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14.06.1996 - 

Gastkommentar

Willkommen in der schönen neuen Welt

Professor Ian Angell Department of Information Systems London School of Economics

Willkommen in der Zukunft. Willkommen in einer Welt, die so verschieden ist von der Gegenwart wie diese vom vorindustriellen Zeitalter. Neu deshalb, weil die Fortschritte in Telekommunikation und Datentechnik einer nichtsahnenden Welt eine neue Ordnung aufzwingen. Auf den Daten-Superhighways wird soeben die Zukunft geboren.

In der neuen Welt können nur die Beherzten gewinnen. Es ist eine Welt, in der die sozio-ökonomischen Gewißheiten des 20. Jahrhunderts zerbröckeln, in der sich alles verändert. Dabei meine ich tatsächlich alles: Politik, Wirtschaft, Handel, die Gesellschaft als Ganzes. Und ich spreche von einem wirklichen Wandel, nicht von den netten, überschaubaren Veränderungen, die Management-Gurus in ihren Seminaren anpreisen, nicht von einem netten, überschaubaren Übergang, sondern von einem rigorosen und völligen Abrücken von der Vergangenheit.

In dieser neuen Welt sind Globalisierung und Mobilisierung die Schlüsselworte von Organisationen. Transnationale virtuelle Unternehmen bilden den Knotenpunkt locker geknüpfter Allianzen, untereinander verbunden durch globale, elektronische wie menschliche Netze.

Die Unternehmen machen Gebrauch vom Mobilfunk und tragbaren vernetzten Rechner und damit ihre Angestellten zu "Telearbeitern". Nach wie vor läuft die Arbeit über das Telefon. Inzwischen aber sind die mobilen Büroangestellten "Straßenkämpfer", die ihre Telefonnummern überallhin mitnehmen.

Sollte aber dann und wann ein physisches Büro für ein Meeting benötigt werden, kann dieses auf Timesharing-Basis organisiert werden. Ein neuer Typus des Beschäftigten kristallisiert sich heraus: der für verschiedene Firmen als Teilzeitkraft tätige Portfolio-Arbeiter. Qualifikationen, die von den Unternehmen von Fall zu Fall benötigt werden, sind billig und mühelos über das Netz zu bekommen, ohne langfristig bindende Arbeitsverträge mit sich zu bringen.

Was nun bedeutet all das für die restlichen Gesellschaften? Es gibt Theorien, wonach sich die Menschheit in zwei Mitarbeiterkategorien spaltet: die geistige, kulturelle und wirtschaftliche Elite, das heißt die mobilen und unabhängigen Wissensarbeiter, und den Rest, sprich die immobilen und abhängigen Zuarbeiter.

Ein Unternehmen kann ohne seine Wissensarbeiter nicht bestehen. Die Produktionsroutinen aber können entweder von Robotern erledigt oder irgendwohin ins Ausland verlagert werden. Ohne jede Gegenwehr gegen solches "soziales Dumping" werden sich die Löhne in den Dienstleistungssektoren allmählich weltweit auf dem Niveau der Dritten Welt einpendeln, und wir werden das Ende der verknöcherten Gewerkschaften erleben. Wissensarbeiter sind die wahren Generatoren von Reichtum. Eben dieses seltene Gut, der menschliche Intellekt, ist der Stoff, aus dem die Arbeit in der Welt von morgen ist. Das wirtschaftliche Überleben der Regierungen wird, wie das aller anderen Organisationen, von den Leistungen einer kleinen elitären Schar abhängen. Die immobilen Zuarbeiter werden dagegen zusehends als ökonomische Belastung angesehen. Auch das mittlere Management ist bedroht. Unter dem Deckmantel der Geschäftsprozeß-Reorganisation entlassen Firmen bis zu einem Viertel ihrer Führungskräfte in die Arbeitslosigkeit.

Im Bemühen um Rightsizing werden Unternehmen mit Prämienzahlungen Wissensarbeiter anlocken und derweil die Löhne und Bestände von Zuarbeitern verringern. Nicht von ungefähr initiieren die meisten westlichen Unternehmen derzeit größere Downsizing-, Verschlankungs- und Auslagerungsprogramme. Die Zuarbeiter, die das Glück haben, ihren Job zu behalten, werden härter schuften müssen, bei längeren Wochenarbeitszeiten und weit schwächerem Kündigungsschutz.

Politiker ohne Blick für die Realität behaupten, die Arbeitsplatzverluste würden durch die Schaffung neuer Stellen ausgeglichen. Sie ziehen einen direkten Vergleich zwischen der Informations- und der industriellen Revolution. Diese aber ersetzte lediglich eine Art körperlicher Arbeit durch eine andere. Die Informationsrevolution verlangt dagegen Geisteskraft.

Die Politiker führen Formeln wie "Training in New Technology" und "Arbeitsplätze durch Wachstum" im Munde, um für die immense Zahl der baldigen Arbeitslosen neue Jobs herbeizuzaubern. Aber so einfach ist das nicht. Wann erkennen sie endlich, daß die Technologie das Problem ist - und nicht die Lösung? Wann werden sie endlich einsehen, daß Produktivität aus einer Technologie erwächst, die nur ein paar Maschinenbetreuer braucht? Wachstum entsteht aus dem Intellekt von Wissensarbeitern, nicht aus der Tätigkeit gering qualifizierter Arbeiter im Dienstleistungs- und Fertigungsbereich.