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09.11.1990

"Wir Anwender müssen unabhängiger werden"

Mit Hans-Peter Nickenig, Org./DV-Leiter in Nordhorn und erster Vorsitzender der NIBEG, sprach CW-Redakteurin Beate Kneuse.

Vor gut einem Jahr gab Nixdorf - damals noch eigenständig - das Ende der IBM-kompatiblen 8890-Produktlinie bekannt. Seither sind die Anwender dieser Systeme auf der Suche nach einem möglichst kostengünstigen Ausweg. Hilfestellung leistet dabei die Organisation NIBEG, die 1988 als Nixdorf-8890-Benutzergruppe gegründet wurde und mittlerweile als "Neutrale herstellerunabhängige Informationsverarbeitungs-Benutzergruppe e. V." firmiert.

CW: Herr Nickenig, 1988 ist die NIBEG gegründet worden, war zunächst aber wohl eher ein lockerer Interessenverband von Nixdorf-Anwendern.

Nickenig: Das ist richtig. Das waren am Anfang sieben DV-Verantwortliche von Comet-Anwenderfirmen, also Aufsteiger von den 8870-Rechnern auf 8890-Systeme.

CW: Was waren die Gründe für diesen Zusammenschluß?

Nickenig: Grund war in erster Linie die Unzufriedenheit mit der Informationsversorgung

durch den Hersteller, sprich: Nixdorf. Hinzu kam die unter der Hand überall gehandelte Information, daß die 8890 ein System ist, das kurz-, mittel- oder langfristig auslaufen wird.

CW: Das machte also damals schon die Runde?

Nickenig: Es gingen bereits zu jenem Zeitpunkt entsprechende Gerüchte um, aber wir hatten auch einige Anhaltspunkte. So wurde beispielsweise der Supportbereich für die 8890-Welt, die in München als CIS (Compatible Information Systems) angesiedelt war, personell abgespeckt. Deshalb konnten wir uns schon ausrechnen, daß dies strategisch auch mit der Produktlinie etwas zu tun hat.

CW: Sie sprachen die Unzufriedenheit mit der Informationspolitik von Nixdorf an. Was gab es denn für Probleme?

Nickenig: Die Probleme mit Nixdorf gestalteten sich mehrschichtig. Auf der einen Seite war der Support unbefriedigend, der in Problemfällen von seiten Nixdorfs durch die CIS-Gruppe geleistet worden ist. So blieben viele Meldungen an CIS, die beispielsweise Betriebssystem-Probleme oder Schwierigkeiten mit einzelnen Tools betrafen, einfach auf der Strecke. Es kam also kein Response.

Auf der anderen Seite blieben Weiterentwicklungen aus, die für uns notwendig gewesen wären, um uns mit dem rasanten technischen Fortschritt in der Informationsverarbeitung in unseren Unternehmen weiterentwickeln zu können. Selbst bei der Comet-Software wurden Entwicklungen nur zögernd durchgeführt. So kam Nixdorf mit dem Nachfolger von Comet, nämlich Alexander - das sollte das Comet unter Datenbank-Nutzung sein -, nicht voran. Darüber hinaus gab es auch noch Probleme im technischen Support. Zusammen mit der leisen Ahnung, daß uns in Sachen 8890 Unannehmlichkeiten ins Haus stehen, hat dies alles schließlich dazu geführt, daß sich ein paar Anwender zusammenschlossen, um zu beraten, was man tun kann, um Nixdorf zu bewegen, Klarheit für die Zukunft zu schaffen.

CW: Ein Jahr später schlossen sich dann die Nidos-Anwender, zu denen Sie ja auch zählen, der NIBEG an. Warum machten Sie nicht von Anfang an mit?

Nickenig: Bei Comet und Nidos handelt es sich um zwei völlig verschiedene Systemwelten, bei denen nur die Hardware gleich ist. Die Comet-Schiene ist eindeutig geprägt durch die Anwendungssoftware. Das System, auf dem diese Software läuft, war eben ursprünglich die 8870, beziehungsweise kapazitätsmäßig bedingt dann die 8890. Bei den Nidos-Benutzern hingegen geht es in erster Linie um die IBM-Kompatibilität. Gerade in der Zeit, als die IBM die 138 ankündigte, aber anderthalb Jahre nicht liefern konnte, Nixdorf wiederum die 8890 gut in IBMs RPG-Welt plazierte, war das ein Rechner, der unter den damaligen Gesichtspunkten durchaus attraktiv war.

Mit dem Schritt in die 8890-Welt haben sich Nidos-Anwender nach wie vor an der IBM-Kompatibilität orientiert. Insofern ist auch das Anwendungsspektrum, das sich auf den Nidos-Systemen wiederfindet, ein anderes als bei Comet. Die Nidos-Anwender haben sehr viel mehr Individualprogrammierung vorgenommen - dies auch deshalb, weil speziell im Bereich der Dialogsysteme passende Standard-Anwendungssoftware nicht verfügbar war. Deshalb gibt es beim Umsteigen auf ein anderes Zielsystem sehr große Probleme. Wir müssen nämlich die gesamte Software, die wir schon entwickelt haben, noch einmal passend für das neue Zielsystem mit neuen Techniken, mit neuen Hilfsmitteln entwickeln.

Die Comet-Anwender haben uns Nidos-Benutzern von Beginn an Einladungen zu den NIBEG-Sitzungen geschickt. Nur: Von den Themen fühlten sich die Nidos-Anwender nicht angesprochen. Deshalb haben wir anfangs daran nicht teilgenommen. Als sich die Situation für die 8890-User aber im vergangenen Jahr zuspitzte, haben wir uns schließlich mit den Comet-Anwendern geeinigt, innerhalb der NIBEG ein zweites Standbein zu schaffen. Die Nidos-Benutzer waren dann auch schnell aktiviert, so daß wir Mitte 1989 unsere Arbeit aufgenommen haben.

CW: Das war ja auch dringend notwendig, denn im September 1989 kam definitiv heraus, daß Nixdorf den Vertrieb der 8890 einstellen wird. Wie wurde diese Ankündigung damals in NIBEG-Kreisen aufgenommen?

Nickenig: Natürlich war der eine oder andere DV-Verantwortliche erst einmal schockiert. Wer sich aber mit der Entwicklung Nixdorfs insgesamt schon längere Zeit beschäftigt hatte, war wohl kaum überrascht. Schließlich konnte man sich anhand der Gewichtung der Geschäftspolitik bei Nixdorf ausrechnen, daß der doch relativ kleine 8890-Umsatz, gemessen am gesamten Geschäftsvolumen, dieses bei Wegfall nicht sonderlich nachhaltig beeinflussen würde. Somit hat die Klarstellung seitens Nixdorfs nicht viele aus der Bahn geworfen. Unabhängig davon war uns natürlich klar, welche enorme Belastung auf uns als DV-Verantwortliche und auf unsere Unternehmen zukommt. Ein Entwicklungsstop, ein radikaler Weg zu einem anderen Zielsystem mit allen damit behafteten Problemstellungen, nämlich unter Zeitdruck eine strategische Ausrichtung machen zu müssen, hat natürlich erhebliche Auswirkungen. Sucht man aus eigenen Überlegungen heraus im Unternehmen auch neuen Wegen, kann man ganz anders agieren als in einem solchen Fall, wo enormer Druck besteht, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Lösungen gefunden zu haben.

CW: Nur wenige Monate später kam es zur Fusion Nixdorfs mit dem DI-Bereich von Siemens. Wie lief in diesem Fall die Informationspolitik?

Nickenig: Wir haben sehr früh mit Siemens Kontakt aufgenommen, als sich die Informationen in dieser Richtung verdichteten. Ich muß sagen, da haben wir bei Siemens ein ganz anderes Benutzergruppen-Verständnis vorgefunden. Von Anfang an ist uns sehr viel Verständnis entgegengebracht worden. Auch hat man sich bemüht, uns so viele Fragen wie möglich zu beantworten. Wir hatten von Beginn an den Eindruck, daß Siemens eine konstruktive Zusammenarbeit sucht. Mittlerweile hat die NIBEG viele gemeinsame zum Teil von Siemens initiierte Informationsveranstaltungen durchgeführt.

CW: Das heißt, Sie fühlen sich als Benutzergruppe bei Siemens besser aufgehoben als bei Nixdorf?

Nickenig: Lassen Sie es mich so formulieren: Bei Siemens haben wir eine aktive Benutzergruppen-Unterstützung vorgefunden. Nixdorf hingegen legte nicht nur eine Benutzergruppen-Angst an den Tag, sondern nahm uns gegenüber sogar eine destruktive Haltung ein.

CW: Obwohl sich Nixdorf immer als ein sehr kundenfreundliches Unternehmen dargestellt hat ...

Nickenig: Nixdorf hat am Markt den Anspruch erhoben, mit seiner Hard- und Software Lösungen für den Kunden zu bieten. Von den Produkten her war dieser Anspruch sicherlich gerechtfertigt. Sieht man aber die Beziehung von Nixdorf zu den Kunden insgesamt, dann gab es sicherlich einige Schwachstellen, eben zum Beispiel bei der Konstituierung von Benutzergruppen. Ich hatte von Nixdorf eigentlich erwartet, daß man die Gründung solcher Gruppen und ihre Arbeit als Chance versteht, die Anforderungen und Vorstellungen der Kunden kennenzulernen, um diese dann in weitere Überlegungen miteinzubeziehen. So stelle ich mir eigentlich eine Partnerschaft vor. Auch hätte ich mir gewünscht, daß Nixdorf uns - die Kunden - von sich aus zusammengebracht hätte. Aber wir mußten zum Beispiel unser gesamtes Adreßmaterial selbst nachfragen. Nixdorf hat uns keine Kundenanschriften zur Verfügung gestellt.

CW: Sie sind also der Meinung, die Hersteller sollten generell daran interessiert sein, daß sich zum einen Benutzergruppen bilden und zum anderen mit diesen dann auch zusammengearbeitet wird?

Nickenig: Davon bin ich absolut überzeugt. Schließlich entwickeln die Hard- und Softwarehersteller ihre Produkte nicht zum Selbstzweck. Ihre Kunden sind diejenigen, die sie einsetzen. Heutzutage hängt das Wohl und Wehe eines Unternehmens mehr denn je vom reibungslosen Funktionieren des eingesetzten Computerequipments inklusive Software ab. Somit bestimmen auch die Hersteller mit ihren Entscheidungen über das Wohl und Wehe ihrer Kunden.

Die Lieferanten haben meiner Ansicht nach die Verpflichtung, für die Sicherheit und Stabilität in den Unternehmen, die ihre Kunden sind, mit zu sorgen. Denn haben wir beispielsweise einen DV-Totalausfall, der länger als drei Tage dauert, können wir unser Unternehmen dicht machen. Das darf auch nicht im Sinne der DV-Hersteller sein. Wir als Anwender bringen schließlich auch unsere Vorstellungen von unternehmensspezifischen Informationsverarbeitungs-Strategien in solche Diskussionen ein. Deshalb können wir vom Hersteller erwarten, daß er uns ebenfalls Einblick in seine Produktstrategien und Entwicklungsvorhaben gewährt.

CW: Seit der Eintragung ins Vereinsregister im Juli dieses Jahres nennt sich die NIBEG herstellerneutral und unabhängig. Was verstehen Sie darunter?

Nickenig: Wir können unsere Herkunft nicht verschweigen und wollen es auch gar nicht. Schließlich sind wir ja auch noch mit den Problemen dieser Herkunft behaftet. Unser Bestreben ist aber nach unserer leidvollen Erfahrung, nicht mehr zu herstellerabhängig zu werden. Durch das Ende der 8890-Produktlinie gezwungen, in eine andere Richtung zu gehen, haben wir schon vor knapp einem Jahr mit zahlreichen anderen Herstellern, auch mit anderen Software-Anbietern, Kontakte geschaffen und lassen uns auf unseren Fachtagungen vorstellen, welche Möglichkeiten sie uns bieten können.

CW: Und welche Möglichkeiten haben die 8890-Anwender?

Nickenig: Tatsache ist, daß bei den Comet-Anwendern das Thema Unix im Vordergrund steht, während für die Nidos-Gruppe das IBM-Spektrum eine Alternative darstellt, die es zu prüfen gilt. Aber auch die Nidos-Gruppe interessiert sich für Unix, das - so hoffe ich jedenfalls - in Zukunft eine offene Systemwelt schafft, so daß man tatsächlich von Hardwareherstellern unabhängig agieren kann.

CW: Dennoch hat jeder 8890-Anwender letztlich seine eigenen Probleme und muß auch seine eigenen Entscheidungen treffen. Was kann da eine Benutzergruppe wie die NIBEG bewirken?

Nickenig: Wir haben zunächst versucht, in Arbeitsgruppen die Problembereiche herauszuarbeiten, damit wir gezielt potentielle Partner ansprechen können. Den Comet-Benutzern geht es zum Beispiel um Nachfolgeprodukte von Comet bei Nixdorf beziehungsweise bei SNI, über diese Schiene kommen dann noch die Themen Targon und MX-Systeme, ja auch BS2000, dazu.

Auf der Nidos-Seite haben wir festgestellt, daß unsere Probleme im wesentlichen im Bereich der Dialogsysteme angesiedelt sind. Der Dialogmonitor TCP, der aus der Shadow-Herkunft von IBM kommt, hat nämlich bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten zugelassen, die nun aber wiederum den Übergang eins zu eins, wenn dies sinnvoll wäre, in eine CICS- oder UTM-Welt verhindern. Wir haben versucht, auf Software-Unternehmen einzuwirken, Tools zu entwickeln, die uns Portierungshilfen bieten.

CW: Mit Erfolg?

Nickenig: Es gibt einige Software-Anbieter, die mit solchen Portierungswerkzeugen aufwarten. Leider gibt es keinen hundertprozentigen Deckungsgrad, auch keinen, der sich annähernd bei hundert Prozent bewegt. Somit bleibt uns trotzdem ein erheblicher Portierungsaufwand.

CW: Das bedeutet natürlich nicht zuletzt einen hohen finanziellen Aufwand, der auf Sie zugekommen ist und auch noch weiter zukommt.

Nickenig: Natürlich. Darauf haben wir Nixdorf auch bereits aufmerksam gemacht. Schließlich sind die erheblichen Kosten, die uns durch die Umstellungen entstehen, nahezu ausschließlich durch Nixdorf verursacht worden. Immerhin haben wir erreicht, daß sich SNI damit zumindest auseinandersetzt. Wir werden aber nachhaltig bei der SNI darauf drängen, daß man uns mit entsprechender kostenloser Manpower, aber auch mit finanziellen Leistungen entgegenkommt. Nixdorf hat jetzt immer noch die Möglichkeit, das Know-how der Mitarbeiter - soweit sie in diesem Bereich noch verfügbar sind - für entsprechende Problemlösungen in die SNI einzubringen.

CW: Wie gestaltet sich bislang überhaupt das Verhältnis der SNI zu den Nixdorf-Kunden?

Nickenig: Es ist klar erkennbar, daß das SNI-Management die Nixdorf-Kunden - aus welchem Bereich auch immer - halten will. Man ist bemüht, die Nidos-Anwender in die UTM/ BS2000-Welt zu leiten und die Comet-Anwender eben in die Unix-Welt. Nur, ob es für beide Seiten ein gangbarer Weg wird, das muß sich erst noch zeigen. Auch läßt sich noch nicht absehen, wie sich die SNI verhält, wenn die Nidos-Anwender IBM, wählen. Das könnte schon problematisch werden, denn wir stecken ja in vertraglichen Bindungen. In einem solchen Fall müssen wir sehen, wie wir dies mit SNI partnerschaftlich leisen können.

CW: Wie reagierten eigentlich die Unternehmensleitungen auf das 8890-Malheur?

Nickenig: Zunächst muß man sehen, daß die DV-Verantwortlichen in den 8890-Anwenderfirmen durchaus gute und wirtschaftliche DV-Lösungen im Einsatz haben. Meistens sind die 8890-Systeme auch schon mehr als fünf Jahre im Einsatz. Und bei der hohen Frequenz der DV-technischen Entwicklung in den letzten Jahren sind fünf bis zehn Jahre bereits eine Ewigkeit. Deshalb sind die Auswirkungen in den Unternehmen sicherlich unterschiedlich zu bewerten.

CW: Aber könnte denn jetzt nicht auf die DV-Verantwortlichen Druck von oben ausgeübt werden, den sicheren Weg zur IBM zu wählen? Denn dieses Unternehmen wird wohl kaum jemals in solche Schwierigkeiten geraten wie Nixdorf

Nickenig: Das glaube ich nicht. Auch Produkte, die die IBM in den vergangenen Jahren angeboten hat, waren nicht immer das A und O für die Anwender - denken Sie an die Übergänge vor, VSE nach MVS, das sind auch nicht gerade geringe Kostenblöcke. Wir Anwender müssen einfach unabhängiger werden, wo es geht, Standardentwicklungen einsetzen und uns in der Eigenentwicklung ebenfalls auf neutrale Beine stellen. Daran arbeitete wir in der NIBEG. Denn nur auf diese Weise bleiben wir in Zukunft von den gravierenden Auswirkungen einsamer Herstellerentscheidungen verschont.