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09.08.1985 - 

ANS-Cobol Untermain:

Wider den US-Standardisierungs-Imperialismus

Allen Bemühungen des American National Standard Institute (ANSI) zum Trotz, das sogenannte ANS-Cobol 74 als umfassende weltweite Cobol-Norm durchzusetzen (weitgehend ist es den Amerikanern ja schon gelungen), gibt es in der BRD im Rhein-Main-Gebiet Anstrengungen, diese Norm zu unterwandern, das heißt, den Amerikanern eine für deutsche Verhältnisse adäquatere Form von Cobol entgegenzusetzen.

Ein unterfränkisches EDV-Spezialistenteam hatte sich zum Ziel gesetzt, einerseits das Compilieren von Cobol-Programmen effektiver, das heißt, schneller zu machen und gleichzeitig die Sprache Cobol heimatverbundener zu gestalten.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war der Grundsatz, daß Neues nur auf der Basis einer richtigen Analyse des Bisherigen gewonnen werden kann.

Bekannt war, daß Cobol-Programme unter anderen aus Anweisungen beziehungsweise Befehlen bestanden, die in ihrer Syntax und Semantik der englischen Hochsprache entnommen worden sind.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis stellten die Forscher die These auf, daß eine neue Anweisung im Quellprogramm aus dem deutschen Sprachraum stammen sollte, mit der Funktion, den Compilierungsvorgang zu beschleunigen. Mit solch einer Anweisung wäre die gewünschte Effektivität und Heimatverbundenheit der Cobol-Sprache gewährleistet.

Naheliegend war, die Suche nach dem bewußten Wort in dem Sprachraum aufzunehmen, in dem der neue Cobol-Standard getestet werden sollte, also in der Heimat der Forscher, nämlich in Unterfranken.

In ziemlich kurzer Zeit, mit Unterstützung eines einheimischen Sprachforschers, stießen sie auf das Dialektwort "gell". Dieses Wort hat, wie der Sprachforscher glaubhaft versicherte, die Funktion, einen Verstärkungseffekt zu erzielen. Zum Beispiel in dem Satz: "Gell, du kommst doch morgen zu Besuch" hat "gell" die Bedeutung, der Einladung beziehungsweise dem Wunsch, doch zu Besuch zu kommen, Nachdruck zu verleihen. Genau so ein Wort wurde gesucht, und der heimatverbundene Charakter von "gell" ist eigentlich offensichtlich. Es ging nun im folgenden darum, wie das Wort "gell" als Cobol-Befehl so integriert werden konnte, daß sowohl die umgangssprachliche Bedeutung von "gell" erhalten blieb als auch die deutsche Syntax vom System akzeptiert wurde.

Kurz und gut, mit der Hilfe eines Compilerspezialisten hatte unser Team aus Unterfranken aus dem Dialektwort "gell" das funktionsfähige Cobol-Wort "gell" gewonnen, dessen Verwendung nach den ersten erfolgreichen Testläufen wie folgt beschrieben werden kann:

Die neue sogenannte "Gell"-Anweisung kann als Einzel- und als Zusatzanweisung eingesetzt werden, wobei dem Einsatz als Zusatzanweisung die wichtigere Bedeutung zukommt. Es kann also nun statt zum Beispiel wie bisher Move A to B geschrieben werden: Gell move A to B oder statt: Perform L10 thru L20 Gell Perform L10 thru L20

Zu beachten ist dabei nur, daß zwischen der eigentlichen Anweisung und der Zusatzanweisung immer ein Blank stehen muß. Die Wirkung der "Gell"-Anweisung als Zusatz besteht wie gesagt darin, daß alle Cobol-Befehle wie zum Beispiel "Move" oder "Perform" schneller ausgeführt werden.

Es hat sich auch in der Testphase gezeigt, daß die "Gell"-Einzelanweisung nur am Ende eines Programmes sinnvoll ist.

Die Sinnlosigkeit eines Befehles wie: Gell A to B leuchtet wohl jedem Leser ein, so daß nur folgende Kombination anwendbar ist: Exit Program Stop Run Gell

Daß "gell" nicht als Paragraphenname verwendet werden darf, sollte eigentlich auch einsichtig sein. Die Formulierung "Go To Gell" ist sicher der größte Blödsinn, den ein Programmierer verzapfen kann.

Die Einzelanweisung "gell" hat eine ähnliche Bedeutung wie das Dialektwort in dem Satz: "Ich geh jetzt, gell". Mit Nachdruck wird etwas abgeschlossen beziehungsweise beendet. Neben den ökonomischen Vorteil der Gell-Klausel (schnellere Verarbeitung) hat der Einsatz der Klausel auch einen sehr angenehmen psychologischen Nebeneffekt, der darin besteht, daß dem Programmierer durch die Verwendung von bekannten Heimatklängen das Codieren, das eigentlich eine geisttötende Beschäftigung sein kann, wieder mehr Spaß, Lust und Laune bereitet. Und so soll es auch sein, gell. Es geht doch nichts über zufriedene Programmierer, oder?

Apropos Lust ! ! !

Das nächste Forschungsprojekt des unterfränkischen Teams hat die Frage zum Inhalt, ob eine Variation von "gell", nämlich das lustbetonte Wort "geil" oder dessen Steigerungsform "Echt geil" in Cobol-Sprache umgewandelt die gleiche Wirkung zeigt wie "gell".

Wenn dem so wäre, hätte dies den großen psychologischen Vorteil, daß die Programmierer, die auf Erotik besonderen Wert legen, besonders gern und ausdauernd ihren Beruf ausüben. Denn Erotik hat nie Pause. So könnte dann das Programmieren wieder zu einer Leidenschaft werden.

Gell, echt geil, woll?

Hoppla, da hat sich doch glatt ein "gell"-analoges Dialektwort aus Nordrhein-Westfalen eingeschlichen, was insofern zu denken gibt, daß sich Spezialisten aus dem Ruhrgebiet oder gar aus dem Sauerland (gibt es im Sauerland eigentlich EDV-Verarbeitung?) mal mit der Frage einer Umwandlung des Wortes "woll" in eine entsprechende Cobol-Anweisung beschäftigen könnten. Warum soll in Nordrhein-Westfalen das Programmieren nicht auch wieder heimatverbundene Freude bereiten?

Wie dem auch sei, beziehungsweise noch nicht ist - sollte das zweite Projekt erfolgreich sein, wird die Anweisung "Gell echt geil", abgekürzt G-E-G-Klawel, meines Erachtens über den unterfränkischen Raum hinaus sozusagen bundesweit Furore machen, und zwar nicht mehr unter der Bezeichnung ANS Cobol Untermain, sondern unter *ANS Cobol 85 BRD *

Dem Spezialistenteam in diesem Sinne viel Erfolg, gell.

*Kurt Eichel ist Organisationsprogrammierer in Frankfurt.