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11.08.2000 - 

Internet-basierte Plattform vorerst nur für neue Verträge

Winterthur: E-Commerce auf der grünen Wiese

MÜNCHEN (qua) - Für seinen Unternehmensbereich Life & Pensions entwickelt der Schweizer Versicherungskonzern Winterthur eine neue Anwendungsplattform, die einen Großteil der Funktionen an das Frontend auslagert und den Zugriff via Web-Browser voraussetzt - allerdings nur für neue Verträge.

Mit Elan, aber auch mit Vorsicht nähert sich Winterthur, beheimatet in der nordostschweizerischen Stadt desselben Namens, der als notwendig erachteten Erneuerung der IT-Anwendungen: Das derzeit im Unternehmensbereich Life & Pensions entwickelte Unix- und Internet-basierte Versicherungssystem soll in absehbarer Zukunft nur zur Verwaltung neuer Policen eingesetzt werden. Die alten Verträge bleiben - ungeachtet ihrer teilweise jahrzehntelangen Laufzeiten - auf der bewährten Mainframe- und Terminalplattform. Ein integriertes System zu schaffen hätte aufgrund der ausgesprochen heterogenen Systeme ungleich mehr Aufwand erfordert als ein separates zu entwickeln, erläutert Bruno Müller, als Head of IT für das Projekt "Europa-Life" der Winterthur Life & Pensions verantwortlich.

Ohnedies muss der Lebensversicherer für sein Ticket in die E-Commerce-Zukunft tief in die Tasche greifen. Umgerechnet 315 Millionen Mark hat Life & Pensions-Chef Markus Dennler für das Vorhaben eingeplant, das er einen "Greenfield Approach" nennt - übersetzbar etwa mit: "von existierenden Systemen nicht belastetes Vorhaben".

Als Gegenwert dieser Summe erwartet Dennler eine effiziente Unterstützung des - bedingt durch das zunehmende Durchschnittsalter der Bevölkerung und die Unsicherheit bezüglich der Rentenentwicklung - massiven Umsatzwachstums im Bereich der privaten und betrieblichen Lebensversicherungen. Die in viele Arbeitsschritte mit zum Teil hohem manuellem Aufwand zersplitterten Prozesse sollen gestrafft und die notwendigen Funktionen, soweit möglich, vom Backend zum Frontend, also an die Kunden und Agenten ausgelagert werden (siehe Abbildung). Auf diese Weise lässt sich, so hofft das Management des Lebensversicherers, der Abschluss einer Police künftig mit deutlich weniger Aufwand über die Bühne bringen. Die Rede ist von einer Effizienzsteigerung um 40 Prozent. Gleichzeitig will Winterthur mit dem neuen System europaweit einheitliche Geschäftsprozesse einführen.

Vor etwa anderthalb Jahren begann die Assekuranzgruppe damit, eine paneuropäische IT-Plattform zu entwerfen, die folgende Bedingungen erfüllt:

Das System basiert nicht mehr auf MVS-Mainframes, sondern auf Unix-Servern; als Zugang ist ein Internet-Browser vorgesehen; die zugehörigen Applikationen decken alle Lebensversicherungs-relevanten Prozesse vom Angebot des Agenten bis in die Back-Office-Anwendungen ab; sie sind von vornherein sowohl auf Einzelverträge als auch auf Gruppenversicherungen zugeschnitten.

Als Grundbausteine des Systems fungieren der branchenspezifische Softwarebaukasten "Graph Talk AIA" von CSC Ploenzke AG, Wiesbaden, das wissensbasierte Risiko-Management-System "Norm Risk" der Münchner Rück, das beispielsweise auch von der Düsseldorfer Victoria Versicherung genutzt wird, die Archivierungssoftware von Filenet und die Autorisierungstechnik "Secure-ID" von RSA. Bei der Definition des europaweit gültigen Idealprozesses ließ sich Winterthur von der in Hannover ansässigen Unternehmensberatung Lohoff & Partner helfen. Für die Anpassung der Software an diesen Prozess zeichnet CSC verantwortlich.

Der Dienstleistungsriese (60000 Mitarbeiter, davon 15000 im Bereich Financial Services; Gesamtumsatz von 9,4 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 1999/00) mit Sitz in El Segundo, Kalifornien, setzte sich laut Dennler gegen mehr als 100 Mitbewerber durch. Den Ausschlag gab zum einen die Tatsache, dass CSC die für ein europaweites Projekt dieser Größenordnung notwendigen Ressourcen garantierte. Zum anderen schnitt Graph Talk AIA im Vergleich mit Konkurrenzprodukten alles in allem am besten ab, auch wenn es in einzelnen Funktionen von spezialisierten Teillösungen überflügelt wurde.

Zu etwa 70 Prozent ließ sich die Software so verwenden, wie CSC Ploenzke sie auslieferte. Einer schnellen Anpassung an unternehmens- und länderspezifische Eigenarten kommt der modulare Aufbau des Pakets entgegen. Trotzdem machen Implementierung, Anpassung und Erweiterung noch genug Arbeit - so viel, dass in Spitzenzeiten mehr als 100 CSC-Mitarbeiter in das Projekt involviert waren und ein gutes Drittel der veranschlagten Projektkosten - genauer gesagt: rund 120 Millionen Mark - in die Kassen des Dienstleisters fließen.

Als Versuchskaninchen für die Lösung fungiert die DBV Winterthur AG, die am CSC-Ploenzke-Standort Wiesbaden heimisch ist. Allerdings bietet das Anfang Juli in Betrieb gegangene System bislang nur rudimentäre Funktionen: Es ist auf die betriebliche Altersversorgung und damit auf einen eng begrenzten Benutzerkreis zugeschnitten. Außerdem bleibt der erzielte Automatisierungsgrad hinter den Zielvorstellungen zurück.

Seine volle Funktionalität wird Europa-Life voraussichtlich erst in vier Jahren erreichen. Der Rollout in den europäischen Niederlassungen läuft parallel zur Weiterentwicklung: Alle sechs bis zwölf Monate kommt ein Land hinzu - im Herbst dieses Jahres die Schweiz, im Sommer 2001 Italien etc.

Wann die alten Applikationen endgültig ad acta gelegt werden können, ist noch nicht abzusehen. Bis auf weiteres müssen IT-Chef Müller und seine Mitarbeiter also zwei unterschiedliche Systeme pflegen. Für die Konsolidierung auf der Geschäftsführungsebene ist ein Management-Information- System (MIS) vorgesehen, das sich aus unterschiedlichen Data Marts zusammensetzt. Und damit sich die bestehenden Kunden nicht benachteiligt fühlen, plant Müller, mittelfristig eine Lösung zu schaffen, mit der die alten Anwendungen über das Web zugänglich werden.

Life & PensionsMit einem Prämienvolumen von mehr als 28 Milliarden Schweizer Franken (rund 34 Milliarden Mark) zählt die Winterthur-Gruppe zu den größten Versicherern Europas. Von den 27000 Mitarbeitern sind 70 Prozent außerhalb der Schweiz tätig. Das zu Credit Suisse Financial Services gehörende Assekuranzunternehmen gliedert sich in zwei Bereiche: Winterthur Insurance sowie Winterthur Life & Pensions.

Abb: Der Web-Zugriff auf das Expertensystem und die elektronische Weitergabe der Antragsdaten entlasten den Innendienst von Routineaufgaben. Quelle: DBV Winterthur