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28.06.1996 - 

Telecom-Markt im Umbruch

Wenn der Markt nicht auf ein Gesetz wartet

Maximilian Ardelt gilt als ein für Branchenverhältnisse durchaus geschliffener Redner, und dieses Mal gab sich der Viag- Manager noch eine Spur mehr Mühe als sonst - fast schon staatsmännisch. Die politischen Parteien und Verbände, Experten und auch die interessierte Industrie hätten sich, so das für den Bereich Telekommunikation zuständige Vorstandsmitglied des Münchner Energieversorgers kürzlich auf einer "Handelsblatt"- Konferenz, für "einen volkswirtschaftlichen Großversuch in Sachen liberaler Marktwirtschaft entschieden". Die Dimension dieses Vorhabens werde erst deutlich, wenn man den deutschen Telecom- Markt in seiner derzeitigen Struktur mit dem Verkehrswesen in Analogie setze. Was Ardelt damit meinte, verdeutlichte er im folgenden mit einem Bild: Die Bundesbahn, sämtliche Straßenverkehrsunternehmen und die Lufthansa sind in einer Hand, zudem ist dieses Mammutunternehmen auch noch Eigentümer aller Gleisstrecken, öffentlicher Straßen und Flughäfen. Liberalisiert ist bisher nur der unternehmensinterne und ein kleiner Teil des grenzüberschreitenden Verkehrs. Darüber hinaus wurden vor einigen Jahren ein paar neue Fluggesellschaften lizenziert.

Wer nun aber glaubt, der Viag-Vorstand hätte mit dieser auf den ersten Blick übertriebenen Darstellung bei seiner Zuhörerschaft Heiterkeit oder gar Beifall ausgelöst, irrt. Stummes Kopfnicken war unter den versammelten Experten angesagt - zu genau weiß der Mann, wovon er spricht, und mit dieser Beschreibung des deutschen Telecom-Marktes vor dem 1. Juli 1996 hat er exakt ins Schwarze getroffen. Katzenjammer herrscht unter den künftigen Wettbewerbern des Noch-Monopolisten Telekom, die einst, nämlich vor rund drei Jahren, mit regelrechter Goldgräberstimmung angetreten waren. Längst ist man nun aber dabei, nachzurechnen, erst heimlich, still und leise, inzwischen auch laut und vor allem öffentlich. Der Reiz eines stark wachsenden Marktes spreche, wie sich Ardelt nun für die Telecom-Pläne seines Unternehmens fast entschuldigt, für sich. Nur ein Prozent Marktanteil in Deutschland bedeute in zehn Jahren etwa 1,5 Milliarden Mark Umsatz - das hat sich bei Viag, aber auch bei RWE, Veba, Thyssen & Co. noch vor kurzem anders angehört.

Prall gefüllte Kassen reichen nicht aus

Prall gefüllte Konzernkassen und ein paar Telefonleitungen reichen nicht aus, um im internationalen Wettbewerb sowie im Kampf mit der Telekom um die deutschen Kunden bestehen zu können, warnten Experten, die sich von der Euphorie nicht blenden ließen, schon seit längerem. Befürchtet hat man dies im übrigen auch bei British Telecom (BT), AT&T, Cable & Wireless und Bell South, den internationalen Partnern der deutschen Möchtegern-Carrier, wo nun Insidern zufolge das Stirnrunzeln darüber, worauf man sich eingelassen hat, täglich größer wird. Der Fluß von Kapital und vor allem Know-how ohne Ende wird da in den nächsten Monaten und Jahren angesagt sein.

Aber das ist angesichts des neuen Telekommunikationsgesetzes nur ein Nebenkriegsschauplatz - sofern dies irgendwann verabschiedet wird. Bitte noch vor der Sommerpause, denn wir benötigen Planungssicherheit, heißt es bei den künftigen Wettbewerbern der Telekom, die ja längst keine Novizen im Markt mehr sind das Corporate-Network-Geschäft läßt grüßen.

Und genau hier drückt die privaten Carrier der Schuh: Seit 1989 weiß man, was es heißt, dem Noch-Monopolisten Telekom im Geschäftskundenmarkt (ursprünglich nur bei den Datendiensten) Paroli zu bieten. Außer Achtungserfolgen, sowohl was den Umsatz als auch den Kampf an diversen juristischen Fronten angeht, ist dabei allerdings nicht viel herausgekommen.

Apropos Achtungserfolge: Die jüngste, bei der EU-Kommission in Brüssel eingereichte und auf den ersten Blick auch erfolgreiche Beschwerde des Verbandes der Telekommunikationsnetz- und Mehrwertdiensteanbieter (VTM) gegen die Großkundenrabatte der Telekom beim Telefondienst war so einer. Und wie schon öfter in der Vergangenheit dürfte dieser Konflikt nach der Meinung nicht weniger Insider ausgehen wie weiland das berühmte Hornberger Schießen: Der VTM bekommt recht und die Telekom das, was sie wollte - nur später und geringfügig modifiziert.

Doch zurück zum Wettbewerb und damit zwangsläufig noch einmal zu den umstrittenen Großkundenrabatten. Seitdem die Kunden davon wissen, ist das Corporate-Network-Geschäft fast zum Stillstand gekommen, klagt Vebacom-Chef Ulf Bohla im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", und COMPUTERWOCHE-Recherchen ergaben vor einigen Wochen ähnliches. "True-Margenta"-Denken ist bei der Telekom-Klientel in, ein Wechsel zur privaten Konkurrenz eher die Ausnahme, auch wenn das ehemalige Bonner Postunternehmen meistens immer noch so zu agieren scheint, wie man es aus alten Monopolzeiten gewohnt ist: träge, unflexibel und damit wenig kundenorientiert.

Wie soll das erst ab dem 1. Januar 1998 werden, wenn es im Massenmarkt des öffentlichen Telefondienstes um die Gunst von mehr als 40 Millionen Privatkunden geht, fragt man sich nicht nur bei Vebacom. Dies um so mehr, als trotz DECT und anderen Funktechniken ohne die Telekom im Ortsnetzbereich nichts gehen wird, weil man sonst im wahrsten Sinne des Wortes auf seinen langen Leitungen sitzenbleiben würde. Nicht umsonst war und ist das Thema Interconnection zentraler und umstrittener Bestandteil des neuen Telekommunikationsgesetzes. Wie überhaupt selten eine ganze Branche so sehnsüchtig auf ein gesetzliches Rahmenwerk gewartet hat, das den Wettbewerb regeln soll - wohl wissend, daß davon (zunächst) kaum die Rede sein kann. Auch nicht durch die von der EU-Kommission verlangte vorzeitige Freigabe alternativer Netze zum 1. Juli 1996. Auf die einzelnen Rechtsverordnungen wird es ankommen Arbeit zur Genüge also für den künftigen Regulierer.

Beschäftigen wir uns daher noch ein bißchen mit dem, was schon Sache ist. Zum Beispiel ein letztes Mal mit dem Bild, das die Telekom derzeit dort abgibt, wo sie Wettbewerb quasi vorfindet. Grundsätzlich zu spät, dann aber gewaltig, scheint dabei das Motto zu sein - das war 1993 bei der "Geburt" der Corporate Networks so und ist jetzt bei den neuen City-Netzen wieder zu beobachten, meinen Kritiker. Während die deutschen Energieversorger noch an ihren jeweiligen Plänen zum Aufbau eines bundesweiten Vollsortiment-Anbieters sitzen, hat sich am, wenn man so will, unteren Ende des Marktes längst weitere - für die Telekom um einiges gefährlichere Konkurrenz - breitgemacht.

ISIS Multimedia Net, Netcologne, TMR (Telekommunikation Mittleres Ruhrgebiet) oder M-Net heißen nur einige der sogenannten Stadt- Carrier, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Anders formuliert: Die Kommunen haben den Wachstumsmarkt Telekommunikation entdeckt - gemäß dem Motto: wenn nicht über Wegegebühren, dann als eigener Netzbetreiber zusätzliche Einnahmen generieren. Dumm ist in dem Zusammenhang nur, daß vor den Städten und Gemeinden bereits jemand da war, den vorher kaum jemand wahr-, geschweige denn ernstgenommen hat. Firmen wie MFS und Colt Telecom nämlich, die das können, was die Stadtväter erst noch unter Beweis stellen müssen: Als professioneller Telecom-Dienstleister erfolgreich in einem Nischenmarkt zu agieren.

Der Deutschland-Chef von Colt Telecom, Horst Enzelmüller, spricht denn auch offen von einem "Interessenkonflikt" bei den Städten und Gemeinden, die nicht wüßten, wie sie mit Firmen wie Colt umgehen sollen - einerseits sieht man hier eine lästige Konkurrenz, andererseits zahlungskräftige Interessenten für die Benutzung städtischer Trassen zur Verlegung eigener Glasfaserringe, mit denen Colt Telecom etwa in der Frankfurter City große Geschäftskunden, darunter viele Banken, beliefert. Weniger Probleme mit dem "Feindbild" hat indes die Telekom, die ihre neuen Wettbewerber längst beim Tempo der Inbetriebnahme neuer City-Netze abgehängt hat und offensichtlich auch sonst mit im Konkurrenzkampf üblichen Methoden zu Werke geht. Von Dumping-Preisen ist da unter der Hand die Rede und von im Prinzip erneut unzulässiger Quersubventionierung, weil die Bonner in den Ballungsgebieten zum Teil auf aus Monopoleinnahmen finanzierte Infrastruktur zurückgreifen.

Längst feiert also der Wettbewerb im deutschen Telecom-Markt fröhliche Urstände, während man auf das Gesetz und die Verordnungen für eine weitere Marktöffung noch wartet. Bis dahin lebt die Branche im Ungewissen und weiß dennoch, daß sich mit dem Ende des Netzmonopols und mit dem Gesetz selbst an den Verhältnissen im Markt zunächst nicht viel ändern wird. "Die Kuh ist vom Eis", lobte sich Wolfgang Bötsch auf besagter "Handelsblatt"-Konferenz selbst und meinte damit das (damals) absehbare Ende des Gesetzgebungsprozesses. Nur böse Zungen behaupten, der Bundespostminister habe zu diesem Zeitpunkt schon gewußt, daß ihm die Bundesländer in Sachen Telekommunikationsgesetz noch einmal kräftig in die Suppe spucken würden.

Bleiben die Großkundenrabatte der Telekom, zu denen Bötsch von Amts wegen in jedem Fall noch einmal Stellung nehmen muß. Wie er entscheidet, weiß man nach den Brüsseler "Empfehlungen" längst - wann hingegen, nicht. Irgendwann vor der Sommerpause hieß es, spätestens Ende Juli nach der letzten Sitzung des CSU-Vorstandes in München. Soviel dazu.

Telekom hat noch andere Argumente

Die Mannen um Telekom-Chef Ron Sommer werden es abwarten können. Ansonsten böten sich in der Bonner Friedrich-Ebert-Allee ja auch noch andere "Wettbewerbs-Argumente" an. Eine Neuauflage der Monopoldebatte zum Beispiel, bei den Energieversorgern als den neuen Wettbewerbern im Telecom-Markt wahrlich kein schlechtes Thema. Viag-Vorstand Maximilian Ardelt weiß dies natürlich und hat auch auf dieses Problem eine Antwort: Von wegen die Mär von den Stromgiganten, die das Abenteuer Telekommunikation aus der Portokasse finanzieren. Zum Zeitpunkt der vollständigen Marktöffnung, also 1998, dürfte die Telekom über einen Cash-flow von rund 30 Milliarden Mark verfügen, und aus dem, so Ardelt, "investiert man bekanntermaßen".

Telekommunikationsgesetz

Noch ist nichts sakrosankt, sprich im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Dennoch stehen die Eckpunkte des Telekommunikationsgesetzes 1996 (TKG) fest. Die künftige Regulierungsbehörde wird im Verantwortungsbereich des Bundeswirtschaftsministeriums angesiedelt sein und von einem Präsidenten und zwei Stellvertretern geführt werden. Umstritten sind noch die Kompetenzen des aus Mitgliedern von Bundestag und Bundesrat zu besetzenden Beirats. Der von den Kommunen lange Zeit geforderte "Wegezoll" ist indes vom Tisch. Netzbetreiber können auch in Zukunft öffentliche Wege kostenlos als Trassen für ihre Leitungen nutzen. Mit Inkrafttreten des Gesetzes werden das Sprachdienst- und Netzmonopol der Telekom zum 31. Dezember 1997 vollständig beseitigt. Wenn es zu einer Verabschiedung des TKG noch vor der Sommerpause kommt, ist es ab dem 1. Juli 1996 möglich, alternative Netze für bereits liberalisierte Dienste zu nutzen. Netzbetreiber müssen ferner ab dem 1. Januar 1998 gewährleisten, daß Telefonkunden bei Verbleib am Standort und Wechsel des Betreibers ihre Rufnummer behalten können.

Angeklickt

Das Imperium schlägt (längst) zurück. Überall dort, wo sich die Telekom im Wettbewerb herausgefordert sieht, bekommt die Konkurrenz dies spät, aber nicht zu spät, zu spüren. Das neue Telekommunikationsgesetz, vor allem aber das darin manifestierte Ende des Netzmonopols der Telekom bedeutet bei weitem nicht die ursprünglich erhoffte große Zäsur für den hiesigen Telecom-Markt. Längst hat sich in Bereichen wie den Corporate Networks oder City- Netzen die "normative Kraft des Faktischen" durchgesetzt.