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02.10.1992

"Wir haben durch OS2 eine Menge Geld verloren"

Nicht zum ersten Mal stünde Microsoft vor den Schranken eines Gerichts, sollten sich Informationen erhärten, daß die US-Kartell rechtsbehörde Federal Trade Commission (FTC) gegen die Gates-Company ein Verfahren wegen unfairer Geschäftspraktiken einleitet. Möglicherweise hatte ein zugunsten der Klagepartei verlaufender Prozeß aber weit reichende Folgen für die Gates-Company und damit für die gesamte PC-Softwarebranche sowie die Hardware-Hersteller. Mit dem Geschäftsführer der Microsoft GmbH Jochen Haink unterhielten sich die CW Redakteure Dieter Eckbauer, Hermann Gfaller und Jan-Bernd Meyer über das schlechte Branchen image des Softwareriesen.

CW: Das FTC scheint nach den kursierenden Gerüchten Handlungsbedarf zu sehen, um gegen Microsoft ein Gerichtsverfahren einzuleiten. Gibt es von Ihrer Seite hierzu schon eine Stellungnahme?

Haink: Unsere Leute in den USA sagen, man sollte das noch nicht in dem von Ihnen ausgedrückten Sinn interpretieren. Microsoft arbeitet auch weiterhin mit der US-Behörde zusammen. Wir werden jedenfalls keine Interpretation der Sachlage vornehmen, bevor in dieser Angelegenheit nicht definitiv etwas bekannt ist.

CW: Microsoft sieht einer FTC Klage also gelassen entgegen?

Haink: Die Stellungnahme von Neukom (Justitiar und Chef der Rechtsabteilung von Microsoft, d. Red.) ist, daß wir weiterhin Material an das Kartellamt liefern, und deshalb wundern wir uns auch ein wenig darüber, daß jetzt schon eine Entscheidung über eine zu erwartende Klage gefällt sein soll. Ob die FTC-Behörde im Oktober wirklich etwas unternimmt, ist noch offen.

CW: Aber es ist doch unstrittig, daß sich die FTC dieser Sache annimmt und glaubt, Anlaß zu Aktivitäten zu haben...

Haink: ...nein, das ist falsch. Die FTC muß reagieren, wenn Leute dort ein Unternehmen anzeigen. Und daß Mitbewerber so etwas tun, ist nicht ganz unwahrscheinlich. Da müssen die erst einmal reagieren.

CW: Es scheint aber doch sehr weit hergeholt zu unterstellen, daß Wettbewerber eine Anzeige einreichen, wenn sie überhaupt keinen Anlaß dazu haben, ...

Haink: Wieso?

CW: Die Vermutung liegt nahe, daß sich Konkurrenten tatsächlich betroffen fühlen, zumindest subjektiv. Ob sich das rechtlich erhärten läßt, ist zunächst einmal unerheblich. Diese Wettbewerber glauben, daß sie Opfer von Microsofts Geschäftspolitik sind.

Haink: Das kann zutreffen.

CW: Die Lebenserfahrung zeigt, daß an solchen Gefühlen auch etwas dran ist, egal, ob sich das auch tatsächlich nachweisen läßt.

Haink: Sehen Sie, das ist immer die Sache mit den Vorverurteilungen: Nehmen Sie etwa den Fall Lotus. Ich weiß persönlich, weil ich zu der Zeit an Diskussionen teilgenommen

habe, daß Microsoft die gefragt hat: "Warum tut ihr nichts für Windows, warum entwickelt ihr nicht für Windows? Und die haben gesagt: "Wir entwickeln für IBM und OS/2 rutscht uns den Buckel runter. "Lotus hat dann die Windows-Version von 1-2-3 viel zu spät auf den Markt gebracht. Es war doch in unserem Interesse, daß im Bereich von Windows-Anwendungen etwas getan würde. Denn damals gab es auch noch die GEM-Oberfläche von Digital Research, die einen Namen hatte.

CW: Im Prinzip geht die jetzt anstehende Diskussion um Microsoft auf Anfang 1969 zurück: Damals hat die US-Regierung die Existenz von Software überhaupt erst zur Kenntnis genommen. Sie erkannte nämlich, daß ein Hersteller, der Hard und Software gebündelt anbietet, einen Wettbewerbsvorteil genießt. Aus diesem Grund reichte die US-Regierung am 17. Januar 1969 im Verfahren Regierung der USA gegen IBM eine Klage gegen Big Blue ein, um zu erreichen, daß ein Hersteller, in diesem Fall die IBM, diese Bereiche entbündelt. Uns scheint es in dem vorliegenden FTC Verfahren gegen Microsoft im Prinzip um die gleiche Sache zu gehen, wenn auch eine Ebene hoher: Microsoft ist ein Anbieter, der sowohl das Betriebssystem als auch die Applikationssoftware entwickelt. Deshalb soll nun möglicherweise eine Regelung geschaffen werden, die verhindert, daß Microsoft vor konkurrierenden Anwendungsentwicklern wie Lotus, Borland oder Wordperfect einen zeitlichen Vorsprung erhält, indem etwa Schnittstellen des Betriebssystems nicht rechtzeitig offengelegt werden.

Haink: Wenn das so ist, warum strebt man dann nicht auch in der Autoindustrie eine Entbündelung an?

CW: Das passiert ja insofern, als nicht zugelassen werden soll, daß Erdölraffinerien gleichzeitig Autoproduzenten sind. Die könnten nämlich sonst über die Verfügbarkeit des Rohstoffes Erdöl und damit des Kraftstoffs den Automarkt monopolisieren. Das darf nicht sein.

Haink: Warum darf dann Intel Software herstellen?

CW: Das ist doch von der Bedeutung für den Markt völlig unerheblich...

Haink:... die haben sich nicht durchgesetzt. Aber deren RMX war eine Zeitlang das führende industrielle Betriebssystem.

CW: Die Problematik liegt doch ganz einfach in der Tatsache, daß es die vielbeschworene Chinesische Mauer bei Microsoft nicht gibt. Es existiert also keine klare Trennung zwischen den Betriebssystem und Applikationsentwicklern. Weil aber der Anwender natürlich zunächst einmal ein Betriebssystem braucht, damit seine Kisten überhaupt laufen, ist Microsoft als Lieferant von DOS-Windows im PC-Markt sicherlich ein Monopolist. Das können Sie nicht abstreiten. Daraus entstehen Ihnen natürlich Vorteile, die Sie auch nutzen. Um einmal ein konkretes Beispiel zu nennen: Microsoft verfügt als erster und einziger Windows-Software-Anbieter mit Cirrus beziehungsweise Access über ein Datenbankprodukt, das in Teilen schon Wosa-Funktionalität bietet...

Haink: Sie sprechen von der ODBC-Funktion.

CW: ... genau.

Haink: OLE hatten wir auch als erste. OLE haben wir auch erfunden. Das waren aber nicht Entwickler unserer Systems-Division, sondern die Leute, die auch Powerpoint entwickelt haben. Und daß Wosa Sinn macht, weil Software-Entwickler nun eine Front-end-Applikation unabhängig vom Back-end schreiben können, ist doch klar. Da befruchtet eine gute Idee zwei Teile einer Company - darin sehe ich keinen unfairen Vorteil begründet.

CW: Wir sehen diese FTC Untersuchung aus dem gleichen Blickwinkel, unter dem wir auch den jahrzehntelangen Mangel an Wettbewerb argwöhnisch verfolgt haben, wie er in der immer noch vorherrschenden DV-Szenerie der Großunternehmen stattfindet: der /370-Welt der IBM. Big Blue konnte auch aufgrund seiner Position seine Produkte in einer Weise verändern, die erkennbar keinen innovativen Charakter hatte. Diese Veränderungen dienten lediglich dem Zweck, den Wettbewerbern das Leben schwer zu machen. Hier sehen wir die Möglichkeit, daß, Microsoft aufgrund der Monopolsituation im PC Betriebssystem Markt dem Kunden Anwendungen aufdrängen kann, die nicht notwendigerweise die bestmöglichen sind. Der Anwender hat vielleicht bald gar nicht mehr die Möglichkeit zu wählen.

Haink: Sie werden mir doch zugeben, daß es keinen Softwaremarkt gibt, der auch nur annähernd die Vielfalt hat wie der DOS-Markt. Und das liegt nur daran, weil die böse Microsoft DOS auf den Markt gebracht hat. Natürlich sind wir mit dem DOS-Betriebssystem quasi Monopolist. Aber DOS ist so offen daß unendlich viele Applikationen dafür geschrieben wurden.

CW: Der gravierende Unterschied ist doch, daß DOS so transparent war, daß wirklich jeder dafür Anwendungen schreiben konnte, ohne deshalb auch nur einmal mit Microsoft den Gedanken- und Informationsaustausch pflegen zu müssen Genau das hat sich aber geändert. Windows ist mittlerweile so komplex und auch unberechenbar geworden, daß man sich als Entwickler mit Microsoft in Verbindung setzen muß zumindest dann, wenn man Applikationen anbieten will, die genauso gut sind wie diejenigen, die Microsoft selbst auf den Markt bringt.

Haink: Warum glauben Sie denn, daß Microsoft die größten Entwicklerkonferenzen abhält, die es überhaupt gibt. Das erleben Sie doch jetzt bei Windows NT. Und was macht man daraus? Man legt uns diese Aktivitäten wieder als Fiesheit aus, als Taktik, gegen OS/2 zu Felde zu ziehen. Gleichzeitig behaupten Sie aber auch, wir unternähmen alle möglichen Gemeinheiten, um unser Betriebssystem kompliziert zu gestalten.

CW: Wir wollen einmal absehen von diversen Vorwürfen an die Adresse Microsoft, Sie hätten gelegentlich in DOS Funktionen oder Bugs eingebaut, damit Konkurrenzanwendungen nicht lauffähig sind solche Anwürfe zu beweisen, dürfte schwierig sein. Aber Ihr eigener Topmann Mike Maples (neben Steve Ballmer und Frank Gaudette gehört er seit dem Frühjahr 1992 zum Präsidententriumvirat von Microsoft, d Red.) hat doch selbst gesagt: " Wir wollen 100 Prozent des Applikationsmarktes..."

Haink: ... das ist doch fein.

CW: Da kann man natürlich auch achselzuckend sagen: "Naja, so ist halt der Wettbewerb."

Haink: ..ja, ist doch auch ok, das ist doch nicht unfair. Aber an dieser Diskussion stört mich jetzt, daß Sie auf nichts Bewiesenem aufbauen und argumentieren. Beispiel Windows: Wir machten die Leute sehr frühzeitig auf Windows aufmerksam, legten die Schnittstellen offen. Lotus entschied sich damals, nicht für Windows zu entwickeln, die wollten für OS/2 schreiben. Wir verloren übrigens auch viel Geld, weil wir für OS/2 entwickelt haben aber wir haben parallel eben an Windows-Software gearbeitet.

CW: Trotzdem: Es ist doch ganz einfach zu belegen, daß OS/2 damals eine gemeinsame Kampagne von der IBM und von Microsoft war. OS/2 sollte der sachte Übergang von DOS zu einem neuen Betriebssystem werden eigentlich ein neues DOS.

Haink: . ..richtig.

CW: ... und es war hat Gates selbst gesagt eigentlich nur ein Marketing- Fehler, dem Kind den Namen OS/2 zu geben statt DOS. Hinter diesen Verlautbarungen stehen Microsoft und die IBM: OS/2 wird das Nachfolge- Betriebssystem von DOS sein. Darauf haben sich die Entwickler der diversen Softwarehäuser eingestellt, diesen Ankündigungen haben sie damals vertraut.

Haink: Diese Darstellung ist richtig, hier haben wir keine Meinungsverschiedenheit. Aber wir haben auch gesagt, daß es für DOS eine grafische Oberfläche geben wird, und wir haben auch betont, daß der Wechsel zu OS/2- DOS Windows OS/2 über den Zwischenschritt einer grafischen Oberfläche vollzogen wird. Ich gebe Ihnen in einem Punkt recht: Wir haben damals der ganzen Welt erzählt, OS/2 ist es nicht. Warum?

Weil es sich nicht verkauft hat. Weil es gefährliche Krükken hat. Weil es langsam gewesen ist. Es ist hinter den Ansprüchen zurückgeblieben. Die Tatsache, daß wir mit Windows NT annähernd so weit sind wie OS/2, hängt damit zusammen, daß die dritte, also die neue Version, die alte überholt hat...

CW: Was Sie meinen, ist, daß Windows NT eigentlich die nächste OS/2- Version, nämlich Version 3.0, sein sollte...

Haink: ... richtig. Da haben wir ja noch gemeinsam mit der IBM entwickelt.

CW: Sie haben die zu erwartende OS/2- Version 3.0 dann in Windows NT umbenannt.

Haink: Wir haben es umbenannt, weil OS/2 zum damaligen Zeitpunkt schon zu diskreditiert war am Markt. Ihren Vorwurf, "Ihr habt Euer ursprünglich angegebenes Ziel, OS/2, verlassen", den lasse ich gelten mit all den Problemen, die wir damit für alle Seiten geschaffen haben. Damit müssen wir leben, und dem müssen wir uns stellen.

CW: Unsere Frage ist ganz einfach: Nutzt Microsoft die Monopol- und Machtstellung, die über die Betriebssystem-Beherrschung auch im Markt der Anwendungssoftware manifest werden kann? Solch eine Macht steht niemandem zu.

Haink: Niemand bestreitet wohl, daß das monopolistische DOS zu mehr Software geführt hat als jedes andere Betriebssystem. Niemand wird bestreiten, daß das monopolistische Windows dafür sorgt, daß dafür mehr Software geschrieben wird als für jedes andere Betriebssystem. Die Frage ist doch unabhängig von den Auswirkungen: "Ist das für den Anwender wirklich so schlecht?"

CW: Nehmen Sie ein anderes Beispiel: Solange die Intel-Leute als Prozessorhersteller die absolut unangefochtene Monopolstellung hatten, sahen sie keine Veranlassung besonders innovative CPU-Entwicklungen auf den Markt zu bringen. Erst als AMD trotz diverser Gerichtsbemühungen mit 386-Clones antrat und beispielsweise eine Stromspar-Version etwa für Notebooks brachte, zog Intel sofort mit einem Konkurrenzprodukt nach. Mit anderen Worten: Die Monopolposition eines Herstellers konnte diesen dazu verführen, kreative und innovative Entwicklungen zum Vorteil des Anwenders zu bremsen. Auch wenn Sie sagen, daß es so viele Anbieter von Windows-Applikationen gibt: Es besteht die Gefahr, daß Microsoft, wenn es in den Kernanwendungen Datenbanken, Tabellenkalkulationen und Textverarbeitung eine Monopolstellung hat, auch entscheiden kann, wie schnell und in welchem Maße kreative Entwicklungen zum Nutzen des Anwenders stattfinden.

Haink: Die Gefahr besteht.

CW: Herr Haink, wir bedanken uns für das Gespräch.