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28.06.1996 - 

Mit Windows NT als Netz- und AIX als Anwendungsserver

West LB: Börsenhandel jetzt State of the art

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, heißt es. Aber das stimmt nicht ganz. Es gibt eine Ware, die noch viel schneller schimmelig wird: Die Haltbarkeit von Börsenkursen ist auf Stunden, bisweilen sogar Minuten begrenzt. Und davon, wie schnell ein Börsenhändler diese Informationen auswerten kann, hängt es ab, ob sich das Geschäft für ihn und seine Kunden lohnt oder nicht.

Rund 180 solche Händler arbeiten in der Geschäftseinheit Investment Banking der Düsseldorfer West LB. Sie sind unentwegt damit beschäftigt, Börseninformationen aus unterschiedlichen Quellen zu sammeln und auszuwerten, damit sie zum richtigen Zeitpunkt ordern beziehungsweise verkaufen können. Bei der Trendanalyse helfen weitere 140 Börsenspezialisten.

Das Hauptarbeitsgerät eines Wertpapierhändlers ist nach wie vor das Telefon. Aber die Börsenkurse werden längst elektronisch übermittelt. Bislang nutzten die West-LB-Broker dazu vor allem die von den Informations-Dienstleistern Reuters und Telerate bereitgestellten Bildschirmseiten, wie sie über einen Video-Switch in die Terminals des bankeigenen Handelsraums überspielt wurden.

Aber dieser Service hat eine Reihe von Nachteilen: Zum einen verfährt er nach dem "Friß-Vogel-oder-stirb"-Prinzip. Mit anderen Worten: Er erlaubt es den Händlern nicht, Informationen gezielt auszuwählen. Zum anderen müssen die Daten per Sneaker-Net, also durch Diskettenaustausch, in die Auswertungs-Tools, beispielsweise ein Spreadsheet-Programm, übertragen werden. Darüber hinaus handelt es sich bei diesem "Monitor Feed" um eine veraltete Technik, die die Informations-Dienstleister über kurz oder lang nicht mehr unterstützen werden.

Unter der Leitung von Klaus Bremges hat sich deshalb ein 20köpfiges Team von DV- und Fachbereichs-Mitarbeitern daran gemacht, den Börsenhandel mit einem neuen IT-System zu unterstützen. In Frage kam nur eine Anwendung von der Stange. Eine Eigenentwicklung machte für die West LB - wegen der Schnelllebigkeit solcher Systeme, so die Begründung - keinen Sinn.

Die Anforderungen an die Applikation orientierten sich an den Aufgaben der künftigen Anwender. Demzufolge mußte das System in der Lage sein, die von den Service-Providern angebotenen Börseninformationen ständig im Zugriff zu halten, die vom Anwender gewählten Informationsausschnitte im Bildschirmfenster anzuzeigen und jede Veränderung quasi in Echtzeit nachzuvollziehen.

Zudem sollte sich dieses Informationsverteil-System ohne Umweg mit den von der West LB für strategisch erklärten Microsoft-Werkzeugen "Excel" und "Access" integrieren lassen.

Die ersten Überlegungen für dieses Projekt reichen fast drei Jahre zurück. Schon damals hatte zum Beispiel Reuters eigene PCs mit entsprechender Softwarekonfiguration im Angebot. Wie Bremges erläutert, ließen sich damit aber nur Eins-zu-eins-Verbindungen zwischen Dienstleister und Händler herstellen. Zu den erweiterten Systemanforderungen der West LB hingegen gehörte die gemeinsame Nutzung bestimmter Softwarebereiche, beispielsweise von Standard- Kalkulationstabellen (Excel-Sheets).

Die Auswahl an marktgängigen Börsenhandels-Systemen war 1994 recht gering. Das Rennen machte schließlich "Trade Wizzard/ Open Trade", eine Unix-basierte Lösung der Digital-Equipment-Tochter DCM, die in der Zwischenzeit von dem New Yorker Software-Unternehmen MTI übernommen wurde.

Der Trade Wizzard unterstützte bereits Client-Systeme unter Windows 3.1. Eine Ausführung für Windows NT hatte das Software- Unternehmen aber in Aussicht gestellt. Das paßte dem Team der West LB gut ins Konzept - hatte es doch beschlossen, die Börsenhandels- Anwendung Client-seitig auf dem neuen Microsoft-Betriebssystem zum Ablauf zu bringen. Auch beim Netzbetriebssystem war die Entscheidung für Windows NT gefallen.

Gegenüber einem System aus Unix-Servern und Windows-3.x-Clients hat die Benutzerverwaltung per NT, so Bremges, ein paar handfeste Vorteile: Die Börsenhändler und ihre Kollegen von der Trendanalyse könnten jeden verfügbaren PC nutzen, ohne auf jeder Maschine extra registriert zu sein. Außerdem sei es mit NT einfacher, die bereits vorhandenen und weiterbetriebenen Novell-Netze zu integrieren.

Auf der Desktop-Seite zeichnet sich das neue Microsoft- Betriebssystem gegenüber dem Vorgänger Windows 3.1 durch seine Multitasking-Fähigkeit und volle 32-Bit-Unterstützung aus. Die Microsoft-Alternative Windows 95 war zum Zeitpunkt der Investitionsentscheidung noch nicht auf dem Markt. Nach näherer Untersuchung hat sie zudem eine Reihe von Sicherheitsmängeln offenbart, weshalb sich der Düsseldorfer Finanzdienstleister generell gegen den Einsatz von Windows 95 entschied.

Während der Netzbetrieb sowie der größte Teil der Client-Systeme mit Windows NT arbeiten, setzt sich das Anwendungs-Backbone aus insgesamt 14 Unix-Rechnern zusammen. Laut Bremges hat der Applikationslieferant bei der Verteilung der Börseninformationen keine Alternative zu Unix vorgesehen.

Dieses Backbone dient dazu, die von Reuters und anderen Informationsanbietern in Gang gesetzte Datenflut aufzufangen und zu kanalisieren. Fällt es aus, so steht der Börsenhandel der West LB still. Jede zweite der Unix-Maschinen verfolgt deshalb keinen anderen Zweck, als die Funktionen ihres jeweiligen Gegenstücks zu spiegeln ("Hot Stand-by"), damit sie notfalls ohne Zeitverzögerung einspringen kann.

Als Betriebssystem kommt hier AIX zum Einsatz. Diese Entscheidung hat die West LB vor allem deshalb getroffen, weil IBM die AIX- Maschinen als kompakte Rack-Systeme anbietet. Die seien zwar teuer in der Anschaffung, konzediert Bremges, aber sie erforderten wenig Verwaltungsaufwand. Zudem habe IBM die notwendigen Security- Features bereits integriert, andere Anbieter hingegen hätten auf Fremdprodukte verwiesen.

Die Installation der West-LB-Division Investment Banking gehört derzeit immerhin zu den größten Netzen, die mit Windows NT betrieben werden. Sie besteht aus drei Servern - je einem für die Daten, die Administration und das Backup - sowie 330 Clients.

Der Finanzdienstleister erhofft sich von seinem neuen Handelssystem mittelfristig einen merklichen Vorsprung vor dem Wettbewerb. Wie sich die einheitliche und komfortable Bedienoberfläche, die besseren Kommunikationsmöglichkeiten durch Electronic Mail, der zentrale File- und Print-Service sowie die Integration der PC-Tools aber tatsächlich auf die Arbeit der Investment-Banker auswirken, hängt auch davon ab, ob die User diese neue Technik annehmen.

Dafür, daß die Anwender mit ihren Umstellungsschwierigkeiten nicht im Regen stehen, sorgen 19 Tutoren. Dirk Hanenberg ist einer von ihnen. Ihm zufolge wird es noch etwa ein halbes Jahr dauern, bis die User soweit sind, daß die Anwendung ihren vollen Nutzen entfalten kann.

Auf jeden Fall werden sich die Kosten für Software und Hardware schnell amortisiert haben. Denn für den Video-Switch und die knapp zwei Dutzend Reuters-Terminals waren monatlich Zigtausende von Dollars an Miete zu berappen. Wann und in welcher Höhe sich mit der neuen IT-Umgebung ein Return on Investment erzielen läßt, ist laut Bremges nicht genau zu ermitteln. Aber quantifizierbar oder nicht - ein zeitkritisches Geschäft wie der Börsenhandel profitiert von jeder Minute, die bei der Informationsauswertung eingespart wird.