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31.10.1986

Wildwuchs bei C-Techniken prägte Schlagwort, aber:CIM kann nicht allein vom Wort leben

RATINGEN - Zu einer babylonischen Sprachverwirrung führte die Vielzahl der in Zusammenhang mit der Farbikautomation aufgenommenen C-Kürzel. Aber auch mit dem Integration implizierenden Schlagwort CIM haben die Anbieter von Lösungen für die computerintegrierte Fertigung keinen Stein der Weisen erfunden. Diese Worthülse kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß es heute oft noch nicht einmal zwischen bereits eingebürgerten Systemen wie PPS und CAD eine reibungslose Kommunikation gibt.

CIM scheint doch eine lukrative Angelegenheit zu sein. Den CIM-Pionier-Anwendern ist das klar. Den potentiellen Anwendern versucht man es klarzumachen. Am lukrativsten aber scheint es doch für die Anbieter selbst zu sein. Wie sonst würden bis dato von der Problematik der Projektierung und der Realisierung rechnerintegrierter Produktionskonzepte nur spärlich oder überhaupt nicht beleckte Computerhersteller sich mit Macht auf das CIM-Geschäft stürzen? Nur so ist es auch zu erklären, daß man in der Reihe der CIM-Anbieter plötzlich solche Vertreter findet, deren Domäne man bis vor kurzer Zeit noch in der Textverarbeitung vermutet hat.

Rasche Umsetzung des aktuell Machbaren

Selbst wenn es an konzeptionellen und strategischen Ausrichtungen anbieterseitig mangelt, versucht man doch, mit abenteuerlichen Computer- und Programmsystemkombinationen auf den langsam schneller werdenden CIM-Zug aufzuspringen. Der Grund für dieses Bemühen kann nur in der Erwartung gesehen werden, daß das CIM-Potential für das kommende Jahrzehnt als sehr viel lukrativer und vor allem auch leichter auszuschöpfen eingestuft wird als zum Beispiel Anwendungsgebiete der klassischen Datenverarbeitung.

Die großen Unternehmen, die bereits CIM-gemäß kombinierte Insellösungen mit Erfolg betreiben, wissen, daß die konsequente Weiterverfolgung der CIM-Strategie und die rasche Umsetzung des aktuell Machbaren die einzige Möglichkeit ist, sich mittel- und langfristig den Marktforderungen an ein produzierendes Unternehmen hinsichtlich mehr Flexibilität, höherer Qualität sinkender Kosten und steigender Termintreue mit Erfolg stellen zu können.

Besonders die mittelländische Industrie sieht sich selbst aber nach wie vor in einer Phase der Verunsicherung. Dies ist unter anderem die

Konsequenz der babylonischen Sprachverwirrung, die mit einer Vielzahl verschiedener CA-Kürzel über die einschlägigen Publikationen sowie auch durch einzelne Anbieter auf den Markt und damit über die Interessenten geschwemmt worden ist.

Man kann die Schuld an diesem Dilemma nicht uneingeschränkt in den Wachstumsambitionen der EDV-Hersteller und Systemanbieter suchen, sondern vielmehr in der Art und Weise, wie das was heute unter dem CIM-Markt zusammengefaßt wird, aufgebaut und erschlossen worden ist. Das Fernziel der flexiblen rechnerintegrierten Produktion existiert ja mit dem "neuen Verständnis" noch gar nicht so lange.

CIM hat sich hingegen "reichlich unorganisch" entwickelt. Nachdem CAD sich vom reinen rechnerunterstützten Zeichnungserstellungssystem zur eigentlichen rechnerunterstützten Konstruktion gemausert hatte, nachdem die ersten NC/CNC-Maschinen über funktionierende DNC-Konzepte verknüpft waren und mit der Arbeitsplanung kommunizieren konnten, war der nächste Schritt zum CAM vollzogen. Die logische Konsequenz war die angestrebte CAD/CAM-Kopplung, bei der im Rahmen der rechnerunterstützten Konstruktion zugleich auch die NC-Programme für die entsprechenden Bearbeitungsmaschinen generiert und zur Maschinensteuerung übertragen wurden. Von da ab hat sich der Markt der CA-Technologien mit diversen Wildwuchserscheinungen in verschiedene Richtungen entwickelt.

Neue CA-Techniken in immer kürzeren Abständen

In immer kürzer werdenden Intervallen kamen neue CA-Technologien auf den Markt, deren Erscheinen man den sich zugleich verringernden Innovationszyklen der Mikroelektronik zugeschrieben hat. Plötzlich redeten wir von Computer Aided Process Planning, Computer Aided Quality Assurance, Computer Aided Materials Handling und dergleichen mehr.

Auf dem Gipfel der Begriffsflut geschah dann das, was geschehen mußte: Ein schlauer Mensch hatte den Einfall, daß man für alle diese Computer-Aided-Inseln im Unternehmen einen Integrationsmotor definieren und logischerweise auch vermarkten müsse. Das war die Geburtsstunde des CIM: Nur hatte man leider vergessen, daß CIM für den potentiellen Anwender wieder nur eine neue dieser komplizierten und mit immer aberwitzigeren Kürzeln behafteten Automatisierungsinseln, die letztlich wieder zu neuen Schnittstellen und damit neuen Verwirrungen im Unternehmen führen würden. Genau an dieser Stelle wäre es aber Aufgabe der CIM-aktiven Computerhersteller gewesen, diese irrige Meinung von vornherein direkt zu verdrängen.

Man hat schlicht und ergreifend versäumt zu betonen, daß CIM das alles entscheidende I-Tüpfelchen auf der Menge der Computer-Aided-Funktionen darstellt, den strategischen und unabdingbar integrierenden Ansatz, der letztlich den Erfolg von rechnerintegrierter Produktion und dem Einsatz von diversen Computer-Aided-Inseln im Unternehmen sichert.

Grundgedanke dieser Idee: Die Summe des Computer-Aided-Einzelnutzens ist immer nur ein Bruchteil des Computer-Integrate-Gesamtnutzens. Nun wäre es gewiß falsch, die Schuld für die fehlgelaufene Entwicklung allen Computerherstellern gleichermaßen in die Schuhe schieben zu wollen.

Nicht nur den Herstellern die Schuld zuschieben

Die Großen, die sich seit jeher als kompetente Partner der Fertigungsindustrie verstehen und dies sowohl durch ihre Produktpalette als auch durch ihre Beratungsintensität und durch ihre Vorreiterrolle auf allen Gebieten des Rechnereinsatzes in der Produktion dokumentiert haben, waren von all den geschilderten Aktivitäten relativ unberührt, da ihre bisherige Rolle es a priori geboten hat, daß zumindest die eigenen Lösungen stets unter einem integrierenden Gesamtansatz gesehen und auch vertrieben worden sind.

Die Schelte trifft hier vielmehr diejenigen Unternehmen, die in der Hoffnung auf einen prosperierenden und sich goldeselhaft entwickelnden CIM-Markt Produkte für die rechnerintegrierte Produktion entwickelt und vertrieben haben, ohne sich über den integrierenden Gesamtaspekt solcher Lösungen mehr Gedanken als irgend nötig zu machen. Folge: Der CIM-Markt, speziell der in der Bundesrepublik mit dem Schwerpunkt auf den mittelständischen Unternehmen, war mehr als verunsichert. Einfache Beispiele können diese Problematik recht gut verdeutlichen.

Führt man sich den Grad der DV-Durchdringung in klassischen Anwendungsbereichen von Fertigungsunternehmen einmal vor Augen, dann wird sehr schnell deutlich, daß neben Schwerpunkten wie dem Finanzmanagement oder den Bereiche Materialwirtschaft sowie Zeit-, Termin- und Kapazitätswirtschaft, die ausgeprägtesten mit zirka 75 bis 80 Prozent Durchdringung sind. Geht man davon aus, daß jedes produzierende Unternehmen von Aufträgen lebt, so sind also alle Produktionen, die mit der Auftragsplanung und -steuerung zusammenhängen, die wesentlichen Funktionen im Unternehmen.

Wenn das Unternehmen bisher von Aufträgen gelebt hat, so wird sich an diesem Zustand auch in der Fabrik der Zukunft schwerlich etwas ändern. Somit ist also naheliegend, daß auch im Unternehmen der Zukunft PPS-Systeme, wenn auch nicht unbedingt in der uns seit den 70er Jahren bekannten Form, die zentrale Bedeutung haben und als Keimzelle einer CIM-Konzeption dienen werden.

PPS Systeme werden als CIM-Keimzelle dienen

Die weiterhin am weitesten ausgereifte CA-Technologie ist die rechnerunterstützte Konstruktion. Die Verknüpfung beider Funktionen kann im Regelfall über die Teilestammdaten beziehungsweise Erzeugnisstrukturen erfolgen. Dieser einfache Sachverhalt scheitert aber im Regelfall daran, daß PPS- und CAD-System nicht in der gewünschten Weise miteinander kommunizieren können.

Das kann zum Beispiel daran liegen, daß die Schnittstelle zwischen beiden Systemen, die erforderlich ist, um eine Teilestamm- und strukturgenerierung am CAD-Arbeitsplatz vornehmen zu können, nicht existiert. Sehr viel komplexer wird es dann, wenn man zum Beispiel an die Funktion einer rechnerunterstützten Arbeitsplanerstellung denkt, die letztlich integraler Bestandteil der Arbeitsplanung im PPS-System sein soll.

Fazit: Mit der Zahl der Produkte unterschiedlicher Hersteller aus dem CIM-Markt in einem Unternehmen steigt zugleich exponentiell das Problempotential bei der Realisierung im Unternehmen. Daraus sollte man aber nicht die Konsequenz ableiten, daß CIM nur mit einem Hardwarebeziehungsweise Softwarelieferanten möglich, machbar und realistisch ist.

CIM-Funktionskomplexe kein Selbstzweck

Wir sind auf dem Weg zur CIM mittlerweile so weit fortgeschritten und es gibt so viele gute und auch praxisorientierte CIM-Produkte, daß das unmöglich das Ziel sein kann. Dieser Zielsetzung steht nicht entgegen, daß einige Hersteller bewiesen haben, daß man selbst aus (den eigenen) Standardprodukten praxisorientierte CIM-Funktionskomplexe bilden und betreiben kann. Solange das kein Selbstzweck wird, gilt es nur als handfester Beweis für die richtige CIM-orientierte Produktionsstrategie.

Besser als die "Fabrik der Zukunft" zu simulieren, ist es jedoch für die Hersteller, aufgrund ihres Verständnisses für die Probleme der deutschen Fertigungsindustrie, ihre CIM-Erfahrungen in die eigene lokale Fertigung einzubringen und die entsprechenden Erfahrungen auch den potentiellen Anwendern zugänglich zu machen. Das ist dann nicht mehr "die Fabrik der Zukunft simulieren", sondern "praktizieren" .

Dies ist eine nicht zu untersag ätzende Hilfestellung, wenn es darum geht, das eigene Unternehmen an dem mit realistischem Einsatz CIM-gemäß Machbaren zu orientieren. Leider ist die Anzahl der Hersteller, die besonders in der Bundesrepublik diesen Weg gewählt haben, so gering, daß hier noch ein großer Nachholbedarf besteht.

Auf der anderen Seite zeigt die Marktentwicklung schon jetzt, daß die führenden Hersteller bereits die Lehre aus der Vielzahl unterschiedlicher CIM-Produkte selbst in einem Unternehmen gezogen haben. Ein Stichwort in diesem Zusammenhang sei MAP, das als eigenständiges Kommunikationskonzept speziell in Fertigungsunternehmen versucht, zumindest die Schnittstellenproblematik insoweit zu standardisieren, daß verschiedene CA-Produkte und Konzepte problemlos miteinander kommunizieren können. Erstaunlich ist auch, daß in der Truppe der MAP-Vorreiter wiederum nur die großen Computerhersteller zu finden sind, die traditionell als Partner der Fertigungsindustrie dafür prädestiniert sind, auch auf diesem Sektor Maßstäbe zu setzen.

Mehr Augenmerk auf den Ist-Zustand

CIM-Marketing wird zukünftig umdenken müssen, wenn das vergleichsweise große Potential der mittleren Unternehmen CIM-gemäß erschlossen und für CIM-Applikationen vorbereitet werden soll. Keiner, der zukünftig CIM verkaufen will, wird dies erfolgreich (in dem Sinne, daß jeder CIM-Kunde auch CIM-Referenzkunde wird) betreiben können, wenn er nicht in verstärktem Maße die Belange und den Ist-Zustand des Anwenders berücksichtigt.

Eine Vertriebshaltung nach dem Motto "Nun werfen Sie mal alles, was Sie bisher gekauft haben weg, und fangen Sie mit uns neu an" wird sich wohl kaum durchsetzen lassen. Das gerade Gesagte gilt einmal sicherlich aufgrund der Langzeitstabilität von gewachsenen Organisationsstrukturen insbesondere in Fertigungsunternehmen, zum anderen aber sehr viel nachdrücklicher noch für die zunehmende Kostenintensität solcher CIM-(auch Insel-)Lösungen. Von daher ist es für die CIM-Anbieter ein absolutes Muß, sich verstärkt mit der Integrierbarkeit vorhandener Lösungen beim Anwender zu beschäftigen.

Dieser Ansatz wird letztlich dazu führen daß die CA.-Funktionsträger im Unternehmen zwar nach wie vor existieren, daß auch der integrierende (CIM-gemäße) Ansatz im Unternehmen nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, daß aber letztlich der Kommunikationscomputer, der die uneingeschränkte Kommunikation zwischen den einzelnen CA-Inseln bewerkstelligt, den entscheidenden Ausschlag für das erfolgreiche Funktionieren eines CIM-Konzeptes geben wird.

Dieser CIM-Computer wird sowohl auch nicht der Eindruck erweckt werden, als ob CIM das Allheilmittel für alle Krankheitsbilder ist, unabhängig davon, ob sie von marktgegebenen oder internen Faktoren induziert worden sind.

CIM kann letztlich nur die Voraussetzungen schaffen, damit ein Unternehmen jetzt schon die Basis für mittelfristiges Überleben legen kann. Mittelfristige Überlebenschancen resultieren nicht nur aus der Entscheidung für die richtigen Produkte, die in Zukunft produziert werden sollen, sondern letztlich auch aus der Entscheidung für die richtige Art und Weise, die erfolgsträchtigen Produkte zu produzieren.

Mit der Wahl des geeigneten Hilfsmitteleinsatzes (und CIM ist nicht die Problematik der Schnittstellen einzelner Systeme zueinander bewältigen als auch die Problematik der CIM-gerechten Datenaufbereitung und -verteilung berücksichtigen. Daß dieser CIM-Computer sicherlich im Moment noch Zukunftsmusik ist, dürfte an dieser Stelle nicht ausdrücklich zu betonen sein. Gerade jedoch die Verantwortung der CIM-Anbieter gegenüber den schon existierenden und potentiellen Anbietern gebietet es, daß in dieser Richtung verstärkt Aktivitäten unternommen werden. Speziell die produzierenden Industrieunternehmen in der Bundesrepublik können sich kein zweites Debakel ß la HiFi-Elektronik-, Kamera- oder Werftindustrie leisten. Sicherlich sollte mehr und nicht weniger als ein Hilfsmittel) legt ein Unternehmen fest, wie flexibel es auf Kundenwünsche hinsichtlich Produktspezifikation, Termin und Kosten reagieren kann. Und nur das Unternehmen, das auf diese sich permanent ändernden Marktanforderungen entsprechend flexibel reagieren kann, wird dadurch seine Überlebenschance sichern. Nicht das theoretisch Machbare und "erst mal den Fuß in der Tür haben" sind Eckpfeiler des CIM-Erfolges der Anbieter, sondern Kompetenz geeignete Produkte, praktische Erfahrung und vor allem Referenzen.

*Axel Poestges ist Vertriebsbeauftragter PPS-Systeme bei der Hewlett-Packard GmbH, Vertriebszentrum Ratingen.