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25.02.2008

Wie offen wird Microsoft wirklich?

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Der Softwarekonzern kündigt mehr Interoperabilität an und stößt in der IT-Branche auf ein geteiltes Echo.

Nach jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen mit Konkurrenten und Wettbewerbshütern scheint der weltgrößte Softwarehersteller eine Kehrtwende zu vollziehen. Vergangene Woche versprach Firmenchef Steve Ballmer eine transparentere Geschäfts- und Softwareentwicklung. Microsoft werde Partnern und Mitbewerbern Application Programming Interfaces (APIs) und diverse Protokolle für seine Kernprodukte kostenlos zugänglich machen, darunter auch Windows und Office (siehe Kasten "Was Microsoft verspricht").

Was Microsoft verspricht

Vergangene Woche kündigte Microsoft mehrere Initiativen zur Interoperabilität seiner Produkte mit Systemen von Konkurrenten und Partnern an. Davon betroffen sind Windows Vista samt dem .NET-Framework, Windows Server 2008, SQL Server 2008, Office 2007, Exchange Server 2007 und Office Sharepoint Server 2007 einschließlich künftiger Versionen. Konkret versprach das Unternehmen, die Dokumentation für Application Programming Interfaces (APIs), Protokolle und Datenformate lizenzkostenfrei zur Verfügung zu stellen. Offenlegen will das Management auch die Implementierung diverser Industriestandards einschließlich darauf aufsetzender Erweiterungen. Soweit eigene Patente sich auf Protokolle, Datenformate oder Standarderweiterungen beziehen, will Microsoft diese zu fairen Bedingungen lizenzieren.

Ein anderer Schwerpunkt der Ankündigungen betrifft den Umgang mit der Open-Source-Gemeinde. Microsoft plant eine "Open Source Interoperability Initiative", die unter anderem Entwicklungsressourcen aus den eigenen Labors und diverse technische Informationen zur Verfügung stellen soll. Open-Source-Entwickler, die auf Basis von patentierten Microsoft-Techniken Software für nichtkommerzielle Zwecke erstellen, bräuchten dafür keine Lizenzgebühren entrichten, lautet ein weiteres Versprechen. (wh)

Öffentlichkeitswirksam verkündete Ballmer vier Grundprinzipien zur Interoperabilität, die Microsoft künftig einzuhalten gedenke: Sein Unternehmen werde offene Verbindungen sicherstellen, die Portabilität von Daten fördern, Industriestandards besser unterstützen und sich zudem offener mit den Anforderungen von Kunden und der gesamten Branche auseinandersetzen. Dazu zähle auch die Open-Source-Community, die Microsoft lange Zeit erbittert bekämpft hatte.

EU bleibt skeptisch

Der CEO sprach denn auch von einem "signifikanten Wechsel, wie wir Informationen über unsere Produkte und Technologien mit anderen teilen". Microsoft gehe diesen Weg aus freien Stücken. Zwar habe das Unternehmen auch in den vergangenen 33 Jahren mit Kunden und Partnern Informationen ausgetauscht und dabei eine ganze Industrie aufgebaut. "Die heutige Ankündigung steht aber für eine erhebliche Erweiterung unserer Transparenz", so Ballmer. Als Zeichen des guten Willens stellte der Konzern noch am gleichen Tag mehr als 30 000 Seiten mit Informationen zu Microsoft-Techniken und -Schnittstellen ins Web.

Auf den ersten Blick kommt die Windows-Company damit einer zentralen Forderung der EU-Kommission nach, die immer wieder eine Öffnung verlangt und hohe Bußgelder samt Auflagen gegen das Unternehmen verhängt hatte. Trotzdem fiel die Reaktion der europäischen Kartellwächter zurückhaltend aus. Es habe bereits mindestens vier ähnliche Ankündigungen gegeben, betonte die Behörde in einem offiziellen Statement. Man werde die Pläne im laufenden Kartellverfahren gegen den Hersteller prüfen. Seit Januar sieht sich Ballmer erneut mit schweren Vorwürfen der EU-Wettbewerbshüter konfrontiert, die abermals zu Sanktionen führen könnten.

Auch der Branchenverband Ecis, in dem Microsoft-Konkurrenten wie Opera, Real Networks oder Sun Microsystems organisiert sind, gab sich skeptisch. Ob die Ankündigungen tatsächlich einen Strategiewechsel bedeuteten, sei aus heutiger Sicht kaum zu beurteilen, erklärten Verbandsvertreter. Ebenso wenig könne man absehen, ob der Konzern künftig Wettbewerbsregeln der EU einhalten werde.

Vorteile für Open Source?

Positive Reaktionen kamen aus dem Open-Source-Lager. "Für uns und für den ganzen Softwaremarkt sind das gute Nachrichten", kommentierte Jürgen Geck, CTO beim Softwarehaus Open-Xchange. "Jedes Mehr an Offenheit von Microsoft erspart uns und unseren Kunden und Partnern unnötige, frustrierende und teure Mehrarbeit bei der Integration und Migration von und mit Microsoft-Produkten." Wie weit Microsoft wirklich gehen werde, bleibe abzuwarten, "aber schon die verstärkte Zusammenarbeit zwischen Microsoft und Novell lässt vermuten, dass es sich diesmal um keine Finte handelt".

Tatsächlich sehen etliche Branchenbeobachter in der Initiative mehr als nur eine Reaktion auf die harte Linie der Wettbewerbshüter. Forrester-Analyst Mike Gilpin etwa verweist auf das jüngste Stühlerücken in Microsofts Führungsmannschaft, das auf mehr Offenheit hindeute. Stellvertretend dafür stehe der Aufstieg von Bill Hilf zum General Manager für den Bereich Platform Strategy. Hilf arbeitete einst als Linux-Spezialist für IBM. "Ich würde mich nicht wundern, wenn es da einen Zusammenhang gibt", so Gilpin. "Diese Sache kommt von ganz oben." Die Art und Weise, wie Microsoft die Initiativen zur Interoperabilität intern kommuniziere, setze sowohl Entwickler als auch Produkt-Manager unter Druck, ihr Verhalten zu ändern: "Sollten sie es nicht tun, werden sie eine Menge Ärger mit Bill Gates und Steve Ballmer bekommen", vermutet der Forrester-Mann.

In einem Blog-Posting beschreibt Hilf selbst die Ankündigungen als Ergebnis eines längeren Prozesses. Die Änderungen in Microsofts Strategie seien weitreichend und gingen über alles hinaus, was der Konzern bisher an kleineren Anpassungen vorgenommen habe. Zu dieser Einschätzung passen auch Aussagen von Microsofts Chief Software Architect Ray Ozzie. In großen Unternehmen seien heterogene Systeme heute die Norm, so der Manager. "Deshalb ist Interoperabilität zwischen Anwendungen und Diensten inzwischen eine Schlüsselanforderung."

Microsofts Beweggründe

Mit den Ankündigungen reagiere Microsoft auf grundlegende Veränderungen im Markt, erläuterte Ozzie auf einer Pressekonferenz. "Als Microsoft in den 80er Jahren in den Markt einstieg, nutzten die meisten Anwender PCs mit nur wenigen Programmen." Heute arbeiteten sie mit wesentlich mehr Anwendungen und erwarteten, dass Daten einer Applikation auch in anderen Programmen zur Verfügung ständen.

Dieser Teil der Marktentwicklung dürfte aber nicht der einzige Grund für Microsofts Strategieschwenk sein. Schon seit längerem leidet Microsoft unter seinen eigenen proprietären Techniken. Neben den langen und kostenträchtigen Kartellverfahren in den USA und Europa hat auch die mangelnde Unterstützung offener Standards und Schnittstellen die Akzeptanz von Microsofts Produkten behindert. Mehr Interoperabilität könnte dem Hersteller zudem auch bessere Erfolgsaussichten in Bereichen bescheren, in denen er sich bislang schwertat - beispielsweise im Internet.

Grenzen der Offenheit

Dennoch hat die neue Offenheit Grenzen, wie Microsoft-Manager Horacio Gutierrez in einem Interview klarstellte. Sein Unternehmen habe keineswegs vor, patentierte Erfindungen unkontrolliert und kostenlos für eine kommerzielle Nutzung freizugeben: "Wir werden zwar niemals gegen einen Entwickler gerichtlich vorgehen, der beim Schreiben seiner Programme unsere Technik verwendet - egal ob sie patentiert ist oder nicht." Sollte sich der Programmierer dann aber für einen kommerziellen Vertrieb der Software entscheiden, müsse er die Microsoft-Techniken in Lizenz nehmen.