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02.11.2004

Wimax - Sprengstoff für den TK-Markt

Die Funktechnik Wimax wirkt auf den ersten Blick wie ein weiterer Hype. Doch sie hat die Chance, etablierte Strukturen im TK-Markt aufzubrechen. Die Verunsicherung ist dementsprechend groß.

Mobility ist mehr als nur ein Schlagwort - auch wenn die meisten Büroarbeitsplätze immer noch ortsgebunden sind. Dennoch geht der Trend in die Richtung, sich beruflich sowie privat auch unterwegs mit Daten und Informationen zu versorgen. Die Handy-Standards GPRS und UMTS sind eine Möglichkeit, WLAN-Hotspots eine andere. Während mit Letzteren keine große Flächendeckung erreicht werden kann, ist die Mobilfunkvariante für die Übertragung großer Datenmengen teuer. In die goldene Mitte zielt Wimax - im Idealfall weit verbreitet, mächtig und dennoch günstig.

Wie groß ist die Nische?

Experten sind indes geteilter Meinung, wie sich die Nachfrage nach Wimax-Diensten entwickeln wird. Dennoch hat die Technik das Zeug dazu, die Kräfteverhältnisse im TK-Markt zu verschieben. Wimax wird die etablierten Übertragungswege zwar nicht ersetzen, aber ergänzen - und beeinflusst somit die derzeitigen Geschäftsmodelle, die angebotenen Dienste und die erzielbaren Preise. "Kann man etwas entwickeln, das so günstig wie das Festnetz und leistungsfähiger als ein Mobilfunknetz ist?", fragt sich Peter Weichsel, Mitglied der Geschäftsleitung und TK-Experte der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. In ebendieser Nische zwischen den gängigen Infrastrukturen sieht er Wimax positioniert - indes an die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Nische glaubt er nicht.

Seiner Meinung nach ist der Funkstandard ein "klassischer Hype, der hoch gehandelt wird, dessen Auswirkungen aber geringer als gedacht sind". Gegenüber den Handy-Netzen hat der "moderne Richtfunk" gegenwärtig zwar den Vorteil einer deutlich höheren Datenrate von bis zu 70 Mbit/s. "Das muss aber nicht so bleiben", sagt der TK-Experte, "denn auch UMTS steht erst am Anfang der technischen Entwicklung." Laut Weichsel haben Mobilfunkanbieter kaum technische Interessen an Wimax und könnten daher versuchen, den Funkstandard gar nicht erst aufkommen zu lassen: "Er stört, schafft Unruhe und verwässert die eigenen Angebote."

Technologien werden immer kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt, glaubt Philipp Gerbert, Mitglied der deutschen Geschäftsleitung des Beratungsunternehmens A.T. Kearney. Er macht die dauerhaften Chancen von Wimax vornehmlich an den unterschiedlichen Geschäftssystemen der Mobilfunker und Festnetzbetreiber fest. Letztere hätten die Applikationsebene verloren, das Internet sei für alle Anbieter offen. Im Mobilfunkmarkt, dem "Walled Garden", stellt sich die Situation jedoch anders dar: "Hier kann man gegenwärtig ohne die jeweiligen Provider keine Dienste anbieten", sagt Gerbert. Die Frage sei, wie unter dem Druck von Wimax ein derart geschlossenes System verteidigt werden kann.

Ein Beispiel: Ein kleiner Wimax-Funkchip im Handy kann die Preise nachhaltig beeinflussen, die sich heutzutage für die Datenübertragung verlangen lassen: "Wenn sich der abgeschottete Mobilfunkmarkt unter Wimax öffnet und es beispielsweise einen günstigen Instant Messenger für Handys gibt, gehen die Bedeutung von SMS-Nachrichten und der Umsatz damit zurück", warnt Gerbert.

Der TK-Experte bezeichnet Wimax als "wichtige Entwicklung" mit den klassischen Eigenschaften einer disruptiven Technologie: Für die mobilen Carrier sei es schwierig, Wimax gut und einfach in die eigenen Angebote zu integrieren. Zudem könnten Wettbewerber das System schnell und kostengünstig ausbauen und dabei Dienste entwickeln, die nicht im Kern der klassischen mobilen Anwendungen stehen. "Für die bestehenden Unternehmen kann das gefährlich werden", lautet Gerberts Folgerung.

Neue Konkurrenz fürs Festnetz

Unklar ist ebenfalls die Situation der Festnetzbetreiber unter der Wimax-Herausforderung: Sie konnten sich lange auf ihrem Monopol, den unterirdisch verlegten Kabeln, ausruhen. Zwar sinken die Umsätze mit der klassischen Telefonie seit einiger Zeit, doch wirklichen Wettbewerb gibt es für die etablierten Anbieter kaum - erst recht nicht auf internationaler Ebene. Werden hingegen Funknetze gespannt, lassen sich große Entfernungen relativ schnell und günstig überbrücken: "Wimax ist eine Billigstrategie", sagt A.T.-Kearney-Experte Gerbert.

Einig sind sich die Marktbeobachter, dass Wimax in "Randregionen" oder bislang unterentwickelten Ländern eine Zukunft hat, in denen es noch keine oder zumindest eine unzeitgemäße Festnetzinfrastruktur gibt. Letzteres trifft auf Gegenden zu, in denen Glasfasernetze gespannt wurden und DSL-Breitband aus finanziellen oder technischen Gründen nicht angeboten wird. Diese Regionen gibt es nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in den Alpen sowie im Westen der Republik (siehe Kasten "Als Wimax nach Nordrhein-Westfalen kam").

Die größte Bedrohung der Festnetz-Carrier tritt jedoch ein, wenn die Wimax-Funkchips eines Tages in ein herkömmliches Telefon passen. Experten schätzen, dass dieser technische Durchbruch auf breiter Front im Jahr 2007 erfolgt. Ohne Kosten für die Teilnehmeranschlussleitung können dann Haushalte mit breitbandigen Daten- und Sprachdiensten versorgt werden.

Dafür muss nicht einmal die British Telecom als Wettbewerber über den Kanal kommen - City-Carrier gibt es hierzulande inzwischen genügend. "Wenn sich die Technik durchsetzt, kann jeder ein Netz über ganz Deutschland spannen", sagt Alfred Kerscher, Geschäftsführer des ostwestfälischen Regio-Carriers Bitel. Das Geld, mit dem sich heute die Deutsche Telekom ihr Kupferkabel für die Miete der Teilnehmeranschlussleitung vergolden lässt, füllt dann die Taschen des "Wimax-Providers".

Bislang herrscht Funkstille bei der Telekom, was das Thema betrifft. Doch selbst der Bonner Konzern ordnet Wimax in seinem Geschäftsbericht 2003 den "disruptiven Technologien" zu, "die einen nachhaltigen Einfluss auf das Geschäft der Deutschen Telekom und ihrer Divisionen haben". Referenzprojekte, die den Wettbewerb aufhorchen lassen und Zweifel an der Stabilität von Wimax-Netzen ausräumen würden, sind von der Telekom kaum zu erwarten - zumindest hierzulande nicht. Darüber hinaus ist Deutschland ein Sonderfall: Der größte Festnetzbetreiber kontrolliert auch den größten Mobilfunker T-Mobile. Der Telekom dürfte alles daran gelegen sein, die Wimax-Nische vorerst klein und aus dem öffentlichen Rampenlicht zu halten.

Anderen bietet Wimax mehr Chancen als Risiken - nicht nur den DSL-losen Nutzern in Glasfasergebieten, sondern auch den Herstellern von Funktechnik und Halbleitern. Intel zählt mit Abstand zu den auffälligsten Förderern des Standards, Cisco und IBM mischen ebenfalls mit. Mehr als 160 Unternehmen sind derzeit Mitglied in der Lobbyorganisation Wimax-Forum. "Viele finanzstarke Kräfte und Interessen stehen hinter der Technik", sagt A.T.-Kearney-Manager Gerbert. Der Grund: "IT-Anbieter wittern die Chance, sich über diesen Umweg im Mobilfunkbereich als Lieferant zu etablieren."

Verdrängen wird Wimax das Mobilfunk- und das Festnetz nicht, schließlich sind deren Strukturen bereits vorhanden und im Markt verankert. Das Kostenargument pro Wimax gilt zudem nur eingeschränkt: "Auch die etablierten Anbieter können ihre Preise anpassen und somit wettbewerbsfähiger werden", argumentiert Booz-Allen-Manager Weichsel. Das Markteintrittsfenster für Wimax-Dienste werde seiner Meinung nach daher nicht dauerhaft groß sein. Dennoch hat die Funktechnik das Potenzial, Veränderungen in etablierten Strukturen herbeizuführen und für Unruhe unter den gesetzten Anbietern zu sorgen: "Alle Carrier fragen sich derzeit", berichtet Weichsel, "ob es durch Wimax nicht doch die Chance für den Markteintritt eines alternativen Anbieters gibt, der für sie sehr ungünstig sein könnte". Allzu viel Zeit dürfen sie sich nicht mehr für die Antwort lassen.