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10.04.1992

"Wer stillsteht, ist zum Tode verurteilt"

1987 aus der Fusion der Hasler Holding AG mit der Autophon AG und einer 50-Prozent-Beteiligung an der Zellweger Telecommunications AG entstanden, macht die Ascom Holding AG seit gut einem Jahr vor allem durch spektakuläre Firmenaufkäufe und Kooperationen von sich reden. Verantwortlich für den Expansionskurs ist der seit 1. Januar 1991 amtierende Präsident der Konzernleitung Leonardo Vannotti. Unter seiner Führung schickt sich der ehemals traditionelle Schweizer TK-Anbieter an, auch im internationalen Netzwerk-Busineß Fuß zu fassen. CW-Redakteur Gerhard Holzwart sprach mit dem Ascom-Chef über die Pläne und Ziele des Berner High-Tech-Unternehmens.

CW: Sie leiten nun seit mehr als einen Jahr die Geschäfte bei Ascom und sind mit großen Zielsetzungen angetreten. Was für ein Unternehmen haben Sie vorgefunden und was konnten Sie in der zurückliegenden Zeit schon bewirken?

Vannotti: Zu Beginn meiner Tätigkeit war Ascom ein eindeutig auf die Schweiz ausgerichtetes Unternehmen mit traditionellen Stammärkten. Dies ist keine Kritik, sondern die, wie ich glaube, zutreffende Beschreibung eines aus der Firmenhistorie resultierenden Tatbestandes. Mit diesem Profil befand sich Ascom übrigens in bester Gesellschaft mit einer Reihe anderer Unternehmen im Bereich der Telekommunikation.

Was ist Ascom heute? Ich denke, wir sind derzeit dabei, einen nachhaltigen Wandel in der Unternehmenskultur zu vollziehen. Wir orientieren uns weg von unserer Rolle als Versorger des geregelten, öffentlichen Schweizer TK-Marktes hin zu einem Anbieter, der sich dem internationalen Konkurrenzfeld öffnet. Wir wollen in Zukunft weltweit verstärkt große, gewerbliche Kunden anspreche deren Probleme nicht nur produktbezogen, sondern auch in Systemfragen verankert sind.

CW. Welches Motiv steckt denn hinter der Strategie einer Internationalisierung des Konzerns? Etwas salopp formuliert könnte man feststellen, daß Ascom in seiner "Schweizer Festung" ja nicht gerade schlecht verdient hat.

Vannotti: Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, daß ein Unternehmen auf Dauer nicht überleben kann, wenn es nicht über einen gewissen "Drive" zum Wachstum verfügt. Wer stillsteht, ist zwangsläufig zum Tode verurteilt.

Ascom hat in der Schweiz zweifelsohne eine stärke Marktposition - mit der Konsequenz, daß dort allmählich eine Sättigung eintritt, weitere Expansionsmöglichkeiten somit nicht mehr vorhanden sind. Die Notwendigkeit einer Erschließung neuer Märkte ist also vorgegeben. Wenn Kritiker nun zu bedenken geben, daß im internationalen Geschäft ein deutlich rauherer Wind wehe, kann ich nur sagen: Sie haben recht, aber wir wissen es auch.

CW: Sie selbst haben bei verschiedenen Gelegenheiten als Ziel Ihrer Company ausgegeben, bis zum Jahre 2000 rund 70 Prozent des Umsatzes außerhalb der Schweiz zu generieren und Ascom zu einem Major Player nicht nur in der Telekommunikation, sondern auch in anderen Sparten wie etwa dem Netzwerk-Busineß zu machen. Wie wollen Sie das erreichen?

Vannotti: Ich glaube, daß durch unsere Unternehmenspolitik im vergangenen Jahr deutlich wurde, wie wir vorgehen wollen. Vor allem die Übernahme von Timeplex ist hier als Meilenstein unserer Strategie anzusehen. Hier haben wir erstmals ein Unternehmen in den Ascom-Konzern eingegliedert, das nicht in der Schweiz angesiedelt ist und mehr als die Hälfte seines Umsatzes sogar außerhalb Nordamerikas erzielt - dies alles in Bereichen, wo Ascom bisher so gut wie ein Nobody war, zumindest aber keinen Major Player darstellte. Zusammen mit Timeplex können wir uns nun aber als ein solcher bezeichnen.

CW: Vor Ihrem Engagement bei Timeplex werden Sie sicherlich den Netzwerk-Markt genau unter die Lupe genommen haben. Reicht denn die Übernahme eines Unternehmens aus, um sich in dem Geschäft zu etablieren?

Vannotti: Die Frage, ob es reicht, kann ich so noch nicht beantworten. Eines steht für mich jedoch fest: Die Zeit der geschätzten Märkte ist vorüber, ob es einem paßt oder nicht. In welchem Markt Sie sich auch bewegen, Sie haben es aufgrund der Liberalisierung, dem Wegfall von Handelshemmnissen, des technologischen Wandels sowie dem Druck, immer kostengünstiger produzieren zu müssen, mit zunehmender Konkurrenz zu tun. Diese Parameter mögen nicht für alle Märkte gleichermaßen zutreffen, aber ein Anbieter, der für sich den Titel eines High-Tech-Unternehmens in Anspruch nimmt, muß sich mit diesen Bedingungen auseinandersetzen.

CW: Noch einmal nachgefragt, wo beginnt für Ascom das Netzwerk-Busineß und wo hört es auf?

Vannotti: Lassen Sie es mich so formulieren: Ein Equipment-Supplier waren wir, sind wir und werden wir bleiben. Dies ist auch die zukünftige Domäne von Ascom Timeplex. Als Netzbetreiber, um das andere Ende der Bandbreite möglicher Aktivitäten anzusprechen, werden wir nicht in Erscheinung treten, Aber, neben der Rolle eines reinen Hardwarelieferanten wollen wir uns nun auch verstärkt als Systemanbieter dem Markt präsentieren.

Dazwischen liegt für uns in der Wertigkeitsskala das Netzwerk-Management, wie zum Beispiel der kürzlich zustande gekommene Vertrag zwischen Ascom Timeplex und ICL in Nordamerika. Hier muß ich aber klarstellen: Netzwerk-Management bedeutet für uns nur die Sicherstellung der Funktionsfähigkeit eines Netzes mit entsprechenden Services, nicht aber der kommerzielle Betrieb über eigene Mietleitungen. In Konkurrenz zu etablierten Netz-Betreibern wollen wir nicht treten.

CW: Den Markt, den Sie als Systemanbieter bedienen wollen, umschreiben Sie mit Corporate Networks. Können Sie unseren Lesern kurz er klären, was Sie darunter verstehen?

Vannotti: Wir verstehen darunter die Lieferung von Produkten und Systemen für das Kommunikationsumfeld - wenn Sie wollen auch das Kommunikationsnetz - unserer Kunden. Die Palette reicht hier vom schnurlosen Telefon über die Teilnehmer-Vermittlungsanlagen bis hin zur Paketvermittlungstechnik, den Routing-Protokollen und Hub-Systemen sowie den Netzwerk-Management-Kapazitäten von Ascom Timeplex. Dies alles fassen wir unter dem geschlossenen Begriff Corporate Networks zusammen.

CW: Zurück zu Ihrem traditionellen Standbein, der Telekommunikation. Für Aufsehen sorgte im November vergangenen Jahres die Bekanntgabe eines Joint-ventures mit dem schwedischen Hersteller Ericsson. Wie ist hier Stand der Dinge?

Vannotti. Wir sind derzeit dabei, die Verträge endgültig auszuarbeiten. Wenn alles nach Plan verläuft, und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, können wir wahrscheinlich noch im April starten.

CW: Hat das gemeinsame Kind schon einen Namen?

Vannotti: Das Unternehmen trägt den Namen Ascom Ericsson Transmission AG und wird seinen Sitz in Bern haben.

CW: Was bringen denn beide Partner in die Ehe ein und wo liegen die Tätigkeits-Schwerpunkte der neuen Company?

Vannotti: Das Hauptaugenmerk wird bei der Entwicklung von SDH-Übertragungstechniken (Synchrone Digital Hierarchie) liegen. Ericsson bringt dazu sein Know-how bezüglicher dieser Plattform ein, Ascom seinen in Bern ansässigen Geschäftsbereich Übertragungstechniken.

CW: Vielen Beobachtern hat sich in diesem Zusammenhang die Frage aufgedrängt, ob Ihr Unternehmen nicht Gefahr läuft, von einem der ganz Großen in der Branche abhängig zu werden. Wie bewerten Sie dieses Risiko?

Vannotti: Das ist schwierig zu sagen. Es ist sicherlich zutreffend, daß wir dann, zumindest was die technische Plattform angeht, an Ericsson gebunden sind. Dies betrifft aber nur einen Teilbereich im Spektrum der Übertragungssysteme, so daß ich die Gefahr als relativ kalkulierbar einstufe.

CW: Nun geht es aber bei der Kooperation mit Ericsson nicht nur um technische Abhängigkeiten, sondern auch um wirtschaftliche Dimensionen. Manche Kollegen der Wirtschaftspresse mutmaßten schon eine bevorstehende Übernahme der Ascom-Holding durch Ericsson. Wann werden Sie vom Riesen Ericsson geschluckt?

Vannotti: Man Soll zwar niemals nie sagen - Gegenstand unserer Planungen ist ein solcher Deal jedoch nicht, und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß man bei Ericsson Entsprechendes vorhat. Was ich auf alle Fälle bestätigen kann, ist, daß unsere Gespräche nicht in diese Richtung gegangen sind. Wir wollen als Ascom weiter wachsen und einen selbständigen Kurs fahren. Dafür sind wir, so glaube ich, auch gut gerüstet. Alles andere ist Spekulation. Hinzu kommt, daß die Kooperation mit Ericsson nicht von vornherein feststand. Wir haben mit mehreren Partnern verhandelt und erst, als klar war, daß unsere Planungen und Strategien ausreichend Berücksichtigung finden, abgeschlossen.

CW: Wird es weitere Kooperationen dieser Art geben?

Vannotti: Eine der Erfahrungen, die ich während meiner Tätigkeit bei Ascom sammeln konnte, ist die, daß es - obwohl wir es mit Timeplex und Ericsson praktiziert haben - sehr schwierig ist, auf getrennten Gebieten mit einem jeweils anderen großen Partner zusammenzuarbeiten. Von da her gesehen, würde ich Ihre Frage zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher verneinen.

CW: In einem Meinungsaustausch über Ihr Unternehmen sagte mir vor einigen Wochen ein Schweizer Kollege fast bedauernd.- Früher war der Name Ascom mit Technologie und Know-how verbunden, heute redet man bei Ascom nur noch über Strategien. Es gibt eine ganze Reihe solcher skeptischer Stimmen, die Ihren Expansionskurs argwöhnisch verfolgen. Was sagen Sie dazu?

Vannotti: Dieser Kritik muß ich ganz energisch widersprechen, Es ist keineswegs so, daß wir uns etwa nur darauf konzentrieren, Technologie einzukaufen und dabei eigene -Forschungsanstrengungen vernachlässigen. Ein Beleg dafür das RACE-Projekt der EG, wo von unseren zehn vorgestellten Forschungsprogrammen meines Wissens sieben als förderungswürdig anerkannt wurden.

Technologie ist aber nutzlos, wenn man sie nicht umsetzen kann. Mit umsetzen meine ich die Entwicklung von Produkten, die im Markt Umsatz generieren und mit denen Sie letztlich Geld verdienen. Geld, das Sie dann wiederum in die Forschung investieren können.

Als wir beispielsweise Timeplex gekauft haben, taten wir das nicht, um Schlagzeilen zu produzieren, sondern um für unsere neue, strategische Ausrichtung notwendiges Know-how, eine gute Marktposition und entsprechende Vertriebskanäle zu erwerben. Akquisitionen sind Teil unserer Gesamtstrategie.