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05.09.2006

Wie SOA den ERP-Markt verändert

Mit einer gewagten Prognose löste der US-amerikanische Analyst Bruce Richardson eine kontroverse Diskussion um die Zukunft des ERP-Markts aus. Von CW-Redakteur Wolfgang Herrmann
Bedeutet SOA den Tod von ERP? Lesen Sie die Diskussion im SOA-Expertenrat der COMPUTERWOCHE: www.computerwoche.de/soa-expertenrat
Bedeutet SOA den Tod von ERP? Lesen Sie die Diskussion im SOA-Expertenrat der COMPUTERWOCHE: www.computerwoche.de/soa-expertenrat

Service-orientierte Architekturen (SOA) bedeuten den Tod von ERP." Auf diese griffige Formel lässt sich ein Thesenpapier von Bruce Richardson bringen. Den Softwareherstellern hatte der Analyst des Marktforschungs- und Beratungshauses AMR Research darin einen "Tag des jüngsten Gerichts" prophezeit: Im Jahr 2010 würden SAP- und Oracle-Kunden aufhören, Anwendungen von ihren ERP-Anbietern zu kaufen. Stattdessen heuerten sie billige Systemintegratoren aus Indien oder Osteuropa an, um aus einzelnen Softwareservices maßgeschneiderte "Composite Applications" entwickeln zu lassen.

Hier lesen Sie ...

- wie Softwarehersteller auf die These vom Verschwinden des ERP-Markts reagieren;

- was gegen die Prognosen des US-Analysten Richardson spricht;

- warum SOA-Konzepte dennoch den ERP-Markt verändern.

Mehr zum Thema,www.computerwoche.de/

580633: "SOA bedeutet den Tod von ERP;

580129: SOAs halten Applikationsanbieter auf Trab;

578715: Studie SOA setzt sich durch in Unternehmen.

SOA-Expertenrat der COMPUTERWOCHE:

www.computerwoche.de/soa-expertenrat

"Völlig unrealistisch", hält Rüdiger Spies, Senior Advisor bei der Experton Group, dagegen: "Zum einen sind die ERP-Hersteller im Moment Treiber des Wechsels auf diese neuen Architekturen. Zum anderen liegen die mittleren Lebenszeiten von ERP-Systemen in der Größenordnung von 15 Jahren, Tendenz steigend." Er halte es für praktisch unmöglich, aus Web-Services verschiedener Hersteller neue ERP-Landschaften aus dem Boden zu stampfen: Die dem jeweiligen System zugrunde liegende Architektur sei aus Anwendersicht unersetzlich. Deshalb hätten es Unternehmen zwar relativ leicht, verschiedene Web-Services eines Herstellers zu einer neuen Funktion zu kombinieren. Ähnliches gelte für ergänzende Web-Services von Partnern des ERP-Lieferanten oder für eigenentwickelte Services. Die Vorstellung aber, neue Funktionen aus Oracle-, SAP- und vielleicht noch Infor-Modulen zu kombinieren, hält Spies für eine "Tagträumerei".

Rolf Schumann, Vertriebsleiter für SAPs "Netweaver"-Produkte in der Region Emea, wehrt sich entschieden gegen die Thesen Richardsons: "SOA bedeutet keineswegs den Tod von ERP, sondern es ist eine Evolution der klassischen Architektur, auf der die heutigen ERP Systeme basieren." Ohne ERP, sprich ohne Backends mit Business-Funktionen, werde SOA nicht funktionieren, da es sich dann um ein rein technisches Konstrukt handele. "Ein ERP-System beherbergt sehr tiefes Prozesswissen - die von Herrn Richardson angeführten Composites können dieses nicht ohne weiteres abdecken."

Auch Daniel Liebhart, verantwortlich für die Anwendungsentwicklung der Trivadis AG, glaubt nicht an ein Verschwinden der klassischen ERP-Systeme: "Es ist doch eben die Stärke der Anbieter von Standardsoftware, dass sie den Bedarf der meisten Kunden out of the box abbilden können. Diese Stärke ist auch für die Realisierung einzelner "omposite Services ausschlaggebend."

Kritischer beurteilt Norbert Schädler, Executive Software Architect bei IBM Deutschland, die Perspektiven der ERP-Hersteller. "Die Anbieter von Anwendungspaketen waren in der Vergangenheit den Entwicklern beim Anwender keinesfalls um Längen überlegen." Auch bei ihnen fänden sich monolithische und schwer wartbare Strukturen - mit denselben Folgen wie bei der Unternehmens-IT. Es sei deshalb nicht überraschend, wenn nun die Hersteller Service-orientierte Konzepte propagierten.

Laut Schädler ist in der Diskussion noch ein weiterer Aspekt zu beachten: Getrieben durch ihr Geschäftsmodell versuchten die Applikationsanbieter noch immer, den "Fußabdruck" bei ihren Kunden so groß wie möglich zu machen. Das verhindere kleinere Granularitäten bei den Anwendungskomponenten, wie sie in bestimmten Bereichen notwendig seien. In diesem Punkt müssten die Softwareanbieter umdenken, würden dies aber nur dann tun, wenn die Kunden entsprechend Druck ausübten.

Jutta Czerny-Kiene vom IT-Dienstleister CSC Deutschland Solutions GmbH hält eine Service-orientierte Architektur in etlichen ERP-Bereichen gar nicht für notwendig: Viele Prozesse wiesen eine hohe Stabilität auf. In den Unternehmen arbeite "etablierte und anpassbare Standardsoftware, die sicher auf Jahre hinaus ihre Daseinsberechtigung behalten wird". Ohnehin stelle eine vollständige Umsetzung einer SOA einen schwierigen Weg dar, wie bereits an den Bemühungen von SAP und diversen Anwendern zu erkennen sei.

Um eine komplette Anwendungslandschaft auf SOA-Basis zu bauen, reiche die technische Wiederverwendung von Softwarekomponenten nicht aus. Voraussetzung sei vielmehr "ein integriertes und konsistentes fachliches Prozessmodell, ein Datenmodell und ein Servicemodell". An dieser Stelle hätten die ERP-Hersteller die besten Voraussetzungen, argumentiert die CSC-Expertin. Sie verfügten über das Wissen um die Modelle und die Software im Hause. Ein Neueinsteiger hingegen müsse diese Modelle erst erstellen oder einen vorhandenen fachlichen Standard implementieren. Praxistaugliche Standards für Branchenprozessmodelle seien aber noch Mangelware.

Unterm Strich erntet Richardson mit seinen Thesen deutlich mehr Kritik als Zustimmung. Dennoch zeigt die Diskussion, welches Veränderungspotenzial SOA-Konzepte auch und gerade für den klassischen ERP-Markt bergen. Nach Liebharts Einschätzung könnte ein zukünftiges ERP-System aus einzelnen Diensten und vorgefertigten Prozessen bestehen. SAP-Module wie FI oder CO setzten sich dann aus einer Sammlung von Diensten und vorgefertigten ausführbaren Prozessen zusammen. An Kundenbedürfnisse anpassen ließe sich das ERP-System über eine Veränderung des ausführbaren Prozesses, gegebenenfalls unter Einbeziehung zusätzlicher Dienste von Drittherstellern. Liebhart: "Die Marktvorteile eines großen Herstellers verschwinden mit der Weiterentwicklung der Standardprodukte in Richtung SOA nicht. Im Gegenteil, die Einführungskosten könnten durch SOA erheblich gesenkt werden."

John Wookey, Chef der Anwendungsentwicklung bei Oracle, sieht die Prognosen Richardsons denn auch gelassen: "Wenn SOA wirklich im Markt akzeptiert werden soll, braucht es eine echte Service-orientierte Plattform", antwortet er dem AMR-Analysten. "Mit der 'Fusion'-Middleware haben wir eine." Darauf basierend liefere Oracle seine SOA-Suite. Der Trend zu Service-orientierten Architekturen könnte durchaus zu einem Umbruch in der Anbieterlandschaft führen, erklärt er mit einem Seitenhieb auf den Erzrivalen: "Das gibt uns die Möglichkeit, an SAP vorbeizuziehen."

Ob Anwender in der von Richardson skizzierten Welt tatsächlich besser abschneiden würden, erscheint zweifelhaft. Aus lizenztechnischen Gründen wäre das Modell unattraktiv, argumentiert Experton-Berater Spies. Denn Kunden müssten dann Lizenzgebühren an alle Hersteller zahlen, die einen Softwareservice bereitstellen. Zusätzlich fielen Aufwendungen für den Integrator an, der die Services in einem "Supervisor-Programm" zusammenführe. Dabei sei davon auszugehen, dass Teillizenzgebühren höher angesetzt werden als für die gleiche Funktion in einer ganzen Suite. Sein Fazit: "SOA bedeutet nicht den Tod der ERP-Hersteller." Vielmehr biete das Konzept auch für die Hersteller eine willkommene Chance, veraltete Programmstrukturen aufzulösen und die ganze Suite zu modernisieren. "Diese kann dann wieder 15 Jahre 'leben'. Aber bis dahin ist Bruce Richardson in Pension."