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19.03.2004 - 

SAP-Vorstandschef Henning Kagermann im CW-Gespräch

"Wir denken nicht an Nachfolgeprodukte"

Mit SAP-Chef Henning Kagermann sprachen die CW-Redakteure Frank Niemann und Christoph Witte über die Releasepolitik, die Enterprise Services Architecture (ESA), den R/3-Nachfolger Mysap ERP und das Mittelstandsgeschäft.

CW: Wie weit haben Sie die vor einem Jahr angekündigte Enterprise Services Architecture inzwischen umgesetzt?

KAGERMANN: Vielleicht muss man zunächst darstellen, warum eine servicebasierende Architektur so wichtig geworden ist: Viele Geschäftsprozesse sind nicht mehr so stabil und langlebig wie früher und erfordern daher eine schnelle Anpassung. Andererseits gibt es optimierte Softwarebausteine, die weiterhin verwendet werden sollen. Deshalb müssen die Funktionen dieser Bausteine als Services, das heißt als von verschiedenen Anwendungen über offene Schnittstellen nutzbare Dienste angeboten werden.

Durch Wiederverwendung standardisierter Services wird die softwaretechnische Unterstützung neuer betriebswirtschaftlicher Abläufe erheblich vereinfacht und beschleunigt. Damit sind wir beim Grundgedanken unserer Enterprise Services Architecture. Mit Mysap ERP zum Beispiel haben wir derzeit beispielsweise etwa zehn bis 20 Prozent davon umgesetzt, etwa 90 Prozent sollten es dann 2006 sein.

CW: Was passiert nun genau bei der Umstellung auf ESA?

KAGERMANN: Wir beginnen mit einer Definition der Geschäftsprozesse und Komponenten und legen fest, welche wir dabei beispielsweise in Java neu schreiben. Grundsätzlich müssen Komponenten nicht neu entwickelt werden, um Services bereitzustellen, und können also auch in Abap programmiert bleiben.

CW: Welche Module werden Sie denn auf jeden Fall in Abap belassen?

KAGERMANN: Die Payroll ist ein Beispiel. Da steckt so viel Anwendungslogik drin, dass sich bei einer Neuentwicklung leicht Fehler einschleichen würden. Java wird zunächst vor allem da zum Einsatz kommen, wo die Kunden typischerweise selbst erweitern.

CW: Später aber auch im Backend, oder?

KAGERMANN: Ja, selbstverständlich. Es ist kein Geheimnis, dass Java bezüglich der Stabilität noch Nachteile gegenüber Abap aufweist. Aber die Frage nach Abap oder Java ist mit SAP Netweaver sekundär, da diese Grenzen damit eigentlich unsichtbar werden.

CW: Bisher war R/3 die Basis von Mysap ERP, Mysap ERP 2004 enthält nun aber die "ERP Central Component". Worum genau handelt es sich da?

KAGERMANN: In Mysap ERP werden wir stärker modularisieren, das heißt, wir untergliedern unter anderem das Modul FI (Finanzbuchhaltung), etwa in die Anlagenbuchhaltung, das Hauptbuch oder das Dispute-Management. Letzteres ist dann als eigene Komponente auch in anderen Funktionszusammenhängen wie zum Beispiel CRM einsetzbar. Eine Zeit lang werden wir alte und neue Komponenten parallel ausliefern.

CW: Was heißt "eine Zeit lang"?

KAGERMANN: So lange, bis am Markt der Umstieg vollzogen ist und die neue Komponente alle Funktionen der alten Version abdeckt. Wenn 2009 immer noch viele Kunden auf R/3 sein sollten, werden wir die Module parallel halten. Die Großkunden benötigen die Parallelität. Wir werden eine alte Komponente dann einstellen, wenn etwa 80 Prozent der Anwender schon die neue Technik nutzen.

CW: Gemessen an den bisherigen Produktzyklen der SAP bringen Sie das ESA-Konzept in einem relativ kurzen Zeitraum auf den Markt.

KAGERMANN: Wir haben Vorarbeit geleistet. So sind nun alle Komponenten von SAP Netweaver verfügbar, damit ist die Plattform für die Portalintegration, die Integration von beispielsweise Business Intelligence oder die Prozessintegration lieferbar. Zudem haben wir mit dem internen Projekt "Vienna" begonnen, um die ESA-Adaption flächendeckend und schnell durchzuziehen. In der Vergangenheit haben wir immer an Nachfolgerprodukte gedacht. Dies wird künftig anders sein.

CW: Was meinen Sie damit, dass es keine Nachfolgeprodukte geben wird?

KAGERMANN: In der Vergangenheit hatten wir für ein Produkt einen Nachfolger auf den Markt gebracht, der im Wesentlichen neu codiert war. Aus dieser starren Sequenz wollen wir ausbrechen. Die Kunden wünschen sich zu Recht einen evolutionären Weg und keinen revolutionären. Zudem haben wir mittlerweile so viele Kunden, dass es für uns interessant ist, bestimmte Segmente, abhängig von Branchen und der Größe der Firmen, mit dedizierten Produkten anzugehen. Solange wir viele gleiche Teile verwenden können, rechnet sich das für uns und auch für den Kunden.

CW: Wie sieht dann künftig Ihre Release-Strategie aus? Jedes Jahr eine ERP-Edition?

KAGERMANN: Wir planen ein Mysap ERP 2004, 2005 und 2006. Die darin enthaltenen Komponenten sind aufeinander abgestimmt. In der Vergangenheit war dies nicht immer der Fall. Da musste der Kunde auch darauf achten, ob die Releases seiner Komponenten, etwa R/3, BW und Portal, zusammenpassen. Alle mit einer ERP-Edition ausgelieferten Elemente haben den gleichen Wartungszeitraum. Mysap ERP 2004 wird mit Netweaver 2004 ausgeliefert, Gleiches gilt für die Edition 2005. Es muss allerdings nicht immer jedes Jahr ein neues Produkt geben, es können auch mal 18 Monate dazwischen liegen. Der Mysap- beziehungsweise Mysap-ERP-Kunde erhält das neue Release im Rahmen der Wartung.

CW: Was wird aus den Branchenlösungen?

KAGERMANN: Wir wollen die Branchenlösungen ebenfalls harmonisieren und in Richtung ESA entwickeln. Dabei sollen alle Industrielösungen in SAP Netweaver und Mysap ERP zurückgeführt werden. Bisher kamen die entsprechenden branchenspezifischen Erweiterungen erst einige Zeit nach einem neuen ERP-Release heraus. Künftig erhalten Kunden diese zeitgleich mit der ERP-Lösung. Über ein "Switch Framework" werden die zu einer Branchenlösung gehörenden Funktionen im System freigeschaltet. Auf diese Weise erhöhen wir die Flexibilität für den Kunden. So können beispielsweise für Länder, wo Versorgungsunternehmen im staatlichen Besitz sind, zusätzlich zu den branchenspezifischen Erweiterungen auch noch die entsprechenden Funktionen für den Public Sector genutzt werden. Wir rechnen damit, die meisten Branchenlösungen bis 2005 umgestellt zu haben.

CW: Was werden Sie bis 2009 noch für R/3 Enterprise entwickeln?

KAGERMANN: Nicht mehr allzu viel.

CW: Werden beispielsweise Compliance-Funktionen wie etwa Sarbanes-Oxley in R/3 Enterprise integriert?

KAGERMANN: Hierzu wird es ein optionales, gesondert zu zahlendes Modul geben. In Mysap ERP wird dies enthalten sein.

CW: Bis wann schätzen Sie, dass die Kunden zu 90 Prozent auf Mysap ERP umgestellt haben - bis 2006?

KAGERMANN: Nein, ich denke, dass 2009 etwa 90 Prozent der Kunden umgestellt haben, wenn R/3 Enterprise aus der Mainstream Maintenance (Standardwartung) in die Extended Maintenance (erweiterte Wartung) übergeht. In Bezug auf diesen Zeitplan habe ich übrigens auch kein negatives Feedback gehört. Im Gegenteil, viele haben sich positiv geäußert, weil sie jetzt Planungssicherheit haben. Wir können so mit jedem Kunden individuell ermitteln, wann sich ein Umstieg lohnt. Unternehmen, die gerade auf R/3 Enterprise umgestiegen sind, können länger warten, andere, die noch eine ältere Version nutzen, wissen jetzt auch, wohin der Weg der SAP führt und wann sie mit einem Umstieg beginnen sollten.

CW: Diesen klaren Zeitplan (siehe Grafik), der beschreibt, wie lange welche Produkte gewartet werden, und aus dem die Anwender klar ersehen können, wann sie am besten von der R/3-Plattform auf Mysap umsteigen, hat es bisher noch nie gegeben. Wieso ist er jetzt notwendig? War die Verwirrung in den letzten Wochen denn so groß?

KAGERMANN: Wenn wichtige Ankündigungen gemacht werden, haben Kunden natürlich viele Fragen. Wenn dann die Presse auch noch berichtet, dass die Wartung für R/3 Enterprise 2009 ausläuft, obwohl das Produkt bis 2012 gepflegt wird, entsteht Unsicherheit. Ich will allerdings auch nicht verhehlen, dass wir an der Systematik der "erweiterten Wartung" und an dem einheitlichen Pricing zu diesem Zeitpunkt noch gearbeitet haben. Wie Sie sehen, machen wir auch keine Unterschiede mehr zwischen den Extensions 1 und 2 für R/3.

CW: Wird es diese Extension Sets auch für die ERP Central Component in Mysap ERP geben?

KAGERMANN: Vergessen Sie bitte das Denken in Extension Sets oder Komponenten. Es verwirrt den Kunden, weil es zu sehr die Entwicklungssicht widerspiegelt. Aus Kundensicht ist es doch entscheidend, dass mit Mysap ERP eine neue Architektur kommt. Dass wir innerhalb von R/3 von Komponenten geredet haben, ist auch historisch bedingt. Das Grundsystem wurde erweitert, und diesen Erweiterungen mussten wir Namen geben wie BW, APO und so weiter. Das wurde zum Schluss natürlich etwas kompliziert. Das vermeiden wir in Zukunft. Wir möchten endgültig klar machen, dass wir uns mit der neuen Architektur um die in den Lösungen enthaltenen Komponenten kümmern. In den neuen Release-Broschüren werden die Komponenten nicht mehr vorkommen.

CW: Sie haben immer wieder gesagt, Kunden könnten mit Mysap ERP jede Menge Geld sparen. Könnten Sie uns dafür ein paar Beispiele nennen?

KAGERMANN: Wenn Sie sich heute beim Kunden eine Installation anschauen, dann ist das oft keine reine ERP-Installation. Sie ist zum Beispiel ergänzt durch CRM, Business Warehouse (BW) oder Enterprise Portal. Alle Lösungen innerhalb der Mysap-Suite nutzen SAP Netweaver, in dem alle generischen Komponenten in einer Anwendungs- und Integrationsplattform integriert sind.

Daher muss der Kunde für die verschiedenen Anwendungen weniger separate Instanzen bauen, weil die auf einer Plattform laufen. Das bedeutet: Er hat weniger Integrations- und Wartungsaufwand. So werden zum Beispiel das Business Warehouse oder das Unternehmensportal integraler Bestandteil von Mysap ERP 2004 sein. Was wir früher als Komponenten bezeichnet haben, ist nun Bestandteil der Lösung.

CW: Aber wie kommen die Kunden da hin? Wer jetzt zum Beispiel für APO ein eigenes BW einsetzt, wie kommt der zu einer integrierten Lösung? Gibt es dann ähnliche automatisierte Routinen wie für R/3 auf R/3 Enterprise?

KAGERMANN: Selbstverständlich. Das haben wir schon im vergangenen Jahr gemeinsam mit verschiedenen Kunden ausprobiert. Das funktioniert. Das wird so einfach und kostengünstig gehen, als wenn sie zwischen zwei R/3-Releases wechseln. Der rein technische Umstieg soll auch für den Kunden nicht teurer werden als zwischen zwei R/3-Releases. Die Frage ist allerdings, wie schnell der Kunde neue betriebswirtschaftliche Abläufe umsetzt. Um das für eine Übergangszeit zu erleichtern, werden wir eine Zeit lang beide Welten parallel in unseren Produkten anbieten.

CW: Themenwechsel - Business One. Wie entwickelt sich das Geschäft? Einige Marktbeobachter sprechen aufgrund mangelnder Installationen und abspringender Partner bereits vom Tod des Produkts. Es scheint da nicht alles zum Besten zu stehen.

KAGERMANN: Kommen wir zur Realität zurück. Zunächst einmal zu unserer Positionierung: Wir unterscheiden drei Segmente, Highend, Midmarket und Smallmarket. Im Bereich Midmarket sind wir dabei, uns neu zu definieren. Dieses Segment gehen wir an mit "Mysap All in one", aber teilweise auch mit der Mysap Business Suite, die wir nur im Direktvertrieb haben. Bisher haben wir, wenn wir über Midmarket gesprochen haben nur über das Segment geredet, das wir über den indirekten Vertrieb mit Partnern abdecken. Da verkaufen wir uns unter Wert. Es hat keinen Sinn, das Segment nur über den Vertriebskanal zu definieren. Wenn wir auch die Abschlüsse unseres Direktvertriebs einbeziehen, werden Sie feststellen, dass wir da schon mehr Geschäft machen, als wir uns vor zwei Jahren vorgenommen haben.

CW: Das erinnert ein bisschen an den Umgang der Bundesregierung mit den Arbeitslosenstatistiken. Die sehen nach Neudefinition der Parameter auch immer etwas besser aus.

KAGERMANN: Sie wollen uns doch gegen die Konkurrenz messen können und müssen daher zu vergleichbaren Segmentdefinitionen kommen. Es wird keine Verschiebungen gegenüber unseren Partnern geben, die Grenzen, was direkt und was indirekt verkauft wird, bleiben bestehen. Es geht hier um die Kommunikation nach außen.

CW: Und wie sieht es nun im Smallmarket-Segment aus? Wie steht es um Business One?

KAGERMANN: Wir haben viel in dieses Produkt investiert, haben zurzeit 25 Länder-versionen. Wir haben im letzten Jahr immerhin mehr als 1400 Kunden Business One verkauft. Das finde ich schon mal nicht schlecht. Und das weltweit mit gut 400 Partnern. Wenn es unter denen eine gewisse Fluktuation gibt, dann muss das nicht unbedingt besorgniserregend sein.

CW: Sie hatten in Zusammenhang mit dem Mittelstandssegment mal gesagt, dass Sie durchaus auch mit Microsoft über den Preis konkurrieren würden, wenn Navision viel günstiger wäre als Ihr Produkt. Werden Sie jetzt angesichts der abgespeckten Navision-Version in diese Richtung etwas unternehmen?

KAGERMANN: Ich antworte wie jeder gute Geschäftsmann. Wenn sich herausstellen sollte, dass unsere Preise nicht konkurrenzfähig sind, dann müssen wir unsere Preispolitik natürlich ändern. Aber im Moment sehe ich dazu keine Veranlassung. (fn)

Glossar

Enterprise Services Architecture (ESA): SAPs neues Softwarekonzept, nach dem bestehende Client-Server-Programme in eine serviceorientierte Architektur umgewandelt werden.

Netweaver: Infrastrukturplattform, die eine Ablaufumgebung für Java und Abap, eine Integrationslösung, das Portal sowie Business-Intelligence-Funktionen enthält.

Mysap ERP: Nachfolger von R/3. Die Edition 2004 wurde bereits mit ESA-Funktionen ausgestattet, verfügt aber über den Funktionsumfang von R/3 Enterprise inklusive Netweaver und einiger Zusätze aus der Mysap Business Suite.

Mysap Business Suite: Gesamtpaket aller Lösungen der SAP.

SAP Business One: Software für kleine Unternehmen, die nicht auf R/3- oder Mysap-Technik basiert.

Vienna: Internes Entwicklungsprojekt als Teil der ESA-Strategie. Hier geht es um die flächendeckende Umsetzung der neuen Konzepte über alle Produktlinien.

Abb: R/3 erhält eine Gnadenfrist

SAPs neue Release-Politik soll Verunsicherungen in Sachen Wartungsdauer von ERP-Software beseitigen. Eine weitere Neuerung: Alte R/3-Versionen werden nun länger gewartet. Quelle: SAP