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30.03.1990 - 

Binnenmarkt: Im Westen keine Integrationspause

Wer sich zu stark auf die Ost-Märkte stürzt, konnte hier den Anschluß verlieren

Die Großen sitzen schon fest im Sattel, mittlere Software-Unternehmen indes beginnen häufig gerade erst mit ihrer Planung für den europaweit offenen Markt. Vor einem übermäßigen Ost-Kurs dabei warnt Karl-Heinz Narjes: denn auf den westlichen Märkten gibt es keinen Stillstand. Defizite sowie Potentiale für eine ganzheitliche Kontinent-Orientierung gewichtet der ehemalige Vize-Präsident der EG Kommission in Brüssel im Gespräch mit Wolf-Dietrich Lorenz, Leitung CSE, Conferences, Seminars, Education des IDG Verlages.

CW: Welche Konsequenzen bringt der Binnenmarkt für mittelständische Unternehmen in Deutschland ?

Narjes: Zum 31. Dezember 1992 wird der Binnenmarkt rechtzeitig vollendet werden: Der bisherige Stand der Entscheidungen und ihrer Umsetzungen erlaubt dies optimistische Urteil. Seine positiven Wirkungen auf Wachstum und Beschäftigung schlagen bereits voll auf die Konjunktur durch; mit 8,5 Prozent Arbeitslosigkeit hat die Gemeinschaft gerade ihren tiefsten Stand seit zehn Jahren erreicht.

Dieser Binnenmarktprozeß ist kein Nullsummen-Spiel, bei dem Gewinne des einen zwangsläufig auch Verluste des anderen bedeuten. Vielmehr erleben wir einen Deregulierungsprozeß ohne Beispiel in der Wirtschaftsgeschichte, in dem alle Unternehmen ihre Strategien mit dem Blick auf Übergang von nationalen Volkswirtschaften zur europäischen Volkswirtschaft werden überprüfen und notfalls auch korrigieren müssen. Das betrifft die Produktpalette und das Angebot ebenso wie die Kostenseite, die Wettbewerbslage und die Unternehmensstrategie selbst.

Die Chancen für den flexiblen dynamischen Unternehmer sind dabei hervorragend. Der selbstgefällige, defensive, langsame Unternehmer wird hingegen mit Überraschungen rechnen müssen, weil sich mit dem Binnenmarkt auch der kontinentweite Leistungswettbewerb verschärft

CW: Die Großen sitzen schon fest im Sattel, doch ist die deutsche mittelständische Software- und Service-Industrie genügend gewappnet?

Narjes: Das Binnenmarktprogramm verstärkt und beschleunigt den Anpassungsprozeß, der ohnehin schon im technologischen Entwicklungsprozeß und der zunehmenden Weltmarktorientierung für nahezu alle Branchen in allen Mitgliedsstaaten angelegt ist.

Damit verbindet sich insbesondere auch ein starker Trend zur Spezialisierung und zur Verringerung der Fertigungstiefe. Diese Entwicklung dürfte insbesondere auch der deutschen beratenden mittelständischen Dienstleistungsindustrie entgegenkommen. Für einige Zeit wird sie davon profitieren können, daß solche Beratungsleistungen in größerem Umfange nur Aussicht auf Nachfrage haben, wenn sie in deutscher Sprache angeboten werden. Mit anderen Worten: Sobald die Konkurrenz aus anderen Mitgliedsstaaten ihr Beratungsangebot ebenfalls in deutscher Sprache erbringt, wird der Wettbewerb sich auch hier verschärfen. Umgekehrt erschließen sich dem deutschen Dienstleister neue Teilmärkte, sofern er seine Leistungen auch in der jeweiligen Landessprache anbieten kann.

CW: Wie beurteilen Sie das Informationsverhalten der EG, um Unternehmen auf die geänderte Situation vorzubereiten?

Narjes: Ich bin mir wohl bewußt, daß es sich hier zunächst um eine Bringschuld der Gemeinschaft und der nationalen Regierungen handelt. Auf der anderen Seite aber kann der einzelne Unternehmer nicht erwarten, von der europäischen oder deutschen Beamtenschaft die Anpassung seiner Unternehmensstrategie gewissermaßen auf einem silbernen Tablett frei Haus vorgelegt zu bekommen. Die Kommission hat fast alle Vorschläge, die von ihr angekündigt waren, auch vorgelegt. Dies verhindert, daß die Unternehmen der Wirtschaft noch mit Überraschungen größerer Art rechnen müssen.

CW: Und wie skizzieren Sie den Beitrag der deutschen Bundesregierung?

Narjes: Man sollte unterscheiden zwischen den Informationen über den Binnenmarkt einerseits und den Änderungen der Rahmenbedingungen und ihre Anpassung an die veränderte Wettbewerbssituation andererseits.

Besorgnis empfinde ich nämlich, wenn ich verschiedene nationale Bemühungen betrachte die eine Anpassung der Rahmenbedingungen an die neue Wettbewerbssituation zum Ziel haben. Es ist immer noch nicht erkannt worden, daß der Wettkampf der Standorte schon begonnen hat! Für deren Qualität sind die nationalen Steuer-, Rechts-, Sozial- und Wirtschaftssysteme entscheidend. Es obliegt mithin den jeweils zuständigen Gesetzgebern, dafür zu sorgen, daß den Unternehmern in ihrem Hoheitsbereich Rahmenbedingungen angeboten werden, die einen fairen und aussichtsreichen Wettbewerb erlauben.

Daran hapert es auch noch in Deutschland. Ein Beispiel sind die völlig untragbaren Unterschiede in der Kostenbelastung des Straßengüterfernverkehrs zwischen der Bundesrepublik und den Benelux-Ländern. Ändert hier der Bundesgesetzgeber nichts, scheint eine Auswanderung deutscher Güterkraftverkehrsunternehmen von der Rheinschiene in die Benelux-Länder unvermeidbar. Es ist genau diese Reaktion, die durch den Binnenmarkt jetzt möglich geworden ist und mit der die Gesetzgeber als Sanktionen rechnen müssen, falls sie ihren Aufgaben im Wettbewerb der Standorte künftig nicht gerecht werden.

Vergleichbare Entwicklungen sind in der Gemeinschaft auch denkbar, wenn die Tarife für moderne Telekommunikationsdienste kraß unterschiedlich ausfallen. Angesichts der Bedeutung dieses Kostenfaktors wären Standortverlagerungen dann unvermeidbar.

CW: Was halten Sie von der Forderungspolitik für die mittelständische SW-Industrie?

Narjes: Ich halte nicht viel von einer gezielten "Förderungspolitik" für bestimmte industrielle oder Dienstleistungssektoren. Von Starthilfen für den jungen Unternehmer abgesehen - verläßliche und wirtschaftsnahe Rahmenbedingungen, verbunden mit niedrigen Steuersätzen und geringem bürokratischem Aufwand, sind die bei weitem beste Förderungskulisse der mittelständischen dynamischen Unternehmerschaft.

CW: Welche Auswirkungen haben die politischen Veränderungen in Mittel- und Osteuropa auf die Entwicklung eines Binnenmarktes?

Narjes: Ich rechne damit, daß sich die Anstrengungen, einen europäischen Binnenmarkt zu bilden, vertiefen und verbessern werden. Auch die Wirtschaftssysteme im "Europa der 12" werden sich annähern: Erneute Anstrengungen, die außenpolitische Zusammenarbeit zu verbessern, vor allen Dingen auch in Richtung auf eine europäische Sicherheitsgemeinschaft, gehören dazu. Dies alles ist untrennbar mit ernsthaften Bemühungen verbunden, die unerträglichen Demokratie-Defizite im institutionellen Aufbau der Gemeinschaft zu beenden.

CW: Und in Osteuropa eröffnen sich neue Märkte . . .

Narjes: . . . doch wenn Einzelunternehmen sich übermäßig in Richtung Osteuropa orientieren, werden sie mit entsprechenden Konsequenzen auf den westlichen Märkten zu rechnen haben. Auf ihnen gibt es, ebenso wie auf den Weltmärkten, keinen Stillstand und auch keine "Integrationspause". Denn in gesamtwirtschaftlicher Sicht darf nicht vergessen werden, daß der gesamte Osthandel der Gemeinschaft schließlich kaum über sechs Prozent hinausgeht. Mehrjährige, intensive Anstrengungen sind nötig, um den Anteil dieser Volkswirtschaften am Handel mit der Gemeinschaft zu verdoppeln oder möglichst noch weiter zu steigern.

CW: Kommen Konkurrenten für die westdeutsche mittelständische Software- und Service-Industrie schon bald aus dem Osten?

Narjes: Die mittelständische Dienstleistungswirtschaft hat besondere Chancen, von dieser Entwicklung in Mittel- und Osteuropa zu profitieren. Die lange Tradition der Ost- und Südost-Beziehungen der deutschen Wirtschaft können hier ebenso helfen wie die geographische Lage im Herzen des europäischen Wirtschaftsraumes.

Es wird allerdings auch hier einen scharfen Wettbewerb geben, nicht zuletzt mit neuen Unternehmen in den sich jetzt von der Kommando-Wirtschaft befreienden Volkswirtschaften. Ich rechne damit, daß sich etwa in Ungarn, der Tschechoslowakei, der DDR, aber auch in Polen und Jugoslawien bald beachtliche Software-Potentiale aufbauen werden, sobald die fällige Modernisierung abgeschlossen ist.

Auf längere Sicht bin ich optimistisch, daß sich in Etappen, die sich heute noch nicht mit dem Terminkalender präzise darstellen lassen, ein Europa von 450 Millionen Verbrauchern herausbilden wird. Dessen Wirtschaft kann sich arbeitsteilig strukturieren und sie kann sich nicht zuletzt auch dank der Solidarität der wohlhabenden Mitgliedsstaaten mit den weniger entwickelten Mitgliedern kraftvoll entwickeln.