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13.05.1983

Wer hat Angst vor der IBM?

Helmut Schneider, Zentraleuropachef der M.A.I., Frankfurt

Wer hat Angst vor der IBM?

Ein Vergleich: Es gibt Mütter, die ihre Kinder psychisch in gefährlicher Weise manipulieren - sie verabreichen zu viel Zuckerbrot oder zu viel Peitsche.

Solch einseitige Erziehung führt zuweilen dazu, daß die Nachkommen ihr Leben lang in krankhafter Weise vom weiblichen Elternteil abhängig bleiben. Seelenkundler sprechen dann unter anderem von neurotisch bestimmten Verhaltensmustern. Diese können später kaum aus eigener Kraft - weder rational noch willentlich - überwunden, sondern meist nur mit fachkompetenter Hilfe aufgelöst werden.

Diese Metapher liegt mit Blick auf die IBM und ihre Kunden durchaus nahe. Während die hämisch-grotesken Verbalinjurien wie "Tycoon" oder "Moloch" schon ziemlich verschlissen sind, blüht die Sprachblume "Mother Blue" unverzagt weiter. Die Dauerkritik an ihrem Marktverhalten summiert sich zu einer familiären Anti-Idylle: Schon kleine Unarten genügten - heißt es immer wieder -, um sofort Drohung, Pression oder Strafe auf sich zu ziehen. Bei schlimmeren Verstößen gegen die Sitten und Gebräuche, die in der IBM-Welt gelten, falle man bei der alles überwachenden Mutter schnell in irreparable Ungnade - so das unausrottbare Ondit.

Durch Trotzantrieb zum Heroen

Gene Amdahl, einst IBM-Toptechniker, gilt im Branchentheaterstück "Mother Blue", das wenigstens einmal monatlich in wechselnden Inszenierungen in den internationalen Medien aufgeführt wird, als der widerspenstige Sohn: Er genießt das Image, sich konsequent abgenabelt und Paroli geboten zu haben. Manche Beobachter unterstellen ihm auch, allein sein Trotzantrieb habe ihn zum EDV-Heroen werden lassen (er ist bekanntlich jener geniale und unternehmungslustige Erfinder, der mit - billigeren und leistungsstärkeren - IBM-kompatiblen Rechnern seiner einstigen Brotgeberin gehörigen Ärger und beträchtliche Umsatzeinbußen bereitete).

Der Aufbegehrer, der schnell Nachahmer fand, prägte auch jene eingängige Wort-Tirade, die für Tiraden gegen die Marktführerin immer wieder gut scheint: Angst, Ungewißheit und Zweifel - sie produzieren nach weithin herrschender Meinung jene Abhängigkeit, in der die IBM-Anwender vermeintlich auch heute noch leben.

Dieses "FUD-Syndrom" (FUD = Fear, Uncertainty, Doubt) sei daran schuld, glauben nicht wenige Brancheninterpreten, daß die Mündigkeit der Anwender schlechthin immer noch auf sich warten lasse. Zu tief sitze in ihren geängstigten Seelen die Erfahrung mit völlig unberechenbaren Kauf- und Mietpreisschwankungen, wettbewerbsverzerrenden Frühankündigungen und knebelnden Verträgen. Noch herrsche, wird kolportiert, in vielen Großunternehmen unter den Investitionslenkern die Devise vor: "Wer bei IBM bestellt, schließt für sich jedes persönliche Risiko aus - selbst wenn es bessere Systemalternativen im Markt gibt." Solches Verhalten könnte schon, wenn man so will, auf eine fundamentale (frühkindliche) - in den EDV-Anfangsjahren entstandene - und fatale Abhängigkeit hinweisen.

Will man all die - lediglich zitierfähigen - Anwürfe gegen "Mother Blue" auf einen gemeinsamen Nenner bringen und gewichten, so gilt es zunächst einmal festzuhalten: Auch schon vor rund zwanzig Jahren, als die Datenverarbeitung zu ihrem Siegeszug ansetzte, war es letztlich die freie Entscheidung der Unternehmen, in die IBM-Gemeinde einzutreten. Wer mangels EDV-Kenntnis und System-Know-how bereit war, statt einer Partnerschafts- die Kindesrolle vorzuziehen, muß sich dies doch wohl selbst vorhalten. Denn auch schon damals gab es genügend Allgemeinwissen über die Markt- und Kundenpolitik dominierender Großunternehmen, die ihre Kunden doch immer nur in dem Maß gängeln können, wie diese es mit sich geschehen lassen. In jener Zeit offerierte die Computerbranche auch bereits genügend Produktalternativen, die zumindest einen Pflichtgang zu IBM ausschlossen. Und noch dies: Was kann denn "Mother Blue" dafür, wenn es manche User zum Usus machten, die Eingänge ihrer Rechenzentren nicht etwa mit "Datenverarbeitung", sondern mit "IBM-Abteilung" zu kennzeichnen? Psychologen dürften angesichts dieser Merkwürdigkeit geneigt sein, herauszudeuten: Hier wurde der Mutterbezug in abnormer Weise überhöht.

Zweifellos gab es eine faktisch bedingte, starke Anbindung vieler Anwender an die IBM: Sie entsprach organisatorischen, technologischen und systembedingten Zwängen, die aber doch schon früh dank des Aufstiegs der Kompatiblen kräftig aufgeweicht wurden. Und außer Frage steht auch, daß sich viele EDV-Erstbenutzer von den avantgardistischen Vorstößen von "Mother Blue" zu sehr euphorisieren ließen und ihr manchmal mit subalternem Habitus in die Arme liefen: Etwa, als so säkulare Innovationen wie die Serie /360, das SNA-Konzept oder die Packungstechnologie angekündigt wurden. Gleichwohl geschah immer nur, was im Rahmen einer freien Marktwirtschaft unangreifbar ist: Mit einigen überlegenen, hochmodernen Systemen, denen die Mitbewerber oft erst mit erheblichem Zeitverzug begegneten, zog "Mother Blue" automatisch die Nachfrage auf sich. Woher sonst - von einigen anderen wesentlichen Komponenten abgesehen - soll denn auch der imposante Erfolg des Unternehmens kommen?

Eben die anfängliche IBM-Eisbrecherrolle war der befruchtende Schub: Die heutige Meute standfester, expansiver und leistungsstarker Mitbewerber würde sonst nicht e(...) stieren. Hauptsächlich der permanente Druck, den IBM per Macht und Leistung auf alle, die gegen sie anzutreten wagten, ausübte, erzwang noch bessere Lösungen, noch günstigere Preis-/Leistungsverhältnisse und noch benutzerorientiertere Systeme. Wie man sah und sieht, reüssieren nach diesem Prinzip selbst aus Hinterhofwerkstätten heraus weltweit erfolgreiche EDV-Firmen - man denke nur an die Mikro-Newcomer. Vielleicht wird nicht ganz zu Unrecht behauptet, es sei nackter Zynismus, was sich hinter dem der IBM unterstellten Wunsch "Gott schütze unsere Mitbewerber!" verberge. Man muß - will man ehrlich bleiben - auch sagen, daß es auf Schizophrenie hinausliefe, zu postulieren: "Zum Teufel mit (...) IBM!"

Dem werden zumindest all jene kleineren und mittleren EDV-Anbieter zustimmen, die im Zuge der ungeheuren Expansion der Informationstechnologie - welche die IBM, daran können wir uns nun mal nicht vorbeiwinden, initüert und forciert hat - immer neue Nischen vorfinden, die sie oftmals widerstandslos erobern können. "Mother Blue" ist weder allwissend noch allseits präsent - auch sie kann sich dem Nachteil aller Riesenfirmen nur teilweise entziehen: nämlich einer gewissen Schwerfälligkeit und dem Mangel an blitzartigem Reaktionsvermögen. Die Parallele sei gestattet: Auch das manövrierfähigste Superschiff kann niemals so wendig sein wie ein kleines Motorboot. Sonst wäre es nicht möglich, daß eine ganze Reihe von EDV-Novizen - so in Segmenten wie Arbeitsplatzcomputer, Telekommunikation, CAD/CAM oder Mikro-Technologie - relativ weit größere Erfolge erzielen als die IBM.

Die Mitbewerber waren Therapeuten

Die heute vorzufindende Struktur des Computermarktes verdeutlicht jedermann: Sollte es jemals eine neurotisch fixierte Beziehung der Anwender zu "Mother Blue" gegeben haben, so waren die heute so schlagkräftigen Mitbewerber offenbar die bestmöglichen Therapeuten. Wir treffen zunehmend den ungestörten, emanzipierten und frei entscheidenden EDV-Benutzer an, der weiß: Die IBM hat zwar im allgemeinen, keineswegs aber im besonderen immer Spitzenleistungen anzubieten.

In Angst vor der IBM, dies Fazit liegt nahe, leben unsere Anwenderfirmen schon lange nicht mehr. Von der Angst vor der IBM werden vorwiegend solche Hersteller geplagt, die glauben, gegen "Mother Blue" frontal antreten zu müssen. Sie sollten sich besser auf ihre spezifischen Stärken besinnen und diese in eng umrissenen Märkten konzentriert ausspielen. Angst vor der IBM haben auch jene Mitbewerber, die ihr auf tückische Weise zuvorkommen wollen: So vor allem mit verfrühten Ankündigungen unausgereifter Produkte - wobei man sich fragt, was in Leuten vor sich geht, die eine Masche, die sich längst überlebt hat, weiterhin imitieren.

Respekt vor der IBM mögen schließlich nicht nur jene Zeitgenossen haben, die in der Annahme leben daß übermächtige Quantität grundsätzlich auch für erstklassige Qualität bürge.