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Wer die Saat ißt, kann nicht mit einer guten Ernte rechnen

25.05.1990

Dr. Karlheinz Kaske Vorstandsvorsitzender der Siemens AG

Vielen erscheint als Chaos, was Voraussetzung für einen Neuanfang ist. Es geht darum, diesen Neuanfang zum Erfolg zu bringen - nicht nur in Deutschland, sondern auch in allen Ländern, die ihren Weg in die Freiheit und in die Demokratie gefunden haben.

Wir können dabei helfen, und es geschieht auf vielfältige Weise. Ob unsere Hilfe ausreicht, wissen wir nicht, und wie sie wirkt, entscheiden wir nicht allein.

Aber wir haben etwas zu bieten, was uns zu Hilfsangeboten, qualifiziert: Unsere Erfahrung im Umgang mit der marktwirtschaftlichen Ordnung. Überall in der Weit brauchen die Menschen für die Entfaltung ihrer materiellen Lebensbedingungen einen Ordnungsrahmen. Er muß Freiheit mit Leistung und Produktivität mit sozialer Sensibilität verbinden.

Die soziale Marktwirtschaft ist ein solche Gefüge. Sie war von Beginn an eine gesellschaftliche Innovation. Ihre Potentiale er. schließt sie denen, die sie in systemkonformer Weise nutzen. Die marktwirtschaftliche Ordnung ist zugleich auch ein Nährboden für technische Innovationen. Ein Wirtschaftssystem, das - wie das sozialistische - die wirtschaftlichen Risiken der Innovation ins Politische transferiert, ist auch auf technologischem Gebiet hoffnungslos unterlegen. So gesehen gehören die neuen Technologien zu den Ursachen für die politischen Umwälzungen unserer Zeit. Wenn wir hoffen dürfen, daß die Welt friedlicher wird, weil die technische Entwicklung die Politische Kooperation belohnt und den Konflikt bestraft, dann erhält der technische Fortschritt darüber hinaus eine friedenstiftende Dimension.

Per saldo wachsen in unserem Land nur noch der Erwerb und die Anwendung von Wissen. Beides bestimmt die Wertschöpfung unserer Volkswirtschaft. Demgegenüber geht das von materiellen Ressourcen abhängige Wirtschaftswachstum zurück, nicht nur dem Anteil nach, sondern absolut und nicht nur in Phasen der Stagnation, sondern auch in Phasen lebhafter Konjunktur.

Sichtbar wirkt sich dabei die Verschiebung der Nachfrage hin zu den Dienstleistungen aus. Noch größere Bedeutung hat aber die Dynamik des Wachstums der Software-Anteile, des Engineering und der industriellen - Dienstleistungen, die zunehmend in die Hardware integriert werden. Obwohl diese Vorgänge in fast jedem modernen Unternehmen zu beobachten sind, fehlt es an ihrer systematischen Bewertung.

Um zu mehr Klarheit in der Beurteilung zu kommen, hat der ZVEI Untersuchungen darüber angestellt. Das Ergebnis ist für die Elektroindustrie eindeutig: Der Wertschöpfungsanteil der Software und der industriellen Dienstleistungen, die in den Produkten enthalten oder mit ihnen verbunden sind, über. steigt bereits ein Drittel des gesamten Produktionswertes. In anderen Industriezweigen verläuft die Entwicklung ähnlich.

Diese Tendenz läßt sich ebenso im Wachstum des Sozialproduktes insgesamt erkennen.

Auch hier - und damit generell - gilt, daß die Zunahme, der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung per saldo aus Wissenserwerb und Wissensanwendung folgt. Damit trifft zu, daß nichts die Umwelt so sehr entlastet und die Rohstoffreserven der Erde so sehr schont wie die Beschleunigung dieses ressourcensparenden technischen Fortschritts. Unser Ziel muß es sein, Technik und Wirtschaftswachstum so zu beeinflussen, daß die Ressourcenbeanspruchung in den Grenzen der natürlichen Regenerierbarkeit bleibt.

Es liegt mir fern, in eine kritiklose neue Apologetik der Technik zu- verfallen. Aus der täglichen Praxis kennen wir die Schwierigkeiten und Probleme, die der Umgang mit ihr schafft. Aber es wäre unverantwortlich, sie ihren Gegnern und Verächtern zur lähmenden Diffamierung zu über. lassen. Wir sind verpflichtet, immer wieder ins Bewußtsein zu rufen, daß die Technik ein wesentlicher Teil unserer Lebens. Grundlagen ist. Deswegen ist es mindestens ebenso wichtig, sich mit ihren Voraussetzungen zu beschäftigen wie mit ihren Folgen.

Was Technik heute ist, wird nirgendwo so eindrucksvoll demonstriert wie hier. Zumindest für die deutschen Aussteller kann ich sagen, daß das konjunkturelle Klima erfreulich gut ist. Wir befinden uns in einem Aufschwung, der seine stärksten Impulse aus der Investitionstätigkeit der Unternehmen erhält. Ihre Beschäftigungswirkungen sind beachtlich. Obwohl seit An. fang 1988 fast 1,3 Millionen Aus- und Übersiedler in die Bundesrepublik gekommen sind, ist die Arbeitslosenzahl gesunken. Die zunächst befürchtete Schwäche der Konsumgüter. märkte ist durch die anregenden Wirkungen der großen Steuerreform vermieden worden.

Zu den wirtschaftspolitischen Schwerpunkten gehört nach wie vor alles, was mit den Vorbereitungen zum EG-Binnenmarkt zusammenhängt.

Über den Erfolg beim Start in den gemeinsamen Binnenmarkt entscheidet der Wettbewerb der Standorte.

Standortoptimierung heißt wirtschaftspolitisch Verbesserung der Angebotsbedingungen. Ein erheblicher Teil unserer gegenwärtigen Angebotsvorteile geht allerdings auf Gründe zurück, deren dauerhafter Bestand nicht sehr wahrscheinlich ist. Dazu zähle ich vor allem die Wechselkurs-Relationen im EWS sowie die seit 1987 stabile Konstellation der Lohnstückkosten. Beides ist nicht gottgegeben, und es kann sich - buchstäblich - schon morgen ändern. Deshalb können wir uns nicht mit Blick auf die gute Konjunktur und die hohen Exportüberschüsse der letzten Jahre beruhigt zurücklehnen. Bei näherem Hinsehen zeigt sich nämlich, daß unsere Wettbewerbsposition gegenüber den wichtigsten außereuropäischen Konkurrenten keineswegs rosig ist. Hinsichtlich der Belastung mit Arbeitskosten und Steuern sind wir ihnen gegenüber im Hinter. treffen. Das kann die Kapitalbildungskraft unserer Unternehmen von einem Tag zum anderen schwächen, und zwar nicht nur mit Auswirkung auf Ertragsrechnung und Bilanz, sondern auch auf Investitionstätigkeit. und Produktivität.

In einer Zeit, in der die Kapitalintensität je Arbeitsplatz massiv steigt, ist die Kapitalbildung der Unternehmen ein Angelpunkt. Dies nicht zuletzt deswegen, weil davon die Fähigkeit zu Forschung und Entwicklung ab. hängt. Hier liegt auch das gemeinsame Interesse, das die Gewerkschaften mit uns haben müßten. Es sollte Einverständnis bestehen, daß das, was für Forschung, Entwicklung und Investitionen gebraucht wird, aus den Verteilungsauseinandersetzungen herausgehalten werden muß. Wer das Saatgetreide aufißt, kann nicht mit einer guten Ernte rechnen.

Einverständnis sollte auch darüber, herrschen, daß ' Betriebslaufzeiten und Aibeitszeiten voneinander getrennt werden müssen. Für unsere hohen Löhne brauchen wir eine hohe, Kapitalproduktivität. Sie ist nur. zu haben, wenn wir die teuren Produktionsanlagen angemessen auslasten können. Angemessen heißt hier, vergleichbar zu unserer internationalen Konkurrenz. Gegen die Gesetzmäßigkeit dieser Zusammenhänge läßt sich weder mit Polemik noch mit

Streiks etwas ausrichten.

Niemand bestreitet den Arbeitnehmern den Anspruch, an der günstigen Konjunktur beteiligt zu werden. Aber das gelingt am besten durch Lohnabschlüsse, die in ihrer gesamten Kostenwirkung der realen Produktivitätsentwicklung folgen. Als Instrument der Verteilungskorrektur hat die Lohnpolitik noch zu keiner Zeit und in keinem Land funktioniert.

Ich sprach bereits von den friedensstiftenden Wirkungen der Technik. In einer Weit, die dabei ist zu verstehen, daß nicht mehr die Bodenschätze und die großen Landflächen den Reichtum der Nationen bilden, sondern die Fähigkeit zum Erwerb und zur produktiven Anwendung neuen Wissens, entfällt der bis in unser Jahrhundert dominierende Anlaß für Aggression, Eroberung und Krieg. Hinzu kommt, daß die soziale Marktwirtschaft zunehmend als der sogenannte "dritte Weg" erkannt wird. Das läßt hoffen, daß damit auch die Ideologiekonflikte der Vergangenheit ihre feindselige Aggressivität verlieren. Die dabei freiwerdenden Energien sollten den Wettbewerb um die besten Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit zugute kommen. So könnte uns die Technologie des systematischen Erwerbs und der intelligenten Anwendung von Wissen tatsächlich dauerhaft zu einem neuen friedlichen Um. gang miteinander führen, Das schließt auch die dargestellten neuen Möglichkeiten der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie ein - auch darin liegt letztlich ein Beitrag zum Frieden.

Dieser Vortrag wurde von Karlheinz Kaske anläßlich der Eröffnung der diesjährigen Hannover Messe Industrie gehalten.