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13.03.1992

"Wir dürfen uns nicht in zu kleinen Nischen verzetteln"

Mit Carl-Friedrich Meißner, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundespost Telekom sowie Vorstand des Bereiches Non-Voice-Dienste, sprachen die CW-Redakteure Peter Gruber und Gerhard Holzwart

CW: Wie definiert die Telekom in ihrem Sprachgebrauch den Terminus Mehrwertdienst, und wie ist das Angebot aufgefächert?

Meißner: Der Begriff Mehrwertdienst ist arg geplagt. Bei der Telekom ist von zwei Arten die Rede, nämlich von sprach- und von datenbasierten Mehrwertdiensten. Damit bezeichnen wir alles, was über Basisleistungen hinaus mit zusätzlichen Angeboten zum Nutzen des Kunden verbunden ist und sich auch entsprechend im Preis ausdrückt.

Ein schlichter Monopolübertragungsweg einer bestimmten Leistungsgüte ist also ein Basisdienst. Wenn daraus aber ein "Managed Link" wird, also unter Steuerung einer Netzwerksoftware eine Ende-zu-Ende-Leistung in Abhängigkeit von Kundenwünschen zu bestimmten Zeiten mit speziellem Volumen, Schnittstellen und Überwachungskriterien angeboten wird, dann ist das ein Mehrwertdienst.

CW: Wo liegt in der Wertschöpfungskette für den Anwender momentan der höchste Nutzen bei den Telekom-Diensten?

Meißner: Geht man in der Wertschöpfungskette nach oben, dann ist die höchste Stufe der Mehrwertleistung, die wir heute im Datenbereich anbieten, der komplette Netzwerkbetrieb für einen Kunden mit Beratung, Planung, Projektierung, Aufbau, Betrieb, Wartung und Updating des Netzwerkes, wie zum Beispiel beim Wissenschaftlichen Informationsnetz WIN.

Daneben gibt es natürlich eine Reihe von für sich stehenden Diensten, die nicht unbedingt in diese Wertschöpfungskette integriert sind, zum Beispiel unser ältester Value Added Service, der Telegrammdienst.

Außerdem existieren zwei weitere große Unterscheidungen bei den Datendiensten, einmal die International Value Added Network Services, die wir als horizontale Anwendungen bezeichnen, weil hier nicht branchenspezifische Gesichtspunkte zum Tragen kommen, sondern die Infrastruktur gemeint ist. Zum anderen existieren die Value Added Application Services, die auf die Bedürfnisse einer bestimmten Anwendung, zum Beispiel auf den elektronischen Dokumentenaustausch ausgerichtet und vertikal auf die Bedürfnisse einer speziellen Branchen zugeschnitten sind.

CW: Was haben Sie im horizontalen Bereich im Angebot?

Meißner: In diesem Bereich bieten wir vom Monopolübertragungsweg über die angereicherte Datendirektverbindung bis zum Outsourcing des Netzwerkes alles, mit Ausnahme von Backup-Services für die Datenverarbeitung, die Debis und die Info AG im Angebot haben. Im Bereich der anwendungsorientierten Dienste haben wir ein breites Spektrum, das vom Telegramm- bis zum Btx-Dienst reicht.

CW: Woran orientiert sich die Telekom derzeit bei ihrem Angebot?

Meißner: Für uns ist wichtig, daß wir uns immer mehr vom technologiedominierten Angebot lösen und zum kunden- und beziehungsweise marktorientierten Angebot kommen. Das ist deshalb nicht leicht, weil der Markt selbst noch nicht ganz weiß, was er an Mehrwertdiensten will. Die Nachfrage muß sich erst noch richtig entwickeln.

CW: Wie sieht die Telekom den gegenwärtigen Markt, auch unter dem Gesichtspunkt des Wettbewerbs?

Meißner: Es reden viele von einem explodierenden Markt für Mehrwertdienste, wobei die tollsten Wachstumsraten prognostiziert werden.

Wenn man genau hinsieht, gibt es ein paar Schwerpunkte; einmal den Bereich der horizontalen, also netzbasierten, transportorientierten Dienste, wo ein sehr starkes Wachstum zu verzeichnen ist. Das ist erklärlich, weil die Unternehmen nicht nur intern, sondern vor allem extern immer mehr vernetzen.

Im Bereich der anwendungsorientierten Mehrwertdienste geht es dagegen etwas zögerlich voran. Ein interessantes Wachstum ist im Bereich bestimmter Btx-Anwendungen zu registrieren, wie zum Beispiel Datenbankabfragen, dialogorientierte Datenbanktransaktionen oder Home-Banking. In anderen Bereichen, wo sich die Analysten sehr viel versprochen haben, wie beispielsweise Tele- oder Mailboxen sowie Dokumentenaustausch, stellen wir fest, daß es nicht einfach mit dem Annageln eines elektronischen Briefkastens oder der Definition eines Protokolls getan ist, weil hier in die Anwendung eingreifende Vereinbarungen innerhalb bestimmter Benutzergruppen nötig sind.

Es ist wichtig, daß man die Anwendungen nicht an einzelne Anwender verkauft, sondern an einen Multiplikator, wodurch alle Beteiligten Nutzen ziehen.

CW: Für den Anwender spielen die anwendungsorientierten Mehrwertdienste eine wichtige Rolle. Kann die Telekom aufgrund ihres Infrastruktur-Auftrages der Anforderung nach maßgeschneiderten Value-Added-Applikationen überhaupt gerecht werden?

Meißner: Der Infrastruktur-Auftrag hat natürlich Implikationen, die sich im Moment auf Begrenzungen des unternehmerischen Spielraumes, vor allem aber bei den Kosten auswirken. Wir müssen von Mittenwald bis zu den Halligen eine 64-Kbit- oder 2-MB-Leitung anbieten können, wenn der Kunde es von uns verlangt. Das hat aber nichts damit zu tun, daß wir wie jeder andere aufgerufen sind herauszufinden, was der Markt braucht, es zu entwickeln und zu Preisen anzubieten, die der Markt akzeptieren kann. Was wir gelernt haben, ist aufzupassen, uns mit unserer Organisation und ihrer Leistungsfähigkeit nicht in zu kleinen Nischen zu verzetteln.

Es gibt bestimmte Kenngrößen, wo wir wirtschaftlich anbieten können. Für einen Dienst wie Teletex, mit derzeit etwa 11000 Nutzern, der aufwendige Technik und Diensteübergänge erfordert, würden wir uns in Zukunft nicht mehr entscheiden. Dienste, die Nutzer in der Größenordnung von 100000 und mehr ansprechen, erbringen für uns schon eher ein betriebswirtschaftlich positives Ergebnis. Wir können uns heute eben nur noch Dienste leisten, die versprechen, in einer vernünftigen Zeit das investierte Kapital wieder einzubringen.

CW: Die Telekom plant eine Tarifreform. Was hat der Anwender zu erwarten?

Meißner: Die alte Poststruktur hat dazu geführt, daß Tarife erhoben wurden, die nicht kostenorientiert waren. Bei den Datendirektverbindungen sind die Tarife im Nahbereich, wo hohe Kosten entstehen, zu billig, und umgekehrt im Fernbereich zu teuer, obwohl hier die niedrigeren Produktionskosten liegen. Hier haben wir eine Verdrehung der Realität. Wir sind jetzt mit dem Regulierer soweit, daß wir diesen Teil definiert haben. Unser Aufsichtsrat hat in diesen Tagen unsere Tarifvorschläge für die Tarifstrukturreform bei den Monopolübertragungswegen abgesegnet, der Regulierer wird es ebenfalls genehmigen.

CW: Sind Sie sicher, daß Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling den Tarifen zustimmt?

Meißner: Das ist gewiß. Die Genehmigung wird in den nächsten Wochen kommen. Die neuen Tarife sollen zum 1. Juli 1992 wirksam werden. Die Konsequenz heißt: Wir gehen mit den Tarifen im Nahbereich in Stufen, in Einzelfällen bis zum Faktor 2, nach oben, um uns den tatsächlichen Kosten anzupassen. Umgekehrt senken wir im Fernbereich die Gebühren.

CW: Können Sie ein Beispiel nennen, wo der Faktor zwei erreicht wird.

Meißner: Wir haben Derivate, die bisher vollständig unter der Kostendeckung gelegen sind. Das ist die Festverbindung 1, früher als Querverbindungsleitung zwischen Nebenstellenanlagen bezeichnet, wo wir bisher nach Entfernung gemessen haben. 100 Meter Luftlinie wurden eben billig berechnet, obwohl wir über die verschiedenen Vermittlungsstellen führen mußten.

Für ganz kurze Entfernungen der Festverbindung 1 könnte sich maximal eine Verdoppelung der Kosten beim Kunden ergeben, wobei wir dann in bestimmten Entfernungsbereichen immer noch keine Kostendeckung haben.

CW: Wie sieht es bei großen Entfernungen aus?

Meißner: Die Tarifreform wird eine Korrektur in Richtung Kostengerechtigkeit bringen. Bei ganz kurzen Entfernungen eine Erhöhung, im Fernbereich aber eine deutliche Reduzierung, um den Faktor zwei und höher. Diese Tarifstrukturreform ist für die Telekom einnahmeneutral. In einem zweiten Schritt werden wir dann das Tarifniveau senken.

CW: In welchen Zeiträumen wird die Anpassung stattfinden?

Meißner: Wir werden im Fernbereich ab 15 Kilometer in Jahresstufen die Gebühren absenken. Zielrichtung ist, etwa bis 1995 unter 50 Prozent der heute gültigen Tarife zu kommen. Dies gilt für die 2-MB-Leitung und ist auch von der Bündelung der Leitungen abhängig. Die Gebühren für analoge Übertragungswege werden wir nicht so stark absenken können, weil die Technik sehr teuer ist.

Irgendwann 1995 wird der Regulierer dann für die Monopolübertragungswege festlegen, um welchen Prozentsatz die Telekom mit ihren Gebühren nach oben oder unten gehen darf. Dann ist hoffentlich der Punkt erreicht, wo wir bei physikalischen Festverbindungen flexible Konditionen für Großabnehmer am Markt anbieten können.

CW: Sie wollen die Kunden künftig mit "Managed Links" ansprechen. Was ist darunter zu verstehen?

Meißner: Wir haben ein Backbone-Netz, das City Data Network, aufgebaut, das aus den modernen Cross-Connectoren, verbunden mit 2-MB-Leitungen, besteht. Diese Connectoren können alles, was heute gefordert wird, unter anderem auch Managed-Link-Verbindungen, das heißt, über eine Verbindung zeitweise verschieden Bit-Raten senden. Hinzu kommen Netzwerk-Management-Funktionen und spezielle Abrechnungsmöglichkeiten.

CW: Kann der Kunde davon schon profitieren?

Meißner: Wir haben das Netz aufgebaut und stehen jetzt mit den ersten Kunden in Verhandlungen. Wenn Sie im horizontalen Bereich die Wertschöpfungskette nehmen, beginnt das mit dem "Managed Link". Im Gegensatz zur stehenden Festverbindung hat sie für den Kunden den Vorteil ähnlich wie bei Datex-L, zu jeder Zeit eine Verbindung innerhalb der Netztopologie anfordern zu können. Außerdem kann er eine Ende-zu-Ende-überwachte Transportleistung mit Fehlerstatistiken verlangen. Natürlich sind wir auch in der Lage, Protokollkonvertierungen anzubieten, bis zur Anwendungsebene. Unser Angebot werden wir am internationalen Software-Angebot ausrichten, das zum Beispiel in der Lage ist, ein SNA-Protokoll in ein HP- oder DEC-Protokoll umzuwandeln.

CW: Welche Protokolle kennen Sie heute schon konvertieren, und wie flächendeckend ist das Netz?

Meißner: Wir wandeln im Moment noch keine Protokolle in diesem Netz. Das ist eine Frage des Bedarfs, die technischen Möglichkeiten sind aber vorhanden. Bisher sind 15 Knoten in den wesentlichen Großstädten installiert, auch in den neuen Bundesländern.

CW: Was planen Sie mit Ihrem am stärksten verbreiteten Datenaustauschdienst, Datex-P?

Meißner: Wir sind wegen unserer Infrastruktur, basierend auf der Technik von Siemens und Northern Telecom, in der Lage, alle technischen Features zu bieten, die heute vom Kunden gefordert werden. Konkret planen wir, die Geschwindigkeiten zu erweitern. Stichwort: 2 MB und Frame Relay, sowie über ISDN den Zugang zu Datex-P zu realisieren.

Leider wird Datex-P in der Presse oft als old-fashioned bezeichnet. In Wirklichkeit sind Datex-P und die dazu angebotenen Protokolle ein sehr lebendiges Angebot der Telekom.

CW: Die Nachfrage nach Leitungen mit höheren Übertragungsgeschwindigkeiten wird aber steigen.

Meißner: Keine Frage, die Anforderungen an die Geschwindigkeit gehen nach oben. Dieser Tatsache wollen wir auch gerecht werden, und deshalb dürfte bis zirka 1996 die 2-MB-Leitung relevant sein, gefolgt von der nächsten Stufe, der 34-MB-Strecke. X.25 auf Basis von 2 MB ist zum Beispiel beim WIN schon realisiert.

CW: Wird Frame Relay X.25 überflüssig machen?

Meißner: Das ist eine gute Frage, die der Markt beantworten wird. Frame Relay stellt sicher eine harte Konkurrenz für X.25 dar. Es existieren aber Anwendungen, die mit der Sicherheit von X.25 besser fahren als mit Frame Relay.

CW: Es gibt auch Stimmen, die sagen, Frame Relay würde nach zwei Jahren von ATM abgelöst werden.

Meißner: Da wird im Moment weltweit viel diskutiert. Der Grundgedanke von ATM basiert auf der Header-getriebenen Übermittlung wie auch bei Datex-P. Der zweite Grundgedanke ist, Pakete unterschiedlicher Größe optimal gesteuert ineinander zu schachteln, zu bündeln und wieder zu verteilen. Im Prinzip machen wir heute nichts anders, weil die Paketgrößen von Datex-P zwar fest sind, aber auch variabel gestaltet werden könnten. Ob ATM also einmal die Vermittlungstechnologie der Zukunft wird, auch im Sprachverkehr, das muß die Entwicklung zeigen.

CW: Welche Rolle spielen die Metropolitan Area Networks in Ihrer Planung?

Meißner: Wir betreiben drei Pilotprojekte mit den unterschiedlichen Topologien DQDB und FDDI zusammen mit Kunden. Wir werden unser Angebot aus den Testerkenntnissen berechnen und dann am Markt anbieten. Der Nutzen bei den protokolldominierten MANs liegt für den Kunden darin, daß er, wo immer Bedarf ist, LANs einklinken kann, ohne selbst besondere Strukturen schaffen zu müssen.

CW: Mit dem Mehrwertdienst Btx soll die Telekom jährlich angeblich 250 Millionen Mark minus machen. Sind die Arbeitsgruppen, die Lösungen für eine größere Effizienz Ihrer Dienste erarbeiten sollten, zu Ergebnissen gekommen?

Meißner: Es geistern viele Zahlen im Raum herum. Bei Btx und einigen anderen anwendungsorientierten Mehrwertdiensten haben wir ohne Zweifel einen Handlungsbedarf. Wir sind im speziellen bei Btx derzeit dabei, im Rahmen von Neuerungen und Konzepten diesen Dienst in die Gewinnzone zu bringen. Die Kostenfaktoren von Btx hängen mit dem vor 15 Jahren begonnenen Design des gesamten Systems zusammen. Wir sind im Moment dabei, ein komplett neues Btx-Netz mit aktueller Technologie zu testen und zu installieren, so daß wir Anfang 1993 damit in Betrieb gehen können.

Das Netz wird einen eigenen Namen und einen eigenen Zugangszeittarif bekommen. Es wird wahrscheinlich schlicht Datex-J, nämlich Datex für Jedermann heißen.

CW: Welche Vorteile hat der Anwender von Datex-J?

Meißner: Auf der Kundenseite gibt es wesentliche Verbesserungen, weil wir mit dem gesamten Datex-J-Netz sehr viel stärker in der Fläche präsent sind und dem Kunden den Zugang sowohl über das analoge als auch über das ISDN-Netz ermöglichen. Außerdem sehen wir ISDN als integralen Bestandteil dieser Gesamtkonzeption. Der Sprung auf 64 Kbit ist eine Quantensprung.