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Glosse


31.08.1990 - 

Wie verkraftet man einen Computer?

Heinzgünther Klaus, Freier Journalist, Köln

Neben den ganz-, halb- und viertelprofessionellen Teilnehmern am berufstäglichen Computerspiel gibt es Menschen, denen jede High-Tech-Beziehung im Grunde suspekt ist. Trotzdem zeigen sie positives Engagement, weil's die Karriere verlangt.

Um den psychologischen Dauerstreß abzubauen, sollten die oberflächlich Angepaßten schnell die Spitze der Hierarchie erklimmen. Dort nämlich wird ihnen die kritische Haltung gegenüber der EDV nicht mehr verübelt.

Der medienvermittelte Zeitgeist registriert an den Kontaktstellen zwischen Mensch und EDV-Maschine keine gravierenden Probleme, jedenfalls keine psychologischen. Schließlich leben wir nicht mehr in der frühen Lochkarten-Ära, sondern in der schönen neuen Welt der gestylten Terminals. Wir akzeptieren den Bildschirm als flottes Arbeitsmittel, freuen uns über komfortable Programme, erwarten hoffnungsfroh die nächste Preissenkung beim Laserdrucker, bedauern kopfschüttelnd die (noch) unzureichende Büroautomation in der vormaligen DDR.

Wen statistische Analysen nicht schrecken, lernt einiges über die Interventionstiefe des Computers im Geschäftsleben. Jeder kann dabei sein eigenes Befaßtsein mit- der angewandten Informatik ausloten und sich in eine der drei Kategorien einordnen, die der modernen Erwerbstätigkeit offenstehen:

Demnach hat man entweder einen EDV-Kern-, -Misch- oder -Randberuf, weiß also entweder genau Bescheid über Betriebssysteme und Software-Engineering oder "untermischt" die Kompetenz in einem bestimmten Fachgebiet mit einer gehörigen Portion Anwendungswissen aus dem Bit- und Byte-Bereich - oder man gehört zum großen Pulk der am Rande Berührten, was bedeutet, daß man zumindest ein PC-integriertes Faxgerät ordnungsgemäß handhaben kann.

Allerdings sind sich die Beobachter klar, daß darüber hinaus noch eine - zahlenmäßig starke, aber irrelevante - Menschheitsklasse existiert, die unter dem Syndrom der emotionellen High-Tech-Verweigerung leidet. Das sind rückständige Zeitgenossen, die jedem Geld- und Fahrtkartenautomaten mit herzlicher Abneigung begegnen und sich sogar an der POS-Abfertigung im Supermarkt ärgern, weil sie ihren Einkauf nicht so schnell wegpacken können, wie die Artikel durch die Scanner-Kasse flitzen.

Zu dieser Gruppe zählen leider auch die versteckten Oppositionellen, die sich trotz ihrer Berührungsängste scheinbar routiniert im Computerumfeld bewegen. Sie haben einen tiefsitzenden Widerwillen gegen die zunehmende Komplexität und Technisierung von einstmals überschaubaren Vorgängen. Nach außen hin innovationsfreudig, lassen sie sich ihre Reserviertheit gegenüber der systemgesteuerten Organisation nicht anmerken - aus gutem Grund, denn es gilt nicht als karrierefördernd, wenn man den Markierungen zur beruflichen Zukunft skeptisch auszuweichen versucht. Erfahrungsgemäß kommt der Vorwärtsstrebende an ostentativen Fortschrittsbeweisen nicht vorbei: Das Outfit indiziert die Qualifikation. Das weiß jeder Yuppie und installiert ein netzwerkfähiges PC-Kraftpaket zugriffsnah auf dem Sideboard.

Natürlich sollte der den Bildschirm auch fachmännisch bedienen können. Nichts ist abträglicher für das gute Image eines Vorgesetzten, als wenn ihm die Sekretärin mehrmals täglich die wichtigsten Tastenkombinationen erklären muß, die bereits jeder Azubi in der Buchhaltung beherrscht. Dann delegiert der Chef das Operating lieber gleich ans Vorzimmer und läßt sich nach Gutsherrenart die Entscheidungsdaten, in Letter Quality ausgedruckt, auf den Edelholz-Schreibtisch legen. (Besonders ehrgeizige Führungskräfte üben privat am häuslichen PC: mühevoll mit mächtigen Manuals.)

Doch nicht nur das praktische "Handling" macht zu schaffen, auch das Mitreden im Wissensgebiet der Informatik wird schwieriger. Vor acht Jahren noch galt als Profi, wer im Nebensatz einmal kurz "Unix" erwähnte. Mittlerweile geriet dieses Betriebssystem zum globalen Branchenthema, das - ähnlich wie die endlose Geschichte von Corporate Identity - unzählige Seminare füllt und eine komplette CeBIT-Messe allein bestreiten könnte. Niemand blickt mehr ganz durch, schon gar nicht der innere Abstandnehmer, dem die Informationstechnologie ohnehin als methodischer Exzeß oder Kulturschock erscheint.

Um die real existierende Computerwelt nachhaltig zu verkraften, wird den Zwangsangepaßten mittleren Management dringend empfohlen, möglichst flugs die Vorstandsebene zu erklimmen. Denn von dort aus kann man organisatorische Entwicklungen per Richtlinie vorgeben, ohne vorher in die Niederungen des Expertentums abzusteigen, wo leidenschaftlich engagierte Fachleute ihre kurzlebigen Erkenntnisse diskutieren.

Außerdem hat der erhöhte Standort in der Firmenhierarchie den Vorteil, daß man sein gestörtes Verhältnis zur prozessorbeherrschten Geschäftswirklichkeit offen zugeben darf. Derlei Enthüllungen seitens einer anerkannten Persönlichkeit werden von den Umstehenden durchweg positiv gewertet: Als Zeichen von Common sense und Menschlichkeit im sterilen Effizienzschema der administrativen Automation.

Wer als Quasi-VIP über den Wolken schwebt, dem gebührt sogar das Recht auf ein ironisches Bonmot, selbst wenn wirtschaftsweite Techno-Strukturen die Zielscheibe bilden. So wurde das Patentrezept, mit dessen Hilfe clevere Kunden den elektronisch gestutzten Zahlungsverkehr (Reizthema Wertstellung) beschleunigen können, vorwiegend von Bank-Bossen kolportiert: Man nehme ein gewöhnliches Überweisungsformular, fülle es normal aus, zerknülle es anschließend in der Hand und schicke es an die Bank. Dort weist die EDV-Anlage den Knitterbeleg zurück. Die Angestellten der Giro-Abteilung müssen den Vorgang manuell bearbeiten, was offenbar schneller geht, als wenn der Auftrag durch die Maschine läuft.

Kein Zweifel - das Beispiel demonstriert die unüberbrückbare Kluft zwischen Hardware und Brainware. Es bestätigt zudem das unterschwellige Überlegenheitsgefühl der getarnten High-Tech-Muffel: Wieviel würde ein superintelligentes Expertensystem wohl kosten, das in der Lage ist, diesen einfachen Trick vorzuschlagen?