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Der Gastkommentar

Wer nicht weiss, was er will, weiss nicht, was er kriegt

08.01.1993

So etwas lese ich in letzter Zeit andauernd: "Nun ist Schluss mit dem Freibrief fuer die DV-Verantwortlichen - das Topmanagement verlangt echte Wirtschaftlichkeit." Selbst Blaetter, deren eigentliche Domaene die mehr oder weniger fachgerechte Beurteilung von Betriebssystemen, Software-Engineering, Datenbanken und aehnlich technischen Sachverhalten ist, orakeln ueber den schon lange faelligen Einzug betriebswirtschaftlicher Rationalitaet in die Informationsverarbeitung. Dieses freudige Ereignis faellt in der Sicht unserer Betrachter nicht zufaellig zu fast 100 Prozent mit dem Uebergang zu "offenen Systemen", einem entsprechenden "Downsizing" und einer "Client-Server-Architektur" zusammen.

Aber man sollte diese packenden Sprueche der Werbeprofis nicht vorschnell abtun. Immerhin praegen sie das Bild der DV-Abteilungen, und zwar bei allen, die es nicht besser wissen.

Zu den vom neuen Bewusstsein Infizierten - Typ "Alles viel zu teuer" - gehoeren nicht nur die innerbetrieblichen Anwender, sondern auch das gern zitierte Topmanagement. Beide sehen langgehegte Zweifel an der Kompetenz und Leistungsfaehigkeit ihrer DV bestaetigt, wenn sie der Fachpresse entnehmen, dass in anderen Haeusern bereits mit dem Aufraeumen angefangen wurde.

Jetzt wird es kritisch, denn ein Fehlurteil avanciert zum Fundament von Strategie und Verhalten, eine abstrakte Sichtweise wird zum realen Organisationsproblem.

Ich moechte zu gerne wissen, wie es in den zur Rentabilitaet aufgerufenen DV-Abteilungen nach Meinung ihrer Kritiker aussieht.

Vermutlich stellen sie sich ein Unternehmen vor, in dem der verantwortliche Chefdatenverarbeiter nach einem guten Essen mit dem Vertriebsmann der einen oder anderen Drei-Buchstaben-Firma die jeweils neueste Produktpalette einkauft und damit fertig. Mit der Wirklichkeit hat dieses Bild nicht viel zu tun.

Trotzdem: Es gab und gibt Fehlentscheidungen. Es gibt unbenutzte Software, und es gibt ueberdimensionierte Rechner. Auch das andere gibt es: die unter dem Anwendungsstau leidende Fachabteilung. Aber das kommt nicht daher, dass die Verantwortlichen betriebswirtschaftliche Ignoranten oder Mainframe-verliebt waeren.

Zum einen basiert die reale Freiheit vieler DV-Chefs, mit ihrem Budget nach Gutduenken umgehen zu koennen, darauf, dass die Leistung ihrer Abteilung im letzten Jahrzehnt einen ganz ansehnlichen Rationalisierungsnutzen erbracht hat - und nicht darauf, dass die Geschaeftsleitung sich einfach an eine DV gewoehnt haette, die grundlos Geld zum Fenster hinauswirft.

Zum anderen steigen die Kosten der Informationsverarbeitung - trotz sinkender Hardwarepreise - nicht wegen der Hemmungslosigkeit der Digitalmafia, sondern weil die Integration der vielfaeltigen Systeme tatsaechlich sehr aufwendig ist. Mit der Komplexitaet waechst dann auch noch der Pflegeaufwand.

Ich glaube, dass eine Geschaeftsfuehrung schlecht beraten ist, die den Rotstift beim DV-Budget fuer das passende Fuehrungsinstrument haelt. Natuerlich gibt es DV-Abteilungen, die zuviel kosten. Um die zu kurieren, braucht es allerdings mehr als eine simple Budgetkuerzung. Weniger Geld korrigiert noch keinen Fehler. Im Gegenteil: Der zusaetzliche Druck verhindert sowohl Kritik als auch deren Umsetzung und zwingt die Betroffenen, so weiterzuwurschteln wie bisher - bloss eben sparsamer -, und das heisst fast immer: mit noch weniger Leistung.

Die Frage nach der korrekten Hoehe des DV-Etats laesst sich nicht mit "X Prozent vom Umsatz" beantworten. Auch der absolute Betrag sagt nicht viel: Es geht um ein Kosten-Nutzen-Verhaeltnis. Um diese Relation vernuenftig zu beurteilen, reicht es bei weitem nicht, nur Geldbetraege gegeneinander aufzurechnen.

Worum es geht, ist seit langem bekannt: Die Informationsverarbeitung soll helfen, die Unternehmensziele zu erreichen! An diesem Massstab sollte die IS-Abteilung gemessen werden. Das ist nicht so einfach, wie es sich liest. Zunaechst einmal muessen diese Unternehmensziele klar und eindeutig definiert sein. Schon das passiert in vielen Haeusern nicht. Und wenn doch, dann sind es oft nicht die tatsaechlichen Ziele, sondern eine philosophische Maskerade á la "Der Mensch steht im Mittelpunkt".

Nehmen wir an, ein Unternehmen haette seine wirklichen Ziele klar und eindeutig fixiert. Dann muessten die diversen Geschaeftsprozesse und ihre Resultate daraufhin analysiert werden, welchen Beitrag sie zu deren Erreichung leisten. Sagt da jemand "Olle Kamellen"? Dann moechte ich daran erinnern, dass persoenliche Rivalitaeten zwischen Abteilungsleitern, Eitelkeiten von Entwicklungschefs, "Tradition", Einfallslosigkeit zu Ablaeufen und auch zu Produkten fuehren koennen, fuer die das Attribut "suboptimal" noch eine Schmeichelei darstellt.

Es lohnt sich durchaus, Organisation und Ablaeufe im eigenen Haus in Frage zu stellen und einer umfassenden Revision zu unterziehen. Denn es ist ja nicht war, dass die DV-Abteilung ein einziger Sumpf aus Chaos und Kosten waere - im Gegensatz zu den hoechst rentablen "konventionellen" Bereichen des Unternehmens.

Wenn man allerdings ohnehin vorhat, die Ablaeufe generell zu renovieren, dann kann man die Informationsverarbeitung gleich mit optimieren. Doch Vorsicht: Das erfordert Sachverstand, sonst wird das Unternehmen eine leichte Beute fuer eloquente Verkaeufer, die beispielsweise das "papierlose Buero" als leicht erreichbares Ziel postulieren.

So wichtig es sein mag, dass die Geschaeftsleitung eine "Vision" hat, so unverzichtbar sind allerdings auch solide Sach- und Fachkenntnisse. Die Informationsverarbeitung stellt hier besondere Ansprueche, denn sie wird im Lauf ihrer Entwicklung keineswegs transparenter, sondern immer komplexer. Und diese Komplexitaet will bewaeltigt sein, denn die alte DV ist im Lauf der Jahre zu einer tragenden Saeule fuer Entwicklung, Einkauf, Produktion und Vertrieb geworden. Es nuetzt nichts, hier nur mit den griffigen, aber leider falschen Abstraktionen der Kostenrechnung zu operieren. Das koennte auf die Dauer wirklich ins Geld gehen!

Peltzer: "Es lohnt sich durchaus, Organisation und Ablaeufe im eigenen Haus in Frage zu stellen und einer umfassenden Revision zu unterziehen."

Der Text ist entnommen aus EDV-Aspekte 11/92, Seite 16