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28.03.1980

"Wenn der Computer nicht arbeitet, können wir unseren Laden zumachen"

Mit Professor Dr. Hans Herbert Schulze, Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, sprach Dieter Eckbauer

- Herr Professor Schulze, in ihrem Vortrag auf dem 6. Internationalen Kongreß "Datenverarbeitung im Europäischen Raum" in Wien haben Sie den Marktführer indirekt des Boykotts der Normung und Standardisierung auf dem DV-Sektor bezichtigt . . .

Ich habe nicht gesagt, daß die IBM, um den Namen mal zu nennen, die Normung behindert. Im Gegenteil: Ich bin sogar überzeugt, daß die IBM im Fachnormenausschuß Informationsverarbeitung intensiv mitarbeitet. Aber die Zusammenhänge sind etwas komplexer. Normung verlangt eine gewisse Zeit, alleine durch das Miteinandersprechen aller Beteiligten und die schnelle technische Entwicklung. Diese Geschwindigkeit ist das eigentliche Problem, sie ist das, was die Normung behindert. Hinzu kommt die Tatsache - und da muß man den großen Hersteller ansprechen -, daß er mit seinem enormen Markt- und Forschungspotential in der Lage ist, durch das Setzen eigener Standards - ich habe von Pseudo-Standards gesprochen - den Markt und die Normung zu behindern. Und zwar dadurch, daß diese unvereinbarten Firmenstandards zunächst einmal da sind. Sie werden von vielen anderen teils kopiert, teils imitiert und in gewisser Weise verbessert.

- Sie sehen also eine Gefahr darin, daß ein De-facto-Industriestandard entsteht und der Marktführer jederzeit die Möglichkeit hat, aus seinem Innovationspotential zu schöpfen, neue Produkte zu schaffen und die anderen Hersteller dadurch zu zwingen, nachzuziehen.

Genauso ist es. Es gibt eine weitere Möglichkeit, die der Markführer hat, nämlich daß er, ohne echte technische Verbesserungen zu bringen - also eigentlich ohne Innovation - Veränderungen einführt, die den gleichen Effekt haben . . .

- . . . und das führt zu Unsicherheit?

Das führt zu Unsicherheit und damit zu erheblichen wirtschaftlichen Nachteilen insbesondere für die kleineren Anwender, die sich dieser Vielfalt nicht erwehren können.

- Wie wollen Sie dieses Problem lösen? Mit einem moralischen Appell ist es ja wohl nicht getan.

Ein moralischer Appell an Menschen - ganz unabhängig vom Bereich Datenverarbeitung - hilft meistens nicht. Ich meine, man muß den Anwendern klarmachen, daß es im wesentlichen in ihrer Hand liegt, ihre eigene Stellung am Markt dadurch zu verstärken, daß sie sich in Verbänden zusammenschließen, wie zum Beispiel dem ADI in Deutschland. Das heißt: Sie sollten ihre Einzelstellung gegenüber den großen Anbietern aufgeben - und das gilt nicht nur gegenüber der IBM, sondern gegenüber allen Anbietern, auch gegenüber den kleineren. Die Anwender sollten etwa das tun, was die Öffentliche Hand als ein sehr potenter Anwender heute schon tut, indem sie Vertrage als Norm schafft, die die bisher bei den Verträgen omnipotenten Anbieter auf den Boden zurückholt.

- Nun ist der Appell "Anwender aller Computergrößenklassen vereinigt Euch " in den letzten Jahren wiederholt ausgesprochen worden - ohne Wirkung freilich. Woran liegt das?

Das auf eine Ursache zurückzuführen, ist wahrscheinlich nicht möglich. Aber ich sehe eine Reihe von Ursachen, insbesondere solche die auf der gleichen Linie liegen, die den kleineren Anwendern eine schlechte Stellung gegenüber dem Anbieter geben - und das ist meines Erachtens die Manpower. Der kleine Betrieb hängt im wesentlichen von der Leistungsfähigkeit einiger weniger Personen ab. Die gesamte betriebliche Organisation ist auf diese Personen ausgerichtet. Das ist eine der Hauptursachen, warum diese Betriebsgroßen so wahnsinnige Schwierigkeiten haben, mit dem Computer zu arbeiten.

- Könnte man sagen, daß ein Know-how-Gefälle existiert zwischen Hersteller und Anwender, daß der EDV-Hersteller stets in der Vorhand ist?

Ja, auch eine erhebliche Know-how Differenz besteht, denn wenn Sie einmal die großen Anwender mit den kleinen vergleichen, dann setzen die großen enorme Manpower ein, um Schwierigkeiten vorweg zu analysieren und möglichst zu beseitigen. Das kann der kleine Betrieb nicht.

- Sie selbst fordern, damit die Normungsarbeit voran kommt, den Einsatz steuerlicher Mittel.

Ich möchte vermeiden, mit dem Hinweis auf den Einsatz von Steuermitteln den Eindruck zu erwecken, daß ich nach staatlicher Lenkung oder nach Dirigismus rufe. Ich meine aber, daß man marktkonform Steuermittel dazu einsetzen kann, langwierige Verfahren der Normung, zum Beispiel beim Deutschen Institut für Normung, dadurch zu verkürzen, daß man den interessierten Beteiligten bestimmte Kosten bei der Arbeit in Normenausschuß ersetzt. Ich bin in die Gepflogenheiten des DIN zwar nicht eingeweiht, aber eines weiß ich: wenn ich persönlich dazu aufgefordert wurde, ehrenamtlich in einem solchem Kreis zu arbeiten, dann würde das bei mir dazu führen, daß ich an irgendeiner Stelle irgendeine Leistung, die ich derzeitig erbringe schleifen lassen müßte. Und ich weiß aus kleinen und mittleren Betrieben, daß es dort genauso ist, daß die Leute, die wissen, was zu tun ist, keine Zeit haben, oder daß kein Geld dafür da ist, so etwas zu tun. Und da würde ich meinen, wäre Förderung kein staatlicher Dirigismus denn das Normungsverfahren an sich wäre in keiner Weise beeinflußt, sondern es könnte dadurch nur intensiviert und beschleunigt werden.

- Herr Professor Schulze, es gibt einen französischen Bericht, die sogenannte Nora-Studie, in der im Zusammenhang mit dem Monopolthema dieser dreibuchstabige Hersteller genannt wird und vorgeschlagen wird, durch die Schaffung europäischer Normen auf dem Gebiet der Datenfernverarbeitungen Gegengewicht zu schaffen. Käme man dabei nicht vom Regen in die Traufe?

Natürlich ist die Schaffung unterschiedlicher Normen auf nationaler Ebene und auch auf europäischer Ebene und dann vielleicht noch auf internationaler Ebene weltweit problematisch. Man sollte aber, um das Normungsproblem praktisch zu lösen, da anfangen, wo es am ehesten einen greifbaren Erfolg verspricht. Und da weiß ich, daß eine nationale Normung eher durchzusetzen ist, als eine europäische oder gar internationale. Man könnte jedoch beides machen, und ich glaube, daß die Datenverarbeiter weltweit in einem so engen Kontakt stehen, daß de eine nationale Norm nicht gegen eine bestehende oder eine im Werden begriffene internationale Norm festlegen würden.

- Nun fühlen sich die Elektroniker immer noch als Pioniere; das läßt sich auch an dem enormen Innovationstempo in der Elektronik ablesen. Es wird argumentiert, wir stünden eigentlich erst am Anfang und man sollte die Dinge nicht festschreiben.

Das ist richtig. Selbstverständlich ist eine ganze Norm grundsätzlich ein Stagnationsmoment auf der einen Seite, wenn man, die Entwicklung sieht, und zum anderen auch eine Einschränkung in der Gestaltungsfreiheit. Ich glaube aber, daß es in der Datenverarbeitung, wenn man beispielsweise an das Problem Schnittstellen bei Computerverbund und Datenbanken denkt, im Grunde eine Menge Dinge gibt, die sich so stark nicht geändert haben. Die Lochkarte ist tot, sagt man. Ich bin heute hier in Wien in einem großen, modernen Rechenzentrum gewesen, das vor vier Wochen bezogen worden ist. Die ersten zwei Personen, die mir über den Weg liefen hatten beide kleine Lochkartenstapel in der Hand. Ich habe das schmunzelnd registriert Aber die Lochkarte ist ein Beispiel, wo sich früh eine Normung eingeführt hat, obwohl die Lochkarte erst lange danach offiziell genormt worden ist.

-Dieser Kongreß steht unter dem Generalthema "Grenzen und Möglichkeiten der Informationsverarbeitung: Wäre nicht Normung mit Verzicht gleichzusetzen - und zwar in dem Fall mit freiwilligem Verzicht, mit dem Nichttun des in der Informationsverarbeitung Möglichen?

Ich behaupte - und der Vergleich mit anderen Gebieten scheint das zu beweisen -, daß eine Norm, die einmal geschaffen worden ist, zwar eine gewisse Beharrungstendenz hat, aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß eine Norm etwas ist, was für die Zeiten gemacht ist: Man kann Normen ja auch verbessern. Das hat man in vielen Fällen getan und das muß natürlich auch in der Datenverarbeitung möglich sein. Es wird sich hier sogar zeigen, daß man - durch die technische Entwicklung bedingt - eine gewisse Geschwindigkeit registrieren wird, in der sich Normen verändern. Selbst eine Norm, die sich ändert, ist besser als keine Norm.

- Sie machen sich mit Ihrer Aussage zum Anwalt der Anwender. Trifft es denn Ihrer Erfahrung nach zu, daß der Anwender an einer Stabilisierung seiner Systeme interessiert ist? Oder ist es nicht vielmehr so, daß er stets dem technisch Neuesten hinterherjagt?

Zu dieser Frage fällt mir ein Statement eines Großanwenders ein, das ich vor zwei, drei Jahren auf einer ähnlichen Veranstaltung gehört habe und zwar aus dem Mund eines Mannes, der glaubwürdig ist. Der hat mir damals zur Frage der Wirtschaftlichkeit gesagt: "Uns interessiert gar nicht mehr, ob der Computer wirtschaftlich arbeitet, er muß nur arbeiten, er muß sicher arbeiten. Denn wenn er nicht arbeitet, können wir unseren Laden zumachen." Und insofern möchte ich die Aussage, die Sie gemacht haben, relativieren. Selbstverständlich möchten die Betriebe - und das gilt für den großen wie für den kleinen - nicht mehr mit einer Z 23 von Zuse arbeiten oder mit einer alten IBM 421. Aber es ist kaum einzusehen, daß ein Betrieb, der aus wirtschaftlichen Gründen in seinem gesamten Investitionsbereich eine gewisse Ruhe haben muß und das als ein wichtiges Ziel ansieht, ausgerechnet in diesem Bereich, der auch ein wichtiger Investitionsbereich ist, gegenteilig verfährt. Ein System, das zufriedenstellend läuft und gewisse Erweiterungsmöglichkeiten in quantitativer und qualitativer Sicht hat, ist doch kein schlechtes, auch wenn es acht Jahre im Einsatz ist.

- Stichwort "Investitionsbereich": Der Workshop "Wirtschaftlichkeit des Computereinsatzes; den Sie moderiert haben, war sehr gut besucht . . .

. . . das ist ein wichtiges Indiz dafür, daß die Betriebe heute sehr viel bewußter hier - vermutlich konjunkturbedingt - Fragen der Wirtschaftlichkeit beachten und auf diesem Gebiet Erfahrungsaustausch und Ratschlag suchen, als zum Beispiel in einem Workshop, wo es um die allerneuesten technischen Entwicklungen geht.

- Auf welchen Gebieten scheinen Ihnen denn Normen am dringensten erforderlich zu sein, wo so sollte man schnellstens zu Ergebnissen kommen?

Am erfolgversprechensten erscheinen mir Normen im Hardwarebereich und zwar insbesondere in dem Bereich, wo Computerverbund, wo Netzwerke und ähnliches im Einsatz sind. Es bedarf oft sehr sorgfältiger Vorbereitung und Anpassung individueller Installationen, und Normung würde sowohl vom Zeitaufwand als auch vom Aufwand an Geldmitteln ganz erhebliche Vorteile bringen. Im Softwarebereich scheint mir die Situation deshalb schwieriger, weil dort zwei Aspekte von Bedeutung sind: Einmal das Standardprogramm, das irgendwo gemacht wird, und dann das Anpassungsproblem an die individuelle Organisation. Bei aller Euphorie im Hinblick auf die Einsetzbarkeit von Standard-Software meine ich, daß eine gewisse individuelle Anpassung, und damit eine gewisse Individualität der Organisation, etwas ist, was sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus außerökonomischen Gründen erhaltenswert ist.