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30.06.2009

Wenn Entwickler sich entwickeln

Softwareprogrammierer werden auch in der Krise gebraucht. Können sie zuhören und reden, haben sie gute Aufstiegschancen.

Von Michael Schweizer*

Die IT-Branche ist gar nicht so schnelllebig. Zumindest wenn man mit Softwareentwicklern spricht, lernt man Berufswege wie den von Markus Abt kennen. Vor 18 Jahren hat er als Informatikstudent angefangen, bei Comet Computer in Projekten zu jobben. 1994 stellte ihn der Münchner Dienstleister, der sich auf technische Dokumentation spezialisiert hat, fest ein. Seither ist er dabeigeblieben. Mittlerweile leitet er die Softwareentwicklung für Kunden und den Hausbedarf sowie die interne Systemadministration.

Abt schätzt die "Varianz" seiner Aufgaben. Sie ist typisch für einen Mittelständler - Comet hat etwa 80 Mitarbeiter. Aber dass der Entwicklungsleiter "nicht mehr täglich" selbst programmiert und stattdessen der "permanente Kontakt" mit Kollegen und Kunden mehr Zeit in Anspruch nimmt, wäre auch in einem großen Unternehmen so gekommen. Höhere Positionen sind überall mit viel Kommunikation verbunden.

Das geht auch Alexander Hauswald so. Binnen sieben Jahren hat er sich beim Münchner IT-Beratungs- und Softwareunternehmen Consol (rund 180 Mitarbeiter) über Projekte zum Senior Entwickler und dann zum IT-Architekten hochgearbeitet. Als solcher plant er für Kunden IT-Architekturen nicht selten auf fünf oder zehn Jahre hinaus: "Ich habe sehr viel Kundenkontakt. Wenn ein Kunde ein Problem sieht oder sich neue Funktionen wünscht, bin ich der erste technische Ansprechpartner." Er entwirft einen Gesamtplan, empfiehlt "Vorgehensweisen und Technologien", hält sich aber aus manchen Einzelheiten heraus, so wie ein Hausarchitekt dem Handwerker nicht vorschreibt, "wie er eine Tür einbauen muss".

Von Menschen für Menschen

"Vom Wie zum Was" hat sich auch für Mirco Freiberg die "tägliche Kernfrage" verlagert, seit er beim Handelskonzern Otto Group (53.000 Mitarbeiter in 19 Ländern) Abteilungsleiter des vertrieblichen E-Commerce geworden ist. Die Java-Software, deren Entwicklung er leitet, "bindet komplexe Backend-Systeme an einen Webshop an". Doch dieses anspruchsvolle technische ist für Freiberg ein "People Business": "Ein Anwender prägt die Anforderungen an die Instrumente, die IT muss hier genau zuhören können und umsetzen." Ob draußen der Kunde oder im eigenen Haus der Anwender sitzt, ob der Softwarespezialist also beim IT-Unternehmen oder in einer anderen Branche arbeitet, macht unter Dienstleistungsgesichtspunkten keinen entscheidenden Unterschied.

Zwei Stichworte bringen Entwickler immer wieder. Erstens Flexibilität: Kunden ändern laufende Aufträge. Teilweise können sie nichts dafür, sondern bezwecken damit geschäftliche Umstellungen, zu denen der Markt sie zwingt. Softwareentwickler müssen das ertragen oder aus der Not ein Prinzip machen ("agiles Projekt-Management"). Zweitens Präsentation - Consol-Architekt Hauswald: "Der Kunde versteht oft den technischen Fokus nicht. Dann muss ich das Thema möglichst einfach und nicht zu technisch, aber trotzdem korrekt darstellen. Das lernt man durch Erfahrung und Feedback."

"Oh ja", sagt Thomas Geyer, Mitgründer und Vorstand von Skytec (rund 220 Mitarbeiter), der IT-Dienstleister und Berater aus Oberhaching achte bei der Suche nach Softwareentwicklern sehr darauf, dass die Neuen auch gut kommunizieren könnten. Auch in ihrem eigenen Interesse. Das reine Codieren falle durch die Geschwindigkeit, in der sich Tools und Sprachen entwickeln, am leichtesten, solange man 20 bis 35 Jahre alt sei. Bis dahin sollte man zusätzlich in andere Tätigkeiten hineingewachsen sein, "deshalb ist es uns wichtig, dass die Leute breiter aufgestellt sind". Zu den entsprechenden "höheren Aufgaben" zählt Geyer die Qualitätssicherung: Um Tests zu planen, brauche man "Erfahrung in der Entwicklung". Die Probeläufe ausführen könnten dann auch weniger routinierte Softwerker.

Relativ freundlicher Arbeitsmarkt

Für seinen Standort Hamburg-Bramfeld sucht Otto 30 neue IT-Mitarbeiter. Auch Skytec, Consol und Comet wollen einstellen. Laut einer Studie der

Bundesagentur für Arbeit gibt "Der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte" (Februar 2009) ein besseres Bild ab als viele andere Branchen. Im Juni 2008 waren 518.000 IT-Fachleute - darunter unter anderen

Bezeichnungen auch Softwareentwickler - sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 4,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor (Zuwachs in allen Berufen: 2,2 Prozent). Die Zahl der arbeitslos gemeldeten IT-Fachkräfte sank 2008 um 18 Prozent auf 27.900. Auf 2,1 gemeldete arbeitslose IT-Fachkräfte kommt immerhin eine gemeldete freie Stelle. Die Krise ist darin noch nicht eingerechnet. Aber niemand glaubt, dass die IT zu den Sparten gehört, die sie am schlimmsten treffen wird.

Unter den Beschäftigten ist der hohe Akademikeranteil weiter gestiegen. Man kann sich auch schwer vorstellen, dass Mirco Freiberg, Alexander Hauswald und Markus Abt eines Tages durch Quereinsteiger ersetzt werden oder durch weit entfernt lebende Billiglöhner. Durch Frauen wohl auch nicht: Deren Anteil an den IT-Beschäftigten ist auf 18,7 Prozent gefallen - im Durchschnitt aller Berufe liegt er bei 45 Prozent.

Stress und Schmerzensgeld

Comet, Consol, Otto und Skytec wurden alle schon mehrmals als gute Arbeitgeber ausgezeichnet. Vermutlich sind sie nicht repräsentativ. Anja Gerlmaier und Erich Latniak vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen untersuchen seit Jahren die Arbeitssituation von IT-Experten. Projektarbeit, wie sie heute oft ist, hat sich dabei als ungesund herausgestellt. Mitarbeiter in IT-Projekten sind müder, nervöser, schlafen schlechter und haben mehr Kopf- und Magenschmerzen als der Durchschnitt.

Besonders belastend ist die übertriebene Modularisierung der Arbeit: Programmierer und andere IT-Fachleute sind oft so vielen Projekten gleichzeitig verpflichtet, dass sie sich auf keines konzentrieren können. Viele Entwickler leiden darunter, dass sie aus Zeit- und Kostengründen technisch anspruchsloser programmieren sollen, als sie es für vertretbar halten. Aber auch unter guten Arbeitsbedingungen ist Informatik anstrengend: "Die Liebe zur Abstraktion, zum Logischen und zum (un)bedingten Determinismus ist nicht jedermanns Sache", warnt Otto-

Group-Abteilungsleiter Freiberg.

Wer mit alledem zurechtkommt, darf sich wahrscheinlich über ein gutes Gehalt freuen. Ob er mit einigen Jahren Berufserfahrung nun 67.650 Euro in München verdient oder 43.300 Euro in Cottbus, 45.000 Euro in einem Forschungsinstitut oder 63.686 Euro in einer Bank, ein Besserverdiener ist er allemal (die Zahlen stammen von der Hamburger Vergütungsberatung Personalmarkt). Vielleicht geht sogar noch mehr: In IT-Unternehmen, in denen die Gründer noch aktiv sind, sitzt oft ein ehemaliger Softwareentwickler in der Geschäftsführung. Im vierköpfigen Vorstand von Consol sind es drei.

Dr. Michael Schweizer ist freier Journalist und Textchef der COMPUTERWOCHE in München.

Drei Wege nach oben

Den abgeschotteten Dauerprogrammierer gibt es noch, viele halten ihn aber für ein Auslaufmodell. Tätigkeiten, die als zukunftsträchtiger gelten, sind mit viel Kommunikation verknüpft.

Projekt-Manager:

Aufgaben: Teamleitung in IT-Projekten, typische Dauer: mehrere Monate bis zwei Jahre.

Vorteile: Projekte bei externen Kunden entscheiden über den Unternehmenserfolg - Chance, sich unentbehrlich zu machen.

Belastungen: Sandwich-Position zwischen Kunden, Mitarbeitern und eigenem Vorstand. Überdurchschnittliches Gesundheitsrisiko.

Arbeitgeber: IT-Unternehmen mit Kundenprojekten: Dienstleister, Berater, manche Hersteller; Anwender mit ausdifferenzierter IT-Abteilung.

Freie Plätze: Typische Projektteams haben drei bis zehn Mitarbeiter. Viele Projektleiter arbeiten in mehreren Projekten gleichzeitig.

IT-Architekt:

Aufgaben: Langfristige Planung von Softwarearchitekturen bei Kunden, oft über fünf bis zehn Jahre.

Vorteile: Entlastung von Details, Blick fürs große Ganze, Aufstiegsweg in den Vorstand.

Belastungen: wie für Projekt-Manager, aber auf höherer Ebene und mit größeren Zahlen.

Arbeitgeber: IT-Unternehmen, die groß genug sind für langwierige und umfassende Kundenprojekte.

Freie Plätze: einer pro 30 bis 40 IT-Mitarbeiter.

Vorstand:

Aufgaben: prinzipiell alle Führungsaufgaben.

Vorteile: Chef sein.

Belastungen: Verantwortung auch für vieles, was man nicht steuern kann.

Arbeitgeber: vor allem jüngere IT-Unternehmen mit Softwareprojekten als Kerngeschäft.

Freie Plätze: überall, aber wenige. Außer man gründet selbst.

"Vereinfachen lernen kann jeder"

Axel Rittershaus trainiert IT-Experten in Präsentation, Kommunikation und Führung.

CW: Was macht einen guten Softwareentwickler aus?

RITTERSHAUS: Erstens das IT-Fachwissen - darin sind die meisten exzellent. Zweitens die Fähigkeit, die Bedürfnisse der externen oder internen Kunden zu verstehen - auch das können viele Entwickler gut. Drittens kommt es darauf an, komplexe technische Themen so darzustellen, dass auch fachfremde Gesprächspartner sie begreifen. Hier können sich manche Entwickler noch verbessern.

CW: Zunächst einmal sind sie also kommunikationsgestört?

RITTERSHAUS: Nein, überhaupt nicht. Untereinander verstehen sie sich ausgezeichnet. Sie müssen sich nur daran gewöhnen, im richtigen Moment von ihrer Fachsprache ins Allgemeinverständliche zu wechseln. Dabei hilft die Frage: Was verstehe ich selbst, wie versteht es auch der andere? Wie bei einem Arzt: Unter Kollegen ist das Medizinchinesisch nützlich, aber die Patienten würde es verunsichern.

CW: Gibt’s da viele hoffnungslose Fälle?

RITTERSHAUS: Praktisch gar keine. Man kann nicht aus jedem einen Obama machen. Aber jeder, der kompliziert denken kann, kann auch für andere vereinfachen, wenn man ihm ein paar Tricks zeigt.

CW: Zum Beispiel?

RITTERSHAUS: Missverständnisse entstehen, weil keiner in den Kopf des anderen hineingucken kann. Damit man nicht aneinander vorbeiredet, empfiehlt sich eine verständliche Grafik oder eine Flipchart-Zeichnung. Dann hat man etwas Gemeinsames, worauf man schaut.

CW: Hat sich der Entwicklerberuf in den letzten Jahren verändert?

RITTERSHAUS: Die Projektbudgets sind höchstens noch so hoch, dass es gerade reicht. Mehr als früher müssen Entwickler sich in den Kunden hineinversetzen: Was will und braucht er wirklich? Entwickeln um technischer Features willen geht nicht mehr.

CW: Können Entwickler da überhaupt noch sauber arbeiten?

RITTERSHAUS: Das müssen sie, aber eben oft um einiges einfacher, als sie gerne würden. Sie dürfen keine schöne Tür mit edler Klinke und tollen Scharnieren mehr einbauen, wenn der Kunde nur ein Brett braucht.

CW: Wenn ein Dachdecker mal 50 ist, sollte er nicht mehr selbst aufs Dach. Ist das bei Entwicklern so ähnlich?

RITTERSHAUS: Nein. Ich kenne über 60-jährige Entwickler, die mit ihrer Erfahrung und Ruhe Projekten helfen, wesentlich bessere Ergebnisse zu erzielen. Solche Leute bringen vielleicht nicht mehr 100 Prozent der möglichen Implementierungsgeschwindigkeit. Aber sie wissen hundertprozentig, was zu tun ist.