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Kontroverse Diskussion über den Ausbau der Netz-Infrastruktur, Fazit: Der Anwender darf nicht zu viel verlangen:


24.06.1983 - 

Wieder denkbar: Nicht alle Endgeräte müssen standardisiert sein

Beobachtet von Helga Biesel

Für gewöhnlich kommt bei Podiumsdiskussionen nicht viel heraus. Neue Informationen gelangen meist nicht über die Rampe: viele Gesichter kennt das Publikum schon. Die Attraktivität einer derartigen Veranstaltung liegt in ihren "Stars". Sie könnten aussprechen, was längst in der Luft liegt, womit aber so recht noch niemand hinter dem Ofen vor wollte; sie haben quasi "Narrenfreiheit".

Diese Freiheit nahm sich, wohl vorbereitet durch ein Referat (siehe CW-Schwerpunkt, Seite 60) am Vormittag, Franz Arnold, Ex-Ministerialdirektor im Postministerium und heute in der Geschäftsleitung von SCS bei einer bemerkenswerten Podiumsdiskussion im Rahmen der Telecom '83, Einen Satz auszusprechen, wie: Es müssen nicht alle Endgeräte standardisiert sein, das ist wieder denkbar!, blieb Arnold vorbehalten, der inzwischen - formal ein Postoutsider - hier doch deutlich als Insider der öffentlichen Telekommunikationsszene auftrat. Im folgenden eine Art "Mitschnitt" der Diskussion, die Themen wie das zukünftige ISDN-Modellnetz, mangelnde Planungssicherheit bei Post und IBM, vergebliche Bemühungen um EHKP etc., etc. nicht nur streifte.

Für mit dem Themenspektrum Vertraute enthielten die Sprüche und Widersprüche interessante Hinweise, viel Provokatives, manche "echte" Information und auch Grund zur Heiterkeit.

Der Moderator Arnold eröffnete die Diskussion mit den fünf Thesen des Referenten Arnold. Sie lauteten:

- Die öffentlichen Netze sind leitungsvermittelt und nicht paketvermittelt.

- Paketvermittelte Netze können, wegen bestimmter, nicht in leitungsvermittelten Netzen möglichen Leistungsmerkmale als Inseln in den öffentlichen Netzen bestehen bleiben mit Zugang zum leitungsvermittelten Netz.

- Im Mittelpunkt der künftigen öffentlichen Netze stehen die digitalen Vermittlungsstellen, an die die Teilnehmer in Sternstruktur angeschlossen bleiben (Konzentratoren nicht ausgeschlossen) .

- Mietleitungen und HfD werden in ihrer Bedeutung im Bereich der heutigen Nutzungsschwerpunkte, das heißt, bis maximal 144 KBit/ Sek. erheblich abnehmen.

- Die Inhouse-Kommunikation wird genau dem Trend der öffentlichen Netze folgen beziehungsweise ihn zeitlich sogar vorwegnehmen.

"Der ,Riese Fernsprechnetz' wird umgestellt"

Das Wort ergriff nach Darlegung dieser Kernsätze Meinrad Adelmann vom Bundespostministerium. Er stimmte "im wesentlichen" Arnold zu. Billiger als Datex-P könne das ins Auge gefaßte, flächendeckende ISDN aber nur dann sein, ergänzte er, wenn das Diensteangebot der Post (Teletex, Btx, etc.) auch leitungsvermittelt greifbar sein könne. Auf jeden Fall jedoch werde eine digitale Vermittlungsstelle der zentrale Punkt für alle Formen der Kommunikation mit Sprache, Daten, Text und Bild sein. Tröstend für viele der teils geschockten Anwesenden nannte er die weitere Existenzmöglichkeit von anderen "Inselnetzen in der Definition als Sondernetze zum Beispiel - vor dem Zeithorizont von zehn Jahren wohlgemerkt - von Datex-P.

"So leicht hätte die Post vor drei oder vier Jahren sprechen sollen!", ereiferte sich Helmut Röder, hier als Vertreter der IBM und als Fachmann gefragt. In Rage brachte ihn wohl auch die Provokation Arnolds, der seine These Nummer eins von den in Zukunft leitungsvermittelten und nicht paketvermittelten Netzen mit der Bemerkung gewürzt hatte: "SNA-Strukturen werden in ihrer Bedeutung wesentlich abnehmen." Deshalb warf der IBM-Kommunikationschef dann gleich noch einen weiteren "Stein in den Garten der Post: "Soviel ich weiß, ist Paketvermittlung nur aus politischen Gründen eingeführt worden" und beschwor die Vorteile der Mietleitung.

Woraufhin dem IBM-Mann prompt die Gebühren-Argumentation Arnolds serviert wurde: "Ich behaupte, daß in dem Moment, in dem ISDN mit 64 K und niedrigeren Gebühren angeboten wird, Mietleitungen keine Vorteile mehr haben . Zehn Prozent maximal werde der Anteil der Text- und Datenverarbeitung am gesamten Transfervolumen in ISDN betragen - 90 Prozent würden auf die reine Sprachkommunikation entfallen. Damit sei praktisch der Text- und Datenverkehr subventioniert.

Diesen Ausführungen wollte sich Röder nicht verschließen, sah aber "die Entwicklung dennoch nicht". Bei der Post wäre die Gebührenentwicklung politisch noch nicht geklärt. Möglich sei schließlich auch eine getrennte Verrechnung "nach roten und grünen Bits".

An dieser Stelle der Diskussion fühlte sich Adelmann aufgerufen, den Standpunkt der Post mäßigend einzubringen. "Im Ergebnis" schloß er sich erneut den Thesen Arnolds und dessen Argumenten an, er verwies wieder auf den Zeithorizont von zehn Jahren, sah aber grundsätzlich keine Notwendigkeit von "Querverbindungen" (Datex-L), es sei denn, das "alte Netz" wäre noch nicht überall abgelöst. Also: Mietleitungen könnten für die Post nur als Übergangslösung akzeptabel sein.

Übergangslösung war das neue Stichwort für Arnold, der den Vorwurf Röders, Datex-P sei nur aus politischen Erwägungen auf den Weg geschickt worden, nicht auf seinem ehemaligen Arbeitgeber sitzen lassen mochte. Er rechtfertigte das von Anfang an viel bekritelte Post-Baby das nun wohl im Stadium der Adoleszenz stehen bleiben wird, als eine notwendige "Interimslösung". Als solche war Datex-P allerdings nicht eingeführt worden. Zu Vermutung ("Zumutung" - Stimme aus dem Publikum) des IBM-Vertreters, die Post könnte innerhalb von ISDN nach "roten und grünen Bits verrechnen stellte Arnold klar: "Dies wäre ein großer Fehler Er konnte jedoch "auch nur hoffen, daß die Post diesen Fehler nicht mache.

Reimund Eisele vom BIK fand die skizzierten Möglichkeiten von ISDN zunächst einmal schön Als Praktiker verwies er jedoch auf das Problem der ständig belegten Leitungen, einer Schwierigkeit, mit der er allerdings auch bei Datex-P konfrontiert ist Eine deutliche Stellungnahme wurde aus Eiseles abwägenden Ausführungen zunächst nicht erkennbar.

Deutlich hingegen wurde von dem IBM-Mann Röder an diesem Punkt der Unentschiedenheit wieder eine Lanze für Datex-P und Mietleitungen gebrochen. Auch in Datex-P sei Sprachübertragung möglich etc. . Arnold konterte mit dem Hinweis, daß die Überlastfähigkeit eines Fernsprechnetzes höher sei. Er war "sich nicht sicher", ob die Btx-Zentralen zum Beispiel den Datenverkehr bewältigen können, wenn das Btx-Netz (= Datex-P) auch zur Übermittlung von Daten - wie das aus Kostengründen sehr attraktiv ist - verwendet wird, was absehbar ist.

Aus dem Plenum kamen weitere Pro-Stimmen im Hinblick auf Datex-P. Gerhard Dieterle von Kontron in München stellte die "Frage" nach dem volkswirtschaftlichen Nutzen". Die Kapazität des geplanten ISDN würde in den 90er Jahren zu gering sein. Er erwähnte den "bestechenden Ansatz" von Datex-P-Leitungen seien nicht beliebig zu addieren, Rechner jedoch durchaus. Außerdem werde der 64-K-Kanal nicht die notwendige Transparenz schaffen: "So sind sie anstehenden Kommunikationsprobleme nicht zu lösen!"

"Keiner kann wählen, (denn) Sternstrukturen dominieren"

Offenbar aus einem Mißverständnis heraus seien diese Ausführungen gemacht worden, konzedierte Arnold den Einwurf Dieterles. Schließlich sei ISDN eine international genormte und beschlossene Sache, der auch die Bundesrepublik nicht ausweichen könne. Es würden sich bald zwei Netze gegenüberstehen; das getrennte Datennetz werde jedoch nicht konkurrenzfähig sein, wiederholte er seine Eingangsargumentation. Aber Datex-P könne immerhin mit "großen Datenmengen" ausgelastet bleiben, "weil es nun mal da ist". Und dann lapidar: "Der ,Riese Fernsprechnetz wird umgestellt!" Und: "Es müssen nicht alle Endgeräte standardisiert sein, das ist wieder denkbar."

Auf diesen knappen Nenner gebracht, wurde die eigentliche Wende in der Netzpolitik der Post deutlich. Der IBM-Mann in der Runde ging entsprechend nachdrücklich auf diese Mitteilung ein: "Ich möchte mehr Planungssicherheit von der Post", kam mit der Stimme eines Enttäuschten und Verärgerten über die Rampe, wozu im Publikum zu hören war: "Ausgerechnet IBM muß das sagen." Grund der Verärgerung schien, daß die Bundespost für IBM offenbar unerwartet "die Gebührensituation umgedreht" hat. "Genau diese Freiheit hat der Monopolträger nicht." Die Sentenz ging an Arnold, der aber die IBM-Reaktion für sich ummünzte in die Bestätigung seiner These, daß "der transparente Kanal in seiner Bedeutung nicht erkannt wird". Beliebiger Verkehr werde möglich sein, die ISO-Welt könne sich genauso im ISDN tummeln wie "die Anderen".

Sich in der Situation "der Anderen" zu sehen, schien Röder zu schmerzen. Adelmann erklärte ihm nochmals: Erstens müsse es gewisse Zwänge geben und außerdem sei doch Transparenz und Kompatibilität im ISDN gegeben! Den Vorwurf der "mangelnden Planungssicherheit" gab der Ministerialrat im Postministerium kühl an IBM zurück:

"Die hätte ich auch gerne!" Schließlich führten die Post und IBM eine Ehe zu Dritt. Der schwarze Peter ging von an den Absender zurück.

Karl-Heiner Schmidt (Siemens) versuchte einen Themenwechsel und brachte das Stichwort "Integration" ins Spiel. Aus Gründen der Akzeptanz seien die Hersteller gezwungen zu integrieren. Es sei deshalb ein stufenweiser Aufbau der Endgeräte und auch der Vermittlungsrechner angesagt. Er persönlich bevorzuge das Konzept der modularen Einrichtungen, bezogen sowohl auf die Dienste wie die Technik, ganz gleich ob man zu Ring-, Stern- oder Busstrukturen tendiere; er selbst bevorzuge allerdings die Busstruktur.

Daß hier noch viel zu wählen sei, diesen Zahn zog Arnold dem Siemens-Vertreter und Reimund Eisele vom BIK bestätigte: "Keiner kann wählen", denn: Sternstrukturen dominieren". Gleich aber stellte er auch dieses Primat wieder in Frage. Er fragte also: "Geht denn jetzt alles über die sternförmige Nebenstellenanlage?" Und weiter: "Was nutzt uns der transparente Kanal, zum Beispiel für Teletex oder -fax oder SNA, BSC und Transdata?" Er sei doch erst dann sinnvoll, wenn für alle diese Übertragungsverfahren ein Nutzen evident werde. Diese Forderung müsse er als Anwender stellen.

"Erst die Technik, dann die Standardisierung ! "

Röder versuchte nach dieser klaren Stellungnahme abzulenken. Er plädierte plötzlich für eine Verschiebung der Standardisierungsbemühungen beziehungsweise der Diskussion dieses Themas, indem er die Reihenfolge: "Erst die Technik, dann die Standardisierung" vorschlug. "Jetzt machen wir das doch mal", sagte er mit Nachdruck und richtete sich an den Anwender in der Runde, Eisele. Dessen vermeintliches Dilemma konnte Röder "sehr gut verstehen", aber die Nutzer hätten schließlich dieses Dilemma erzeugt! Ideal seien natürlich die "offenen Systeme", aber eben ideal. Die andere Alternative sei "Nur-Tranparenz", dann aber sei der Anwender "völlig seinem Hersteller ausgeliefert".

Diese Schwarzweiß-Darstellung der Anwendersituation aus IBM-Mund verleitete das Plenum zu einigem Grinsen. Dann nahm Röder noch die EHKP-Entwicklung aufs Korn: "So geht Kommunikation nicht!" Wenn aber doch, dann werde sie ein "universal teures Ding"!

Nachdem die Standpunkte also geklärt waren und Arnold noch einmal seinen Spruch von der "nicht verstandenen Bedeutung des transparenten Kanals" hätte tun können, dies aber wohl aus Höflichkeit unterließ, verebbte der mit großer Aufmerksamkeit und viel Schmunzeln beobachtete Schlagabtausch zwischen den Kontrahenten und ein spärlicher, gleichwohl richtiger Schlußsatz entließ das Plenum: "Der Anwender darf nicht zu viel verlangen."