Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

16.09.2016 - 

Arbeitsmarkt

Wenn Überstunden Alltag sind

Am deutschen Arbeitsmarkt knirscht es. Überstunden und ungünstige Arbeitszeiten sind für viele Beschäftigte Alltag. Gewerkschaften und Arbeitgeber drängen aus unterschiedlichen Motiven auf neue Regeln.
Die Deutschen machen zu viele unbezahlte Überstunden.
Die Deutschen machen zu viele unbezahlte Überstunden.
Foto: SVLuma - Fotolia.com

Die Arbeitswelt in Deutschland ändert sich rasant. 43,5 Millionen Menschen gehen aktuell einer Erwerbstätigkeit nach, so viele wie noch nie zuvor. Globalisierung und Digitalisierung setzen die Firmen unter Druck, ihre Mitarbeiter möglichst flexibel und rund um die Uhr einzusetzen. Auf der anderen Seite formulieren Arbeitnehmer immer selbstbewusster ihre Bedürfnisse nach Planungssicherheit und selbstbestimmter freier Zeit.

"Die Arbeitswelt ist vielfältiger und weiblicher, aber auch instabiler geworden", formuliert das Bundesarbeitsministerium in seinem "Grünbuch Arbeit 4.0". Was das heißt, hat das Statistische Bundesamt in seiner Sammlung "Qualität der Arbeit" zusammengetragen, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Fast jeder dritte Erwerbstätige in Deutschland arbeitet inzwischen in Teilzeit, mit 28 Prozent eine der höchsten Quoten in Europa. Vor allem die ausgeweiteten Ladenöffnungszeiten haben für viele Beschäftigte zu zusätzlicher Abend- und Samstagsarbeit geführt.

Im Schnitt 40,5 Stunden arbeiten abhängig beschäftigte Vollzeitkräfte in einer normalen Arbeitswoche - eine halbe Stunde länger als vor 20 Jahren. Das ist deutlich weniger als gesetzlich zulässig (48 Stunden), aber auch viel mehr als laut DGB tariflich vereinbart (37,7). Die Folge sind 764 Millionen bezahlte und 940 Millionen unbezahlte Überstunden im vergangenen Jahr, wie das bundeseigene Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnet hat.

Die IG Metall will den Verfall geleisteter Arbeitszeit nicht länger hinnehmen und macht ihn zum Bestandteil ihrer nächsten großen Kampagne, die in die Tarifrunde Anfang 2018 münden soll. "Wenn es um Flexibilität ging, waren wir zu oft defensiv", sagt Gewerkschaftsboss Jörg Hofmann selbstkritisch. "Wir wollten Schlimmeres verhindern. Das ist wichtig, reicht aber nicht aus. Die Aufgabe ist, wie können wir statt fremdbestimmter Flexibilität mehr selbstbestimmte und mitbestimmte Arbeitszeitrealitäten gestalten." Konkret will die IG Metall Wahlmöglichkeiten durchsetzen, die es ermöglichen, Kinder, Pflege, Weiterbildung besser mit der Arbeit zu vereinbaren.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund pocht angesichts langer und atypischer Arbeitszeiten auf Reformen für mehr Arbeitszeitsouveränität. Überstunden müssten besser erfasst und komplett vergütet werden, verlangt Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Zudem müssten die Beschäftigten deutlich mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer eigenen Arbeitszeit erlangen.

Die Arbeitgeber verfolgen hingegen das Ziel, die zulässige Arbeitszeit im Wochenverlauf flexibler aufteilen zu können. An die Stelle des jetzt gesetzlich fixierten Achtstundentags (bei sechs Werktagen) will der BDA die 48-Stunden-Woche setzen, die auch in der EU-Arbeitszeitrichtlinie als Höchstgrenze enthalten ist. Damit würde die tarifvertraglich oder im Arbeitsvertrag vorgesehene Arbeitszeit der Beschäftigten nicht erhöht, erläutert ein Sprecher. Die Arbeitszeit könne aber an den einzelnen Wochentagen individueller aufgeteilt werden. Bei dieser Gelegenheit soll auch die elfstündige Pause zwischen zwei Arbeitseinsätzen fallen.

Der IAB-Experte Enzo Weber sieht gute Chancen für eine Neuregelung der Arbeitszeit, weil es von beiden Seiten Bedarf gebe. So müssten die Firmen Antworten auf globalisierte Geschäftsabläufe finden und die Vorteile digitalisierter Produktionsformen nutzen können. Bei den Arbeitnehmern gebe es hingegen gerade in der Familienphase früher nicht gekannte Bedürfnisse nach flexibleren Arbeitszeiten. "Das Familien-Modell mit einem Alleinverdiener gibt es kaum noch", stellt der IAB-Forscher fest. Darauf müsse die Wirtschaft reagieren.

Zum Beispiel mit attraktiven Berufsstrukturen knapp unterhalb der Vollzeit. Teilzeitbeschäftigte sind bislang oft bezüglich Weiterbildungen und Karrierechancen benachteiligt, auch verdienen Teilzeitkräfte häufig weniger. Insbesondere viele Frauen wollten vollzeitnah arbeiten, meint auch der BDA, mahnt allerdings strukturelle Veränderungen erst einmal außerhalb der Betriebe an. "Eltern müssen die richtigen Rahmenbedingungen vorfinden, um in vollzeitnaher oder Vollzeittätigkeit arbeiten zu können. Wir benötigen vor allem mehr Ganztagskinderbetreuung und Ganztagsschulen, um eine partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit zu ermöglichen." (dpa/rs)

Newsletter 'Business-Tipps' bestellen!