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03.06.1994

"Wir haben uns vielleicht zu sehr auf SNI verlassen" Ungermann-Bass-CEO Roel Pieper ueber zukuenftige Networking-Trends

Es ist still geworden um Ungermann-Bass oder turbulent - je nach Betrachtungsweise. Einst eines der Vorzeigeunternehmen im kalifornischen Networking-Eldorado, hat die Company in letzter Zeit eher durch negative Schlagzeilen von sich reden gemacht. Firmengruender Ralph Ungermann wurde aufs Altenteil weggelobt, die bis dato gewohnten Umsaetze und Gewinne brachen ein, ein Verlust von rund sieben Millionen Dollar zierte das letzte Quartalsergebnis im Geschaeftsjahr 1993. CW-Redakteur Peter Gruber sprach mit dem seit Herbst vergangenen Jahres amtierenden neuen CEO Roel Pieper ueber die weitere Zukunft der Tandem-Tochter.

CW: Sie sind seit September 1993 CEO bei Ungermann-Bass. Was ist ihr Eindruck nach gut einem halben Jahr?

Pieper: Die Firma laeuft wieder, wie man so schoen sagt - jedenfalls sprechen einige Anzeichen dafuer. Wir sind wieder in der Lage, unseren Umsatz zu steigern, neue Proukte anzukuendigen und fahren auch wieder Gewinne ein.

CW: Im Moment schreiben Sie aber doch kraeftig rote Zahlen.

Pieper: Seit ich die Verantwortung trage, gab es keine Verluste, sondern vielmehr im abgelaufenen Quartal das bis dato beste Ergebnis seit Bestehen der Firma.

CW: Worauf ist denn die atemberaubend schnelle Rueckkehr zum Erfolg zurueckzufuehren?

Pieper: Unser Markt ist zum einen nach wie vor ein Wachstumsmarkt. Zum anderen ist es uns gelungen, sehr schnell unsere internen Kosten zu senken. Und wir mussten Arbeitsplaetze abbauen - das war nicht angenehm, aber notwendig, um wieder Anschluss zu finden.

CW: Sie haben dem Unternehmen eine Art Dreiteilung verordnet: in die Bereiche Netzwerk-Produkte, Services und Anwendungen. Wie wollen Sie hier entsprechende Synergieeffekte sicherstellen?

Pieper: Der Grund fuer diese Neugliederung war die Tatsache, dass im Netzwerk-Business - aehnlich wie in anderen DV-Maerkten - mehr und mehr ein Kompetenzwettstreit stattfindet. Ich moechte erreichen, dass innerhalb unserer Company sowohl finanziell als auch von der Kultur her gesehen diesen neuen Anforderungen vermehrt Rechnung getragen wird. Anders formuliert: Das Management jeder einzelnen Devision ist dafuer verantwortlich, dass wir im jeweiligen Marktsegment zur Spitzengruppe gehoeren. Die Zielsetzung, die diesen drei Gruppen vorgegeben wurde, ist also eher von Vorteil fuer die Anwender. So wird es beispielsweise die Aufgabe der Service-Devision sein, den Kunden zufrieden zu stellen - ob mit oder ohne einem Produkt von Ungermann-Bass.

CW: Sie sprachen bei Ihrem Amtsantritt auch davon, dass in den Anwenderunternehmen fast schon wieder ein Trend gegen Client- Server spuerbar sei - dieses Prinzip zumindest fuer die Organisation der unternehmensweiten DV alleine nicht ausreicht.

Pieper: Das sage ich nach wie vor.

CW: Welche Konsequenzen muss die Branche daraus ziehen?

Pieper: Ich gehe davon aus, dass der Begriff Client-Server mehr und mehr bereinigt wird; also immer klarer werden wird, was er bedeutet und was er nicht bedeutet.

CW: Koennen Sie nicht zu einer Begriffsklaerung beitragen?

Pieper: Ich glaube, dass sich das Client-Server-Modell als eine Moeglichkeit herauskristallisieren wird, bestimmte Daten und Anwendungen fokussiert auf ein bestimmtes Praesentationssystem anzubieten.

Der PC ist nicht mehr der Arbeitsplatzrechner von frueher, aber man wird mehr denn je im Hintergrund einen zentralen Abteilungsrechner oder Organisationsrechner benoetigen.

CW: Aber es werden nicht mehr Grossrechner im urspruenglichen Sinn sein, oder?

Pieper: Nein. Es kann kuenftig zwischen Abteilungsrechnern und sogenannten Zentralrechnern unterschieden werden. Letztere werden nicht als isoliertes System existieren, sondern vielmehr als eine Gruppe wiederum dedizierter Server oder als objektorientierte Datenbank oder aehnliches. Mit zentraler Verarbeitung meine ich also mehr den physikalischen und nicht so sehr den eigentlichen Systemeffekt.

CW: Stichwort hoehere Geschwindigkeiten im Netz beziehungsweise ATM: Sie haben vor kurzem eine Kooperation mit Newbridge angekuendigt.

Pieper: Wir hatten kuerzlich zwei bedeutende Announcements. Einmal unseren Workgroup-ATM-Switch zu einem Preis von weniger als 1000 Dollar, mit dem wir unserer Konkurrenz wahrscheinlich ein Jahr voraus sind - sowohl was die Funktionalitaet als auch den Preis und die Performance angeht. Gleichzeitig ist im Networking aber ein Wandlungsprozess im Gange, der, wie ich es sehe, zu einer Art Total Area Network fuehren wird. Das heisst, die Grenzen zwischen LANs und WANs werden immer kontu- renloser. Unsere Partnerschaft mit Newbridge ist ganz eindeutig auf diese Entwicklung ausgerichtet.

CW: Noch einmal zurueck zu dem von Ihnen genannten ATM-Switch. Ist das neue Produkt ueberhaupt eine Ungermann-Bass-Entwicklung?

Pieper: Der "GL-Switch" wurde von uns konzipiert. Hinter dem Produkt steht allerdings eine gemeinsam mit Fujitsu entwickelte Philosophie, um deren kommerzielle Chips den Erfordernissen eines Workgroup-Switchings anzupassen. Wir haben uns entschieden, diese Chips nicht selbst zu fertigen, weil wir nicht auch noch den Chip- Markt erobern wollen. Fujitsu fertigt also fuer uns, aber wir arbeiten so eng zusammen, dass wir genau das bekommen, was wir an Funktionalitaet benoetigen. Dabei konnten wir den Preis so weit nach unten druecken, dass die Anwender sagen werden, ich probier ATM aus.

CW: Ihr Wort in des Anwenders Ohr. In Europa zumindest ist ATM aber eher noch eine Angelegenheit fuer eine gut betuchte Networking-Klientel.

Pieper: Die Tatsache, dass die Kosten fuer ATM derzeit noch so hoch sind, hat auch damit zu tun, dass nur wenige Hersteller im Moment marktfaehige Loesungen anbieten koennen; von der notwendigen Armortisierung der Entwicklungskosten ganz zu schweigen. Wir haben hier einen Markt, der noch nicht waechst, sondern erst stimuliert werden muss. Unser Ziel ist es, dass wir Ende des Jahres, wenn wir diesen Switch in grossen Stueckzahlen verkaufen, wirklich in der Lage sind, den Anwendern ein entsprechendes Migrationskonzept unterbreiten zu koennen - nicht fuer aberwitzige Summen, sondern fuer 50 000 oder 60 000 Mark.

CW: Die Migration zu ATM ist aber nicht nur eine finanzielle Frage, sondern auch eine strategische, wenn man beispielsweise an Fast Ethernet oder an FDDI denkt.

Pieper: Wir sind uns sehr wohl darueber im klaren, dass, obwohl wir jetzt eine, wie wir denken, bahnbrechende ATM-Ankuendigung gemacht haben, Techniken wie Ethernet, Switched Ethernet, Token Ring und FDDI noch lange eine wesentliche Rolle spielen werden. ATM bedeutet sicherlich eine Investition in die Zukunft, ist aber nicht das allein Glueckseligmachende - weder fuer die Hersteller noch fuer die Anwender.

CW: Bleiben wir noch einen Moment beim Thema Fast Ethernet. Wie ist denn die Position von Ungermann-Bass hinsichtlich der beiden konkurrierenden Herstellerlager beziehungsweise Standards?

Pieper: Erst einmal ein allgemeines Statement: Beide Fast- Ethernet-Vorschlaege werden im Markt eine Rolle spielen, es ist nur noch nicht ganz klar, welche. Fast Ethernet duerfte generell die groessten Chancen als Backbone-Technologie haben, wird dort aber, wie zu vermuten ist, von den Kosten her das Niveau von FDDI, vielleicht sogar von ATM, erreichen. Mit anderen Worten: Das Pfund des Kostenvorteils, mit dem urspruenglich gewuchert wurde, steht auf mehr als nur toenernen Fuessen.

Dort, wo man sich Fast Ether- net vielleicht auch noch vorstellen koennte, naemlich im Desktop- und Workgroup-Computing-Bereich, wird nicht zuletzt aus diesem Grund das traditionelle Ethernet noch laenger gute Dienste leisten koennen - jedenfalls dann, wenn es sich um Applikationen wie Desktop-Conferencing oder E-Mail handelt. Ich sehe also derzeit noch nicht so den Bedarf fuer Fast Ethernet. Wenn es ihn geben wird, werden wahrscheinlich auch die Preise fuer ATM- Komponenten so weit im Keller sein, dass sich das Thema unter Umstaenden von alleine erledigt.

Sie haben aber auch danach gefragt, warum wir uns fuer das 100Base- VG-Lager entschieden haben. Dafuer gab es zwei Gruende: Zum einen, weil sich bei dieser Konzeption die topografischen Bedingungen vom Kabel her gesehen nicht veraendern. Zum anderen ist mit dieser Technik die simultane Uebertragung von Daten und Bildern moeglich.

CW: Abschliessende Frage: Wenn man sich in Deutschland mit Netzspezialisten unterhaelt, gibt es nicht wenige, die behaupten, noch nie mit dem Namen Ungermann-Bass konfrontiert worden zu sein.

Pieper: Unser, sag ich mal, geringer Bekanntheitsgrad in Deutschland resultiert zum einen aus der Tatsache, dass Siemens- Nixdorf (SNI) unsere Produkte lange Zeit unter dem SNI-Label verkauft hat. Viele Anwender wissen also gar nicht, dass sie Ungermann-Bass-Loesungen im Einsatz haben. Der andere Grund liegt darin, dass wir uns vielleicht zu sehr auf SNI verlassen und uns zu wenig selbst im Markt engagiert haben. Dies wird sich aber spaetestens ab der Networld+Interop in Berlin aendern.

CW: Was soll in Berlin passieren?

Pieper: Ich denke, dass wir dort eine entsprechende Ankuendigung betreffs unserer Strategie fuer Deutschland machen koennen.