispielhaft die Handelssparten, je nachdem, ob sie mit Kunden-Warteschlangen "leben koennen" oder nicht. Hintergrund: Das POS-System mutiere im gehobenen Fachhandel und in Kaufhaeusern unter dem Motto "Freude am Shopping" immer mehr zum POI (Point of Information).

* Jochen Ewe ist freier Journalist in Flintsbach am Inn.