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01.03.1985 - 

Die Schwierigkeiten der Kultusbürokratie mit den "Neuen Technologien":

Wenn Hektik zum Chaos führt

Die "Neuen Technologien", die Computer in der Schule, sind das beherrschende Thema der Bildungspolitik in der Bundesrepublik. Die Diskussion hierüber Übersteigt an Heftigkeit die politische Auseinandersetzung um die hessischen Rahmenrichtungen für das Fach-Deutsch in den 70er Jahren. Die Schulen stehen unter Druck.

Angesichts der Hektik, die gerade - man mag es kaum glauben - von der Kultusbürokratie verbreitet wird, schlug der "Spiegel" bereits

Alarm: Von einer "Revolution im Unterricht" war auf dem Titelblatt zu lesen. Die plakative Überschrift der Titelgeschichte der gleichen Ausgabe hieß: "Alarm in den Schulen: Die Computer kommen". Ebensogut als Aufreißer hätte das Thema einer Gemeinschaftsveranstaltung des DGB, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der Ruhr-Universität Bochum getaugt. "Bis daß der Chip uns scheidet - neue Technologien und ihre gesellschaftlichen Folgen". Solche Tagungen, auf denen es um die neuen Technologien, die so neu gar nicht sind, und um ihre Behandlung im Schulunterricht geht, stehen auf der Tagesordnung von Kultusbürokraten, Professoren, Fachberatern und Lehrern. Eile scheint geboten - und dies gleich aus mehreren Gründen:

- Da ist die Rede vom zunehmenden Schwinden der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der (bundes-) deutschen Industrie, von einer technologischen Bedrohung durch die Forschungsgroßmächte USA und Japan. Hierauf müsse man mit der Einführung des Informatik-Unterrichts auf breitester Front reagieren.

- Aufgrund des hohen Stellenwerts der Neuen Technologien in der Arbeitswelt könne sich die Schule dieser Herausforderung nicht verschließen. In Zukunft sollen die Berufe von mehr als 2/3 aller Bundesbürger von den Neuen Technologien geprägt sein. Damit werden die Berufschancen der Schüler von Kenntnissen im Bereich der Computertechnik abhängig sein. Die Schule muß dann die solchermaßen veränderten Berufsanforderungen im Unterricht berücksichtigen, wenn sie weiterhin für sich in Anspruch nehmen will, daß man in ihr für das Leben - und nicht bloß für die Schule - lerne: Non scholae, sed vitae discimus.

Die einen möchten - als ein extremer Pol im Meinungsspektrum Computer möglichst schon im Kindergarten installieren. Sie plädieren für eine Beschäftigung mit dem Computer vom zarten Kindesalter an bis zum Abitur. Für sie steht die Beherrschung von Computersprachen gleichberechtigt neben den elementarsten Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen.

Andere wiederum - hier wird durch Hartmut von Hentig eine extreme Gegenposition markiert möchten den Computer am liebsten ganz aus den Schulen fernhalten. Für Hentig führen Computer zur Isolation, für ihn gibt es keine Beziehung mehr zwischen dem Computer und der kindlichen Erlebniswelt. Wiederum andere möchten Informatik als obligatorisches Fach in der Sekundarstufe I (Klasse 7 - 10). Sie wollen erreichen, daß auch Haupt- und Realschüler, nicht nur Gymnasiasten,

- Die Schule sieht sich im Bereich der Neuen Technologien einem starken Druck durch außerschulische Konkurrenz ausgesetzt. Eine wahre Computerwelle überschwappt gegenwärtig die Republik. Laut Spiegel "wurden die deutschen Städte (binnen weniger Monate) mit mehr Computershops überzogen als in den sechziger Jahren mit Sexläden". Eine Vielzahl populärer Computerzeitschriften buhlt um die Gunst der Computerfreaks, deren Wissensdurst und Experimentierdrang sie zu befriedigen sucht. Damit gerät die Schule aber in einen Wettbewerb, in dem ihre Chancen sehr schlecht stehen. Denn vieles, was die Schule erst noch in ihre Lehrpläne aufnehmen will, wird auf dem freien Markt bereits heute schon angeboten. Experten warnen deshalb auch schon vor einem Funktionsverlust der Schule.

- Die Schulen sind bisher in sehr geringem Unfang mit Computern ausgestattet. Zudem fehlen fachlich hinreichend qualifizierte Lehrer - oft, sind einzelne Schüler ihrem Lehrer weit überlegen. Auch mangelt es an entsprechenden Unterrichtsplänen.

Eile scheint in der Tat geboten, denn es gilt doch offenbar, einen großen Nachholbedarf zu bewältigen, den Anschluß an aktuelle Entwicklungen zu finden und weitere Defizite nicht mehr entstehen zu lassen. Allerdings gehen die Vorstellungen darüber, wie sich die Schule mit dem Komplex Neue Technologien beschäftigen soll, stark auseinander, ja sie stehen sogar in krassem Widerspruch zueinander während ihrer Schulzeit an Computern arbeiten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will eine kritische Distanz zur Computertechnik erreichen, indem sie für die Verdeutlichung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Einsatzes der Neuen Technologien plädiert. Weiterhin wird noch darum gestritten, ob ein eigenständiges Fach Informatik eingeführt oder ob der neue Stoff auf die bestehenden Fächer verteilt werden soll.

An Meinungen zu diesem Thema besteht also wahrlich kein Mangel die Liste unterschiedlicher Vorstellungen ließe sich noch beliebig fortsetzen. Der Eindruck eines gewissen "Chaos" läßt sich nicht vermeiden. Gemacht werden soll etwas - nur das Was und Wie ist noch umstritten. Ein Computerverkäufer, der an einer pädagogischen Diskussionsrunde teilnahm, faßte seinen dabei gewonnenen Eindruck wie folgt zusammen: "Die Anwesenden glauben, sie sitzen alle in einem Flugzeug. Alle freuen sich dabeizusein, ihnen fehlt nur der Pilot und das Wissen um das Reiseziel. Sie haben nicht einmal gemerkt, daß das Flugzeug ohne sie abgeflogen ist.

Dennoch, in dem Dickicht der widerstreitenden Meinungen scheint sich auf der praktischen Ebene ein zumindest vorläufiger - Kompromiß abzuzeichnen. Zunächst einmal soll die Einführung in Programmiersprachen systematisch strukturiert sein: die so gewonnenen Kenntnisse sollen in möglichst lebensnahen Aufgaben zur Anwendung gebracht werden. Organisatorisch wird sich der Informatikunterricht wohl auf die Sekundarstufe II (Klasse 11 - 13) beschränken, während es in der Sekundarstufe I kein eigenständiges Fach Informatik geben soll. Eventuell soll es dort eine längere Unterrichtseinheit zu diesem Thema geben.

In der Sekundarstufe Il dürfte Informatik - wenn überhaupt - eher als Wahl- denn als Pflichtfach eingeführt werden. Statt dessen soll der Stoff - hierfür plädiert zum Beispiel der niedersächsische Kultusminister Oschatz - auf das gesamte Fächerspektrum verteilt werden. Der Komplex Neue Technologien soll also nicht nur im Mathematikunterricht, sondern auch in Physik, Deutsch, Gemeinschaftskunde, Religion oder Biologie behandelt werden.

Doch auch hieran ist Kritik geübt worden, Mit dem gleichen Argument", so wird der Dortmunder Professor Volker Claus vom Spiegel zitiert, "kann man Mathematik und Deutsch in allen anderen Fächer integrieren".

Angesichts dessen, was der Kultusbürokratie da an praktischen Konzepten vorschwebt, kann einem schon Angst und Bange werden. Angst und Bange angesichts der Konzeptionslosigkeit, mit der offensichtlich an das Thema Neue Technologien herangegangen wird, Angst und Bange auch angesichts der Hektik und Kurzsichtigkeit, mit der dies alles geschieht.

Am bedeutsamsten für die zu beobachtende Hektik scheint uns die immer wieder vertretene These von der drohenden technologischen Rückständigkeit der Bundesrepublik zu sein. Und in der Tat: Die Bundesrepublik Deutschland ist einem sich verschärfenden internationalen Wettbewerb ausgesetzt, wobei gerade die Forschungsmächte USA und Japan als Gefahr empfunden werden.

Als Allheilmittel gegen den angeblich drohenden Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie sollen nun die Neuen Technologien verstärkt im Unterricht behandelt werden. Doch die Verfechter einer solchen Position verkennen dabei, daß sich die geforderte Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie kurzfristig nicht allein durch eine veränderte Schul- und Berufsausbildung erreichen läßt. Für technologische Spitzenleistungen ist Spitzenforschung notwendig - nur findet diese nicht in den Schulen statt.

An den Universitäten, wo sie stattfinden könnte und müßte, wird ihr durch stetige Mittelkürzungen allmählich die finanzielle und personelle Grundlage entzogen. Der internationale Konkurrenzdruck besteht auch nicht erst seit gestern. Er ist notwendig und untrennbar mit der starken Exportorientierung der deutschen Wirtschaft verbunden.

Zudem scheint uns die vorherrschende Hektik noch aus einem anderen Grund völlig unnötig zu sein. So weisen Experten darauf hin, daß die Funktionsweise eines Computers zu kompliziert sei, als daß sie im Unterricht behandelt werden könne. Karl Frey, Direktor des Kieler Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften: "Schon heute ist ein promovierter Physiker nicht in der Lage, Funktion und Konstruktionsweise eines Mikroprozessors zu erklären. Er braucht einen speziellen Kurs dazu. Niemand kann erwarten, daß die gesamte Bevölkerung über die Struktur von Mikroprozessoren Bescheid weiß."

Was dann noch für den Unterricht bleibt, sind die Programmiersprachen. Doch auch hier sind gewichtige Einwände zu verzeichnen. So Jochen Schweitzer, Leiter des Referats Allgemeine Bildungspolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die Anwendung, die Bedienung und Sprache werden aber in kürzester Zeit so einfach, daß sie nicht Gegenstand des Unterrichts zu sein brauchen. Wir lernen ja heute auch nicht mehr das Morse-Alphabet, weil es Telefone gibt (ein Werbespruch von Commodore). Und Programmieren lernen soll auch nicht Aufgabe der Schule sein".

Was soll dann die Behandlung der Neuen Technologien überhaupt noch im Schulunterricht, mag sich da manch einer fragen. Sollte man angesichts des sich abzeichnenden Chaos nicht lieber darauf verzichten, die Neuen Technologien in den Schulen einzufahren. Eine solche Schlußfolgerung liegt nahe - und dennoch ist sie falsch.

Auf eine Beschäftigung mit den Neuen Technologien im Unterricht kann und darf grundsätzlich nicht verzichtet werden. Und das aus einem ganz einfachen Grund. Denn wenn einerseits ihre Bedeutung in der Arbeitswelt ständig zunimmt und wenn andererseits die Schule ihrem auch gesetzlich verankerten Auftrag zur Berufsorientierung nachkommen will, dann muß sie sich zwangsläufig mit ihnen beschäftigen.

Es geht also nicht mehr um das "Ob", sondern nur noch um das "Wie". Und gerade bezüglich des "Wie" muß ein völlig anderer Weg beschnitten werden, als dies die Kultusbürokratie gegenwärtig tut. Wenn sich, wie oben gezeigt wurde, der angeblich drohende Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit eben nicht durch eine Einführung des Informatikunterrichtes an den Schulen erreichen läßt, dann sollte sich die Schule bei der Behandlung der Neuen Technologien sinnvolleren Zielen zuwenden.

Um aber zu erkennen, was überhaupt sinnvoll ist, muß zunächst eine Sachanalyse angefertigt werden mit dem Ziel, wissenschaftlich abgesicherte Kriterien zu erhalten für die Beantwortung der Frage: "Wie sollen die Neuen Technologien im Unterricht behandelt werden?" Erst wenn dieser Schritt getan ist, kann der nächste erfolgen.

Ein höchst sinnvoller Weg liegt in der Verbindung des Komplexes Neue Technologien mit einem praxis- und handlungsorientierten Ansatz. Dabei käme es darauf an, in einem interdisziplinären Curriculum gleichrangig technische, wirtschaftliche, soziale und arbeitswissenschaftliche Momente zu behandeln.

Durch ein solches Vorgehen könnte erreicht werden, daß der Schüler zu einem kritischen, selbständigen Umgang mit den Neuen Technologien angeleitet wird, daß er über ihre Vorgeschichte (Entwicklung der Arbeitsorganisation und Technik), über Kenntnisse in der (EDV/Informatik und der Anwendungsbereiche dieser Technologien, ihrer Chancen und Gefahren zu einer rationalen Einschätzung kommt. Einer Einschätzung, die in Verbindung mit den im Verlauf eines solchen Curriculums gewonnenen Kenntnissen und Einsichten in die Arbeitswelt zu einem verbesserten Berufswahlverhalten und einer Verbesserung der Handlungsfähigkeit im späteren Berufsleben führen kann: Non scholae, sed vitae discimus.

Ein solches Curriculum ist von den Verfassern dieses Aufsatzes bereits entwickelt worden (CW 47/84, Seite 57ff.). Es gliedert sich in sieben Punkte:

1. Arbeitsorganisation und organisatorische Rationalisierung - historischer Abriß

2. Technikentwicklung und technische Rationalisierung (erste bis dritte industrielle Revolution)

3. Grundbegriffe der elektronischen Datenverarbeitung

4. Anwendungsmöglichkeiten in Verwaltung und Produktion (Fallbeispiele)

5. Auswirkungen, Perspektiven und Konsequenzen des Einsatzes Neuer

Technologien

6. Humanisierung des Arbeitslebens und Ausblick

7. Berufs- und handlungsorientierte Umsetzung.

Das nächste Ziel wird es sein, das vorgestellte Curriculum adressatenspezifisch umzusetzen. Erste praktische und durchweg positive Erfahrungen der Autoren in allgemeinbildenden Schulen, in der Erwachsenenbildung sowie in der Lehrerfort- und -weiterbildung liegen bereits vor.

Mit diesem berufs- und handlungsorientierten Ansatz, dem eine sorgfältige und systematische Analyse der Arbeitswelt zugrundeliegt möchten wir uns keineswegs gegen eine Behandlung der Neuen Technologien auch in Fächern wie Deutsch, Gemeinschaftskunde oder Sport aussprechen. Gerade aus Gründen der Aktualität werden sich auch solche Fächer mit diesem Thema beschäftigen müssen. Nur: ehe dieses geschieht, sind fundierte Überlegungen anzustellen, wie dies in einer didaktisch und methodisch sinnvollen Weise geschehen kann.

Weniger Hektik ist also wünschenswert. Bei dieser Feststellung sind wir uns mit Prof. Peter Gorny (Universität Oldenburg) einig, der die Einführung von obligatorischem informatischen Unterricht frühestens in sechs bis acht Jahren für möglich hält. Neben den fehlenden Curricula - Ausnahme: gymnasiale Oberstufe mit Informationsunterricht im engeren Sinne auf freiwilliger Basis - weist Gorny vor allem auf Defizite in der Lehreraus-, -fort und -weiterbildung, insbesondere auf warnende Stimmen aus den USA hin, die uns daran erinnern, "daß wir niemandem suggerieren dürfen, informatorische Grundbildung erschöpfe sich im Schreiben von Basic-Programmen zum Suchen der Primzahlen bis 100, ebenso wie musische Bildung nicht im Einfinger-Klimpern von "Hänschen-Klein" besteht, oder die Fähigkeit zum Lesen von Verkehrsschildern den Zugang zur abendländischen Literatur eröffnet".

*Wilfried Jungkind ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem arbeitswissenschaftlichen Forschungsprojekt, Hannover

Wolfgang Reich ist als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig, Hannover

Roland Schalles ist selbständiger EDV- und Organisationsberater, Hannover