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27.04.1990 - 

DDR-Kombinate stehen vor der Auflösung, Teil 1

West-Ost-Kontakte prägten die Leipziger Frühjahrsmesse

Die Exponate spielten auf dem diesjährigen Frühjahrs-Meeting in Leipzig eine eher untergeordnete Rolle. Gesprächsthema Nummer eins waren vielmehr Kooperationsvereinbarungen und angestrebte Joint-ventures mit westlichen Partnern. Klaus Krakat* hat sich auf der Leipziger Messe umgesehen.

Für die Kombinats- und Betriebsleiter in der DDR ist die sozialistische Planwirtschaft bereits Historie. Doch noch immer beherrschen. Plankennziffern und alte Denkschemata in vieIen Betrieben das Geschehen. Klar ist aber: Der kommenden Marktwirtschaft kann und will sich niemand entziehen. Auf dem Weg dorthin gibt es allerdings unklare, vielfach auch unterschiedliche Vorstellungen. Teilweise herrscht Orientierungslosigkeit und Resignation, weil feststeht, daß unter marktwirtschaftlichen Bedingungen selbst in den einstigen Renommierbetrieben der Elektrotechnik und Elektronikbranche so manches Erzeugnis keine Absatzchancen haben wird.

Produktionseinstellungen und Betriebsstillegungen werfen ihre Schatten voraus. Hilfe wird vom Westen erwartet, insbesondere von Firmen aus der Bundesrepublik. In der Tat haben bereits eine Reihe zum Teil namhafter Unternehmen ihren Fuß über die Schwelle in die DDR gesetzt. Dabei handelt es sich nicht allein um die Anbahnung von Kooperationsverträgen oder Joint-ventures, sondern vor allem um die Lösung vielschichtiger Probleme, denen sich DDR-Betriebe nunmehr gegenübersehen. Diese ergeben sich unter anderem aus der Bewertung der vorhandenen Vermögenswerte und der Aufstellung von DM-Eröffnungsbilanzen, durch den Abbau der bisherigen Fertigungstiefe bei der Mehrzahl der DDR-Betriebe oder durch Produktionsein- und -umstellungen. Bereits heute zeigen verschiedene Kombinate deutliche Auflösungserscheinungen. So ist es fraglich, ob nach den Umbewertungen und der Überführung in eine neue Rechtsform die ehemaligen Kombinatsstrukturen bestehen bleiben werden.

Bei den Kombinaten handelt es sich um eine spezifische Organisationsform der Planwirtschaft in der DDR. Der größte Teil der gegenwärtig noch bestehenden Betriebsstrukturen wurde im Rahmen der sogenannten Kombinatsreform während der Zeit von 1978 bis 1980 geschaffen. Mit dem Übergang in eine Marktwirtschaft aber haben die Kombinate ihren eigentlichen Sinn verloren.

Unabhängig hiervon ist sicher, daß eine Reihe von Kombinaten und Betrieben mit bundesdeutschen Firmen künftig gemeinsame Wege gehen werden. Das trifft zum Beispiel für Betriebe der ehemaligen Kombinate Robotron oder Carl Zeiss Jena zu. Hier sind bereits speziell Fragen der Vermittlung sowohl hinsichtlich neuestem technischem Know-how als auch Management-Wissen geklärt. Demgegenüber haben nicht wenige Betriebe beziehungsweise Betriebsteile kaum eine Chance, weiter zu bestehen. Dazu gehören besonders die Betriebe, in denen die Produktionstechnik mehr als veraltet ist und deren Informationstechnik kaum über ein paar 8-Bit-Personal-Computer hinausgeht. Sie zählen zweifellos zu den Verlierern der kommenden Vereinigung beider deutscher Staaten, da für sie bislang weder geeignete Rationalisierungsstrategien noch Umschulungsprogramme für die dort Beschäftigten bestehen.

Nicht nur Gespräche in Leipzig, sondern auch Besichtigungen in Betrieben der Elektronikbranche haben gezeigt, daß Produktionsdiskontinuitäten wegen ausbleibender Materialzulieferungen oder notwendiger Nachbearbeitungen fehlerhaft angelieferter Erzeugnisse die Regel waren. Ausfälle veralteter Werkzeugmaschinen und langwierige Reparaturarbeiten trugen zu dem ständig überhöhten Kostenniveau bei.

Der permanente Materialmangel begünstigte eine Lagerhaltung, die darauf bedacht war, aus Sicherheitsgründen möglichst viele Erzeugnisse auch als Tauschobjekte zu sammeln. Eine echte marktorientierte Preisbildung kannte man nicht, statt dessen wurde mit unrealen Planpreisen operiert. Mängel in der Kostenrechnung ergänzten die vorgenannten Disproportionen. Hinzu kamen Planungsordnungen und Rahmenrichtlinien als Aktionsrahmen für Kombinate und Betriebe mit Kennziffern und Normen als verbindliche Orientierungspunkte. Die gegebene Situation wurde zudem durch die Tatsache verschärft, daß die SED stets "von oben" in die Kombinate und Betriebe "hineinregierte" und dabei bestimmen konnte, was primär zu produzieren oder nicht zu produzieren war. Auf diese Weise konnte eine vernünftige Unternehmensführung kaum gewährleistet werden.

Obwohl in vielen Fällen zu teuer produziert wurde, blieb der Export von elektronischen Bauelementen, Computern oder Werkzeugmaschinen in Comecon-Länder noch relativ rentabel (vergleiche Tabelle). Als permanentes Verlustgeschäft gestaltete sich hingegen der Export in westliche Länder. Die in den meisten Fällen hierbei bewußt eingeplanten roten Zahlen offenbaren eine als sozialistisch bezeichnete Betriebswirtschaft, die als katastrophal bewertet werden muß. Wie die hier genannten und andere Beispiele zeigen, führte bisher bei allen DDR-Kombinaten die Gegenüberstellung des Wertes der notwendig gewesen en Bruttoproduktion (in Millionen DDR-Mark) mit den erzielten Erlösen (Valuta-Gegenwert in DDR-Mark) zu extrem niedrigen Westexport-Rentabilitäten (Devisenertrags-Kennziffern).

So erwirtschaftete das Kombinat Robotron 1989 nur eine Exportrentabilität in Höhe von 0,16, das Kombinat Mikroelektronik Erfurt verbuchte einen Wert von 0,14 und Carl Zeiss Jena brachte es nur auf ganze 0,26. Für die ersten beiden Monate des Jahres 1990 lagen die ermittelten Werte noch niedriger, wie die Tabelle veranschaulicht. Hinsichtlich der Exportrentabilität schneiden die Kombinate des Werkzeug- und Verarbeitungs-Maschinenbaus noch am günstigsten ab.

Zu den Problemfallen zählt zweifellos die gegenwärtige Situation der Kombinate Mikroelektronik, Elektronische Bauelemente Teltow und Keramische Werke Hermsdorf. In diesen Betrieben wurde bislang der größte Teil der in der DDR benötigten elektronischen Bauelemente vom Mikro-Chip bis zum Gleichrichter produziert. Fehlende Erzeugnisse importierte man aus anderen Comecon-Ländern, so unter anderem 8-Bit-Mikroprozessoren aus der Sowjetunion (Typenbezeichnung: K 1810 WM 86, Intel-8086-kompatibel) für den Bau von Robotron-Personal-Computern. Offen wird nunmehr auch in der DDR zugegeben, daß besonders die Leistungselektronik der internationalen Entwicklung zu keiner Zeit folgen konnte und die bisherigen Autarkiebestrebungen im Falle der Mikroelektronik zu Disproportionen führten.

Gleichzeitig lähmten ständige dirigistische Eingriffe der früheren Regierung und SED-Führung in die Produktion die möglichen Aktivitäten der Mikroelektronik-Kombinate. Leidtragender war dabei besonders das Kombinat Mikroelektronik Erfurt, aus dem in den achtziger Jahren durch Regierungsbeschluß der VEB Elektromat Dresden (Hersteller von Spezialausrüstungen für die Mikroelektronik) und das Zentrum für Forschung und Technologie Mikroelektronik Dresden (bekanntgeworden unter anderem durch die hier entwickelten ersten 1-Mbit-Chips) zwangsweise herausgelöst und dem Kombinat Carl Zeiss Jena unterstellt wurden.

Diesen Eingriffen lag die Idee der SED zugrunde, das Kombinat Carl Zeiss Jena unter seinem damaligen Generaldirektor Professor Biermann zu einem Zentrum der DDR-Mikroelektronik auszubauen. Diese Pläne wie auch das Mbit-Projekt sind bekanntlich geplatzt (vergleiche COMPUTERWOCHE Nr. 51 vom 15. Dezember 1989, Seite 5). Inzwischen steht fest, daß Elektromat Dresden wie auch das Forschungszentrum wieder in das Kombinat Mikroelektronik eingegliedert werden - sofern das Kombinat mit seinen bisherigen Betriebsstrukturen dann noch existiert.

Ein Papiertiger bricht zusammen

Wie auf der Leipziger Frühjahrsmesse verlautete, war man im Südosten Erfurts in den dortigen neuen Chip-Fabriken auf die geplante Fertigung von 256-KB-DRAMs ab 1989 bereits vorbereitet. Nach früheren DDR-Berichten sollten dort ab 1989 bereits derartige Chips produziert worden sein. Nun aber stellte sich heraus, daß es sich hierbei um großsprecherische Verlautbarungen der SED gehandelt hat. Wenn überhaupt - so heißt es jetzt kritisch - wurden hier nur Labormuster im Rahmen einer Kleinserie gefertigt und künftigen Anwendern (zum Beispiel Robotron Dresden) zur Verfügung gestellt. Es ist sogar anzunehmen, das man die 256-KB-DRAMs aus dem Westen eingeführt und in Robotron-Rechner eingebaut hat.

Das gesamte Mikroelektronik-Programm der SED war nach Meinung von Vertretern aus Forschung und Praxis der DDR ein einziger Bluff und ein "Faß ohne Boden". Kommentar eines leitenden Mitarbeiters aus dem Kombinat Robotron: "Ein Papiertiger ist zusammengebrochen." Die in Erfurt für eine Serienproduktion von 256-KB-DRAMs nicht genutzten Fertigungskapazitäten sollten statt dessen für die bevorstehende Produktion von 1-Mbit-Chips freigehalten werden. Ob die noch auf der letzten Leipziger Herbstmesse 1989 genannten 20 000 ersten Chips tatsächlich gefertigt wurden, wird von manchen Insidern der Elektronik-Szene in der DDR bezweifelt.

Das Labormuster einer ersten 32-Bit-CPU (Bezeichnung: U 80701) übergab das Kombinat Mikroelektronik im Herbst 1989 der damals noch amtierenden SED-Führung. Wie es hierzu im Kombinat Mikroelektronik auf der Frühjahrsmesse hieß, wurden die dafür notwendigen Entwicklungsarbeiten in enger Kooperation mit Robotron Dresden vorangetrieben. Sie ermöglichten es, daß Robotron schon jetzt einen ersten eigenen 32-Bit-Mikro als Workstation auf der Messe zeigen konnte.

Trotz solcher partieller Entwicklungserfolge ist man vor allem im Kombinat Mikroelektronik skeptisch, was die künftige Produktion der ehemaligen Kombinatsbetriebe betrifft. Nach den derzeitigen Vorstellungen sollen das Kombinat in eine Führungsholding und die einzelnen Betriebe zum Beispiel in GmbHs umgewandelt werden. Verbunden ist dieser Umwandlungsprozeß mit einem radikalen Abbau der in der Kombinatsleitung und den Betrieben beschäftigten Mitarbeiter. Parallel zur Bewertung des Vermögens in den einzelnen Kombinatsbetrieben wird ebenfalls eine einschneidende Reduzierung des bisherigen Erzeugnisprogramms angestrebt.

Das Halbleiterwerk Frankfurt/Oder, ein Betrieb des Kombinates Mikroelektronik, ist ältester und zugleich größter Produzent mikroelektronischer Bauelemente in der DDR. Nach dem notwendigen Abbau des bisher produzierten Erzeugnissortiments und angesichts der künftigen Produktion unter marktwirtschaftlichen Bedingungen herrscht Ratlosigkeit. Als Hoffnungsschimmer wird hier wie auch in anderen Betrieben die Abwicklung noch bestehender Lieferungsaufträge von Comecon-Ländern, insbesondere der Sowjetunion, angesehen.

Der Kombinatsbetrieb Mikroelektronik-Mühlhausen, bisher Hauptproduzent unter anderem von Taschenrechnern und Kleincomputern, sieht für seine qualitativ recht guten, jedoch zu teuer gefertigten Erzeugnisse indes künftig keine Absatzchancen mehr. Man spricht offen von möglichen Produktionseinstellungen. Auch im ehemaligen Stammbetrieb des Kombinates Mikroelektronik, dem VEB Mikroelektronik "Karl Marx", Erfurt, werfen notwendige Strukturänderungen ihre Schatten voraus. Gerüchten zufolge solIen hier etwa die Hälfte aller Beschäftigten entlassen werden. Mit einer "geschrumpften" Mannschaft hofft man, dann möglicherweise eine Second-Source-Produktion fahren zu können.

Zu den wichtigen Betrieben des Kombinates zählt zweifellos der VEB Spurenmetalle Freiberg, bisher Alleinhersteller von Reinst-Siliziumstäben in der DDR. Ausgehend von einer als notwendig erkannten Erneuerung der Fertigungskapazitäten, hofft man hier künftig auch westliche Kunden bedienen zu können. Wie es heißt, lassen es die gegenwärtigen Ressourcen zu, genug Silizium zu produzieren.

Zu den glücklichen Betrieben rechnet sich das Werk für Fernsehelektronik Berlin. Es verfügt über eine relativ neue Produktionsstätte für die Herstellung von Farbbildröhren, die vor einiger Zeit von Toshiba aufgebaut wurde. Geplant ist nunmehr mit Philips eine Kooperation über den Bau von Farbbildröhren im Berliner Werk und die Realisierung eines Joint-ventures.

Abbau der Fertigungstiefe unumgänglich

Beim Vorzeigekombinat Carl Zeiss Jena gab man sich auf der Leipziger Messe trotz der bevorstehenden Veränderungen gelassen und verwies auf die Tradition und die Leistungskraft des Hauses. Die Umstrukturierung und die sie begleitenden Maßnahmen reichen von der Neubewertung des Gesamtvermögens, Änderung der Rechtsform vom Kombinat und der ihm unterstellten Betriebe bis hin zur Neugestaltung der Vertriebswege. Unumgänglich ist aber auch hier ein Abbau der bisherigen Fertigungstiefe und die Produktionseinstellung einiger Erzeugnisse.

Wie unter anderem auf der Pressekonferenz des Kombinates mitgeteilt wurde, führt eine Neubewertung des Anlagevermögens zu der Rückführung des Kapitals in die Hände der Carl-Zeiss-Stiftung. Beschlossene Sache ist zudem eine Kooperation mit Carl Zeiss in Oberkochen. Insider vermuten hier sogar eine Verschmelzung beider Unternehmen.

(wird fortgesetzt)