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07.05.1993 - 

Thema der Woche / Microsoft wildert bei Unix und Netz-Betriebssystemen

Windows NT zielt an den Anwenderbeduerfnissen vorbei

07.05.1993

Die Microsoft-Marketiers versprechen das Blaue vom Himmel. Windows NT wird sich, glaubt man den Hochglanzprospekten, vom Desktop bis zum Mainframe durchsetzen. Darueber hinaus sollen die Netzfaehigkeiten des Produkts den Einsatz weiterer Netzwerk- Betriebssysteme unnoetig machen. Bill Gates´ Nachricht lautet sinngemaess: Mit Windows NT haben wir die oft gepriesenen Eigenschaften von Unix sowohl auf Client- als auch auf Server- Ebene ueberholt.

Die Branche, aus IBM-Zeiten gewohnt, sich am Marktfuehrer zu orientieren, springt auf den fahrenden NT-Zug auf. Zu dem Microsoft-Betriebssystem bekennen sich laengst auch solche Softwarehaeuser, die zuvor eindeutig dem Unix-Umfeld zuzuschreiben waren.

Kaum ein Branchenkenner zweifelt daran, dass Microsoft das selbstgesteckte Ziel erreicht, im ersten Jahr der NT-Auslieferung eine Million Kopien an den Kunden bringen. Die Firmen hoffen, dass sich der ueberraschend grosse Erfolg von Windows wiederholt, ein Flop wie bei OS/2 aber ausbleibt.

Grossanwender, die Windows NT in ihre Unternehmens-DV einbinden wollen, sollen in etwa eineinhalb Jahren vom Softwareriesen Computer Associates das aus der Mainframe-Welt stammende System- Management-Werkzeug "Unicenter" erhalten und von der SAP das kommerzielle Anwendungspaket R/3. Beide Produkte waren urspruenglich von ihren Anbietern als Unix-Einstieg konzipiert.

Damit erschoepfen sich die schlechten Nachrichten fuer die Unix- Gemeinde keineswegs. Nach anfaenglichen Klagen ueber schlechte Performance und viele Bugs aeussern sich inzwischen auch Betatester zunehmend begeistert ueber Windows NT.

"Das Betriebssystem ist von der Bedienbarkeit und vom Funktionsumfang her das beste Produkt, das ich kenne", lobt Karl- Heinz Keller*, DV-Manager bei einem grossen deutschen Automobilhersteller. Bei Installation und Handhabung lasse NT kaum Wuensche offen. Nur Macintosh-Systeme koennen hier noch mithalten. Aehnlich empfand es Eckhard Klockhaus, der bei der Duesseldorfer Microware GmbH fuer den Bereich DV-Management und Beratung verantwortlich zeichnet und das Produkt fuer sein Unternehmen unter die Lupe genommen hat. Dort gilt er inzwischen als entschiedener NT-Anhaenger (vgl. Kurzinterview auf Seite 10).

"Es gibt derzeit kein Betriebssystem, das ueber aehnlich viele Schnittstellen zu anderen Systemen verfuegt", begeistert sich Klockhaus. Auf diese Weise laufen unter NT nicht nur Windows- Anwendungen, sondern auch solche, die fuer OS/2 oder fuer Unix geschrieben wurden. Ausserdem verfuegt NT als erstes PC- Betriebssystem ueber das C2-Sicherheitszertifikat des US- amerikanischen Departement of Defense (DOD).

Doch bereits hier zeigt sich, dass nicht alles Gold ist, was die Werkstatt von Microsoft verlaesst. Die DOD-Auszeichung musste sich Microsoft, wie die Marktbeobachter von Diebold erfahren haben, damit erkaufen, dass nun all jene DOS- und Windows-Anwendungen nicht mehr unter NT zum Einsatz kommen koennen, die die neuen Sicherheitsanforderungen nicht erfuellen. Unter dem konkurrierenden OS/2-Produkt der IBM, das nicht der C2-Norm entspricht, laufen daher mehr PC-Programme beziehungsweise Windows-Anwendungen als mit NT - unter OS/2 haeufig sogar schneller als in der heimischen Windows-Umgebung.

Auch die Moeglichkeit, OS/2- und Unix-Anwendungen einzusetzen, hat ihre Grenzen.

Sie gilt lediglich fuer alphanumerische Anwendungen - nicht aber fuer Programme, die fuer den Presentation Manager oder fuer Motif geschrieben wurden. Eine zusaetzliche Einbindung der grafischen Unix- und OS/2-Umgebungen wuerde nach Einschaetzung von Testern zumindest das nicht allzu performante Beta-Release von NT in die Knie zwingen.

Aus diesem Grund haelt zum Beispiel Keller die Unix-Schnittstelle fuer eine Marketing-Aktion von Microsoft, die NT den Anschein von Offenheit geben soll. Er sieht nicht ein, welchen Zweck es haben soll, Unix-Programme unter Windows NT aufzurufen. Darueber hinaus zweifelt er bei aller theoretischen Begeisterung fuer NT grundsaetzlich am praktischen Nutzen des Produkts fuer den Anwender.

Im Buerobereich wird scharf kalkuliert. Deshalb setzt man dort preisguenstige Software von der Stange und moeglichst billige PCs ein. Mit einem Ressourcenbedarf von mindestens 12 MB Hauptspeicher und einer 150-MB-Festplatte scheidet NT als Desktop-System aus. Aus denselben Gruenden sind nach Ansicht von Keller die Bemuehungen der Unix-Hersteller, mit Low-end-Produkten in den klassischen PC- Bereich einzudringen, zum Scheitern verurteilt.

"Am Desktop werden die Anwender auf Windows 4 warten", prophezeit Keller. Diese Version setzt laut Microsoft nicht mehr auf die inzwischen veraltete Architektur des DOS-Betriebssystems auf.

Noch schlechtere Erfolgschancen raeumt Keller Windows NT in den technischen Unternehmensbereichen ein: "Dort ist Unix zu Hause. Und welchen Grund sollte es geben, von einer bewaehrten, zuverlaessigen, kostenguenstigen und weit skalierbaren Unix- Plattform auf NT zu wechseln."

Was den Netzbereich betrifft, so lobt Keller zwar die einzelnen Features, die Integration von Netz- und Anwendungs-Server sei damit jedoch nicht gelungen. Sein Urteil: "Ohne dazugehoeriges Netzwerk-Betriebssystem ist es in meinen Augen nur ein halbes Produkt". Er vermisst vor allem Sicherheits-Features und eine bessere Anbindung an SNA-Netze, die allerdings bereits als SNA- Service in

einer Betaversion vorliegt. Die Netzwerk-Komponenten sind auch deshalb von zentraler Bedeutung, weil das Single-User-System den Zugriff mehrerer Benutzer ueber das Netzwerk regeln muss.

Ein Produkt mit wenig neuen Features

Insgesamt verstaerkt sich der Eindruck, dass Microsoft mit Windows NT Ende Mai zwar ein hervorragendes Produkt auf den Markt bringt, dass Bill Gates aber an den Beduerfnissen der Anwender vorbeizielt - oder wie Keller es formuliert: "Wenn ich eine installierte Novell- Basis haette, saehe ich keinen Grund zu wechseln. Die Features, die NT Netware heute voraushat, wird Novell auch bald anbieten."

Aehnlich urteilt Martin Raeder, Bereichsleiter Services & Solutions bei der Duesseldorfer Microware GmbH. Auf die Frage, welches Problem NT bewaeltigt, das die Anwender nicht laengst geloest haben, antwortet er: "Wenige, NT erledigt die Serveraufgaben bestenfalls einfacher und eleganter."

Als Beleg fuer die These, dass viele Anwender NT schlicht nicht brauchen, kann die Bauberufsgenossenschaft in Hamburg gelten, die ihre Datenverarbeitung laengst mit konventionellen Moeglichkeiten in den Griff bekommen hat. Juergen Steffen, Leiter der Abteilung Allgemeine Dienste in der hansestaedtischen Genossenschaft, hat vor rund vier Jahren ein lokales PC-Netz unter Novell Netware installiert, das nach wie vor zufriedenstellend laeuft. Einen Grund, jetzt auf OS/2, Windows NT oder Unix umzusteigen, sieht er daher nicht. Das Desinteresse Steffens an moderner Client-Server- Technik ist keineswegs Ausdruck einer innovationsfeindlichen Haltung. Im Gegenteil: Die Bauberufsgenossenschaft gehoert, seit sie einen proprietaeren IBM-Host durch das jetzige PC-Netz ersetzt hat, zu den Downsizing-Pionieren. Steffen hat einfach erkannt, dass die Leistung eines herkoemmlichen PC-LANs fuer die Beduerfnisse seiner Behoerde ausreicht.

Bei einer Reihe von Anwendern steht jedoch der Wechsel von herkoemmlichen Master-Slave-Architekturen zum Client-Server- Computing unmittelbar bevor. Zwei Drittel der deutschen Anwenderunternehmen planen nach Erkenntnissen von IDC- Marktforschern die Anschaffung neuer Front-end-Systeme. Ob sie jedoch angesichts der Ressourcenanforderungen auf Windows NT oder auf Unix setzen werden, ist allerdings fraglich.

Auch innovationsfreudige Unternehmen, so zeigt das Beispiel der Bauberufsgenossenschaft, uebernehmen laengst nicht mehr jede neue Technik der Hersteller. So raet Keller: "Auch wenn in einem Unternehmen gerade ein Technikschub ansteht, sollten sich die Verantwortlichen nicht an der Technologie, sondern an der Verfuegbarkeit von Anwendungen orientieren." Oft, so seine Erfahrung, ist Netware mit entsprechenden Client-Applikationen die kostenguenstigere und leistungsfaehigere Umgebung.

Wozu veranstaltet Microsoft den ganzen Marketing-Trubel um Windows NT, so fragen sich viele Marktbeobachter, wenn damit nur wenig echte Neuerungen verbunden sind. Die Antwort liegt in der Marktpositionierung des Produkts als Server-Betriebssystem. Damit versucht Bill Gates, in dem angestammten Revier sowohl der Unix- Anbieter als auch der Netzwerkspezialisten zu wildern.

Nach Meldungen des britischen Brancheninformationsdienstes "Computergram" findet Bill Gates fuer seine Kampfansage die Worte: "Windows NT fuehrt die besten Eigenschaften von Windows, Netzwerk- Betriebssystemen und der Unix-Welt zusammen." Die Briten weisen spoettisch darauf hin, dass NT (New Technology) eigentlich fuer neue und nicht fuer geliehene Technologie stuende.

Die Unix-Anbieter haben die Zeichen der Zeit erkannt und reagieren empfindlich. Kanwal Rekhi, Unix-Guru und Executive Vice- President der Interoperablity Systems Group der Novell Inc., findet klare Worte: "Wir muessen Unix staerken, damit die Microsoft Corp. nicht so maechtig wird, dass sie jeden Mitbewerber aus den Weg raeumen kann. Wir koennen es uns nicht leisten, dass Microsoft den Markt mit NT in einer aehnlichen Weise dominiert wie mit Windows."

Die Nervositaet der Unix-Anbieter ist nur zum Teil verstaendlich. Momentan halten sie noch alle Truempfe in der Hand. In ueber zwanzig Jahren hat sich das Betriebssystem schwer angreifbare Marktnischen geschaffen. Als Entwicklungssystem und bei technischen Anwendungen gibt es kaum Alternativen.

Ein Grossteil der kommunalen, nationalen und europaeischen Behoerden hat das Multiuser-Betriebssystem aufgrund der Herstellerunabhaengigkeit fest in die Pflichtenhefte geschrieben. In der Folge ist hier, wie Andreas Hurst, Leiter Benutzerservice bei der Kommunalverwaltung der Stadt Pforzheim bestaetigt, ein reichhaltiges Software-Angebot entstanden.

Hurst setzt auf das PC-Gespann "Unixware" von Univel und ein damit eng verbundenes Netware-Betriebssystem. Ausschlaggebend fuer die Auswahl des Betriebssystems auf dem Applikations-Server war fuer den DV-Verantwortlichen die Anzahl der verfuegbaren Anwendungen. Hier sieht Hurst Unix klar im Vorteil, zumal nach seiner Erfahrung unter dem Betriebssystem-Derivat nicht nur Unix- 4.2-Programme laufen, sondern auch solche, die fuer SCO- oder Interactive-Unix geschrieben wurden.

Den oft beklagten Mangel an Unix-Software kennt der Pforzheimer daher nicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich rasch ein Softwaremarkt fuer die Behoerden entwickelte, die sich nahezu ueberall in Europa mit Unix auf eine herstellerunabhaengige Systemumgebung festgelegt haben.

Konkret laufen auf dem Unixware-Server der Pforzheimer Kommunalverwaltung das relationale Datenbanksystem Informix Online, ein von Kommsoft stammendes Programm fuer Baugenehmigungen sowie eine Software, mit der die Einleitung von Fluessigkeiten in das staedtische Kanalsystem ueberwacht wird.

Gleichwohl ist Unix der grosse Durchbruch als General-Purpose- Betriebssystem versagt geblieben. Der Grund dafuer liegt in der Uneinigkeit der Anbieter, auf die Microsoft-Sprecher immer wieder hinweisen.

Ansaetze zur Standardisierung des Betriebssystems, wie sie im Rahmen der Open-Systems-Bewegung wiederholt in Angriff genommen wurden, muendeten immer wieder in herstellerspezifischen Implementierungen der beschlossenen Standards.

Profitiert hat von den Erfolgen dieser Bemuehungen nicht zuletzt Microsoft. Offene Standards der Unix-Welt wie SQL-Schnittstellen, TCP/IP-Protokolle und Posix-Richtlinien finden sich heute in Produkten wie Windows NT wieder. Nicht wenige Marktbeobachter argwoehnen, dass Microsoft mit NT die von der Unix-Gemeinde ausgesaete Ernte einholen will, zumal mit der Zeit der Vorsprung von Unix bei der Anzahl der verfuegbaren Plattformen und Server- Anwendungen immer geringer wird.

Umstieg auf NT gefaehrdet den Profit

Trotz der Bekenntnisse von Anbietern wie Computer Associates und SAP scheint die Unterstuetzung durch die Software-Entwickler noch nicht sicher. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren einen Grossteil ihrer Ressourcen in die Entwicklung von Unix-Produkten gesteckt. Ein Umstieg auf Windows NT zum jetzigen Zeitpunkt, so gibt das Marktforschungsunternehmen IDC zu bedenken, wuerde sie um die Fruechte dieser Arbeit bringen. Anstatt gewinnbringend Unix- Software zu verkaufen, sollen sie - wenn es nach Microsoft geht - Geld in neue NT-Entwicklungen stecken.

Eine weitere Bewaehrungsprobe, die die Unix-Gemeinde laengst bestanden hat, steht Microsoft kurz nach der Freigabe von NT bevor. Anders als beim Verkauf von PC-Software misst sich die Qualitaet eines Anbieters von Server-Produkten an der Faehigkeit, Dienstleistungen und Support zu gewaehren. "Kritisch wird es, wenn die Kunden wissen wollen, wie sie mit der NT-Option, SNA-Netze anzusteuern, umgehen sollen", legt Microware-Manager Raeder den Finger auf die Wunde.

Fuer Microsoft - aber nicht unbedingt fuer Windows NT - sprechen die vielen tausend Anwendungen, die unter Windows laufen. Fuer die Anwender macht es kaum einen Unterschied, ob sie ihre Applikation via Novells Netware laden oder von einem NT-Server.

Der Pforzheimer DV-Verantwortliche Hurst haelt zudem wenig von dem Microsoft-Konzept, Netz- und Applikations-Server in einem Produkt zu vereinen. Vor allem aus Performance-Gruenden kommt fuer ihn neben einem Applikations-Server nur ein dezidiertes Netzwerk- Betriebssystem wie Novells Netware in Frage.

Diese Haltung begruendet Hurst mit der Erfahrung mit einer AIX- Workstation RS/6000, die fuer File-Server-Dienste mit Netware fuer Unix ausgestattet ist. "Diese Kombination", so sein Urteil, "ist langsamer als das Netware-Betriebssystem auf dem PC."

Hier zeichnet sich der zweite Schauplatz fuer das Hegemonial- Streben von Microsoft ab. Nicht nur die Unix-Gemeinde steht in der Schusslinie von Windows NT, sondern auch die Anbieter von Netzwerk- Betriebssystemen - allen voran Novell. Zwar streitet Microsoft die Absicht ab, gegen den Markfuehrer Novell antreten zu wollen. Doch "wenn der LAN Manager fuer NT auf den Markt kommt", so der Diebold Management Report, "dann waere dies der Casus belli."

Hermann Gfaller

*Der Name wurde von der Redaktion geaendert