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23.04.1999 - 

ACM 99: Junge Programmierer kämpfen um Weltmeistertitel

Wenn Informatiker wie Musketiere denken

EINDHOVEN (ag) - Im Studium kämpfen sie in der Regel allein gegen den Computer, im Finale der diesjährigen Programmier-Olympiade mußten 186 Studenten aus der ganzen Welt gemeinsam mit ihren Kommilitonen am richtigen Code basteln. Die Teamarbeit im Wettlauf gegen die Uhr kostete so manchen den letzten Nerv.

Seine Augen verraten keinerlei Bewegung, seit Minuten blickt Ilia Polian starr auf den Bildschirm, auf dem nur wenige Zahlen und Zeichen zu sehen sind. Seine ganze Anspannung scheint sich in sein rechtes Bein verlagert zu haben, es wippt ununterbrochen. Mit seinen Händen kann der Informatikstudent nichts anfangen. Die Tastatur ist von seinem Kommilitonen Immanuel Herrmann belegt. Auch dem Dritten im Bunde, Daniel Fleig, bleibt nichts anderes übrig, als auf den Bildschirm zu starren und auf Herrmann einzureden, während dieser unablässig tippt.

Die Anspannung der Freiburger Studenten ist greifbar, auch wenn der Tag des großen Finales noch bevorsteht. Sie sind eines der 62 Dreier-Teams, die sich im Herbst unter insgesamt 6000 Studenten für die Endrunde des weltweit größten Programmierwettbewerbs qualifizieren konnten. Den "ACM International Collegiate Programming Contest" richtet die ACM Association for Computing bereits seit 1970 aus und holt sich dafür Sponsoren aus der Industrie. Nach Apple, Texas Instruments, AT&T und Microsoft hat Bill Poucher, Informatikprofessor an der Baylor University in Waco, Texas, und Vater des Wettbewerbs, vor zwei Jahren IBM als Hauptförderer gewinnen können.

Daß Big Blue nicht nur Hard- und Software zur Verfügung stellt, sondern auch einen Großteil der übrigen Kosten trägt, hat handfeste Gründe. "Der Expertenmangel ist akut und wird in Zukunft noch zunehmen", so Gabriel Silberman vom IBM-Entwicklungslabor in Toronto. "Für uns ist der Wettbewerb eine wunderbare Möglichkeit, zu zeigen, wie faszinierend IT-Jobs sein können." Allein in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika (EMEA) will IBM in diesem Jahr 11000 neue Mitarbeiter einstellen. Ein harter Job für den Wiener Michael Steiner, der die zentrale Rekrutierung von Paris aus steuert. Arbeitsverträge für die späteren Sieger hat er nicht in der Tasche, zumal viele Teilnehmer noch am Anfang ihres Studiums stehen. Er ist schon froh, wenn er die Studenten für Ausbildungs- und Praktikantenprogramme interessieren kann.

Die Studenten ließen die Werbeveranstaltungen des Sponsors am ersten Tag gelassen über sich ergehen, bevor sie sich mit voller Lust in die Welt des Programmierens stürzten.

Das Cyber-Café in der Technischen Universität Eindhoven übte für viele mehr Anziehungskraft aus als das Nachtleben der holländischen Stadt. Vom Kneipenviertel hatte Kathleen Luce aus Kalifornien nichts mitbekommen, da sie bis Mitternacht mit ihrem Team vor dem PC saß, um die ungewohnte Programmierumgebung auszutesten und zwischendurch mit ihrem Freund in San Luis Obispo zu chatten. Auch am nächsten Morgen sind schon wieder alle Plätze vor den Computern im Cyber-Café belegt.

Da es beim Wettbewerb auf jede Sekunde ankommt - acht komplexe Aufgaben sind innerhalb von fünf Stunden zu lösen -, nutzen die Studenten die verbleibende Zeit für Übungen. Ob es nun darum geht, eine Autobahntrasse zu planen oder Nachrichten sicher zu verschlüsseln, hinter jeder Aufgabe verbergen sich Algorithmen, die aufgedeckt werden müssen. Auch drei Studenten aus Ulm stecken die Köpfe zusammen, um ihre Strategie auszuhecken. "Im Studium kämpft jeder von uns allein gegen den Rechner", gibt der 22jährige Ralf Gandy zu. "Hier geht aber ohne Teamarbeit nichts. Da muß man sich umstellen." In den vergangenen zwei Wochen haben die Ulmer darum jeden Tag vier Stunden zusammen geübt und so ihre Schwächen und Stärken ausgelotet. Gandy, der Wirtschaftsmathematik studiert, hat sich als Mann fürs Knifflige herausgestellt, so daß er sich im Wettbewerb auf die mathematischen Aufgaben konzentrieren will.

Das wird den Ulmern zum Verhängnis, da in diesem Jahr das Gros der Aufgaben mathematischer Natur ist und Gandy während des Finales zeitweise überlastet ist. Da die Lösungen zwischendurch immer wieder zur Jury geschickt werden und die Strafpunkte bei einem Fehler im Programm prompt über das Netzwerk zurückkommen, ist der Druck enorm. Eine aktuelle Rangliste ist bis eine Stunde vor Schluß jederzeit am Bildschirm abrufbar, zusätzlich bekommt jedes Team für eine gelöste Aufgabe einen Luftballon an den Tisch gebunden. Je mehr bunte Ballone in der Mensa herumschwirren, desto nervöser werden die Teams, die mit eigenen Augen sehen, wie eng das Feld ist.

Auch die drei Freiburger Studenten tauchen immer mal wieder kurz aus ihrer Programmierwelt auf, um die Luftballone der Teams in ihrem Blickfeld zu zählen oder sich einen kleinen Snack zu genehmigen. Ansonsten bleiben sechs Augenpaare unentwegt auf den Bildschirm gerichtet, um potentielle Programmierfehler aufzuspüren. "Wir machen alles gemeinsam" lautet ihre Strategie, die ihnen am Ende zum zweiten Platz, 4500 Dollar Preisgeld und drei Laptops verhilft. Ein Triumph für das Trio und seine Universität, die mit einem Team vor vier Jahren als erste Europäer den Wettbewerb gewonnen hatte. Der war in der Vergangenheit stark von amerikanischen Hochschulen dominiert. Das hat sich aber seit einigen Jahren geändert, zum Finale nach Eindhoven reisten immerhin 13 Teams aus Europa an.

Wettbewerbserfinder Poucher ist glücklich, daß die Olympiade immer größere Kreise zieht, zumal sie auch in seinen Augen die beste Werbung für IT-Berufe ist. Auch wenn die Studenten in ihrem späteren Berufsfeld wohl kaum errechnen müssen, wieviel Wasser die quadratischen Wasserbehälter eines riesigen Würfels verlieren, wenn sie eine Kugel aus einem Gewehrlauf trifft. "Der wichtigste Lerneffekt ist für die Studenten, daß sie lernen, unter Zeitdruck zu programmieren. Und zwar so, daß das Produkt am Ende auch funktioniert", beschreibt Poucher.

Für Immanuel Herrmann heißt das, daß er während des Wettbewerbs auf seine sonst so geliebten kryptischen Ausschweifungen im Programmcode verzichten muß. " Wir müssen jetzt auf die Sekunde genau einschätzen, wie lange der Algorithmus läuft", beschreibt der 24jährige Tüftler, dem die Aufgaben gar nicht knifflig genug sein können. Im Kampf gegen die Uhr entscheiden sich die meisten Teams darum auch für die Programmiersprachen C oder C++ und gegen Java, da man bei letzterer ausführlichere Codes schreiben muß.

Für das Ulmer Team hat es zum Schluß trotz C++ "nur" für den 18.Platz gereicht, was die Studenten aber nicht als Mißerfolg verbuchen. Denn wie begehrt sie am Arbeitsmarkt sind, wurden ihnen auf der Heimfahrt einmal mehr bewußt, als sie ein Mitreisender über den Wettbewerb ausfragte und sie am liebsten auf der Stelle für seine Firma engagiert hätte.