Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

"Vergleichbarkeit als eine große Chance für uns"


17.05.1991 - 

Wie Silicon Graphics seine Rolle im ACE-Konsortium sieht.

Als der Zusammenschluß von 21 Hard- und Softwareherstellern zum sogenannten Advanced-Computer-Environment-Konsortium vor zwei Wochen in Brüssel bekanntgegeben wurde, waren die Reaktionen der Beobachter gemischt. Die einen halten die erklärte Absicht von ACE, sich auf einen Standard für PCs und Workstations zu einigen, solange für einen reinen Marketing Trick, bis die ersten Produkte verfügbar sind Die anderen sehen sich ihre langjährige Forderung nach einem einheitlichen Standard erfüllt der die technische Entwicklung sowohl auf Hard- als auch auf Softwareseite enorm beschleunigen kannte. Darüber, was sich der bisher als Grafikspezialist bekannte Workstation-Hersteller Silicon Graphics von der Teilnahme an diesem Konsortium verspricht, sprach COMPUTERWOCHE-Redaktor Christoph Witte mit Walter Fertl dem Geschäftsführer der Silicon Graphics GmbH, und seinem Marketingmanager Matthias Ehrlich.

CW: Zur Zeit passiert etwas, das von Beobachtern seit Jahren gefordert wird: Verschiedene Hersteller schließen sich zu einem potenten Konglomerat zusammen, das in der Lage zu sein scheint, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen und am Markt durchzusetzen. Ungewiß ist allerdings, wie das ACE-Konsortium den hohen Erwartungen durch entsprechende Hard- und Softwareprodukte gerecht werden will.

Fertl: Es geht nicht nur darum, Firmen zusammen zu bekommen, die einige Standards definieren und damit gemeinsam arbeiten und so Kompatibilität schaffen wollen, sondern ein wichtiges Ziel ist es auch, eine, Brücke zwischen den vorher strikt getrennten PC- und Workstation-Märkten zu schlagen. Denn in Zukunft werden diese beiden Welten ineinander übergehen.

Der Clou an der Sache ist eigentlich, daß die gleiche Applikationssoftware in Zukunft sowohl für die bisherigen, Workstations als auch für die PCs zur Verfügung stehen wird.

CW: Muß man das Ganze bis zum Auftauchen der ersten Produkte nicht eis Marketite-Trich einiger potenter und einiger fußkranker Hersteller einstufen?

Ehrlich: Das, was dahinter steckt, ist der Versuch, ein generelles Problem zu lösen, das mit der Technik im einzelnen erstemal nichts zu tun hat.

Das Zusammenwachsen der Workstation- und PC-Welt hat mit dem Erstarken des Personal Computers und mit den immer billiger werdenden Workstations zu tun.

Diese Überlappungen haben zu Verzerrungen geführt. Eigentlich gibt die Workstation-Welt mit diesem Schritt zu, daß die Verbreitung des Computers im großen Rahmen durch den PC erreicht worden ist und adoptiert mit ihrer Teilnahme nun die Regeln dieser Welt. Andererseits konziediert die PC-Welt, daß die Technik, die die Computer künftig mit der notwendigen Leistung versehen soll, aus dem Workstation-Bereich kommen muß.

Die Lösung dieses Problems ergibt sich direkt aus den strategischen- Anforderungen. Jedenfalls haben sich, die Teilnehmer des Konsortiums genauestens unter die Lupe genommen, bevor sie die Arbeitsteilung festlegten.

CW: Das Konsortium hat sich seit den ersten Gerüchten um seine Existenz erweitert. Stichwort Arbeitsteilung: Was tragen die anderen Konsortialteilnehmer außer Silicon Graphics, Compaq, Microsoft, SCO, Mips und DEC bei?

Fertl: Die Liste repräsentiert im wesentlichen die Anwender der Mips-Architektur. Es ist schwer, dazu etwas Eindeutiges zu sagen, aber eins ist klar: Diese Anwender haben natürlich ein hohes Interesse an einer möglichst weitgehenden Standardisierung ihrer Architektur. Deshalb schließen sich dort alle Mips-Anwender an, egal ob fußkrank oder gesund, groß oder klein.

CW: Welchen Zeitraum setzen Sie für diese Standardisierung an?

Fertl: Das Kernstück um den R4000 herum ist ja ganz klar genannt worden.

Der soll in moderaten Stückzahlen bis Ende des Jahres zur Verfügung stehen, so daß bis Ende dieses Jahres auch die ersten Systeme erwartet werden können. Von diesem Zeitpunkt an wird das ein fortlaufender Prozeß sein.

CW: Gibt es bereits Muster des R4000, mit die Entwickler arbeiten?

Ehrlich: Noch nicht. Wir haben aber den R3000, auf dessen Basis man jetzt entwickelt.

Fertl: Jetzt muß vordringlich Systemsoftware und die Computertechnik für den 64-Bit-Prozessor entwickelt werden um wirklich die volle Bandbreite des R4000 nutzen zu können. Das wird natürlich noch eine Zeitlang dauern.

CW: Gesetzt den Fall, man einigt sich auf entsprach Spezifikationen, haben wir es nachher nicht mit mehr als zwei Dutzend Unternehmen zu tun, die mehr oder weniger die gleichen Maschinen in Konkurrenz zueinander anbieten?

Fertl: Ich gehe davon aus, daß die einzelnen Firmen sehr unterschiedliche Maschinen bringen werden - wenn man davon absieht, daß es möglicherweise ein gemeinsames Produkt von Compaq und Silicon Graphics geben wird, das entweder von Compaq allein oder mit uns zusammen vermerktet wird. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen, die sich in ACE engagieren, wird sich erheblich intensivieren. Schließlich ist es ein Ziel der Gruppe, ein gemeinsames Application Binary Interface (ABI) zu definieren, damit sämtliche Programme auf allen Mips-basierten Systemen laufen. Aber daneben wird es Features geben, die die Hersteller für sich reklamieren, weil sie dort besonders stark sind. Außerdem werden die Softwareanbieter ihre Programme skalieren. Sie haben zwar ein Basismodul, das auf allen Maschinen läuft, aber darauf setzen sie ein Modul auf" das zum Beispiel einen Finite-Elemente-Berechner mit parallelisiertem Kernel enthält. Der läuft auf den Maschinen parallelisiert, die eine parallele Architektur anbieten; auf Single-Prozessor-Maschinen arbeitet es ebenfalls, aber dort sehr viel langsamer.

CW: Also werden die Wettbewerbsvorteile der Hardwarehersteller sich anwendungsbezogen ergeben?

Fertl: Absolut.

Ehrlich: Das Interessante an diesem ABI ist, das es etwas oberhalb der von der Hardware vorgegebenen Architektur angesiedelt ist. So hat der einzelne Hersteller die Möglichkeit, bestimmte Differenzierungen zu entwickeln.

CW: Trotzdem kann man diese Programme ohne Recompilation auch auf anderen Maschinen laufen lassen?

Fertl: Ja, denn das ist das Hauptziel dienst Konsortiums bezüglich der Mips-Schiene. Parallel zu dieser Linie wurde auch die Intel-Schiene zur gemeinsamen Plattform, erklärt Zwischen diesen beiden Architekturen benötigt man natürlich eine Recompilation. Binärkompatibilität wird man zwischen diesen beiden Welten nicht herstellen können.

CW: Ab wann wird die Sache den Anwender interessant?

Ehrlich: Ab 1992, sobald die ersten Maschinen auf R4000-Basis auf dem Markt sind. Dieses Konsortium macht ja nichts Neues. Es werden vielmehr vorhandene Technologien beziehungsweise Entwicklungsziele zusammengefaßt und aufeinander abgestimmt.

CW: Das trifft sicher auf die Hard warehersteller zu aber was ist mit den Software-Produzenten: Die müssen doch tatsächlich Neues entwickeln?

Fertl: Sicher, viele Leute haben noch einiges zu tun. Aber wir haben naht den gleichen Ansatz wie beispielsweise die OSF, die etwas Neues will, weil ihr das Bisherige nicht paßt. Wir wollen vielmehr vorhandene Dinge und erklärte Entwicklungsprojekte - wie zum Beispiel OS/2, Version 3 - zusammenfassen.

CW: Durch das Konsortium wachsen PC- und Workstationmarkt mittelfristig zusammen. Das heißt doch auch, daß sich sehr viel mehr aber Spieler auf einem Feld bewegen als vorher?

Fertl: Es geht aber nicht nur um die Hardware, sondern in ganz erheblichem Maße um die verfügbare Software.

Ehrlich: Die Menge der für den Low-end-Workstation-Markt verfügbaren Software wird sich in etwa verachtfachen. Dabei wird die weiche Ware billiger werden und die Preisgestaltung den Regeln des PC-Softwaremarktes folgen.

CW: Erwartet man von der Verfügbarkeit preiswerter Anwendungssoftware das entsprechende Momentum für den Verkauf von Workstations?

Fertl: Ich glaube, wenn die Barriere in Form von das einerseits und Unix andererseits fehlen würde, dann gäbe es diese Markt-Verwerfungen nicht, unter denen wir heute leiden. Diese Verzerrung ähnelt dem St-Andreas-Graben in Kalifornien.

Durch das Aufeinandertreffen zweier Kontinente wird soviel Spannung aufgebaut, daß es einfach zu einem Erdbeben kommen muß, und das, glaube ich, ist jetzt ausgelöst worden.

Ehrlich: Die Arbeit des Konsortiums beendet den Technologiestreit zwischen RISC und CISC.

CW: Obwohl man sich in dem Konsortium ja wohl nicht umsonst auf zwei Plattformen geeinigt hat?

Fertl: Im Prinzip handelt es sich bei RISC und CISC um einen Glaubenskrieg. Man kann zwar von der Technologie her sagen, daß bei RISC das größere Potential vorhanden ist, aber daß man mit enormen Anstrengungen auch hervorragende CISC-Architekturen weiterbauen kann, zeigt das Beispiel Intel. In Zukunft soll es dem Endanwender egal sein können, ob er mit Unix oder DOS, CISC- oder RISC-CPUs seinen Job erledigt. Die Idee des Konsortiums läuft darauf hinaus, auf der einen Seite ein Regal mit Hardware und auf der anderen Seite ein Regal mit Software zu haben und egal, was ich wo aus welchem Fach nehme, es paßt zusammen.

Ehrlich: Natürlich müssen die alten Dinge weiter betreut werden. Denn die weltweit 60 Millionen PC-Anwender bilden eine Lobby, die eine ganze Welt kreiert hat und die auf keinen Fall vernachlässigt werden darf.

Fertl: Kein Hersteller wird diese Kundenbasis aufgeben. Weder Intel, Compaq oder wir werden nur wegen dieses Konsortiums unsere Linie verlassen.

CW: Also werden die Hersteller einige Spreischritte machen müssen?

Ehrlich: Ja, die Kunst besteht eben darin, diese Spreizschritte auszubalancieren. Jedes Mitglied muß sich zu den beiden Plattformen bekennen. Was sie dann machen, ist mehr oder weniger ihre Angelegenheit.

CW: Compaq und Silicon Graphics sind zusammengerückt. Die Texaner haben sich mit 13 Prozent an ihrem Unternehmen beteiligt und finanzieren die Entwicklungsarbeit mit 50 Millionen Dollar. Handelt es sich dabei um Dinge, die Sie bereits entwickelt haben und die Jetzt im Zuge eines Transfers Compaq zur Verfügung stehen oder sind das Produkte, die noch auf ihre Verwirklichung warten?

Fertl: Sowohl als auch. Auf der einen Seite sind das natürlich bereits exisitente Dinge, die auch in der neuen R4000-Linie verwendbar sind. Auf der anderen Seite handelt es sich um noch zu realisierende Projekte, denn schließlich dreht es sich ja um eine neue Architektur. An den Ergebnissen wird Compaq beteiligt, und dafür zahlt das Unternehmen.

CW: Können Sie etwas konkreter werden?

Fertl: Wir sprechen dort heute noch nicht über Details. Aber wir können sagen, daß es auch in der R4000-Linie eine Parallelprozessor-Maschine geben wird. Die Architektur dafür hat Silicon Graphics bereits als diskrete Logik um den R2000 herum entwickelt. Die gesamte Multiprozessor-Hardware ist von uns geschaffen und an Mips Computers lizensiert worden.

CW: Was hat Silicon Graphics von dem Abkommen mit Compaq?

Fertl: Wir haben nicht die Zeit, wie IBM und DEC sie hatten, um in mehreren Jahrzehnten ein großes Firmenimperium zu werden. Deshalb haben wir uns zu einer Hebelstrategie entschlossen. Wir als kleines Unternehmen müssen die beste Technologie haben und darüber den Markt beeinflussen. Und das ist das, was uns das Konsortium bringt und auch das Abkommen mit Compaq.

CW: Also liegt die Betonung auf der High-Tech-Schiene; Sie wollen nicht den Massenmarkt mit Ihren Produkten angehen?

Fertle: Wir werden unsere Systeme nicht direkt im Endbenutzer-Vertrieb vermerkten, sondern über Vertriebskanäle. Wenn Sie so wollen - wir haben ja den Grafikprozessor für die RS/6000 entwickelt - ist IBM für uns ein Vertriebskanal. Wir setzen mehrere Millionen Dollar pro Monat über IBM um - auch wenn wir da nicht selbst als Systemlieferant auftreten.

Ehrlich: Es gibt nicht mehr die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu gehen. Was immer man tut, man wird abhängig sein von Partnern. Und sogar von solchen, die in direktem Mitbewerb stehen. Wir wollen Technologieschmiede bleiben, die sicherlich auf immer mehr Märkten präsent sein will, die aber keinen Markt um jeden Preis angeht.

CW: Ist man die Partnerschaft mit Compaq eingegangen, um in diesem Konsortium nicht unterzugehen?

Fertl: Objektiv beschrieben, ist Silicon Graphics diese Partnerschaft eingegangen, weil wir wissen, daß wir aus eigener Kraft nicht so schnell wachsen können, wie wir das wollen. Durch solche Partnerschaften können wir vom Umsatz her sehr viel schneller zulegen, als wenn wir unser Personal aufstocken. Für uns ist die Hebelwirkung das wesentliche. Wir bringen auf diese Weise unsere, Technik in den Markt, aber wir müssen dabei nicht jedes einzelne Board selbst verkaufen und supporten. Außerdem braucht man uns. Neben Mips sind wir innerhalb von ACE die treibende technologische Kraft im Hardwarebereich.

CW: Wenn Ihre Vorstellungen Wirklichkeit werden, kann auch der Anwender die Leistung der einzelnen Maschinen viel besser überprüfen und einschätzen, welches System erfuhr seine Anwendung benötigt?

Ehrlich: Wir sehen in der Vergleichbarkeit eine große Chance. Bisher wurden die Wettläufe zwischen den Herstellern so arrangiert, daß jeder in die Richtung laufen konnte, in die er wollte. Das Problem ist nur: Bei solchen Rennen gewinnt entweder keiner oder alle. In dem ACE-Konsortium müssen alle in die gleiche Richtung laufen, und dann Sagen- Zeitmessungen endlich etwas aus.