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16.08.1991 - 

Mehr eine Geisteshaltung als eine DV-Technik

Weniger Reibungsverluste durch objektorientierte Organisation

"Objektorientiert" ist ein Schlagwort. Es gibt kaum mehr einen Anbieter, der nicht mit entsprechenden Features in seinen Produkten wirbt. Darüber wird leicht vergessen, daß dieser Modebegriff kein Synonym für High-Tech-Produkte ist, sondern daß sich dahinter eine Geisteshaltung verbirgt - eine Haltung, die sich die Unternehmen nicht nur für die Datenverarbeitung zu eigen machen könnten.

Dieser Beitrag soll einen Überblick geben, wie es gelingt, die "Philosophie der Objektorientierung" in die tägliche Kommunikation im Unternehmen einzubringen und sie in der Aufbau- und Ablauforganisation eines Unternehmens zu berücksichtigen. Erst am Schluß beschäftigt er sich mit der Einführung und Arbeitsweise von DV-gestützten objektorientierten Informationssystemen.

Um die Frage zu klären, was eigentlich objektorientiertes Informations-Management ist, müssen wir die Kommunikation beziehungsweise den Austausch von Nachrichten oder Informationen, der zwingend zum Alltag jedes Menschen gehört, genauer betrachten: Wie kommunizieren wir?

In unserer täglichen Umwelt werden wir als Mitarbeiter eines Unternehmens, als Hausfrau, Lehrer etc. täglich mit den unterschiedlichsten Informationen konfrontiert. Wie oft haben wir uns schon darüber geärgert, daß uns Informationen nicht, zu spät oder falsch erreicht haben? Wie oft haben uns andererseits unsere Mitarbeiter falsch verstanden?

Die Ursache liegt darin, daß die zwischenmenschliche Kommunikation in den meisten Fällen wie durch eine "Milchglasscheibe" abläuft, ohne daß der mitteilende Partner die Reaktion des Angesprochenen überprüft, die ihm zeigte, ob er verstanden wurde oder nicht.

In den Management-Seminaren wird dieses Vorgehen mittels "Transaktionsanalyse" durchschaubar gemacht. Hierbei handelt es sich um nichts anderes als um die Optimierung des Nachrichtenaustauschs, um die gewünschte Reaktion hervorzurufen. Dieser Optimierung dient zum Beispiel die Angleichung des benutzten Wortschatzes an die Fähigkeiten und Kenntnisse des Angesprochenen .

Ein solches Anpassen geschieht im Alltag meist unbewußt: Wir sprechen mit einem Kleinkind anders als mit dem Mathematiklehrer unseres zwölfjährigen Sohnes und mit diesem wieder anders als mit unserer Schwiegermutter.

Die Kommunikation zwischen den Objekten

Was wir als Menschen unbewußt tun, wird in der Unternehmensumwelt sehr häufig vergessen. Das bringt uns zu unserem Thema: Die Personen, Abteilungen, Unternehmensbereiche, aber auch die Maschinen und Fertigungsinseln, mit denen im beruflichen Alltag möglichst optimal kommuniziert werden muß, sind im Prozeß der Kommunikation Objekte. Nimmt man den Menschen als Beispiel für ein solches Objekt, und untersucht man seine Eigenschaften in bezug auf Kommunikation, dann erkennen wir: Die kommunikationsrelevanten Eigenschaften des Objektes "Mensch" sind sein Denken und Fühlen (sie bestimmen die Aufnahme der Kommunikation) sowie sein Handeln beziehungsweise seine Methoden (die wiederum bestimmen die Weitergabe der Information).

Diese Begriffe sind auf Informationsverarbeitung mit Hilfe des "verlängerten Gehirns" EDV nahtlos übertragbar: Hier heißen die entsprechenden Sachverhalte "Programme" und "Funktionen". Daraus geht hervor, daß die Kommunikation von Objekt (Sender) zu Objekt (Empfänger) nur die Aufforderung (was ist zu tun?) betrifft, aber nie eine Handlungsanleitung enthält (wie tue ich es?). Das erforderliche Feedback besteht dementsprechend nur aus der Mitteilung des Ergebnisses der "Operation" .

Dem Objekt wird also nicht vorgeschrieben, in welcher Weise es seine Aufgaben zu erledigen hat. Das Wie bestimmt vielmehr das Objekt selbst, es kann sich dadurch selbst optimieren. Diese Optimierung wird sich immer nach der auf das Objekt zugeschnittenen Information richten. Ein gutes Beispiel dafür ist wieder der Mensch. Der Homo sapiens hat sich im Laufe seiner Evolution aufgrund seiner Lebensbedingungen optimiert, tut es heute noch und wird auch sein weiteres Überleben auf diese Weise sichern.

Ein weiteres Beispiel: Wir sehen ein Auto nicht als ein hochkomplexes System mit zahlreichen Subsystemen, sondern als Objekt, das der Fortbewegung dient. An die Vorgänge, die im einzelnen dazu führen, daß das Fahrzeug fahrt, denkt kaum ein Autofahrer. Täte er es, käme er kaum mehr zum Fahren.

Ähnliches gilt für die tägliche Kommunikation im Unternehmen. Sie objektorientiert zu gestalten und dies auch in der Aufbau- und Ablauforganisation des Unternehmens zu berücksichtigen könnte für alle Beteiligten von Nutzen sein.

Nicht selten chaotische Zustände

In der herkömmlichen betrieblichen Organisation wird versucht, alles bis ins Detail zu organisieren und bis zum letzten Handgriff festzuschreiben, ohne darauf zu achten, daß die Information, die zur Ausführung dieser Tätigkeit führt, optimiert ist. Das führt zu Mißverständnissen und nicht selten zu chaotischen Zuständen.

Ein Beispiel dafür ist der Fertigungsablauf eines Betriebes. In der Regel wird sorgsam darauf geachtet, zum Beispiel die Maschinenzeiten bis zur letzten Sekunde "auszuknautschen" . Dem Materialfluß innerhalb des Unternehmens wird dabei wenig Beachtung geschenkt. Was aber nützt es, wenn die Taktzeit einer Maschine um eine Zehntelsekunde erhöht wird, wenn anschließend die Teile fünfhundert Meter weit zur nächsten Maschine zu transportieren sind? Betrachtet man den Materialfluß als eine wichtige Information im Unternehmensablauf, wird die Rolle des Informations-Managements im Unternehmen deutlich.

Eine Lösung für solche Probleme heißt "objektorientiertes Informations-Management". Und wie erreicht man das? Ganz einfach: Vor der Einführung von EDV-Hilfsmitteln müssen sich die Verantwortlichen überlegen, ob die bestehende Organisation sinnvoll ist. Ist sie es nicht, muß sie vereinfacht werden. Dazu sind eigenständige Objekte zu bilden. Das klingt komplizierter, als es ist.

Die Vorgehensweise ist am leichtesten durch ein Beispiel aus der Fertigungsorganisation zu veranschaulichen. Sie kann natürlich auf die der Produktion vorgelagerten Abteilungen wie Konstruktion, Arbeitsvorbereitung etc. übertragen werden. Der erste Schritt bei der Bildung von Objekten in der Fertigung ist die Aufteilung in Fertigungsinseln. Diese Fertigungsinseln sind in sich autonome Bereiche, deren Steuerung nur bis zu diesen Bereichen - und nicht in diese Bereiche hinein - erfolgt. Der Ablauf innerhalb der Bereiche ist Sache des zuständigen Meisters und muß von diesem optimiert werden.

Wichtig ist, daß der Informations- und Materialfluß zu jeder Fertigungsinsel sauber definiert wird, damit die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fertigungsinseln klappt. Ein weiterer Vorteil ist die Eigenverantwortlichkeit dieser Inseln: Die Mitarbeiter werden nicht durch Abläufe, die bis zum letzten Handgriff vorgeschrieben sind, total entmündigt.

Planwirtschaft als Negativbeispiel

Es müssen Einheiten entstehen, die in der Lage sind, sich im Rahmen der für sie geltenden Bedingungen selbst zu optimieren. Ein Negativbeispiel in diesem Zusammenhang ist die sozialistische Planwirtschaft. Hier wird alles bis ins Kleinste geregelt, so daß jedes selbständige Handeln unterdrückt wird. Die Folge ist, daß sich keine Eigeninitiative entwickelt und das Optimum nicht erreicht werden kann.

Selbstverantwortung im Rahmen des Objektes "Fertigungsinsel" bedeutet aber nicht, daß die Meister mit der Bewältigung ihrer Aufgabe allein gelassen werden, sondern daß sie bei der Lösung ihrer Aufgabe Unterstützung finden und ihnen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden. In letzter Konsequenz verantwortlich für das Funktionieren eines solchen Objektes aber bleiben die Meister persönlich.

Es stellt sich die Frage, wie man objektorientiertes Informations-Management in der Praxis unterstützt und verwirklicht. Dies ist mit Hilfe der EDV möglich. Dabei ergibt sich der große Vorteil, daß auch hier eine objektorientierte Vorgehensweise angewendet werden kann. Sowohl bei der Software-Entwicklung als auch beim Einsatz dezentraler Hardware ergeben sich hieraus Vorteile.

Wenden wir uns zuerst der Software-Entwicklung zu. Das Konzept des objektorientierten Programmierens wurde vor rund 15 Jahren am Xerox-Forschungszentrum in Palo Alto (Parc) ausgearbeitet. Das dabei entwickelte erste "reine" objektorientierte Programmiersystem erhielt den Namen "Smalltalk".

Ein "heißes" Thema wurde diese Art des Programmierens erst mit der objektorientierten Weiterentwicklung der Programmiersprache C zu C + + durch den Bell-Mitarbeiter Bjarne Stroustroup. Nicht wenige Fachleute vermuten, daß allein die objektorientierte Programmierung einen Ausweg aus der drohenden Softwarekrise bieten kann. Das entscheidende Merkmal der objektorientierten Programmierung besteht darin, daß die Steuerung in einem Programm nicht mehr durch Schleifen, Verzweigungen, Sprünge etc. beschrieben wird, sondern durch das Versenden und Empfangen von Botschaften.

Entsprechend den Verhältnissen in der realen Welt werden in den Programmen Objekte gebildet. Ähnlich wie in der Realität sind diese Objekte durch ihren inneren Aufbau und Zustand charakterisiert. Hier bestimmen ihn Daten und Datentypen sowie die Operationen ("Methoden"), die mit diesen Daten möglich sind.

Der Zugriff auf Daten und Methoden erfolgt ausschließlich über eine genau definierte Schnittstelle.

Ein weiteres, kennzeichnendes Merkmal der objektorientierten Programmierung ist die Möglichkeit, gleichartige Objekte zu Klassen zusammenzufassen und damit Eigenschaften und Funktionen dieser Klassen an die jeweiligen Objekte zu vererben. Damit erhält man ein System, das sich trotz komplexer Aufgabenstellung einfach und überschaubar darstellt.

Es würde hier sicherlich zu weit führen, die wirklichen Möglichkeiten der objektorientierten Programmierung weiter auszuführen. Die Erfahrung bei der Durchführung konkreter Projekte zeigt auf jeden Fall, daß es mit Hilfe des objektorientierten Programmierens wesentlich einfacher ist, die reale Welt abzubilden.

Wenn sich die objektorientierte Vorgehensweise innerhalb der Organisation und bei der Realisierung der dazu benötigten Softwarekomponenten bewährt hat, warum sollte dieser Ansatz dann nicht auch in anderen Bereichen angewendet werden - beispielsweise in der Datenverarbeitung eines Unternehmens?

Heute stehen in rund 80 Prozent der Unternehmen zentrale Rechnersysteme zur DV-technischen Unterstützung der einzelnen Abteilungen. Diese Systeme sind typischerweise teuer und unflexibel, und in den meisten Fällen besteht ein gewaltiger Rückstau von zu erledigenden Aufgaben. Von einer optimalen Unterstützung der Fachabteilungen kann keine Rede sein. Statt kleiner, flexibler und reaktionsschneller Einheiten beherrschen unbewegliche Kolosse das Bild. Sämtliche Ressourcen werden zentralistisch verwaltet. Das muß nicht sein. Auch hier könnte ein objektorientierter Ansatz wichtige Impulse liefern.

Warum geben wir nicht jedem Objekt innerhalb unserer Organisation die entsprechende Software samt der dazu nötigen Hardware? Mit Hilfe der heutigen DV-Technik ist dies jederzeit möglich. Jede Abteilung, jede in sich abgeschlossene Einheit sollte über ihr eigenes EDV-System verfügen.

Es reicht jedoch nicht, eine Vielzahl unterschiedlicher Hard- und Software einzuführen. Vor allen Dingen ist darauf zu achten, daß jede Einheit genau die Unterstützung erhält, die sie benötigt - nicht mehr, aber auch nicht weniger. So sind im Bereich der Hardware beispielsweise vom Einzelplatz-PC bis zum großen Abteilungsrechner mit vielen PCs als Front-end alle Möglichkeiten offen.

Dabei gilt folgendes Grundprinzip: Alle Rechner müssen durch ein standardisiertes Netzwerk miteinander kommunizieren können. Daten, die von mehreren Anwendern benötigt werden, sind grundsätzlich zentral abzuspeichern, so daß die unterschiedlichsten Anwender sie abrufen und bearbeiten können.

Was vor einigen Jahren noch utopisch klang, ist heute aufgrund der rasenden Entwicklung ohne weiteres möglich. Systeme wie die hier skizzierten bleiben auf Jahre hinaus flexibel und erweiterbar. Während es gewaltige Investitionen erfordert, ein herkömmliches Rechnersystem zu erweitern oder - noch schlimmer - durch ein neues, leistungsfähigeres System zu ersetzen, haben wir bei einem "objektorientierten System" den großen Vorteil, daß es jederzeit durch einzelne, eventuell standardisierte Komponenten preiswert auszubauen ist.

In der Software müssen standardisierte Grundobjekte gebildet werden, aus denen sich dann höhere und genau auf die Jeweiligen Aufgabenstellungen angepaßte Programme zusammenbauen lassen. Einer der wesentlichen Vorteile dieses Vorgehens ist die iterative und kontinuierliche Realisierung des Gesamtsystems in enger Zusammenarbeit mit dem Anwender, was zu einer erheblichen Entschärfung von komplexen Projekten führt.

Sofort professionell nutzbare Funktionen

Es werden nicht große, unüberschaubare Softwarelösungen entworfen, sondern in kleinen Schritten mit der Unterstützung des Anwenders jeweils sofort professionell nutzbare Funktionen eingeführt. Weiterer Vorteil:

Das "paketweise" Vorgehen gliedert einen weitgesteckten Budgetrahmen in viele kleine, in sich abgeschlossene Einzelbudgets.

Die Unterstützung durch den Anwender ist äußerst wichtig. Wer, wenn nicht der Anwender selbst, soll wissen, welche Leistungen er von der EDV erwartet. Ein Anwender, der bei der Realisierung "seiner" Systemfunktionen selbst mitarbeitet, bekommt ein hohes Maß an Verantwortung und wird die erarbeitete Lösung später auch wirklich einsetzen.

Ein weiterer Vorteil der objektorientierten Vorgehensweise ist die bedeutend bessere Überprüfbarkeit des Projektfortschritts. Es werden Stück für Stück Teilfunktionen des DV-Systems aufgebaut, mit denen der Anwender sofort arbeiten und Erfahrungen sammeln kann. Das wiederum wirkt sich auf die weiteren Arbeiten zum Aufbau des Gesamtsystems positiv aus.

Für das Projekt-Management hat diese Methode den Vorteil, daß permanente Projektschritte aufgezeigt werden können und daß die Leistung bei der Software-Erstellung bedeutend besser kontrollierbar ist. Da sich die Objektorientierung bei der Installation von Hardware und bei der Erstellung von Programmen wegen ihrer eindeutigen Vorteile zunehmend durchgesetzt und bald zum Standard herausgebildet haben wird, ist die so erstellte Lösung zudem äußerst zukunftssicher.

Die hier vorgetragene Methode hat sich in der Praxis bereits in vielen verwirklichten Projekten bewährt und stellt somit keine Theorie, sondern eine in allen Unternehmen realisierbare Lösung für die unterschiedlichsten Bereiche bis hin zum Gesamtunternehmen dar.