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20.05.1994

"Wer nur Bits transportiert, ist schon bald bedeutungslos"

Die Telekom-Vorstandsmitglieder Dieter Gallist und Gerd Tenzer

ueber multimediale Massenkommunikation

Die Deutsche Bundespost Telekom, auf dem Sprung sowohl zum Global Player als auch zu einem weitgehend privatrechtlich organisierten Unternehmen, hat in den vergangenen Wochen mit einer Reihe von Ankuendigungen ihre Claims auf den digitalen Zukunftsmaerkten abgesteckt. Die CW-Redakteure Juergen Hill und Gerhard Holzwart sprachen mit den Telekom-Vorstandsmitgliedern Dieter Gallist (Privatkunden) und Gerd Tenzer (Technik Netze) ueber technische, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Belange auf dem Weg in die breitbandige Informationsgesellschaft.

CW: Alles redet von Multimedia und vom Information-Highway, nur Europa und insbesondere Deutschland nicht oder zumindest nicht mit der Begeisterung, die viele Kritiker gerne haetten. Glaubt man hingegen den Image-Anzeigen der Telekom, ist das digitale Zeitalter in der Bundesrepublik laengst eingelaeutet. Aufklaerung tut also not, nicht nur beim Bundeskanzler, der das Thema Datenautobahnen bis dato immer noch im Verkehrsministerium ansiedelt.

Tenzer: Zunaechst einmal ist festzustellen, dass wir zu Recht damit werben, weil wir in diesem Bereich keine Hinterwaeldler sind und uns im Weltmassstab durchaus mit anderen messen koennen. Aber zurueck zum Grundsaetzlichen Ihrer Bemerkung: Die Clinton-Gore-Initiative in den USA gewinnt erst jetzt allmaehlich an Konturen. Ein Teil derer, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, versteht darunter die Schaffung hochleistungsfaehiger Datenautobahnen. Inzwischen stellt sich jedoch heraus, dass man im Grunde dem Anwender neue Dienste anbieten will.

Hier gibt es nun verschiedene Moeglichkeiten. Einmal kann man sich auf den Standpunkt stellen, die bisherige Netzinfrastruktur reicht fuer die neuen Multimedia-Services aus - dann reden wir ueber Schmalband oder ein bisschen breitbandiger als Schmalband -, oder aber man sagt, diese neuen Dienste sind Verteildienste im Sinne von Rundfunk und Fernsehen. Die dritte Moeglichkeit ist das, was man als Breitbandkommunikation in beide Richtungen, also auch im Rueckkanal, bezeichnen wuerde. Insofern hat die Clinton-Gore- Initiative zunaechst einiges an Konfusion verursacht.

Generell gilt: Die Autobahnen haben wir in Form von 2,5-Gbit/s- Strecke zwischen den Wirtschaftszentren in Deutschland, aufruestbar auf 10 Gbit/s und mehr, sofern entsprechender Bedarf vorhanden ist. Was weltweit fehlt, ist der breitbandige Anschluss zum einzelnen Kunden - inklusive Rueckkanal. Aber auch hier haben unsere Anzeigen ihre Berechtigung, weil Deutschland das Mekka derjenigen ist, die ueber Breitbandnetze zum Kunden nachdenken. Nur stehen wir vor einem entscheidenden Problem: Wir koennen nicht von heute auf morgen die vorhandenen Netze durch neue ersetzen. Hier handelt es sich allein in Deutschland um Investitionen in einer Groessenordnung von mehreren zehn Milliarden Mark.

CW: Lassen Sie uns einen Moment noch bei den notwendigen Investitionen bleiben. Die EU-Kommission spricht in ihrem juengsten Weissbuch von 40 Milliarden ECU fuer den Bau transeuropaeischer Netze. Sie selbst haben gerade einen zweistelligen Milliardenbetrag ins Spiel gebracht. Wer soll das finanzieren?

Tenzer: Wir sind bereit zu investieren, wann und wo auch immer eine Nachfrage erkennbar ist. Es geht, um es noch einmal klarzustellen, nicht darum, eine technische Entwicklung anzustossen. Die Technik ist vorhanden, und die Preise werden fallen, sobald die beruehmte "Economy of Scale" gegeben ist. Diese wiederum erreichen wir bei entsprechender Nachfrage.

Unsere Strategie zielt vielmehr darauf ab, neue Anwendungen zu produzieren. Was die EU angeht, so benoetigen wir mit Sicherheit keine Foerdermittel, um neue Netze zu bauen. Ich will mich hier auch gar nicht um das Henne-Ei-Problem herumdruecken. Ich kann nur wiederholen: Wo Glasfaser liegt, koennen wir jederzeit Breitbanddienste anbieten, und wo Glasfaser aufgrund konkreter Nachfrage wirtschaftlich vertretbar ist, werden wir sie legen. Im uebrigen pruefen wir stets auch bei Ersatzinvestitionen, also der routinemaessigen Modernisierung unserer Netzinfrastruktur, ob sich der Einsatz von Glasfaser lohnt. Dass wir momentan Probleme haben, - ueberspitzt formuliert - froehlich mit Milliardenbetraegen zu hantieren, liegt an der fehlenden Nachfrage der Kunden, und hier koennte die EU hilfreich sein, indem sie neue Anwendungen und deren Standardisierung foerdert.

CW: Jetzt muessen wir aber das Henne-Ei-Problem doch noch ein bisschen naeher beleuchten. Wie soll denn die von Ihnen so sehr gewuenschte Nachfrage entstehen, wenn beispielsweise im Zusammenhang mit dem derzeit laufenden ATM-Pilotprojekt die monatliche Grundgebuehr fuer einen 140-Mbit/s-Anschluss 68 000 Mark betraegt?

Tenzer: Indem Bruessel beispielsweise ein Netz dieser Art zwischen den europaeischen Hauptstaedten finanziell unterstuetzt - nicht dessen Bau, sondern in Form aktiver Anwendungsfoerderung. Was wir brauchen, sind europaweite, wenn nicht weltweite Dienste. Nachfrage entsteht unserer Ueberzeugung nach nur, wenn wir gemeinsam mit der EU attraktive Services entwickeln und zum Einsatz bringen. Zudem sind 140 Mbit/s eine so grosse Menge an Bandbreite, dass nur die wenigsten Kunden sie derzeit benoetigen.

Gallist: Die Preisgestaltung in Pilotprojekten ist eine zweischneidige Angelegenheit. Entweder setzt man die Tarifierung sehr niedrig an, dann entsteht das Problem, dass man, wenn der Dienst in den Regelbetrieb uebergeht, nur mit Muehe nach oben - sprich: zu einer Rentabilitaet - kommt. Oder aber das Ganze scheitert von Beginn an nicht aufgrund unzureichender Technik und unausgegorener Anwendungen, sondern mangels Nachfrage infolge ueberhoehter Preise.

CW: War ein Scheitern des Pilotprojektes letztlich auch der Grund, das Vermittelnde Breitbandnetz (VBN) zugunsten von ATM nicht mehr weiterzuentwickeln beziehungsweise zu vermarkten?

Tenzer: Das VBN war ein reines Entwicklungsnetz und ist, wie wir meinen, nicht die Technologie der Zukunft. 140 Mbit/s dem Anwender pauschal anzubieten, ist in Zeiten der Redundanzreduktion von Applikationen ein zu kostspieliges Unterfangen, weil natuerlich der letzte Kilometer zum Anwender die eigentlichen Kosten verursacht. Insofern ist der Ansatz von ATM, flexible Bandbreite nach Bedarf zur Verfuegung stellen und tarifieren zu koennen, der zeitgemaessere.

CW: Bevor wir zu den von Ihnen so sehr geforderten neuen Anwendungen kommen, noch eine letzte Frage zum Thema bereits vorhandener Datenautobahnen. Wollen Sie allen Ernstes das neue Euro-ISDN als europaeischen Information-Highway verkaufen, wenn sich Deutsche und Franzosen schon in puncto gemeinsamer Software- Schnittstelle fuer die Endgeraete in den Haaren liegen?

Gallist: Von einem Streit zwischen beiden Lagern zu sprechen, ist aus unserer Sicht etwas scharf formuliert. Mit CAPI auf deutscher und PCI auf franzoesischer Seite wurden einfach unterschiedliche Konzepte verfolgt, eine derartige Schnittstelle bereitzustellen. Beide erarbeitete Standards weichen in ihrem Leistungsvermoegen und in ihren Eigenschaften voneinander ab. Letztendlich ist es dabei jedem ISDN-Produktanbieter selbst ueberlassen, welchen Standard er aufgrund individueller Markteinschaetzung implementiert.

CW: Wie verhaelt sich denn die Telekom, wenn sich die PCI- Entwicklung der France Telecom als Standard durchsetzt?

Gallist: Zunaechst einmal ist festzuhalten: PCI ist bereits als ETSI-Standard verabschiedet. Aber auch hier muss wieder ganz deutlich hinzugefuegt werden, dass es bei der Beschlussfassung nicht um eine Entscheidung zugunsten von CAPI oder PCI ging, sondern darum, ob eine in den ETSI-Arbeitskreisen erarbeitete Spezifikation als europaeischer Standard eingefuehrt werden soll. Somit ist in diesem Zusammenhang auch keine Entscheidung fuer oder gegen CAPI gefallen.

Darueber hinaus ist die Standardisierung bei ETSI kein Garant fuer hinreichende Marktakzeptanz. Es gibt genuegend Beispiele, in denen sich eine von internationalen Standardisierungsgremien verabschiedete Loesung nicht am Markt durchsetzen konnte. Fuer uns besteht kein Zweifel, dass CAPI ein auf breiter Front vom Markt akzeptierter Industriestandard ist, dessen Verbreitung wir foerdern und wo wir uns auch an Arbeiten beteiligen, bei der ITU ( International Telecommunications Union, Anm. d. Red.) zu einem weltweiten Standard auf CAPI-Basis zu kommen.

CW: Was zukuenftige Datenautobahnen fuer die Geschaeftswelt leisten sollen, ist relativ unumstritten. Da reden wir von Sprache und Daten integrierenden Corporate Networks, LAN-zu-LAN-Verbindungen, Videokonferenz und aehnlichem. Nun gibt es aber ein anderes Marktsegment, neudeutsch "Consumer-Multimedia" genannt, von dem Sie, Herr Gallist, vor einigen Wochen oeffentlich behauptet haben, dies sei ein Geschaeftsfeld, das fuer die Telekom in Zukunft wichtiger als der klassische Telefondienst ist.

Gallist: Da haben Sie mich sehr freizuegig interpretiert. Was ich sagen wollte, ist lediglich die Tatsache, dass die Nutzungszeit zukuenftiger Multimedia-Dienste wie interaktives Fernsehen laenger sein wird als beim Telefondienst. Dies bedeutet aber keine Prioritaetenfrage zwischen Entertainment und Telefon.

Beide Maerkte beeinflussen sich vielmehr gegenseitig, wie man ueberhaupt kuenftig nicht mehr streng schubladenorientiert denken darf.

Wir sind jedenfalls der Ansicht, dass wir, wenn sich der Entertainment-Markt schnell oeffnet, nur davon profitieren koennen - auch in puncto Technik, beispielsweise beim Rueckkanal via Telefonnetz. Voraussetzung dafuer ist allerdings, dass es uns, und mit uns meine ich Programmanbieter, Netzbetreiber und Endgeraetehersteller, gelingt, schnell einheitliche und einfach zu bedienende Schnittstellen fuer den Anwender zu entwickeln.

CW: Also das zukuenftig einheitliche Multimedia-Endgeraet?

Gallist: So weit wuerde ich noch nicht gehen. Wovon ich rede, ist ein einheitliches multimediales Uebersetzungsgeraet mit einfacher Benutzeroberflaeche. Mit Decoder-Tuermen im Wohnzimmer oder am Arbeitsplatz wird es jedenfalls nicht funktionieren.

CW: Sie haben Ihr Multimedia-Engagement vor kurzem in die neugegruendete Media Service GmbH ausgelagert, wo mit Partnern wie Bertelsmann, der Kirch-Gruppe und voraussichtlich auch dem ZDF zwar eine Menge Programmanbieter mit von der Partie sind, nicht aber ein renommierter Hard- oder Softwarehersteller.

Gallist: Ich sehe schon, Sie wollen uns in die vertikale Integration treiben. Aber zurueck zum Ernst des Themas. Der Gesellschaftervertrag der Media Service GmbH wurde jetzt zwischen uns, Bertelsmann und der Kirch-Gruppe notariell beurkundet. Wir werden in einem zweiten Schritt, und dabei denken wir in Wochen und nicht in Monaten, das ZDF und voraussichtlich auch die ARD mit jeweils zehn Prozent an Bord haben.

Wir haben immer gesagt, dass wir kein DV-Unternehmen dabeihaben wollen, weil die Media Service GmbH als Auftraggeber fuer die einschlaegige Industrie auftreten soll - was eine intensive Zusammenarbeit mit den diversen Herstellern im Einzelfall keineswegs ausschliesst. Lassen Sie mich an dieser Stelle auch gleich noch etwas klarstellen: Die Media Service GmbH wird unter keinen Umstaenden selbst als Programmanbieter auftreten, und sie ist Kunde der Telekom, wenn es um die Anmietung geeigneter Netzinfrastrukturen geht. Ferner muss und wird sie, um erfolgreich zu sein, ihre Dienste allen Programmanbietern offen und diskriminierungsfrei anbieten.

CW: Wie wollen Sie denn dann verhindern, dass Ihnen - aehnlich wie bei Btx - unserioese Anbieter, etwa aus dem Genre Sex and Crime, Image und Geschaeft verderben?

Gallist: Hier gilt es sicherlich im Einzelfall ueber einen schmalen Grat zu wandern. Wir sind nicht der Zensor der Nation, der darauf achten muss, dass alles den gaengigen Moralvorstellungen entspricht. Auf der anderen Seite werden wir in jedem Fall dafuer Sorge tragen, dass alles, was der Gesetzgeber in diesem Bereich vorschreibt, eingehalten wird.

CW: Mit welchen Segnungen der mulitimedialen Massenkommunikation haben wir denn Ihrer Ansicht nach in naher Zukunft zu rechnen?

Gallist: Es wird sicherlich mit dem sogenannten "Pay per Channel" losgehen - also dem, wenn man so will, bekannten "Premiere"- Konzept. Zweiter Schritt ist "Pay per view" - sprich: interaktives Fernsehen, und hier reden wir schon in der Hauptsache von digitalen Anwendungen. Dies ist im uebrigen auch schon eine Vorstufe von Video on demand. Was dann folgen duerfte, aber das ist noch Zukunftsmusik, ist Video on demand reinsten Wassers, wo aus der Massen- beziehungsweise Verteilkommunikation die sogenannte Individualkommunikation mit einer elektronischen Videothek im Hintergrund wird und wo wir wahrscheinlich wieder bei Herrn Tenzer sind - naemlich nicht mehr im Koax-Kabel, sondern bei der ATM- Glasfaserstrecke.

CW: Vieles von dem, was Sie geschildert haben, laesst sich doch aber auch via Telefonnetz oder Kabelfernsehnetz realisieren.

Gallist: Bis zu der von mir geschilderten Vorstufe von Video on demand gehe ich von einem moeglichen Rueckkanal ueber das Telefonnetz aus. Der integrierte Rueckkanal ueber eine breitbandige Autobahn waere ein bisschen viel Aufwand, um lediglich mitzuteilen, dass man den Film gesehen hat.

Tenzer: Die Frage, ob wir mit Glasfaser bis zum Endkunden gehen, ist nicht allein abhaengig von Diensten wie Video on demand, sondern wir pruefen dies, wie schon gesagt, bei jeder Ersatzinvestition unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Es gibt schon heute eine Reihe von Diensten, wo sich Glasfaser bis zur letzten Vermittlungsstelle, also wenige hundert Meter vom Kundenanschluss entfernt, rechnet.

CW: Riskieren wir zum Abschluss einen Blick ins Jahr 2005. Wo sehen Sie Ihr Unternehmen dann?

Gallist: Telekommunikation, DV und Unterhaltungsindustrie werden dann vielleicht nicht zusammengewachsen sein, aber weitgehend konvergente Techniken beinhalten und entsprechend sich ueberschneidende Maerkte darstellen. Unternehmen, die zukuenftig weltweit eine Rolle spielen wollen, muessen in mindestens zwei der drei genannten Bereiche fuehrend sein. Jemand, der sich nur auf den Transport von Bits konzentriert, wird global gesehen schon bald bedeutungslos sein.

CW: Wer wird im Rennen um den Information-Highway eher ins Ziel kommen, die USA oder Europa?

Tenzer: Warum fragen Sie nicht nach Japan? Sie finden in Japan und mit Einschraenkung auch in Nordamerika sicherlich andere Strukturen vor - beispielsweise in Form eines nationalen Konsenses mit entsprechender Buendelung aller Kraefte. Wir von der Telekom sind hingegen auf uns allein angewiesen. Ich glaube aber, die Europaeer sind gut geruestet und brauchen sich - hinter wem auch immer - nicht zu verstecken.