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17.03.2000 - 

Die Infrastruktur der AXA Colonia verbindet Legacy-Systeme und Web

Wie sich Host-Applikationen mit E-Commerce vertragen

KÖLN (qua) - Die IT-Systeme großer Unternehmen repräsentieren Werte in dreistelliger Millionenhöhe. Was ist nötig, um diese Investitionen - ohne unnötigen Aufwand und Redundanzen - in die Internet-Welt hinüberzuretten? Die Axa Colonia Gruppe hat diese Frage mit einer neuen IT-Infrastruktur beantwortet.

Rabattengesäumte Wege zwischen freundlichen Backsteinbauten mit Loggien, Terrassen und Balkonen, im Zentrum ein Zierteich und eine helle Cafeteria - wie eine Ferienanlage der gehobenen Mittelklasse erstreckt sich die Zentrale der AXA Colonia auf der grünen Wiese vor den Toren Kölns. Nein, gekleckert wurde hier nicht. Auch die DV-Ausstattung des Versicherungskonzerns kann sich sehen lassen: Auf 800 Millionen Mark beziffert Lothar Engelke den Wert der IT-Umgebung - nicht ohne anzumerken, dass sich der Versicherungskonzern mit diesem Budget "eher am unteren Ende der Skala" bewege.

Doch Engelke - beziehungsweise die Arbeit, die er derzeit leistet - ist auch der Beweis, dass kostspielige IT-Umgebungen keineswegs eine Garantie für eine optimale Unterstützung der Geschäftsprozesse bedeuten. Der junge Leiter des Technologie-Managements bei der AXA Colonia zeichnet für das Projekt "Alert" - von der Colonia mit einem chicken @ geschrieben - verantwortlich. Das Akronym bedeutet ausgeschrieben: "Architecture for enhancing the Legacy systems to Enable future business Requirements with new Technology" und bezeichnet ein Problem, das derzeit viele Großanwender beschäftigt: Wie lassen sich die vorhandenen Systeme mit in das E-Commerce-Zeitalter nehmen?

Wie bei den meisten Unternehmen der Assekuranzbranche setzt sich die IT-Umgebung der AXA Colonia im Großen und Ganzen aus gewaltigen IBM-Mainframes mit dem Transaktionsmonitor Cics, den Datenbank-Management-Systemen IMS und DB2 sowie unzähligen Cobol-Anwendungen zusammen. Das Projekt Alert zielt nun darauf, eine Infrastruktur zu schaffen, in der sich diese transaktionsorientierte IT-Welt mit E-Commerce-tauglichen Frontends (Points of Service oder kurz PoS genannt) verbinden lässt. Sieben Millionen Mark ist dem AXA-Colonia-Vorstand das Vorhaben wert.

Die AXA Colonia, 1997 durch eine Verschmelzung der Colonia Nordstern mit der französischen AXA-Gruppe entstanden, hat das Potenzial des World Wide Web nicht erst gestern erkannt. Seit der Öffnung des europäischen Versicherungsmarkts sucht sie nach Möglichkeiten, näher an ihre Kunden heranzukommen und sich mit ihrem Angebot vom Mitbewerb zu unterscheiden. In Gestalt der "Sicher Direct" betreibt sie seit drei Jahren die Geschäfte eines Direktversicherers, die bislang jedoch völlig separat und mit eigener IT-Unterstützung abgewickelt werden. Zunehmend legen aber auch die konventionellen Assekuranzkunden Wert darauf, mit ihrem Versicherer direkt zu kommunizieren.

Via Internet möchten die Versicherten heute beispielsweise ihre Adresse ändern oder sich einen Überblick über ihre Verträge verschaffen. Dem Anbieter kann das nur recht sein, verringert es doch den Personalbedarf und die Häufigkeit von Eingabefehlern.

Überdies setzt sich auch innerhalb des Unternehmens nicht nur der Client-Server-Trend, sondern auch die Tendenz zu Browser-basierten Clients durch. Die Vorteile sind bekannt: Vor allem Hardwareunabhängigkeit und geringer Wartungsaufwand zählen dazu.

Investitionen schützen und Substanz erhaltenEinem Unternehmen dieser Größenordnung ist es aber kaum möglich, angesichts dieser Herausforderung seine gesamte Anwendungslandschaft von Grund auf neu zu konzipieren (Java-Pioniere wie der Energiekonzern RWE und die Mainzer Bausparkasse bilden hier rare Ausnahmen). Allein schon die Personalfrage steht dem entgegen: "Wir beschäftigen 300 Cobol-Programmierer, aber nur 40 bis 50 Leute, die sich mit Java, C++ und ähnlichen Sprachen auskennen", beschreibt Engelke die vom engen Arbeitsmarkt vorgegebene Realität. Gegen eine vollständige Neuprogrammierung der Systeme sprächen zudem der Wunsch, die bereits getätigten Investitionen zu sichern, das geschäftliche Risiko und - last, but not least - die gute, sprich: erhaltenswerte Substanz der vorhandenen Systeme.

Hier die zentralen Cobol-Applikationen auf dem Mainframe, dort der Internet-Browser des Endanwenders; diese beiden Welten galt es für die AXA Colonia also unter einen Hut zu bringen. Viele Unternehmen lösen derartige Probleme mit der Hilfe eines "Host-Publishing"-Werkzeugs. Solche Tools sorgen dafür, dass die Daten aus dem Mainframe-System im Web-Browser darstellbar werden.

"Wir haben uns diese Werkzeuge angeschaut", berichtet Engelke, "denn sie versprachen schnelle Hilfe." Doch aus Sicht des AXA-Colonia-Managers genügen die Host-Publishing-Tools den Ansprüchen der Online-Klientel kaum. "Da werden lediglich 15 oder 16 Host-Masken hintereinander geschaltet", erläutert er, "aber Transaktionen lassen sich damit nicht abwickeln." Sein Fazit: "Das kann ich den Kunden im Web nicht anbieten."

Einen Internet-Auftritt hatte sich das Versicherungsunternehmen im vergangenen Jahr bereits geschaffen - unter der Bezeichnung "Colonia Online". Die Web-Präsenz wird derzeit um den passwortgeschützen Bereich "Kunden-Center" erweitert, der der AXA-Colonia-Klientel demnächst Services wie Vertragsauskunft und Do-it-yourself-Datenänderungen bieten soll.

Das Kunden-Center basiert auf der Object-Request-Broker-Software "Orbix" von Iona und ist mit einer eigenen Oracle-Datenbank verbunden. Momentan steht hier der MVS- eine Unix-Welt mehr oder weniger separat gegenüber. Dieses Konstrukt erfordert eine weitgehende Redundanz von Daten und Verarbeitungslogik - mit der Folge, dass die Systeme schwierig zu synchronisieren und häufig nicht konsistent sind.

Derartige Probleme will die AXA Colonia künftig vermeiden. Deshalb machte sie jetzt Nägel mit Köpfen: Um die angestrebte "Multikanal-Architektur" für ihre Geschäftsprozesse zu verwirklichen, entwarf sie eine Middleware-Schicht, die den gesamten Datenverkehr zwischen den Backend-Systemen und den internen wie externen Clients regeln soll.

Eckpfeiler dieser Architektur ist das "Application-Server"-Konzept von Sun und Netscape. Vorerst läuft die Software bei der AXA Colonia noch komplett unter dem Sun-Betriebssystem "Solaris", doch hält sich der Versicherungskonzern die Option offen, später einmal auf Microsofts Windows NT zu wechseln - wenngleich, so Engelke, Sicherheit und Performance derzeit noch eindeutig für die Unix-Welt sprechen.

Mit Application Server und Enterprise JavabeansÜber den Message-Manager "MQ Series" von IBM kommuniziert der Anwendungs-Server mit der Mainframe-Umgebung, also den Cics- und IMS-basierten Transaktions- beziehungsweise Datenbanksystemen, wobei letztere eine Schnittstelle zu DB2 und damit zum bestehenden Data Warehouse aufweisen. Ein MQ-Client nimmt die Message-Queues auf Seiten des Applikations-Servers in Empfang. Die Logik der Middleware setzt sich aus "Enterprise Javabeans" (EJB) zusammen. Ebenfalls in den Anwendungs-Server integriert ist die schon im Einsatz befindliche Client-Server-Lösung auf der Grundlage von Orbix; sie dient vor allem dem Datenaustausch mit dem Customer Care Center.

Auf derselben Architekturebene wie der Applikations-Server befindet sich der Web-Server, dessen "Java Server Pages" (JSP) via "Remote Message Invocation" (RMI) mit den Javabeans in Verbindung stehen. Vom Web-Server fließen die Informationen im XML-Format (XML = Extensible Markup Language) via HTTP-Protokoll zu den Arbeitsplätzen der AXA-Colonia-Mitarbeiter und zurück. Denselben Weg nehmen sie zu den Bildschirmen der Online-Kunden - mit dem Unterschied, dass hier eine Firewall zwischen Netz und Web-Server geschaltet wird.

Als interne Clients der AXA Colonia fungieren zumindest anfangs hauptsächlich Windows-PCs ohne Internet-Browser. Deshalb müssen die Entwickler auf der Client-Seite auch die proprietäre Microsoft-Welt berücksichtigen, also das "Component Object Model" (COM) und die "Active-X"-Spezifikationen. Letztendlich war auch das Dokumenten-Management-System "Filenet" vom gleichnamigen Hersteller einzubinden, das die AXA Colonia gerade erst großflächig eingeführt hatte. Die Software ist ebenfalls im Microsoft-Umfeld heimisch: Ihre Client-Funktionen gründen auf der Programmiersprache "Visual Basic".

Beim Entwurf der Infrastrukturumgebung ließ sich das Versicherungsunternehmen von der Plenum AG unter die Arme greifen. Laut Engelke hatte die AXA Colonia mit dem in Wiesbaden ansässigen Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen schon vorher gute Erfahrungen gemacht. Plenum zeichnete auch für die Auswahl der Grundlagentechnik verantwortlich. Unter der Ägide des Beratungsunternehmens musste sich die Sun-Netscape-Lösung in einem praxisorientierten Auswahlverfahren gegen die Vorschläge von IBM und Oracle durchsetzen.

Die Plenum-Experten sammeln im Rahmen von Alert praktische Erfahrungen auf dem Gebiet der infrastrukturellen Verbindung zwischen monolithischen "Legacy"-Applikationen und objektorientierter Internet-Welt - oder anders ausgedrückt: zwischen der Transaktionsverarbeitung auf dem Mainframe und dem E-Commerce im Web. Die damit zusammenhängenden Probleme dürften in den kommenden Jahren so gut wie jedes Großunternehmen beschäftigen - rosige Aussichten für Plenum und seine großenteils im AXA-Colonia-Projekt entwickelte Systemlösung "Architecture Migration".

Die IT-Experten von Plenum und AXA Colonia begannen im Oktober vergangenen Jahres mit dem Design der Infrastruktur. Mittlerweile ist die Architektur im Prinzip fertiggestellt und darüber hinaus vollständig dokumentiert, so versichert Engelke. Der weitere Zeitplan sieht vor, dass im Laufe der nächsten acht Wochen die Softwarelogik entwickelt und dann um DesignPatterns (Entwurfsmodelle für Javabeans) sowie ein Framework für die MQ-Series-Zugriffe ergänzt wird.

Eine kleine Pilotanwendung mit der Bezeichnung "Candi" (Component Architecture for Navigation through Diary Interaction) ist schon einsatzbereit. Dabei handelt es sich um eine Applikation, die die Aktivitätenliste eines Versicherungs-Sachbearbeiters abbildet und ihm grafikunterstützte Dialoge für die Integration Host-basierter Anwendungskomponenten wie Terminliste, Aktenauskunft und Postbearbeitungsbild anbietet.

Standardkomponenten für den gesamten KonzernIm Frühsommer soll Alert seinen Abschluss finden. Heute schon bildet die Infrastruktur den Standard, an dem sich alle AXA-Colonia-Anwendungen orientieren müssen.

Darüber hinaus haben die Kölner die Dokumentation der Umgebung zu Beginn dieses Jahres der gesamten Unternehmensgruppe zur Verfügung gestellt. Die bei der Konzernzentrale in New York beheimatete Global IT Organisation (Gito) nimmt regen Anteil an den Entwicklungsarbeiten der AXA Colonia; sie erklärte Alert bereits im Sommer 1999 zum "Spearhead-Projekt" und ermutigte die deutschen Entwickler, standardisierte Komponenten und Bausteine für die gesamte Unternehmensgruppe zu produzieren.

DIE AXA-COLONIA-ITWie es einem Unternehmen dieser Größenordnung ziemt, verfügt die AXA Colonia über eine kostenintensive IT-Umgebung. 188 Millionen Mark pro Jahr investiert die Versicherungsgruppe in ihre Informationstechnik. Von diesem Budget werden nicht nur die Gehälter der knapp 600 IT-Mitarbeiter bezahlt, sondern auch das umfangreiche Equipment. Das setzt sich auf der Hardwareseite im Wesentlichen aus jeweils 5500 Terminals und PCs, 20 Unix-Servern von IBM und Sun sowie fünf Mainframe-Systemen der 9370-Baureihe von IBM zusammen. Softwareseitig kommen unter anderem die Datenbank-Management-Systeme IMS und DB2 von IBM sowie Oracle vom gleichnamigen Anbieter, außerdem die R/3-Module von SAP zum Einsatz.

DER KONZERNDie AXA Colonia Konzern AG entstand 1997 durch eine Fusion der Colonia Nordstern Versicherung mit der französischen AXA-Gruppe. 1988 lagen die Einnahmen der deutschen AXA-Niederlassung, der auch die Aktivitäten in Österreich und Ungarn zugeordnet sind, bei rund zehn Milliarden Mark - und damit um etwa fünf Prozent unter dem Vorjahresumsatz.

Der Rückgang betraf die Sachversicherungssparte (minus sechs Prozent) stärker als den Lebensversicherungsbereich (vier Prozent). Als Gründe für die Mindereinnahmen nennt das Unternehmen unter anderen den Verkauf des Lebensversicherers AXA Leben und den Preiskampf auf dem Automobilversicherungs-Sektor.

Der Profit legte in beiden Unternehmensbereichen kräftig zu. Er betrug ingesamt 182 Millionen Mark (1997: 106 Millionen Mark), zu denen die Lebensversicherungen 18 Millionen (elf Millionen), die Sachpolicen hingegen 164 Millionen (95 Millionen) beisteuerten.

Für den kommenden Sommer strebt die AXA Colonia eine Vollfusion mit den Albingia Versicherungen an. Die in Hamburg ansässige Assekuranzgruppe ist etwa ein Fünftel so groß wie die AXA Colonia.

Abb.: Eine Middleware-Schicht regelt den gesamten Datenverkehr zwischen den Backend-Systemen und den internen wie externen Clients. Quelle: AXA Colonia