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15.01.1988 - 

Gewerkschaften und High-Tech-Firmen auf Konfrontationskurs, aber:

Wettbewerbsfähigkeit bedingt flexiblere Arbeitszeit

MÜNCHEN- Sonntagsarbeit im High-Tech-Bereich soll ein Gesetzentwurf der Regierungskoalition "zur Änderung des Arbeitszeitrechts" ermöglichen. Durch "Rund-um-die-Uhr-Betrieb" erhoffen sich die Unternehmen International wettbewerbsfähiger zu werden. Die Gewerkschaften allerdings wollen die Arbeitsruhe am Sonntag energisch verteidigen.

Mit einem entschiedenen "Nein" antwortet die Gewerkschaft schon seit Jahren auf den Versuch der High-Tech-Unternehmen Sonntagsarbeit einzufahren. Der von den Firmen angeführte "technische Sachzwang" ist ihrer Meinung nach lediglich ein Argument für die Öffentlichkeit. Die gesetzliche Lage war bisher eindeutig. Nach Paragraph 105 b der Gewerbeordnung ist die Arbeit an Sonn- und Feiertagen verboten (siehe auch Kasten zur Landesgesetzgebung). Nur in wenigen Fällen machte das Gewerbeamt in den vergangenen Jahren eine Ausnahme. Mit dem Gesetzentwurf "Zur Änderung des Arbeitszeitrechts" will nach Meinung der Arbeitnehmervertreter die Bundesregierung die Bestimmungen lockern. Das geänderte Gesetz soll in Sektoren technologischer Innovation künftig die vollkontinuierliche Sonntagsarbeit zulassen. "Technische Sachzwänge werden vorgeschoben", wetterte IG-Metall-Boß Klaus Zwickel auf einer Tagung in München, "um wieder Arbeitsbedingungen wie im 19. Jahrhundert einzuführen."

Den Standpunkt der Arbeitnehmerorganisation bezeichnen die betroffenen Unternehmen als "maßlos übertrieben". Sie halten die flexible Arbeitszeitregelung in einer Dienstleistungsbranche für überlebensnotwendig. Allerdings müssen die Firmen zugeben, daß sie die Wochenendtätigkeit - wenn überhaupt - bei vielen Beschäftigten nur mit großer Überzeugungsarbeit" durchsetzen konnten.

Diese Anfangsschwierigkeiten bekam auch die Unternehmensleitung der Siemens AG zu spüren. Erst nach einigen Anläufen gelang es ihr, die "vollkontinuierliche Arbeitszeit" in ihrer Niederlassung Neuperlach durchzusetzen. Johann Haserer, Mitglied der Megaprojekt-Leitung beschreibt die Dringlichkeit, rund um die Uhr arbeiten zu müssen: "Für die Erprobung, Musterfertigung und Serienproduktion hochintegrierter Chips ist ein durchgehender Schichtbetrieb notwendig, da die Anforderungen an Gleichmäßigkeit und Präzision sehr hoch sind." Ein Arbeitsdurchlauf, bestehend aus über 300 Arbeitsschritten, dauere von der reinen Siliziumscheibe bis zum fertigen Chip etwa 30 Arbeitstage. Hier setzte der Halbleiterproduzent an, um zu einem Konsens - sprich: zu einer Betriebsvereinbarung - zu kommen. Der Betriebsrat von Siemens hält die von der Unternehmensführung propagierte "technische Nowendigkeit" allerdings eher für ein wirtschaftliches Argument. Inzwischen stimmte die Arbeitnehmerorganisation jedoch der Einführung von Wochenendarbeit zähneknirschend zu. Nur so hätte sie die Chance, an der Gestaltung der Rahmenbedingungen mitzuarbeiten.

Vorprogrammierte Konflikte mit dem Betriebsrat

Die Befürchtungen der Gewerkschaft, Sonntagsarbeit führe zu inhumanen Bedingungen, hält Rainer Rottke, IBM-Pressesprecher, für absurd. Auch versteht er die Diskussion um den Begriff "technischer" Sachzwang nicht. "Natürlich ist es technisch mögliche", erklärt Rottke, "am Wochenende den Prozeß der Chip-Fertigung zu unterbrechen." Nur sei dann die Ausbeute nach dem Wiederanlauf wesentlich geringer. Man müsse also auch von einem wirtschaftlichen Aspekt sprechen. Heutzutage ließen sich technischer Zwang und wirtschaftliche Auswirkungen eben nicht mehr voneinander trennen. Der Stuttgarter Pressesprecher: "Wir müssen alte eingefahrene Strukturen überdenken und zum Wohle aller abschaffen". Dazu gehört seiner Meinung nach auch die Flexibilisierung der Arbeitszeit. Allerdings ist es Big Blue bislang nicht gelungen, die Wochenendarbeit einzufahren. Der Betriebsrat des Sindelfinger IBM-Werks wehrt sich, erklärt die IG Metall, erfolgreich dagegen. In einer von der Arbeitnehmerorganisation durchgeführten Befragung hätte sich die Mehrheit der Mitarbeiter. gegen die geplante Wochenendarbeit ausgesprochen.

Aber nicht nur die Chip-Produzenten planen Sonntagsarbeit. Auch bei der EDS Electronic Data Systems (Deutschland) GmbH in Rüsselsheim gibt es inzwischen konkrete Überlegungen dazu. Das Dienstleistungs-Unternehmen will vor allem seinen ausländischen Kunden die Leistungen des Rechenzentrums rund um die Uhr zur Verfügung stellen. Doch ist auch in diesem Fall der Konflikt mit dem Betriebsrat bereits programmiert. Ein Sprecher der EDS-Presseabteilung räumt ein, daß die kontinuierliche Arbeit aus rein ökonomischen Gründen diskutiert werde. Die Alternative zur Wochenendarbeit sei, Arbeit nach Fernost zu verlagern.

Wettbewerbsfähigkeit hat auch bei einem der Vorreiter der Wochenendarbeit höchste Priorität. Valvo, der Unternehmensbereich Bauelemente der Philips GmbH in Hamburg, arbeitet bereits seit 1984 durchgängig, allerdings mit eigens dafür festeingestellten Belegschaftsmitgliedern. Jetzt hat die Allgemeine Deutsche Philips Industrie GmbH (Alldephi) in Hamburg den Grundstein für ein neues Mikroelektronik-Entwicklungszentrum gelegt. In den Bau, der Anfang dieses Jahres von 250 Ingenieuren und Technikern bezogen werden soll, investiert Philips 25 Millionen Mark. Alldephi-Chef Cornelis Bossers bringt die Einstellung vieler Chip-Produzenten auf den Punkt. "Wenn wir auf dem globalen Markt der integrierten Schaltkreise mit den Vereinigten Staaten und Fernost gleichziehen wollen, müssen auch die Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten, vergleichbar sein." Der Hamburger Alldephi-Chef weist vor allem auf die Flexibilität von Betriebs- und Arbeitszeiten hin.

Den immer wiederkehrenden Hinweis der High-Tech-Firmen auf die Konkurrenz in Billiglohnländern konterkariert die IG Metall indes energisch. Wenn man dieser Logik folge, gebe es ihrer Meinung nach in der Bundesrepublik bei Löhnen und Arbeitsbedingungen keine Grenze mehr nach unten. "Denn", erklärt Gewerkschaftsboß Zwickel, "irgendein Land wird immer kostengünstiger als wir arbeiten." Zwickel zitiert in diesem Zusammenhang eine neue OECD-Studie, nach der Deutschland bei der Betriebsnutzung in der verarbeitenden Industrie sowie beim Anteil der Schichtarbeit unter den industrialisierten westlichen Ländern mit an der Spitze rangiert.

Sowohl bei den High-Tech-Unternehmen als auch bei den Gewerkschaften ist künftig wenig Verständnis füreinander zu erwarten. Stellvertretend für Arbeitswissenschaftler und Marktanalysten plädiert Wolfgang Dernbach, Mitglied der Diebold Geschäftsleitung, dennoch für eine Annäherung der Kontrahenten. Schließlich müßten auch die Gewerkschaften einsehen, daß die schlechte wirtschaftliche Lage viele Unternehmen zwinge, künftig flexibler zu sein. Die Arbeitnehmerorganisation wiederum stünde bei dieser Entwicklung vor der großen Herausforderung, Exzesse zu verhindern und entscheidend bei den Rahmenbedingungen für die Sonntagsarbeit mitzuwirken.