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24.10.1975 - 

Nostalgie:Bye, bye, good ol' 704

Wer denkt noch an die 1.Generation?

MÜNCHEN - Es war am 1. April dieses Jahres in einem Service-Rechenzentrum in Tulsa, Oklahoma. EDV-Männern der alten Garde war schmerzlich zumute: Auf der wohl letzten noch diensttuenden IBM 704 leuchteten die Worte POWER OFF auf, irgendwo in der CPU läutete eine Glocke - und eine Ära war vorbei.

Warum darüber schreiben? Weil die wenigsten der heutigen EDV-Leute eine Vorstellung von den revolutionären Neuerungen haben, die der Datenverarbeitung die alte Zahlenmühlenfamilie 704/705 bescherte. Die 704 war für Wissenschaftler konzipiert und bescherte ihnen erstmals Gleitkommaberechnungen. Die 705 diente dem kommerziellen Sektor. Das alles ist noch keine zwei Dezennien her. Beide Rechner wurden Ende 1955 erstmals ausgeliefert. Sie brachten sensationelle Fortschritte, die man heut als unabdingbares Minimum, als selbstverständliches Grundelement jedes Computers anzusehen pflegt.

Die IBM 704 wurden seinerzeit dank ihrer vielfältigen Vorzüge zum entscheidenden IBM-Verkaufserfolg im Wettstreit mit der damals in DV noch führenden Univac, erinnert, sich Datamation-Redakteur Richard A. McLaughlin. Als Rechner der ersten Generation arbeitete sie mit Röhren, die damals gerade den Gipfel ihrer technologischen Entwicklung erreicht hatten: manchmal vergingen sogar ein paar Tage, ehe wieder ein Röhrenausfall den Processor lahmlegte.

Riesen-Kernspeicher mit 32 K Worte

Damals beeindruckte die 704 vor allem mit ihrem maximal 32 K Worte fassenden Kernspeicher, dem zweiten überhaupt nach der 1953 vorgestellten 1153 von Univac, die aber nur 1024 Worte Core hatte. Es dauerte geraume Zeit, bis die Anwender lernten diese Speicherkapazität und die nun möglichen tagelangen Programmläufe-noch die dreimal langsamere 701 war ja rund jede halbe Stunde wegen Röhrenausfalls stehengeblieben - voll zu nutzen.

Das wundert nicht, wenn man die mühevolle Programmier-Handarbeit von damals aus der Vergessenheit zurückruft. So gab es vor der 704/705 noch keine Indexregister und mithin auch keine so elementaren Befehle wie "transfer and increment index". Die 704 bescherte den Kunden erstmals die Gleitkommatechnik im Serien-Rechner, aber zunächst gab es für sie nur Kartenleser und Drucker, die dem Prozessor-Tempo nicht gewachsen waren. Erst neue Peripherie beendete die damals unvermeidliche Vergeudung wertvoller Rechenzeit.

Weiteren Fortschritt brachte dann die Erweiterung der 704 mit Kanälen für einen 704-Einsatz bei Raketenstarts, wenngleich serienmäßig erst die 709 Kanäle erhielt. Und als große Neuerung galt auch - was die bildschirmterminal-verwöhnten Operators von heute kaum glauben werden- eine Kathodenstrahlausgabe mit angeschlossener Kleinbildkamera zur Bildaufzeichnung. Die Bildröhre zeigte Zwischenergebnisse oder kleine Graphiken. Dabei diente das gesamte System zum Ansteuern des Ansteuern des Oszillographen-ein ganzes Zimmer voller Hardware also war damals für einen Job nötig, den heute ein Mikroprozessor-Chip erledigt.

Auch das Softwareangebot wurde dank der 704/705 entscheidend ausgeweitet. Erstmals wurde für diese Maschinen ein Betriebssystem entwickelt. Und es war schließlich auch ein Zusammenschluß von 704-Usern unter dem Namen SHARE, der mit mehr oder weniger sanftem Druck IBM zur Entwicklung und Verbreitung von passender Software veranlaßte.

Dabei wurde SHARE gewissermaßen zum Taufpaten aller modernen Assembler-Programme, denn seinerzeit brachte SHARE die IBM-Leute dazu, ihr eigenes Programmkonzept (New York Assembly) über Bord zu werfen und dafür einen von Roy Nutt Konzipierten besseren Assembler-Ahnherrn weiterzuentwickeln.

Auf was für Maschinen-Eigenschaften sich die damaligen Programmier-Pioniere einstellen mußten, wird am besten an einigen Zahlen deutlich, dem "Datensteckbrief" der 704:

Drucker 150 Zeilen/Min.

Wortlänge 36 Bit

Befehle 91

Addierzeit bei

Festkomma 24 Ásec

Gleitkomma 84 Ásec

Kernspeicher bis 32 KWorte

Speicher-Zugriff 12 Ásec

Trommel-Kapazität bis 16 KWorte

Trommel-Zugriff 12 msec /

Kartenleser maximal 250 Karten/Min.

Kartenstanzer maximal 100 Karten/Min.

Für die damalige Zeit waren diese Leistungsdaten so hervorragend, daß bei IBM sich niemand so recht vorstellen konnte, wer die Maschinenkapazität wohl von auslasten könnte - und tatsächlich lag in der Anfangszeit vielfach kostbare Rechnerzeit brach. Doch die "logische" Schlußfolgerung der IBM-Salesmen, viel mehr als ein Dutzend 704s und wenig mehr 705s werde man wohl kaum an den Mann bringen, erwies sich dann als kapitaler Irrtum: von Woche zu Woche mußten die Verkaufsziffern revidiert werden und mit allen Neben- und Tochtermodellen wurde die 704/705-Familie nicht nur zu einem der größten Rechner-Markterfolge überhaupt, sondern auch zum entscheidenden Großverdiener für das Haus, IBM in den späten 50er Jahren. Um noch einmal Richard A.McLaughlin zu zitieren: "Die beiden Maschinen erwiesen sich als 36-Bit-Gleitkomma-Gelddruckmaschinen von kaum geringerer Effektivität als die Druckautomaten der US-Notenbank."

Egon Schmidt ist freier Wissenschaftsjournalist. Quelle: Datamation, August 75.