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12.02.1999 - 

Open-Source-Software/David fordert Goliath heraus

Wie Linux für Microsoft zur Konkurrenz am Markt wird

Von Arno Laxy Noch vor nicht allzu langer Zeit galt die Open-Source-Software Linux lediglich als Lieblingskind der Hackerszene. Marktbedeutung wurde dem Betriebssystem nicht zuerkannt. Heute ist Linux in aller Munde und weist mit 212 Prozent Wachstum im letzten Jahr nach Stückzahlen den größten Zuwachs aller Server-Betriebssysteme auf. Führende DV-Hersteller springen auf den Linux-Zug auf.

Als Alan Minor, Vice-President von Oracle, Ende vergangenen Jahres seinen japanischen Vertriebspartnern empfahl, auf Linux- basierte Lösungen zu setzen, nannte er zur Begründung auch aktuelle Marktzahlen. So soll der Verkauf von Linux-Systemen in Japan einem Bericht von "Performance Computing" zufolge zehnmal schneller zulegen als der von Windows NT.

Oracle hat darauf reagiert und seine Datenbank für den Unternehmenseinsatz auf das Open-Source-OS portiert. Auch IBM, Informix und Sybase haben Linux-Versionen ihrer führenden Datenbanksoftware angekündigt oder bereits im Portfolio. Sie gesellten sich zu Corel, der Hamburger Star Division und der Software AG, die ihre Lösungen schon vorher für die Open-Source- Software herausbrachten.

Und auch Sun Microsystems, selbst Anbieter des kommerziellen Unix- Derivats Solaris, unterstützt Linux-Anwender seit kurzem bei der Portierung des Systems auf die eigenen Sparc-Rechner. Die Kombination der preisgünstigen "Darwin"-Rechner mit dem lizenzkostenfreien Betriebssystem könnte, so die Hoffnung der Sun- Manager, die eigene Konkurrenzfähigkeit gegen Wintel-Maschinen erhöhen.

In dasselbe Horn blasen Corel und der Direktanbieter Dell, eigentlich spezialisiert auf PC-Server und Workstations. Corel plant noch für diesen Februar die Auslieferung des "Netwinder"- Rechners, vorinstalliert mit Linux, Netscape Communicator 4.5, Wordperfect und weiterer Software unter anderem von Sun Microsystems.

In der ersten Jahreshälfte 1999 will Dell einen Linux-Einstiegs- Server auf den Markt bringen, um "den Verkauf im boomenden Markt für Einstiegs-Server anzukurbeln". Geof Healey, Dells Abteilungsleiter Server für den asiatisch-pazifischen Raum, hält "den Freewarestatus von Linux für ein schlagkräftiges Argument im Wettbewerb mit Betriebssystemen, für die Lizenzgebühren zu zahlen sind, wie beispielsweise Windows NT".

Nicht von ungefähr scheint also Microsofts Furcht vor Open-Source- Software, die sich in den "Halloween-Dokumenten" zeigt. Die Herausforderung für die Windows-Welt ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Die allgemeine Stimmungslage und die Zahlen sprechen jedenfalls dafür. So wächst in den Führungszirkeln der Wirtschaft die Stimmung gegen Microsoft.

Alternativen zu Programmen des Monopolisten sind einer neuen Studie der Giga Information Group zufolge für zahlreiche Manager ein Topthema. 58 Prozent wären gewillt umzusteigen, wenn entsprechende Alternativen existierten.

"Die Ergebnisse signalisieren ein erstaunlich hohes Maß an Unzufriedenheit und eine sehr hohe Wechselbereitschaft der Unternehmen", bewertet Giga-Analyst Rob Enderle die Untersuchung. Als Alternativplattform identifizierten die Marktforscher das Unix-Betriebssystem Linux.

Weltmarktanteil bedeutend gesteigert

Die aktuellen Zahlen der International Data Corporation (IDC) für den weltweiten Markt der Server-Betriebssysteme 1998 bescheinigen Linux 748 000 Auslieferungen, eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Der Weltmarktanteil sei von 6,8 auf 17,2 Prozent gestiegen. Die Marktführung liegt allerdings weiterhin bei Windows NT und Netware mit 36 beziehungsweise 26,4 Prozent.

IDC berücksichtigt in der Markterhebung nur Linux-Systeme, die in der sogenannten Distribution kommerziell vermarktet werden. Dies sind auf CD vorkonfigurierte Systeme, die Firmen wie die Suse GmbH aus Fürth, Caldera aus Provo, Utah, und Red Hat Software aus Triangle Park, North Carolina, verkaufen.

Die tatsächlichen Installationszahlen sind unbekannt. Microsoft klagt über Raubkopien, Linux wird indes ganz legal massenhaft direkt aus dem Internet geladen und installiert. Die Gesamtzahl der Linux-Systeme dürfte 1998 daher noch um einiges höher gelegen haben. "Es ist gut möglich, daß wir nur jede vierte oder sechste benutzte Version registrieren", vermutet IDC-Analyst Dan Kusnetzky.

Als Ursache für das rasante Wachstum von Linux nennt er ebenfalls in erster Linie die wachsende Anti-Microsoft-Stimmung. Das heiße aber nicht, daß Firmen sich gänzlich von Microsoft abwendeten - sie suchten lediglich nach ergänzenden Lösungen, um einer Abhängigkeit etwas entgegenzuwirken. Das Open-Source- Betriebssystem biete ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis und sei individuell konfigurierbar.

Der Analyst zählt damit einige der klassischen Argumente auf, die für Linux genannt werden. Wesentlich ist sicherlich auch das Open- Source-Konzept selbst. Da der Quellcode im Internet frei verfügbar ist und Programmierer aus aller Welt ständig an der Verbesserung des Betriebssystems arbeiten, ist es sehr stabil und bietet eine gute Performance.

Auf der letzten Comdex in Las Vegas reagierten die Veranstalter auf die Marktverschiebungen und boten Ausstellern einen eigenen Pavillon rund um Linux, das dadurch erst recht zu einem Hauptthema der Messe wurde. Anbieter berichteten, die Betriebsstabilität der Freeware spreche vor allem Top-Manager europäischer und US- amerikanischer Unternehmen an. Die in letzter Zeit stark ausgebauten Service- und die Supportkonzepte von Distributoren wie Red Hat und Pacific High Tech, einer weiteren Linux-Firma, seien ein weiterer wesentlicher Faktor für wachsendes Vertrauen und Interesse.

Das war bislang Linux'' empfindlichste Stelle: Es mangelt im Vergleich zu kommerziellen Angeboten an Service und Support. Daß jüngste Verbesserungen in diesen Punkten die Marktentwicklung allerdings wesentlich beeinflußt haben, glauben nicht alle Beobachter.

Marketing-Hype der Anbieter um Linux?

Rüdiger Spieß, Münchner Analyst der Meta Group, hält etwa Anbietererklärungen über Datenbankportierungen auf Linux im wesentlichen für Marketing-Hype. Die großen Unternehmen hätten auf Anwenderdruck reagiert und ohne viel Aufwand ihre auf diversen Unix-Derivaten laufenden Programme auch auf Linux gebracht. Sie setzten nur taktisch auf die Software.

Die jüngste Mitteilung von IBM, man wolle den Vertrieb der Datenbank DB2 als freie Version für Linux überdenken, scheint diese Einschätzung zu bestätigen. Big Blue schwebt anscheinend eine kommerzielle Version inklusive Support vor. Der Programm- Manager für DB2, Jeff Jones, macht die Entscheidung von kommerziellen Kunden abhängig. Wenn diese "mit an Bord kommen, könnte dies zu einer Veränderung vieler Paradigmen führen". Alles offen also.

Meta-Analyst Spieß glaubt nicht, daß sehr viele große Anwenderunternehmen umfangreiche Linux-Projekte realisieren werden. Das Marktpotential des Betriebssystems werde in den nächsten drei Jahren allenfalls zehn bis 15 Prozent der Unternehmenskunden erreichen. Das sei aber nur unter der Voraussetzung realistisch, daß sich ein umfangreicher Support, der durch einen großen Betriebssystemanbieter garantiert werde, sowie ein entsprechend umfangreiches Applikationsangebot der Softwarehäuser entwickle.

Nicht allein angesichts der Bestrebungen bekannter Linux-Anbieter, Service und Support signifikant zu verbessern, sondern auch vor dem Hintergrund neuer Linux-Orientierungen großer DV-Anbieter scheint eine solche Skepsis unangebracht. So hat Corel gerade bekanntgegeben, daß Wang mit 1500 IT-Spezialisten den weltweiten Support und technischen Service für ihre Netwinder-Linux-Computer übernehmen wird.

Daß Open-Source-Software ihr Image als supportfreie Angelegenheit verliert, zeigte sich vor kurzem, als die australische Tochter des zur Fiat-Gruppe gehörenden Lastwagenproduzenten Iveco eine Migration der Unternehmens-IT zu Linux startete. Als letztlich entscheidender Grund wurde ein Supportvertrag genannt.

Ein weiter bestehendes Defizit im Support von Linux benannte die Gartner Group im vergangenen Oktober: es gebe wegen der Open- Source-Entwicklungsmaxime "Release often and fast!" ein undurchsichtiges, chaotisch anmutendes Angebot von Versionen und mitgelieferten Tools unterschiedlicher Distributoren. Ohne diesbezüglich stabilere Verhältnisse ließen sich kommerzielle Softwarehersteller nur sehr zögerlich darauf ein, Applikationen zur Verfügung zu stellen. Das aber sei Voraussetzung, um Linux zu einem Mainstream-Betriebssystem in Unternehmen zu machen.

Eine Revanche für Fouls von Microsoft?

Im übrigen äußerte auch die Gartner Group den bei IDC anklingenden Verdacht, manche Software-Anbieter setzten auf die Freeware, um gegen Microsoft zu punkten. Gleichwohl gehen die Gartner-Analysten davon aus, daß Linux in den nächsten drei Jahren an Bedeutung gewinnen wird, und zwar insbesondere in allen Bereichen, die vom Aufbau der Internet-Services und Intranets tangiert sind. Vor allem auf Web-Servern dürften Linux und Open-Source-Angebote Microsoft einige Prozentpunkte abjagen.

Verläßlichere Zahlen über die Einsatzbereiche von Linux in deutschen Unternehmen sind Mangelware. Der deutsche Linux-Verband und der Linux-Dienstleister ID-Pro Services führten unter Besuchern der deutschen PC Expo eine Befragung zu Linux durch, deren Ergebnis zwar nicht repräsentativ ist, aber insbesondere das von Gartner prognostizierte Einsatzgebiet bestätigt. Die überwiegende Mehrheit beabsichtigt, die Open-Source-Software zunächst für Connect-Server oder Firewalls zu verwenden.

Darüber hinaus hat die Mehrheit der Befragten keine entsprechenden Pläne. Interessant ist allerdings ein kommentierender Hinweis an dieser Stelle der Auswertung. Demnach hätten viele Interviewte bei dieser Frage ärgerlich reagiert und darauf hingewiesen, sie versuchten schon seit längerem, die Führungsetagen von Linux zu überzeugen.

Der Ärger könnte in vielen Fällen bald vorüber sein. Erfahrungsgemäß folgen deutsche Top-Manager ihren amerikanischen Kollegen mit einer gewissen Zeitverzögerung. Der Freeware-Zug wird auch noch durch die Bundesrepublik fahren.

Angeklickt

Linux ist derzeit Gegenstand zahlreicher DV-strategischer Diskussionen unter professionellen Anwendern. Es gilt nicht mehr nur als PC-Unix-Betriebssystem der Wahl für Studenten und Freaks. Microsoft reagiert inzwischen verunsichert. Führende Marktanalysten stellen einen bemerkenswerten Aufschwung von Open- Source-Software fest, sparen aber nicht mit kritischen Anmerkungen.

Arno Laxy ist freier Journalist in München.