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18.08.2006

Wie Entwickler durch Podcasts lernen

ist freier Journalist in München
Im Schlepptau von Weblogs erblicken immer mehr Podcasts das Licht der Welt. Das Potenzial fürs Lernen scheint beträchtlich zu sein.

Sanjay Aiyagari arbeitet als Softwareentwickler in Bangalore und hat schon viel gehört in seiner Karriere. Aber einen englisch sprechenden Deutschen mit schwäbischem Akzent wie Markus Völter noch nicht. Auf www. orbzone.org, dem Treffpunkt der Corba-Community, erfuhr der Inder von einem Interview, das Völter in seinem Podcast "Software Engineering Radio" mit Doug Schmidt geführt hatte. Dem Informatikprofessor an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, hängen viele Entwickler rund um den Globus an den Lippen, schließlich gilt er als Vater des objektorientierten Middleware-Toolkits ACE (Adaptive Communication Environment). Kein Wunder, dass nur wenige Tage später der Link auf Völters Podcast (www.se-radio. net) viele Websites der Entwicklergemeinde zierte.

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Radio für Softwareentwickler

www.se-radio.net: Hier diskutieren in regelmäßigen Abständen Softwareingenieure und -architekten Themen, die in der internationalen Entwicklergemeinde gefragt sind: Wo liegt die Zukunft von Enterprise Java? Wie kommt die Programmiersprache Ruby zum Einsatz? Aufgelockert wird die Reihe von Interviews mit renommierten Experten und Hands-on-Tutorials. Eine Fundgrube für jeden Entwickler rund um den Globus.

Kernelemente des Web 2.0

• Barcamps: Der Begriff (exakt übersetzt: "Un-Konferenz") bezeichnet Treffen, die Softwareentwickler meist ad hoc planen und organisieren. Barcamps folgen dem Bedürfnis, dass sich Menschen in einer offenen Umgebung austauschen und voneinander lernen können. Wer kommt, muss aktiv teilnehmen: etwa einen Vortrag halten oder Diskussionen moderieren. Alle Sprecher verpflichten sich, ihre Inhalte im Web zu veröffentlichen. Von 30. September bis 1. Oktober 2006 findet ein Barcamp in Berlin in den Räumen von Pixelpark statt. http://barcampberlin.pbwiki. com.

• Podcasting: Audiomaterial aus dem Netz wird sofort mit dem MP3-Player synchronisiert und so für den Anwender jederzeit verfügbar. Die seit vielen Jahren am schnellsten wachsende Anwendung im Netz, die per RSS-Feed automatisch geladen werden kann. Hat auch ihre Schattenseite (siehe Podfading).

• Podfading: Weil ihre Urheber den Aufwand nicht richtig einschätzen oder zu ambitionierte Ansprüche verfolgen, verschwinden manche Pod- casts schnell von der Bildfläche, was eine zuverlässige Zählung der existierenden Podcasts erschwert.

• Weblogging: Mit "Tagebücher im Web verfassen" nur unzureichend übersetzt. Ausdrucksmittel für Menschen, die sich im Internet zu einem oder mehreren Themen austauschen und vernetzen wollen.

News und Interviews zum Hören und Sehen

www.computerwoche.de/tv/: Hier erfahren Sie mehr über informelles Lernen und welche Folgen es für Unternehmen hat, wenn sich Mitarbeiter die Lerninhalte aus dem Netz ziehen. Das CW-TV-Interview mit Siegfried Lautenbacher, Geschäftsführer des System- und Softwarehauses Beck et al., finden Sie in der Rubrik "Job & Karriere" unter dem Titel "Lernen mit Podcasts und Blogs".

www.computerwoche.de/ nachrichten/news_als_mp3/: Hier finden Sie die Podcasts der CW im Überblick. Jeden Freitag werden je fünf Minuten lange Produkt-Ticker und Wirtschaftsmeldungen in Form von Wochenrückblicken als MP3-Dateien produziert. Die gesprochenen Nachrichten können Sie auch über einen Podcast-Feed beziehen.

Graswurzelkomunikation

Das Beispiel zeigt, warum das neue Kommunikationsinstrument so schnell das Herz der Nutzer erobert. Podcasting gilt nach Weblogging als die vorläufige Kulmination der so genannten Graswurzelkommunikation. Menschen ohne professionelle Erfahrung in der Medienbranche werden erstmals zu Sendern. In der Entwicklerszene, die spätestens seit dem Open-Source-Durchbruch hochgradig kooperativ ist und sich auf informeller Ebene beständig unter die Arme greift, erschließt der neue Kanal ungeahnte Ressourcen. Über Podcasts eröffnet sich den Wissensarbeitern ein Raum, in dem sie von den Erfahrungen anderer lernen und durch ständige Rückkopplung in der Community ihr eigenes Tun reflektieren können.

Warum sich Softwareentwickler Völter für Podcasting begeistert, erklärt er so: "Ich bin oft unterwegs und ärgere mich darüber, die Zeit unproduktiv zu verplempern. Das geht vielen Kollegen so. Mit meinem Podcast möchte ich das ändern." Einen IT-Spezialisten, der sich während des Joggens Gottfried-Benn-Gedichte anhört, wird man sicher kaum auftreiben. Umso größer ist der Zuspruch bei Podcasts wie dem Software Engineering Radio, dem vom Chaos Computer Club produzierten "Chaos Radio" (http://chaos radio.ccc.de) oder dem "Tonabnehmer" von Frank Westphal (www.frankwestphal.de/Tonabnehmer.html), übrigens die einzigen ernst zu nehmenden Podcasts in Deutschland, die sich an Softwareentwickler richten.

Westphal ist in der Szene als "Extreme Programmer" und "Web 2.0 Technologist" bekannt. Er tritt auf Java-Konferenzen wie der JAX auf und coacht internationale Entwicklungsprojekte. "Studien zufolge liest ein Softwareentwickler lediglich ein Buch pro Jahr", ärgert sich der Hamburger. Aus diesem Lernengpass könnte Podcasting viele Programmierer befreien, auch als Alternative zur Lektüre oder dem Besuch eines Trainings. "Da die Schlagzahl in der Softwareentwicklung deutlich zugelegt hat, bleibt man nur durch ständige Weiterbildung im Geschäft", warnt Westphal, der seinen Podcast ein "kreatives Ablassventil" nennt.

Lernen mit Podcasts ist Umfragen zufolge nicht nur in der Entwicklerszene im Kommen. Vier von fünf Experten, die das Essener Institut für Medien- und Kompetenzforschung (MMB) befragte, erwarten eine steigende Akzeptanz in der beruflichen Weiterbildung. Dass Podcasting fürs Lernen keine Eintagsfliege ist, glaubt auch Matthias Scheidl, Senior Consultant beim Münchner IT-Dienstleister Beck et al. Services GmbH. In seinen Augen wird herkömmliches zunehmend durch informelles Lernen abgelöst: "Die Entwicklung geht klar zum Lernen im Netzwerk. Man will sein Wissen an andere weitergeben."

Die Grenzen des Lernens

Doch vor übertriebe-nen Erwartungen wird eindringlich gewarnt. "Komplexe Themen sind besser persönlich zu vermitteln, hier ist Podcasting weniger geeignet", differenziert Scheidl. Möchte der User aber freie Zeit nutzen, um unterwegs prägnant aufbereitete Inhalte aufzunehmen, spreche alles für Podcasts. Zum Beispiel laden sich Vertriebsmitarbeiter aus dem Intranet wichtige Informationen herunter, um sich auf der Fahrt zum Kunden gezielt vorzubereiten. Welche Projekte gab es bisher, welche Erfahrungen haben die Kollegen gesammelt, worauf ist besonders Wert zu legen? Der IT-Support von Beck et al. Services produziert zum Beispiel "knowledge bits", kleine Audiodateien, die ein Problem schildern und gleich dessen Lösung mitliefern.

Französisch pauken mit dem iPod

So attraktiv das konzeptionelle Szenario auch erscheint, als Dienstleistung oder fertiges Produkt lässt sich Podcasting kaum an den Mann bringen, wie die Firmen einräumen. Dürftig auch die Nachfrage an Schulen und Universitäten, von einem Durchbruch kann keine Rede sein. Wie Podcasting in der Schule eingesetzt werden könnte, ist beispielsweise in England zu bewundern. So erhalten Schüler der Astley Community High School in Seaton Delaval im September einen iPod, um zu Hause oder unterwegs ihre Spanisch- und Französischkenntnisse zu verbessern. Die Pädagogen haben ihre Schüler gut beobachtet: Im Bus ein Buch aufzuschlagen gilt unter den Teenagern als uncool. Ein tragbares Apple-Gerät schmückt dafür umso mehr.

Im Hochschulbereich zeigen die Initiativen in Augsburg und Osnabrück, was in Podcasting steckt. An der Universität Augsburg greifen Studenten der Medienpädagogik (http://medienpaedagogik.phil.uni-augsburg.de/podcast) zum Mikrofon, produzieren ihre jeweiligen Podcasts als Referat und stellen sich anschließend der Diskussion, die auch virtuell auf der Lehrstuhl-Website geführt wird. An der Universität Osnabrück folgt man dem Vorbild der Stanford University, die ein eigenes Portal pflegt, unter dem sämtliche Vorlesungen als Audiodatei abonniert werden können. Tobias Thelen, Leiter E-Learning im Projekt "Virtuelle Lehre der Universität Osnabrück": "Während insbesondere Informatiker Lehrinhalte auf ihre Abspielgeräte laden, um diese zu vertiefen, wollen Medienpädagogen und Theaterwissenschaftler lieber eigene Podcasts produzieren." Schon seit Jahren stellen auch Politologen und Geografen multimediales Lernmaterial für die Studenten ins Netz.

Podcasting ist also nicht allein eine Spielwiese für verspielte Informatiker. Selbst als "technophob" apostrophierte Wissenschaftler erkennen das Potenzial fürs Lernen. Einer neueren Umfrage unter Osnabrücker Studenten zufolge besitzen 75 Prozent einen eigenen MP3-Player. Und 95 Prozent sind an Podcasts fürs Lernen sehr interessiert. Warum Podcasting für Hochschulen ernst zu nehmen ist, erläutert Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Center für Digitale Systeme an der Freien Universität Berlin: "Studierende zu erreichen und Lernmaterial vielfältig bereitzustellen ist wichtig, vor allem weil unsere Hochschule keine traditionelle Campus-Universität, sondern örtlich verteilt ist."

Apostolopoulos zufolge bestand schon immer Bedarf, den Lehr- und Lernprozess ortsunabhängig zu gestalten, wo immer dies pädagogisch geeignet erscheine. "Mit Podcasting kommen wir diesem Wunsch deutlich näher." Freilich müsse es gute Gründe geben für den Einsatz der Technik: "Ein seriöser Hochschullehrer wird nicht den guten Ruf seiner Veranstaltung wegen unzulänglicher Technik aufs Spiel setzen." Die vornehmlich unter älteren Professoren verbreiteten Vorbehalte gegenüber digitalen Medien seien "zum Teil unbegründet", Technik und Support den Kinderschuhen längst entwachsen.

Informatikprofessoren sind skeptisch

Bis Professoren ihre Vorlesungen aufnehmen und ins Netz stellen werden, wird noch eine Weile vergehen. Dass iPods an Studenten verteilt werden wie an der amerikanischen Duke University, ist in Deutschland ebenfalls nicht zu erwarten. Wer hat schon eine halbe Million Dollar für 1650 Studenten übrig? Dennoch überrascht das Urteil von Manfred Broy, Informatikprofessor der Technischen Universität München. Er habe in der jungen IT-Geschichte viele "Wellen" erlebt, wo Erwartung und Realität wie beim E-Learning weit auseinanderklafften, so Broy. Seinen Studenten empfehle er keine Podcasts im Netz. Die Vorstellung, man könne Informatikinhalten beim Joggen lauschen, sei trivial. "Als Professor hole ich mir lieber Experten ins Seminar, die dann live mit Studenten über die Praxis sprechen."

Softwarespezialist Westphal berühren solche skeptischen Einschätzungen nicht. Lieber ruft er zum ersten deutschen "Barcamp" in Berlin auf (http:// barcampberlin.pbwiki.com). Der Begriff bezeichnet in der Community beliebte Konferenzen, die an folgende Bedingungen geknüpft sind: Jeder muss mitmachen, es gibt keine passiven Teilnehmer. Alle Sprecher müssen Mitschriften, Folien, Audiodateien und Videos ihrer Präsentationen im Web veröffentlichen - zum Nutzen der Teilnehmer wie auch derjenigen, die selbst nicht anwesend sein können.

Lernen anno 2006 ist intensive Kommunikation und Kollaboration, per Audio und Video, face-to-face und online, am Ort des Geschehens und virtuell bis nach Indien. Wie reagierte Sanjay Aiyagari, als er zum ersten Mal vom Software Engineering Radio erfuhr? "Ich bin schon gespannt auf die nächste Episode. Eure Themen sprechen alle Entwickler an. Hoffentlich hören euch viele zu, davon könnte die Software insgesamt nur profitieren." (am)