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22.06.2001 - 

IT-Firmen entdecken die Vorzüge von Teilzeitarbeit

Weniger ist oft mehr

Wer möchte nicht gern weniger arbeiten? Der "Halbtagsjob" hat ein schlechtes Image: unqualifiziert, schlecht bezahlt, ohne Aufstiegschance, Frauensache. Das soll sich durch das neue Teilzeitgesetz ändern. Von Helga Ballauf*

Markus F. ist Web-Designer mit einer 19,25 Stundenstelle: Eine Woche sitzt er zwei, die folgende Woche drei Arbeitstage am Schreibtisch. "Ach, Sie sind auch wieder einmal da!" Spitze Bemerkungen dieser Art ist er gewöhnt. Anders reagiert die Abteilung bei Kollegin Cornelia E. Sie arbeitet ebenfalls Teilzeit - aber sie ist Mutter.

Klischees und Vorurteile gegenüber Menschen, die weniger arbeiten, halten sich hartnäckig. Einen besonders schweren Stand haben Männer in hochqualifizierten Jobs, gerade auch in der IT-Branche. Dazu tragen Untersuchungen wie die Dissertation des Kölner Volkswirts Achim Krings bei, wonach Teilzeitmodelle nur in wenigen Arbeitsfeldern sinnvoll seien. Demzufolge wirken sich kurze Arbeitstage negativ auf den Informationsfluss in Unternehmen aus. Krings These: Der Ertrag eines Zwölfstundentags ist trotz Ermüdungseffekt dem eines Normalarbeitstags überlegen - insbesondere bei schwer standardisierbaren Aufgaben und bei persönlich angelegten Kundenbeziehungen. Nur bei älteren Arbeitnehmern, die abwechslungsarme Tätigkeiten vollziehen, zahle sich Teilzeitarbeit aus.

Die Bundesregierung lässt sich von solchen Studien nicht beirren. Seit dem 1. Januar gilt ein neues Gesetz zur Teilzeitarbeit, das mehr Menschen in qualifizierten Jobs zum Zurückfahren der Arbeitszeit verleiten soll. Ziel ist es, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und eine gerechtere Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit zwischen den Geschlechtern zu erreichen. Dieses Gesetz setzt weniger auf Vorschriften als auf Überzeugungskraft. Das sind die Regeln: Arbeitet ein Mann oder eine Frau länger als sechs Monate in einem Betrieb mit mehr als 15 Beschäftigten, haben sie das Recht, die Stundenzahl zu reduzieren. Sie müssen diesen Wunsch dem Arbeitgeber mindestens drei Monate vorher schriftlich mitteilen. Der kann aus betrieblichen Gründen widersprechen, muss seine Ablehnung aber in jedem Fall begründen.

Mehr Spielraum beim ErziehungsurlaubGegenargumente können sein, dass eine Stelle als nicht teilzeitfähig gilt oder dass die Teilung unverhältnismäßig hohe Kosten verursachen würde. Details lassen sich in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen festlegen. Wenn Mütter oder Väter bereits während des Erziehungsurlaubs zeitreduziert gearbeitet haben, darf ein entsprechender Antrag nicht abgelehnt werden. Das Gesetz über den "Erziehungsurlaub" - jetzt "Elternzeit" genannt - hat seit Beginn dieses Jahres ebenfalls eine neue Fassung. So können nun Väter und Mütter gleichzeitig die Erwerbsarbeit unterbrechen oder deren Umfang verringern (Details unter: www.mehr-spielraum-fuer-vaeter.de).

Wer die Stundenzahl wieder erhöhen will, hat einen Anspruch darauf. Zumindest muss die Firma ihn oder sie bei der Besetzung einer entsprechenden Stelle bevorzugen. Das neue Gesetz eröffnet einer Vielzahl individueller Teilzeitmodelle den Weg. Die klassische Halbtagsarbeit ist nur eines davon. Unter www.teilzeit-info.de bietet das Bundesarbeitsministerium umfassende Informationen zu Gesetz und Praxis an (siehe Kasten). Mehr Infos gibt es auf der CD-ROM "Altersteilzeit" vom Forum Verlag, mit der aktuelle Aufstockungs- und Versicherungsbeiträge errechnet werden können.

Marktforscher bestätigen, dass Teilzeit nach wie vor auf große Wissensdefizite und Imageprobleme stößt - bei Arbeitgebern und Beschäftigten, bei den Meinungsführern in Wirtschaft und Politik. Andererseits ergab eine Erhebung im Auftrag des Ministeriums, dass 38 Prozent der Vollzeitbeschäftigten bereit wären, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und dafür auf Einkommen zu verzichten. Die Zustimmung steigt, je jünger die Befragten sind, je höher ihr Bildungsabschluss und je größer ihr Haushaltseinkommen ist. Laut Arbeitsmarktbeobachter können die Unternehmen, die Teilzeitmodelle anbieten, hochqualifizierte Fachkräfte leichter halten.

Verzicht auf FührungsjobsSo viele Argumente es gegen zeitreduzierte Jobs in der IT-Wirtschaft gibt, so viele einfallsreiche Lösungen lassen sich finden. Gustav Kollmeier ist bei der Stadt München für die Benutzerbetreuung zuständig. Von Dienstag bis Donnerstag ist er zur Stelle, wenn ein Rechner abstürzt oder neue Funktionen einzurichten sind. Er hat vor drei Jahren mit Teilzeitarbeit begonnen, "weil ich etwas von meiner Freizeit haben will, solange ich jung bin". Demnächst wird er Vater. Die männlichen Kollegen finden seine Entscheidung "ungewöhnlich". Kollmeier: "Männer tun sich besonders schwer, das Rollenverständnis zu überwinden, wonach sie die Karriere und die Frauen die Kinderpause machen." Der IT-Profi will nicht ganz hoch hinaus: "Jobs mit Führungsaufgaben und Personalverantwortung eignen sich wohl nicht für Teilzeit."

Ingrid Burgard beweist das Gegenteil. Die Leiterin der Personalabteilung des mittelständischen Softwarehauses Albat und Wirsam in Gießen hat eine 30-Stunden-Stelle. "Ich fing halbtags als Datentypistin an, habe mich dann hochgearbeitet und langsam die Stundenzahl aufgestockt. Aber jetzt ist Schluss", berichtet sie. Variable Arbeitszeiten sind für die Frauen in der kaufmännischen Abteilung der Firma nichts Ungewöhnliches. Inzwischen hat auch ein IT-Berater seinen Fulltime-Job auf eine 4/5-Stelle verkürzt. Kein Problem für die Personalchefin: "Wenn der Kunde weiß, wann sein Ansprechpartner da ist, kann er sich darauf einstellen. Passiert etwas Unvorhergesehenes, muss die Hotline einspringen."

Burgard kann sich dagegen schwer vorstellen, dass ein Entwickler mittags heimgeht und ein Kollege am Nachmittag weiterprogrammiert. Doch das ist reine Gewöhnungssache, wie die virtuellen Teams beweisen, die rund um den Globus im 24-Stunden-Rhythmus Software entwickeln. Teilzeit und Telearbeit ergänzen sich gut: Falls es in der Firma brennt, sind qualifizierte Fachkräfte selbst in der Freizeit erreichbar. Dank Home Office kann sich ein Controller bei Lufthansa Systems Airline Services eine Vier-Tage-Woche genehmigen. Die Web-Mistress in einem Düsseldorfer Fachverlag hat sich für den Sechs-Stunden-Tag entschieden, weil sie fest davon überzeugt ist, dass mehr Freizeit die Kreativität fördert.

Alle Fälle zeigen, dass Teilzeitmodelle nur funktionieren, wenn Firmen ihre Arbeitsstrukturen nachvollziehbar definieren und sie ein gutes Betriebsklima haben, damit in Stresszeiten jeder den Ausfall eines anderen abfedert.

*Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.

Infos im Web"Teilzeit ist mehr" - unter diesem Motto läuft die Infokampagne der Bundesregierung zum neuen Teilzeitgesetz. Unter www.teilzeit-info.de finden Unternehmen und Beschäftigte umfangreiches Material, wie: Sieben Teilzeitmodelle, Praxisberichte und Forschungsergebnisse, individuelle Hilfen beim Test "Welcher Teilzeit-Typ sind Sie" sowie beim "Netto-Klick", der das zu erwartende Teilzeitgehalt berechnet. Außerdem gibt es Infos zur neuen "Elternzeit", Dokumente zum Download sowie die Handlungsanleitung "Teilzeit - alles, was Recht ist" per Online-Bestellung.